Vergiftete Milch?

Jeder von uns, liebe Gemeinde, hat sicher schon einmal einen Säugling beobachtet. Friedlich und süß liegt das Kind im Arm seiner Mutter und wedelt mit den Ärmchen. Dann urplötzlich beginnt es zu schnuffeln und eifrig mit seinem Mund zu suchen. Wenige Sekunden später beginnt es herzzerreißend zu schreien, immer lauter und intensiver. Es läuft rot an, dass man meint es würde gleich platzen, und ist kaum mehr zu halten. Es hat Hunger. Bekommt es jetzt die Brust, ist plötzlich Ruhe, abgesehen von Schmatzen und gierigem Schlucken. Es kann gar nicht schnell genug zu seiner Milch kommen, manchmal saugt es sich so fest, dass es der Mutter sogar weh tut. Dieses Bild ist den Menschen auf der ganzen Erde vertraut. Das sind die ersten Schritte, mit denen wir die Welt in uns aufnehmen, – Stück für Stück, Schluck für Schluck – und daran wachsen.

Wenn Sie ein Säugling wären, wie ginge es Ihnen gerade? Schreien Sie gerade wie am Spieß nach Leben? Oder sind Sie gerade in der glücklichen Lage, das Leben voll in sich hineinnuckeln zu können? Oder regt sich gerade leise neuer Hunger nach Leben, und Sie suchen tastend nach seiner Brust? Oder haben Sie gerade ein Schlückchen zu viel genommen, und es wäre mal Zeit für ein kleines Bäuerchen?

In unserem heutigen Predigttext findet sich das Bild von einem Säugling, der gierig ist nach Milch. Es ist eine alte Taufpredigt für Erwachsene, die der wachsenden Christlichen Gemeinde beitreten wollten:

1Petrus 2: [1] So legt nun ab alle Bosheit und allen Betrug und Heuchelei und Neid und alle üble Nachrede [2] und seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch wie die neugeborenen Kinder, damit ihr durch sie zunehmt zu eurem Heil, [3] da ihr ja geschmeckt habt, dass der Herr freundlich ist.

Mit dem Spruch "Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist" laden wir bis heute zur gemeinsamen Abendmahlfeier ein. Denn Christsein bedeutet, das Leben in sich aufsaugen zu wollen, das Gott uns anbietet. Gott bietet sich uns im Abendmahl an wie eine Mutter ihrem Säugling ihre Brust anbietet: Das ist mein Leib, das ist mein Blut, das ist mein Leben, das bin ich. Christsein heißt, das sagt uns der 1. Petrusbrief deutlich: Begierig sein nach Leben, es in sich hineinzunuckeln, begierig sein nach Gott, der es uns anbietet, und wie ein Säugling danach zu suchen, und notfalls auch zu toben und zu schreien, bis Gott uns satt macht.

Und während wir nuckeln, flüstert Gott uns zu: "Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein." Und "Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende."

Wem das "schmeckt", wem das wertvoll ist, der möchte zu Gott gehören. Er möchte sich satt trinken an Gottes Leben, seinem Gutsein, seiner Liebe. Er möchte sein Wort ins sich aufnehmen. Er will Gott in sich aufnehmen. Das Abendmahl ist deshalb nicht nur etwas Symbolisches. Es ist vielmehr eine Verschmelzung, ja eine körperliche Vereinigung mit Gott. Wenn wir eins werden mit Gott, wenn sein Wesen unseres durchdringt, wenn wir ihn uns auf der Zunge zergehen lassen, ihn wirklich in uns aufnehmen, müssen wir uns nicht dazu zwingen, was uns der 1. Petrusbrief nahe legt: Alles abzulegen, was das Leben zerstört: Bosheit, Betrug, Heuchelei und Neid, wie auch alle üble Nachrede.

Ein neues Leben beginnt. Dazu sind wir immer wieder eingeladen: Uns satt zu trinken am Leben, das Gott uns anbietet. Sein zu lassen, was uns am Leben hindert und Gott in uns aufzunehmen. Das Abendmahl bietet da eine gute Gelegenheit.

Wie soll das gehen, Gott in sich aufzunehmen? Bleibt das Brot nicht Brot und der Wein Wein. Natürlich. So wie die Milch Milch bleibt, wenn sie in Tetrapacks verpackt im Supermarkt steht. Und doch wissen wir alle, dass wir mit der Milch an der Mutterbrust nicht nur Milch trinken, sondern die Wärme und Liebe der Mutter, in gewisser Weise die Mutter selbst. Was wir von ihr in uns hineinnuckeln ist die Grundlage für alle weiteren Erfahrungen, mit denen wir uns von da an die Welt erschließen: seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch wie die neugeborenen Kinder, damit ihr durch sie zunehmt zu eurem Heil, [3] da ihr ja geschmeckt habt, dass der Herr freundlich ist.

Ist das nicht alles noch recht schwammig? Wird auf dem religiösen Markt nicht alles mögliche als Gottes gute Milch gehandelt? Über das Leben, über Gott kann man alles mögliche denken – auch großen Schwachsinn. Und das tun wir Menschen auch immer wieder. Wir lassen unsere Vorstellungen vom Leben und von Gott von Angst regieren. Dann wird die Welt eng und bedrohlich. Oder wir lassen unsere Vorstellungen von unseren persönlichen Wünschen leiten. Dann wird unser Glaube leicht egoistisch und wir tun der Welt Unrecht. Und manchmal bemächtigt sich auch der Hass unserer Vorstellungen. Es gibt viel engen, egoistischen Glauben auf dieser Welt und hinter so mancher Weltsicht steht Hass. Ansätze dazu finden sich in jedem von uns, da bin ich sicher. Solche geistliche Nahrung vergiftet Menschen und ihr Miteinander.

Wie aber soll man unterscheiden, was wir gerade in uns aufnehmen. Denn wenn man selbst drinsteckt in der Angst, Wünsche oder Hass übermächtig werden, dann ist die Gefahr groß, die eigene Weltsicht absolut zu setzen und zu meinen: Das ist das Leben. Wie also können wir Milch von Gift unterscheiden?

Der erste Petrusbrief nennt ein klares Kriterium: Seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch wie die neugeborenen Kinder, damit ihr durch sie zunehmt zu eurem Heil, [3] da ihr ja geschmeckt habt, dass der Herr freundlich ist.

Gottes Milch ist vernünftig, liebe Gemeinde. Der erste Petrusbrief behauptet keinen Gott, der mit Vernunft nichts zu tun hat. Ganz im Gegenteil: Vernunft und Glaube, das sagt der 1. Petrusbrief ganz deutlich, sind keine Gegensätze oder gar Feinde. Wenn wir religiös etwas vorgesetzt bekommen, was mit Vernunft nichts zu tun hat, dann kann das nicht die Milch Gottes sein. Denn die ist vernünftig! Es wird ganz deutlich: Da wo Vernunft und Glaube Gegensätze sind, da haben wir uns wohl etwas Falsches zusammen gereimt. Der 1. Petrusbrief appelliert an unsere Vernunft! Das wurde, zugegebenermaßen in den Kirchen oft überlesen. Glaube wurde allzu oft mit verkrampftem Festhalten an Glaubenssätzen verwechselt, die gegen alle Vernunft gingen. Das ist Glaube nicht. Die Milch, das Leben, das Gott uns anbietet, strotz geradezu von Vernunft. Mit Löffeln kriegen wir sie gefüttert. Und vielleicht kommt dem einen oder der anderen dann der Gedanke, dass das, was wir so krampfhaft zu glauben versuchten, in Wahrheit ganz anders gemeint war.

Wenn wir in unserem Leben an einem solchen Punkt sind, wo wir merken, dass das, was wir bisher geglaubt haben, nicht mehr aufgeht. Wenn Lebensentwürfe und Überzeugungen zerbrechen, dann fühlt sich das meist erst einmal schrecklich an. Und es ist einem zum Schreien und Toben zumute, wie einem Säugling, der Hunger hat. Ich bin mir sicher, dass jeder Mensch in seinem Leben gelegentlich mehr oder weniger quälend und beängstigend diesen Hunger nach Leben spürt, und in diesem Hunger auch manchmal ungerecht anderen gegenüber wird. Der Schreiber des 1. Petrusbriefes weiß das vermutlich aus eigener Erfahrung. Und er redet nichts schön: Keiner ist frei von Bosheit. Es ist wie beim Säugling, meint der Brief: Vor Hunger und der Angst, allein gelassen zu sein, tobt er wie der Teufel. Aber der Brief traut uns auch zu, die Bosheit abzulegen, wenn wir zur Vernunft kommen, weil wir schmecken, wie freundlich Gott zu uns ist.

Seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch wie die neugeborenen Kinder, damit ihr durch sie zunehmt zu eurem Heil, [3] da ihr ja geschmeckt habt, dass der Herr freundlich ist.

Die Vernunft, von der die Bibel redet, ist kein kaltes, totes Kalkül. Das ist ein großer Unterschied! Milch aus dem Tetrapack ist Milch. Milch aus der Mutterbrust ist Liebe. Das ist auch der Unterschied zwischen Kalkül und Vernunft. Wir sind eingeladen, uns an Gottes Mutterbrust voll zu saugen mit der lebendigen Vernunft der Liebe. Seid begierig nach dem Leben, das Gott uns anbietet. Nehmt die Welt, das Leben und Gott in euch auf! Erschließt euch vernünftig die Welt. Es ist viel, was dieser Brief der Vernunft zutraut: Sie ist eine Gottesgabe, die Angst, das Gefühl der Sinnlosigkeit, ja sogar die Widersinnigkeit und Egoismus bezähmen kann. Weil sie nach Liebe und Freundlichkeit schmeckt. Trinken wir uns satt daran! Damit wir zunehmen zu unserem Wohl.

Im Abendmahl lässt uns Gott probieren, wie lebendige Vernunft schmeckt: Nach Freundlichkeit, Hoffnung und Liebe. Und wenn sie uns schmeckt, dann ist das Glaube; ein Glaube, der uns die Welt erschließt, Stück für Stück, Schluck für Schluck. Das Abendmahl schickt uns auf einen vernünftigen Weg in die Welt. Mit dem Geschmack von Gottes Mutterbrust auf der Zunge, schmeckt das Leben eben anders: nach Gottes Freundlichkeit. Dieser positive Grundgeschmack des Lebens, ist, denke ich, die Voraussetzung dafür, vernünftig auf die Welt und Gott zu schauen und wirklich etwas zu verstehen von der Welt und von Gott, weil uns die Angst dann zumindest nicht mehr so massiv die Sicht nimmt.

Wir sind eingeladen, Gottes Freundlichkeit ein Leben lang in uns hineinzunuckeln, sie in uns aufzunehmen, bis sie uns ganz durchdringt, als hätten wir sie mit der Muttermilch aufgesogen. Und während wir so nuckeln, dürfen wir uns von Gott ins Ohr flüstern lassen: "Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein." "Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende."

Liebe Gemeinde! Ich denke, mit dieser Perspektive lässt sich´s leben. Ein Leben an Gottes Brust wünsche ich uns allen. Amen.

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