Zweige eines Stammes

Es kam oft vor in meiner Schulzeit: Im Sportunterricht stand "Völkerball" auf dem Programm oder Handball, der Lehrer bestimmte zwei der Besten als Mannschaftsführer, und die durften wählen – so wurden die beiden Gruppen zusammengestellt. Ich war nie einer von ihnen. Die Starken zuerst. Die Guten. Die Leistungsfähigen. Oder eben die, die sich dieses Image verschafft hatten. Irgendjemand war immer der letzte. Nein, nicht irgendjemand; es waren immer dieselben!

Es gibt genug Menschen, die das kennen. Sie haben keine Wahl. Sie sind abhängig von der Wahl anderer. Sie stehen auf dem Abstellgleis und müssen warten, ob man sie will. Sie leben davon, dass sie etwas abbekommen.

Starke verstehen sich oft als Erwählte.

Schwache sind es. Jedenfalls bei Gott.

Starke können vergessen, was es bedeutet, erwählt zu sein.

Schwache können ermessen, was es bedeutet, erwählt zu sein.

Starke sind wählerisch und messen einem Menschen seinen Wert zu.

Schwache können nicht wählerisch sein, aber sie haben ihren unermesslichen Wert bei Gott.

Aber Schwache neigen auch immer dazu, neue Überheblichkeiten zu entwickeln. So wissen wir heute, dass Fremdenhass immer auf eigener Unsicherheit beruht und dass die Judenverfolgungen keinen sachlichen Grund haben, außer dem, dass die Menschen halt Sündenböcke für eigenes Ungemach brauchen. Gerade auch christliche Gemeinden haben sich in ihrer Schwachheit oft Sündenböcke gesucht: Ketzer, Hexen, Juden, Muslime.

Schon Paulus versucht sich dagegen zu wehren, dass Juden herabgewürdigt werden. Gerade er ist in seinem Bemühen aber auch grandios missverstanden worden. Darum hören wir erst einmal auf ihn selber:

[TEXT]

Tief sitzt das Wort der Bibel, dass Israel das erwählte Volk Gottes ist. Kein anderes Volk hat dieses sein Selbstverständnis so eindeutig bewahrt wie Israel. Jahrhunderte lang wurde eine uralte Erfahrung weitergegeben; selbst das größte Verbrechen an diesem Volk, der Versuch seiner totalen Ausrottung, konnte jenen Glauben nicht bezwingen, hat ihn vielmehr wohl noch gestärkt, hat Kräfte des Überlebens geweckt und die Juden in aller Welt zur Heimkehr ins verheißene Land bewogen. Hoffnung, ja Gewissheit ist eingekehrt, dass die Erwählung gilt. Paulus, ein Jude, hat schon zu seiner Zeit wohl Grund gehabt, diese Gewissheit auszusprechen: "… im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen. Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen."

Paulus ist in der Tradition der Geschichte Israels aufgewachsen. Er wusste um die Erfahrung seiner Urahnen, die ihren Gott in der Befreiungstat am Schilfmeer erfahren hatten: ein geknechtetes, schwaches Volk, das keine Wahl mehr hatte; ein befreites Volk, das seinen Wert durch Gott selbst erfahren durfte. Jahrhunderte voller Glück und Unglück kamen und gingen – und immer hielt sich die Zusage Gottes durch: Ihr seid mein erwähltes Volk. In dieser Tradition stand er und wehrte sich mit Macht gegen die, die Israel seiner Würde berauben wollten, die ihm die Zuwendung Gottes wegnehmen wollten. Er bringt seine eigene Existenz als Jude ins Spiel und redet – auch – von seinem persönlichen Heil. Und er redet von Gott, der das Heil für alle Menschen will.

Was Paulus mitzuteilen hat, ist ein mysterion, ein Geheimnis, das er den ChristInnen in Rom offenbart, dass sie die ganze Liebe Gottes und seinen Willen begreifen: Die Verstockung seines Volkes ermöglicht erst den Strom der Völker zum Reich Gottes.

Von Mission des Volkes oder gar Zwang zur Mission kann keine Rede sein, denn Gott hat Israel berufen und will es selber erretten. Gemeint ist allerdings immer der Teil, der Jesus Christus nicht ergriffen hat. Die Tatsache der Erwählung überstrahlt sogar die andere Tatsache der ‘momentanen Feindschaft’.

Für ihn war klar: Auch wenn im Moment Feindschaft zwischen Synagoge und Kirche herrscht, sind beide doch Kinder des einen Vaters, Zweige des einen Stammes. Die Geschichte von Juden und Heiden ist darin eine Einheit, dass es bei beiden Barmherzigkeit und Ungehorsam gibt. Juden wie Christen leben im Glauben und im Versagen. Und sie leben beide vom Erbarmen Gottes.

Die Kirche lebt von dem Erbarmen Gottes, der sein Volk verstockte, wie er vormals Pharao verstockte. Darum feiern wir in unserem Abendmahl auch immer ein bisschen das Passahmahl der Juden. Es erinnert uns an die Verstocktheit Pharaos und die Verstocktheit Israels. Beide sind von Gott gewirkt zum Heil.

Trennungen können dazu führen, dass das Wesentliche verloren geht, auch Trennungen im Gottesvolk: Der Blick dafür, dass ChristInnen in die Welt gesandt sind, das Evangelium zu verkünden. Wenn überhaupt kann die sachgemäße Frage nicht sein: ‘Gibt es noch Hoffnung für die Juden?’ sondern nur sein: ‘Gibt es noch Hoffnung für eine nachchristliche Welt in Europa?’

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