Wir machen Frieden, du Trottel!

Liebe Gemeinde,

„In der 4a schweben wunderschöne Friedenstauben aus weißem Papier vor den Fenstern. Jedes Kind hat eine gebastelt. An der Türwand hängen Kriegsgeschichten und Kriegsbilder. Die sind schrecklich. An der Fensterwand hängen Friedensgeschichten und Friedensbilder. Die sind wunderschön. Auf der Tafel steht: FRIEDE * PEACE * PACE * SHALOM * usw. Die 4a plant ein Friedensfest, mit Gedichten und Liedern, mit Essen und Trinken. Alle Eltern sind eingeladen.

In der Schulküche haben die Kinder Friedenstauben aus Mürbeteig gebacken. Jeder Gast wird eine bekommen. Die Tür geht auf. Klaus kommt herein. Der Klaus aus der 4b. Mit ihm kommt ein Windstoß, weil ein Gangfenster und ein Klassenfenster offen sind. Die Friedenstauben beginnen zu schwanken. Die dünnen Fäden verheddern sich. "Tür zu!" schreit einer. Klaus steht und schaut. "Tür zu!" Klaus guckt noch verwirrter und tut: nichts. Florian schiebt ihn zur Seite und knallt die Tür zu. Klaus stupst Florian. Florian stupst Klaus. Ein paar Kinder versuchen, die Tauben zu entwirren. Eine Papiertaube reißt ein, dann eine zweite und eine dritte. Harry geht auf Klaus zu. Seine Daumen stecken im Gürtel. Er ist ziemlich zornig. Klaus hebt die Ellbogen vors Gesicht. "Was habt ihr denn?" fragt er. "Wir machen Frieden, du Trottel!" brüllt Harry.“

So oder ähnlich wird es jeder Lehrer einmal in der Schule erleben, wenn es darum geht, die wichtigen Themen des Glaubens umzusetzen. Man macht sich schöne Gedanken, auch bildlich etwas darzustellen. In der Grundschule wird viel gebastelt, damit die Kinder auch anschaulich sehen können, um was es geht. Und dann passiert so etwas: „Wir machen Frieden, du Trottel!“

Bei Erwachsenen ist es übrigens nicht viel anders, liebe Gemeinde. Das Anschauliche fällt oft weg, stattdessen werden schöne Reden geschwungen. Das Wort übernimmt die Funktion des Bildes. Und dennoch: hat sich das wirklich in die Herzen und in die Hände gesenkt, um was es da geht? Oder wird nur geredet?

Sie wissen es längst: auch die Predigt ist nicht von dieser Kritik verschont. Viele Menschen werfen ihr vor, auch nur „zu reden“, aber nicht danach zu handeln. Schaut man nach, wie das Wort Predigt heute verwendet wird, so findet man es auch unter der Bezeichnung für „moralisierende, langweilige Rede“.

Allerdings wird jeder, der sich ernsthaft befragt, dieses Phänomen auch von sich selber kennen. Sollte er sagen, welche Grundfesten für sein eigenes Leben gelten, so würden schöne Worte dabei herauskommen: das Leben des anderen achten. Gerecht sein. Dem Nächsten helfen usw. Aber dennoch gibt es genügend Situationen, in denen er diese Grundsätze durchbricht. Etwa dort, wo der Zorn sich seinen Weg bahnt. Dort, wo die Wut oder die Verzweiflung sich in Gewalt entlädt. Aber auch dort, wo die Freude in einen Taumel übergeht, in der man sich selbst vergisst.

Und wiederum dennoch reden wir weiterhin von diesen Grundsätzen. Gerade die Kirche muss es tun, gerade der Glaube muss es tun, weil er weiß, wie schwach der Mensch ist. Hören wir dazu das Predigtwort für den heutigen Tag aus dem Brief des Paulus an die Römer im 12. Kapitel, die Verse 17 bis 21.:

[TEXT]

Paulus schreibt diesen Brief an eine ihm unbekannte Gemeinde. Bei allen anderen weiß er, wohin er schreibt – er war ja schon da, hat die Gemeinde gegründet und kennt deren Probleme. Bei Rom ist es anders. Er will erst dorthin reisen, kennt kaum jemanden dort. Er stellt sich vor mit diesem Brief und er stellt seinen Glauben vor. Deswegen ist er uns so wichtig, weil wir vieles daraus erkennen können, das für Paulus grundsätzlich gilt. Eben auch diese Worte aus dem 12. Kapitel, die noch mehr Kraft und Gewicht erhalten, wenn wir begreifen, unter welchem Leitstern es geschrieben wurde. Dazu lesen wir aus dem Anfang dieses Kapitels, dass das dort Beschriebene gelten soll als ein „vernünftiger Gottesdienst“. „Stellt Euch nicht der Welt gleich, sondern ändert Euch durch die Erneuerung Eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille sei.“ „Aber hallo!“ – kann ich da nur sagen. Keine Gefühlsduselei, kein emotional aufgeladenes Geschehen, was ich mit Religion oder mit Gottesdienst verbinden muss. Viele tun das ja, indem sie die Musik in den Vordergrund stellen, damit sie sich selbst vergessen können und meinen dort den Heiligen Geist zu spüren. Nein. Ein Gottesdienst der Vernunft! Benutzt euren Verstand! Prüft das, was Euch geboten wird und das, was Ihr tun sollt!

Nicht umsonst heißt es an anderer Stelle: der Geist hilft Eurer Schwachheit auf! Dieser Geist widerspricht oft genug dem, was in der Welt passiert. Nehmen Sie die Show, die vor einiger Zeit im Fernsehen erfunden wurde und in welcher es um das Thema Rache geht. Sich mal so richtig rächen an dem, von dem man überzeugt ist, er hätte einem Böses getan. Natürlich steht auch dahinter ein Geist, eine Vernunft. Es ist die kalkulierende, wirtschaftliche Vernunft des Programmanbieters, der sich mittels der zu erwartenden hohen Zuschauerquote mehr Geld in den Kassen verspricht. Die, die sich eine solche Sendung ansehen, wird mehr das Gefühl leiten, das jeder von uns kennt, wenn der Gegner endlich mal eines auf die Mütze bekommen hat. „Schadenfreude ist die beste Freude“ weiß dazu der Volksmund zu sagen. Gottesdienst aber, so führt es Paulus aus, ist etwas anderes. Gottesdienst ist der Einsatz Eures Lebens, den Ihr mit Vernunft erfüllt. Indem Ihr Euch zu ändern sucht. Wie? Durch Erneuerung Eures Sinnes, Eurer Gedanken, damit Ihr tatsächlich prüfen könnt, was Gottes Wille ist: nämlich das Gute, das Wohlgefällige und das Vollkommene.

Wie aber dies meiner Beispielsklasse von vorhin klarmachen? Wären wir im Buddhisten, zumindest eine bestimmte Art davon – und viele fühlen sich ja dieser Tage besonders vom Dalai Lama angezogen – dann wäre es etwas klarer, weil zugleich etwas radikaler. Dort gibt es nämlich keine Gottheit, die entscheidend auf das Leben des Einzelnen einwirken könnte. Sondern es ist ein hoher ethischer Anspruch an einen selber. Das Leben schützen, Gewalt vermeiden, sich selbst ständig prüfen. Das Christentum hat auch hohe ethische Ansprüche, die mit der Selbstprüfung unmittelbar verknüpft sind. Stellt Euch täglich selbst vor den Spiegel, um zu sehen, ob Ihr mit diesem Menschen, den Ihr da seht noch zufrieden sein könnt. Nicht sein Äußerliches, sondern wie er handelt und wie er denkt. Lässt sich das in der Schule vermitteln oder auch in der Gemeinde? Wohl nur selten, denn die Gemeinschaft die in diesen beiden Beispielen angesprochen ist, ist oft zu locker gestrickt, die echten Konfliktfälle sind oft mit vielen anderen Auswegen versehen. So kann es passieren, dass man zwar weiß, was richtiges Handeln wäre, man aber auch keine Probleme bekommt, wenn man es so nicht anwendet. Richtig gelingen, eine echte Einsicht hervorrufen kann wohl nur der persönliche Kontakt, der echte menschliche Eindruck. Ich weiß nicht, wer von Ihnen das Buch „die Welle“ oder auch den kürzlich gelaufenen Film dazu gesehen hat. Ein Experiment an einer Schule erst lässt die Schüler hautnah erfahren, was falscher Glaube sein kann und sie begreifen es erst, als sie es selbst gelebt haben. Aber so kann Unterricht in den seltensten Fällen geschehen.

Beim Christentum kommt daher ein zweites hinzu. Das Wissen um die Unvollkommenheit des Menschen. Dass er notwendig darauf angewiesen ist, dass jemand von außen seine Not wendet. Deswegen wendet sich der Christ dem Wort Gottes zu, durch dessen Hören er das Erlangen des Glaubens hofft. Die Worte in Gebet und Predigt in Liturgie und Gesängen tun ihre Wirkung. Sie durchdringen den Menschen und werden ihm helfen, auf den besseren Weg zu kommen. Gott schenkt diesen Glauben, das Vertrauen an ihn und Menschenleben haben einen neuen Anfang bekommen.

Zu der Übung, die wir tun, hier im Gottesdienst am Sonntag und zu anderen Gelegenheiten lassen Sie mich noch ein schönes Bild erzählen.

„Ein junger Mann, der sich schon tage-, wochen-, ja monatelang bemüht hatte, beten zu lernen und auch zu meditieren, stellte fest, dass einfach keine Erfahrung da war, die blieb. Er behielt nichts in den Händen zurück, es zerrann ihm alles wie Wasser zwischen den Fingern, nichts Greifbares blieb zurück. Er war bereits ganz verzweifelt und wollte schon mit dem Gebet und der Meditation aufhören, da hörte er von einem Weisen, der in der Wüste lebte und der ein Meister in Gebet und Meditation sei.

Also gut, dachte er, einen letzten Versuch will ich wagen und diesen Weisen besuchen und ihn fragen, wie denn das Beten ginge. Und er machte sich auf, fand den Weisen in der Wüste und fragte ihn: "Du bist doch ein Meister in Gebet und Meditation, lehre mich so beten, dass für mich auch ein Erfolg dabei herauskommt." Und der Weise sagte zu ihm: "Siehst du den dreckigen Drahtkorb dort liegen?" "Ja!" "Dann nimm ihn und hole damit Wasser."

Der junge Mann nahm den Drahtkorb, ging einige hundert Meter bis zum Brunnen, schöpfte mit dem Drahtkorb Wasser und machte sich auf den Weg zum Weisen. Doch bis er dort angekommen war, war alles Wasser aus dem Drahtkorb herausgelaufen.

Der Weise sagte zu ihm: "Geh und hol Wasser!" Und er machte sich zum zweiten Mal auf den Weg, doch der Erfolg war genau derselbe. Der Weise forderte ihn zum dritten Mal auf: "Geh und hol Wasser!"

Und das wiederholte sich noch einige Male, bis der junge Mann ungeduldig wurde und dachte: "Das klappt doch nie, ich frage den Weisen einmal." Und er sagte zu ihm: "Du siehst doch, mit dem Drahtkorb kann man kein Wasser holen, es läuft alles heraus."

Da sagte der Weise: "Genauso ist es mit dem Gebet, du hast zwar kein Wasser zu mir gebracht, aber der Drahtkorb, der am Anfang dreckig war, ist jetzt sauber, und so verhält es sich auch beim Beten. Wenn du beim Gebet nicht die Erfahrung hast, etwas in den Händen zurückzubehalten, so hat dich doch das Beten und das Meditieren gereinigt."

Es ist ein schönes Bild, um das zu vergleichen, was wir Christen in der Welt tun – so wie es Paulus für seinen vernünftigen Gottesdienst fordert. Wir behalten nichts zurück und dennoch wird etwas gereinigt. Gott tut das seine dazu.

„Vergeltet nicht Böses mit Bösen, sondern wünscht Euch Gutes für jedermann.

Soweit es an Euch liegt, versucht den Frieden mit allen Menschen, die Euch begegnen zu halten.

Rächt Euch v.a. nicht selber. Überlasst Gott das Gericht und die Gerechtigkeit, die herstellen wird das Gleichgewicht, das vor Gottes Angesicht gilt.

Sollte es sein, dass Dein Feind Hunger oder Durst leidet, so gibt ihm zu Essen und zu Trinken.

Lass Dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde selbst in Deinem eigenen Leben das Böse mit dem Guten, das von Dir ausgeht.“

Und der Friede Gottes, der tiefer geht, als wir es oft verstehen, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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