Sags nicht!

Liebe Gemeinde,

heute begehen wir den sogenannten Israelsonntag. Es ist der 10. Sonntag nach Trinitatis, der sich in allen seinen Texten auseinandersetzt mit dem Verhältnis der beiden Religionen zueinander: Christentum und Judentum. Das ist freilich schon ziemlich grob gezeichnet, denn wir wissen allein aus unserem begrenzten Bereich, wie unterschiedlich schon das Christentum sein kann. Das gleiche gilt natürlich für das Judentum. Die grundlegende Frage aber bleibt. Wie stehen diese beiden Religionen zueinander? Ein paar Dinge sind unbestritten: das Christentum hat sich aus dem Judentum entwickelt. Wer dies heute noch abstreitet, der weiß nicht, wovon er redet. Jesus von Nazareth war Zeit seines Leben ein gläubiger Jude. Er lebte nach dem Frömmigkeitsmuster seiner Zeit, kannte die Schriften und vollzog die notwendigen Riten. Jesus war kein Christ. Da aber fängt es schon an. Denn wir glauben, Jesus war und ist der Christus. Es ist das griechische Wort für den hebräischen Begriff: „Messias“. Auf Deutsch heißt das übersetzt: „Der Gesalbte“. Also in der Vorstellung der gläubigen Juden derjenige, der am Ende der Zeit kommen wird, um das Gottesvolk zu versöhnen. Wir sind Christen, weil wir glauben, dass in Jesus von Nazareth, diesem historischen Menschen, der vor ca. 2000 Jahren gelebt und gepredigt hat, tatsächlich der Messias erschienen ist. Wir nennen ihn den Sohn Gottes und glauben darüber hinaus, wie wir es eben im Glaubensbekenntnis gesagt haben, dass dieser Sohn Gottes eine Einheit ist mit Gott-Vater und dem Heiligen Geist. Eine Drei-Einigkeit, oder Trinität. Unsere Sonntage werden zur Zeit. ja nach diesem Fest der Trinität, Trinitatis gezählt. Dort können die gläubigen Juden nicht mitgehen, sie warten noch auf den Messias und sehen in Jesus höchstens einen Propheten oder einen besonderen Menschen. Viele von ihnen empfinden es daher zumindest als schwierig, dass wir – die Christen – einfach so ihre Texte verwenden, das Alte Testament, welches in den wesentlichen Teilen der jüdischen Bibel entspricht. Mit welchem Recht, fragen sie, deutet ihr dort euren Glauben vom Gottes-Sohn hinein? Und in der Tat: historisch gesehen sind wir nichts anderes als eine Sekte, eine Abspaltung vom Judentum oder eine Gruppe, die jemand Einzelnem gefolgt ist. Wer sich es bildlich vorstellen mag, nimmt die Form einer Ellipse mit ihren zwei Brennpunkten: Anfang und Ende. Einer der Professoren aus meiner Studienzeit meinte zum Problem folgendes: „Juden und Christen sind, was ihre „urzeitliche“ Herkunft und ihre endzeitliche Zukunft angeht, eine Religion. Sie sind gegenwärtig, ihren geschichtlichen Manifestationen nach, zwei Religionen. Die Einheit am Anfang und am Ende ist Glaubensgegenstand oder Teil des Glaubens, die Zweiheit ist geschichtliches Faktum und wohl auch geschichtlich nicht aufhebbar.“

Eine schöne Zusammenfassung, will ich meinen. Am Anfang und im Ende geglaubte Einheit, in der geschichtlichen Wirklichkeit, die wir wahrnehmen können, jedoch getrennte Zweiheit, die sich nicht überwinden lässt.

Das Problem gibt es, seit es Menschen gibt, die Christus als dem Auferstandenen begegnet sind. Menschen, die sich haben anrühren lassen von der Botschaft dieses Menschen Jesus von Nazareth, welche durch die Überwindung des Kreuzestodes plötzlich eine andere, neue Dimension bekommen hat. Menschen, die an Pfingsten, der Geburtsstunde der Kirche eine Vision vom Reich Gottes geschenkt bekamen und die mit Mut und Hoffnung bereit waren, diese Frohbotschaft in aller Welt zu verkünden.

Paulus, selbst einmal frommster Pharisäer mit Hang zum Perfektionismus – ein Mann, der früher loszog, um die Christen, die Anhänger des neuen Weges bis auf den Tod hin zu verfolgen und deswegen unter ihnen gefürchtet war – erfuhr am eigenen Leib eine Vision. Auf dem Weg nach Damaskus blendetet ihn ein Licht und eine Stimme rief ihm zu: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“ In dieser Stimme erkannte er Christus Jesus und wurde in Folge dessen vom Verfolger zum Verkündiger, einem der wirkmächtigsten Missionare des jungen Glaubens. Er muss und er will sich diesem, was er erlebt hat aber auch in der Theorie, der Erklärung stellen und schreibt deswegen im Brief an die Römer im elften Kapitel, den Versen 25 bis 32, unserem Predigtwort, folgendes:

[TEXT]

Paulus erklärt das Positive über einen negativen Zugang. Das Ziel nennt er für beide gleich: Erbarmung für alle, für Juden und Christen. Dieses Ziel will ich als erstes nennen, damit der Rest nicht aus dem Blick gerät. Gott will den Menschen seine Liebe schenken. Er will sie erretten aus dem, was sie hier gefangen hält. Er reicht ihnen seine Hand zur Versöhnung und er stiftet einen Bund mit ihnen. Genauer gesagt sind es zwei Bünde: den ersten für sein Gottesvolk, welches er aus der Sklaverei befreite. Den zweiten, den neuen Bund im Blut seines Sohnes, der für uns den Kreuzestod starb. Macht der zweite Bund den ersten überflüssig? Paulus antwortet hier eindeutig mit Nein. „Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob. Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde. (…) Denn Gottes Gaben und Berufungen können ihn nicht gereuen.“ Es gibt keine Überbietung des alten Bundes, die wir uns zueigen machen dürften. Gott bleibt der Handelnde in diesem Geschehen. Dass er uns als Heiden die Hand reichte, heißt nicht, dass wir dem Gottesvolk die Hand Gottes entziehen dürften.

Schwieriger ist die Argumentation Paulus, warum dies so geschehen muss. Er führt ein altes Motiv an, welches die Heilige Schrift durchzieht. Es ist die Verstockung. Verstockung ist einem Teil widerfahren. Verstockung heißt zunächst einmal, dass das Herz hart geworden ist. Das Herz als Sitz der Vernunft will nicht begreifen, will nicht wahrhaben, was geschieht und lehnt deshalb das Angebot Gottes ab. Es ist – so seine zweite Vokabel – ungehorsam. Schwierig ist dies für uns, weil wir nicht eindeutig fassen können, ob die Verstockung denn nun etwas ist, was uns geschieht, gewissermaßen von außen her oder ob wir selber eine Schuld daran tragen. Es ist immer beides, liebe Gemeinde: ein Nicht-Können und ein Nicht-wollen. So ambivalent – auf Deutsch: „beide Seiten sind gleich gültig“ – das klingen mag: es fasst diesen Sachverhalt am besten zusammen. Es ist wie mit der Sünde, die dieser Verstockung sehr nahe liegt. Wir werden in sie hineingeboren, hineingeworfen und durch das Hineingeworfen-Sein übernehmen wir gleichzeitig eine Schuld, die tatsächlich zu unserer eigenen Schuld wird. Sie kennen das im Bild am ehesten aus den Situationen, in denen Sie etwas tun, was Sie gar nicht tun wollen. Vielleicht sogar etwas, was Sie gegen besseres Wissen tun und dennoch unterliegen Sie einem geheimnisvollen Zwang, der Sie Ihre Handlung ausführen lässt. So werden Sie täglich – wage ich zu behaupten – schuldig, ganz persönlich – und können sich doch kaum dagegen wehren.

Paulus denkt nicht noch weiter über das Warum nach. Es wäre auch müßig, genauso, wie es für uns unverständlich bleibt, warum die Sünde in dieser Schöpfung Raum bekommen konnte. Paulus redet lieber über das Ziel, nämlich die Befreiung von dieser Verstockung. „Gott hat sie alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.“

Dieser Satz kann freilich nicht nur vom Ziel her gelesen werden. Dort aber klingt er schön: das Erbarmen steht im Vordergrund. Darüber zu spekulieren, warum es den Ungehorsam überhaupt gibt, halte ich nicht für weiterführend.

Was heißt das aber nun für unsere Gegenwart? Die Zweiheit von Judentum und Christentum, so haben wir es vorhin gehört, ist ein geschichtliches Faktum und wohl auch geschichtlich nicht aufhebbar. Im Umgang miteinander aber sollte die Gewissheit um das Erbarmen Gottes im Hintergrund stehen. Es ist sein Ziel, das er uns gesetzt hat. Wir dürfen dennoch fröhlich und mutig uns zu dem bekennen, was uns die Freiheit geschenkt hat, ohne aber dem anderen nehmen zu wollen, was er selbst geschenkt bekommen hat. Lassen wir uns folgende Geschichte dahingehend gesagt sein:

„Ein Jude stirbt und kommt in den Himmel. Verwundert steht er vorm Himmelstor, denn mit dieser glücklichen Wendung der Dinge hatte er eigentlich nicht gerechnet. Offen gestanden, er hatte sich auch nicht viel Gedanken darüber gemacht. Doch nun ist er erfreut und gerührt, als ihn sein Landsmann Petrus freundlich empfängt und ihn mit den Verhältnissen und Regeln im Paradies vertraut macht. Ach, wie ist das alles schön! Es ist auch schon geklärt, in welchem Abteil er sein himmlisches Ruheplätzchen erhalten soll. Petrus beschreibt ihm den Weg, vergisst am Ende aber nicht, ihm zu sagen, dass er sich im jüdischen Himmelssaal, bitte schön, ruhig verhalten solle.

Darüber wundert sich der brave Jude. Beim Gebet in der Synagoge konnte er seinen Gefühlen Ausdruck geben, und wenn am Schabbat, und der sollte doch ein Vorgeschmack aufs Paradies sein, die Gemeinde im Schmone Esre zum "Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth" kam, dann toste der ganze Raum von inbrünstigen lauten Rufen der Beter. Warum sollte ausgerechnet im Himmel die Anbetung der Heiligen dürftiger ausfallen?

Petrus sah seine Zweifel. "Weißt du, im Nebenraum sind die Christen, und die meinen, sie seien allein im Himmel!"“

Für diejenigen von uns, die auch in der Erklärung immer alles parat haben wollen, schließlich auch für Paulus selbst, wird wohl gelten müssen, was Martin Buber einst über den Messias sagte:

„Ihr Christen glaubt, dass der Messias schon gekommen ist und einmal wiederkommen wird. Wir Juden glauben, dass er kommen wird. Warten wir also, bis er kommt, dann können wir ihn ja fragen, ob er schon einmal hier gewesen ist. Und ich werde ihn beiseite nehmen und ihm zuflüstern: Sag’s nicht!“

Und der Friede Gottes, der mehr umfasst, als wir zu glauben bereit sind, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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