Wir sind die Kirche!

Liebe Gemeinde!

„Wir sind das Volk! Wir sind das Volk!“ – Das war vor 19 Jahren die Parole, die die Menschen in Leipzig und anderswo in der damaligen DDR bei ihrer friedlichen Revolution erfolgreich vereinigte und so stark gegen das Regime machte.

„Wir sind die Kirche!“ – So eine Parole, hier und heute, das wäre doch auch was! Oder? Aber, so wird sich jetzt wohl mancher fragen, was soll dieser Spruch in unserer so schönen, einmaligen Kirche, dieser „merkwerdisch“ achteckigen / dieser frisch renovierten und vor kurzem wieder eingeweihten Kirche? Wir haben doch eine Kirche! Was soll dann diese Parole von „Wir sind die Kirche!“? „Wir sind die Kirche!“ – Auf diesen kurzen, einprägsamen Satz könnte man das verdichten, was den arg bedrängten Christen in Kleinasien damals vor 1900 Jahren zur Ermutigung und in Erinnerung an ihre Taufe geschrieben wurde. Es waren sozusagen Rundbriefe, die ihnen geschrieben wurden, die von Gemeinde zu Gemeinde weitergegeben und vorgelesen wurden. So konnten sie alle untereinander in Kontakt bleiben, sich gegenseitig geistlich stärken. Und jeder wusste: Ich bin nicht alleine. In meinen Mitbrüdern und Mitschwestern ist zugleich Christus mit mir und bei mir.

Hören wir nun, was u.a. in solch einem Rundbrief steht, und wir dürfen das dann auch auf uns selbst beziehen. So lesen wir im 1. Petrusbrief im 2. Kapitel:

[TEXT]

Liebe Schwestern, liebe Brüder, „Ihr seid lebendige Steine, erbaut zum geistlichen Haus“ wird den Christen in Kleinasien damals, wird uns heute geschrieben. Ich weiß nicht, wie es ihnen mit diesem Bild „lebendige Steine“ geht. Ich habe es ganz lange nicht verstehen können. Als ich vor gut 15 Jahren mit der Familie in Südwestfrankreich am Atlantik Urlaub machte, haben wir uns gegen Ende dann doch noch durchgerungen, die Kirche von Royan zu besichtigen. Sie ist eine moderne Kirche und steht auf einem Hügel über der Stadt, auf dem einst eine wunderschöne, alte romanische Kirche gestanden hatte, die im II. Weltkrieg durch Bombenangriffe total zerstört worden war. Die neue Kirche ist schon von weitem zu sehen und fällt durch ihre eigenartige Silhouette auf: Sie ist geformt wie der Bug eines Atlantikschiffes. Außerdem, das erkennt man schon von weitem, ist sie aus Beton errichtet. Und ich kann Beton einfach nicht ausstehen. Beton macht mich krank. Und ich finde, Beton ist nicht nur kalt, sondern auch das Lebloseste, was man sich so vorstellen kann. Kurz und gut: Diese Kirche interessierte mich überhaupt nicht. Doch dann erfuhr ich, dass sie von zwei Schülern des wohl bedeutendsten französischen Architekten des 20. Jahrhunderts, LeCorbusier, ganz in seinem Stil gebaut worden war und somit Baugeschichte geschrieben hat. Also sollte man sie sich vielleicht doch ansehen. – Was soll ich sagen? Ich war, nachdem ich nun in diese Kirche hineingegangen war, überwältigt. Dieser doch eigentlich kalte, und tote Beton strahlte völlig unerwartet eine Lebendigkeit aus, die mich wärmte, die mir Geborgenheit vermittelte. So etwas hatte ich noch nie erlebt, ich spürte Gott ganz nah bei mir. Am Ausgang lag ein Gästebuch bereit, in dem ich blätterte. Es gab keinen Eintrag, der nicht ähnliche Gefühle, wie ich sie hatte, zum Ausdruck brachte.

Lebendige Steine, erbaut zum geistlichen Haus – Ja, ich habe erlebt, wie lebendig Beton, wie lebendig Steine sein können. Und so fest zu sein, eben als solche lebendigen Steine, das traut Gott uns zu, weil er sich mit uns in der Taufe verbunden hat. Indem ER uns beim Namen nennt, wie es im Wochenspruch heißt, befreit ER uns von unseren Zwängen, macht ER uns unabhängig von den Mächten dieser Welt, macht ER uns zu seinem auserwählten Geschlecht, zu seiner königlichen Priesterschaft. Deshalb will ER mit uns, seinen lebendigen Steinen, seine Kirche bauen. Dazu hat er seinen Sohn Jesus Christus zu uns in unsere Welt geschickt. Ohne diesen würde der Bau nicht gelingen, aber mit ihm. Christus, so haben wir vorhin aus dem 1. Petrusbrief gehört, ist der Eckstein, den zwar die Bauleute verworfen haben, den also die Welt nicht erkannt hat, aber genau dieser ist es, der alles zusammenhält, der Welt zum Trotz.

Wie hält ein Eckstein denn alles zusammen? Was meint der Verfasser dieses Rundschreibens an die Christen in Kleinasien eigentlich damit? Dieser Eckstein, oder besser gesagt Schlussstein, hat in der Architektur eine besondere Bedeutung. In ganz alten Kirchen, die innen auch nicht verputzt sind, können wir ganz oben in der Kuppel diesen Schlussstein erkennen. Er wurde von oben als letzter Stein eingesetzt, nachdem die Mauern hochgezogen worden waren und aus den einzelnen Steinen mit viel Mühe die Kuppel bis auf diese eine Lücke gebildet worden ist. Würde dieser Schlussstein nicht passgenau eingesetzt, dann würde die Kuppel sofort mit dem Entfernen der Baustützen einstürzen. Kein Mörtel der Welt könnte sie zusammenhalten.

Jesus, der von Gott gesandte Messias, wurde von seiner Umwelt nicht anerkannt und schließlich umgebracht. In der Taufe hat Gott sich zu ihm bekannt: „Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.(Mk1,11)“. So ist Jesus als der Christus nicht nur zu einem lebendigen Stein geworden, sondern zu genau dem Eckstein, durch den wir erst unseren Zusammenhalt haben. So, wie sich Gott in der Taufe zu Jesus Christus als seinem Sohn bekannt hat, so bekennt er sich auch zu uns in der Taufe. Ja, er verbindet sich mit uns in der Taufe, er schließt sozusagen mit uns einen Vertrag, zu dem wir dann später, z.B. bei der Konfirmation, „ja“ sagen dürfen – nicht müssen. Mit unserem „ja“ zu diesem Vertrag, zu unserer Taufe sagen wir: „Ich bin auch einer deiner lebendigen Steine. Darum baue aus mir zusammen mit den anderen lebendigen Steinen deine Kirche! Denn mit und durch Christus, deinem und unserem Eckstein sind wir alle fest zusammengefügt. Halten wir Belastungen aus. Widerstehen wir, Gott, allen Stürmen und Unwettern unserer Zeit. Denn: Wir sind die Kirche!“

Aber, liebe Schwestern und Brüder, ein Haus, eine Kirche will auch gepflegt werden. Nicht nur, dass innen drin sauber gemacht, gereinigt wird. Auch von außen, an der Fassade und am Dach muss immer wieder renoviert, saniert werden. Hausbesitzern sage ich da nichts neues. Und auch Mieter wissen stets genau, wann und was der Vermieter zu tun hat, damit Haus und Wohnung bewohnbar bleiben. Doch gerade bei alten Gebäuden kann es geschehen, dass hier und da ein Stein aus dem Mauerwerk bricht. Es sind die Häuser, um die sich keiner mehr kümmert, die nun im Laufe der Zeit verfallen. Und irgendwann sind sie abbruchreif.

Auch wir, die wir Kirche sind, sind gefordert, für die Erhaltung dieser Kirche zu sorgen. Wenn wir anfangen, unseren Glauben an den dreieinigen Gott für nicht mehr wichtig zu halten, anfangen, ihn zu vernachlässigen, dann hören wir auf, lebendige Steine zu sein. Dann wird die Kirche, von der wir ein Teil sind, brüchig. Dann können wir wie verwitterte Steine aus dem Mauerwerk herausgebrochen werden. Und was wird dann aus dieser Kirche, an der wir Anteil haben? Also: Wie sorgen wir dafür, dass wir lebendige Steine bleiben, dass wir festgefügt im Mauerwerk der Kirche bleiben, als Stein nicht herausbrechen? Dass wir z.B. heute hier gemeinsam Gottesdienst feiern, gemeinsam Lieder zum Lobe Gottes singen, gemeinsam zu ihm beten und gemeinsam sein Wort uns sagen lassen, ist z.B. Pflege und Erhaltung lebendiger Steine. Oder dieser und jene unter uns lesen täglich die Herrenhuter Losungen. Oder andere beginnen oder beschließen den Tag mit einem Gebet, alleine oder zu zweit, oder zu mehreren und lassen sich dabei ein Wort aus der Hl. Schrift sagen.

Dies alles sind einige von vielen Möglichkeiten, wie wir dafür sorgen, dass wir lebendige Steine bleiben, die festgefügt in der Mauer verankert sind und nicht herausfallen können. Denn: „Wir sind die Kirche!“ Das wollen wir sein und das wollen wir auch bleiben. Und, weil wir sagen dürfen: „Wir sind die Kirche!“ wird uns verheißen: Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen!

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