Klimawechsel

<i>[Teile der Predigt sind entnommen aus: <a href="http://www.e-pistel.de/" target="_blank">e-pistel – die aktuelle Predigtmeditation</a>]</i>

Liebe Gemeinde!

Ach, was wäre das für eine schöne Welt, wenn sich die Menschen an solche Worte halten würden! Das war mein erster Gedanke! Was wäre das für ein Klimawechsel, wenn es uns gelänge, die Worte des Paulus im Alltag zu leben! Denn an allen Ecken und Enden hören wir Sätze wie:

· Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt.

· Wie du mir, so ich dir.

· Man muss für sich selber sorgen.

· Der Anständige ist der Dumme.

Und leben wir nicht auch nach diesen Sätzen? Und empören uns dann folgerichtig über das „schlechte Klima“. Ich jedenfalls gebe zu, dass ich oft danach in Gedanken, Worten und Taten handle. Auch Paulus hat seine Zweifel: "Ist’s möglich, soviel an euch liegt …", so schreibt er der Gemeinde in Rom. Das klingt ernüchternd. Scheinbar sind der Spezies Mensch erhebliche und unüberwindbare Grenzen gesetzt, wenn es um Friedfertigkeit und Mitmenschlichkeit geht – gerade dann, wenn wir dabei jene mitdenken sollen, die uns nicht wohl gesonnen sind. Und dennoch fordert der Apostel die Freunde Jesu dazu auf, Gutes zu tun: "Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann."

Vielleicht wäre uns ja schon geholfen, wenn wir wenigstens den ersten Satz beherzigten. Wenn wir es nicht schaffen Gutes zu tun, dann möglicherweise doch wenigstens nichts Böses?!

Doch das wäre ein trügerischer Kompromiss, den der Mensch in seinem Leben häufig eingeht und damit glaubt, seinem Seelenfrieden genüge zu tun. Wir erleben tatsächlich ein gesellschaftliches Klima, in dem uns das Schicksal anderer immer weniger zu berühren scheint, schlichtweg kalt lässt. Vor ein paar Tagen filmte eine Verkehrsüberwachungskamera einen Unfall, bei dem ein älterer Herr schwer verletzt wurde. Mitten am Tag und mitten in einer belebten Stadt wurde er beim Überqueren der Straße von zwei vorbeifahrenden Fahrzeugen erfasst und blieb mitten auf der Fahrbahn regungslos liegen. Die Unfallverursacher begingen Fahrerflucht. Und dann … passierte eine lange Zeit nichts! Niemand stürzte auf die Straße, um den Verkehr aufzuhalten, um so zu verhindern, dass er ein weiteres Mal überfahren wurde. Niemand lief zum Verletzten hin, um sich um ihn zu kümmern. Man versammelte sich auf dem Bürgersteig, Autos fuhren einen Bogen um das Unfallopfer herum … aber niemand leistete Hilfe! Das zuständige Polizeidezernat war schon froh darüber, dass jemand nach einer Minute wenigstens den Notarztwagen gerufen hatte.

Dieses Beispiel zeigt. Auch Tatenlosigkeit kann böse sein … und erschreckend daran ist, dass solches Verhalten zwar nicht die Regel, aber leider auch nicht mehr die Ausnahme ist … Darum bleibt Paulus bei seiner Forderung, Böses nicht mit Bösem zu vergelten, nicht stehen! Er mutet uns – ganz im Sinne Jesu – zu, weiter zu gehen: "Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem." Was das konkret bedeuten kann, macht er mit einem Zitat aus dem Alten Testament deutlich: "wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken."

Kürzlich hat in Rom der Welternährungsgipfel getagt. Dort befasste man sich auch mit den politischen Folgen, die zu befürchten sind, wenn ein Teil der Menschheit hungern muss. 30 Milliarden Dollar im Jahr wären nötig, um den Hunger auszurotten. Das klingt nach viel Geld, ist aber angesichts von 1.200 Milliarden Dollar, die jährlich für Rüstungsgüter ausgegeben werden, nur Peanuts. Das Fatale dabei ist, dass aus Hungernden irgendwann "Feinde" werden können. "Denn Hunger nährt Wut, Hass und Gewalt. Diese Welle droht die westlichen Industrienationen zu überrollen – mit Krieg, Terror, aber vor allem auch mit unkontrollierbaren Flüchtlingsströmen." Sich der Menschen anzunehmen, ihre Nöte zu lindern, ist also nicht nur christliche Pflicht der Nächstenliebe, sondern bekommt in einer global orientierten Welt eine erhebliche Bedeutung und wird zu einem politischen Friedenskonzept! Was könnte das für einen globalen Klimawechsel mit sich bringen???

Mögen uns die Worte des Apostels Paulus wirklichkeitsfremd und illusorisch erscheinen, so greifen sie aber ein reales Problem auf, das auch uns immer mehr beschäftigt: Wie schaffen wir den „Klimawechsel“ Frieden in einer Welt, die geprägt ist von so vielen Gegensätzen: hier Reichtum, dort Armut; hier religiöse Gleichgültigkeit, dort religiöser Fanatismus; hier Hyperkapitalismus, dort Mangel an Lebensnotwendigem? Wie schaffen wir es, diese Gegensätze nicht zum Grund für Feindschaft werden zu lassen, sondern sie so einander anzugleichen, dass sich jeder gerecht behandelt fühlt? Und wie gehen wir mit Anfeindungen um, die vielleicht ihre Ursache bei uns selbst haben?"

Der Göttinger Soziologe Wolfgang Sofsky hat 2002 in seinem Buch "Zeiten des Schreckens – Amok, Terror, Krieg" historische und aktuelle Grausamkeiten, ihre spezifischen Eigenschaften und innere Logik untersucht. Vom Amoklauf und Attentat, vom Lynchen und Schänden über Todesmärsche und Bandenkriege bis hin zu staatlich organisiertem Terror lautet sein Befund: Die Formen der Gewalt folgen uralten Regeln und Mustern, die in Mensch und Gesellschaft tief verankert sind. Die Kräfte des Bösen sind sowieso stärker als alle gut gemeinten Ratschläge und Guttaten. So lautet seine pessimistische Sichtweise über den Zustand der Menschheit.

Demgegenüber sagt Paulus: Lass dich nicht vom Bösen besiegen.

Dabei fängt das Böse nicht erst dort an, wo es durch die Nachrichten sicht- und hörbar gemacht wird, sondern schon viel eher: Die Nachbarn, die vor Jahren angefangen haben, sich wegen einer Tanne, die zuviel Schatten wirft, zu streiten. Und nun überhaupt nicht mehr miteinander reden. Sondern nur noch über den anderen und das möglichst schlecht. Um die Tanne geht es da schon lange nicht mehr.

Die neue Kollegin, die neue Ideen hat, sich anders anzieht als ihre Kolleginnen und von allen geschnitten wird: Informationen werden nicht weitergegeben, hinter ihrem Rücken wird getuschelt, auf einmal gibt es merkwürdige Gerüchte. Mobbing heißt das auf Neudeutsch und betrifft immer mehr Menschen, die dadurch nicht nur unglücklich, sondern sehr oft auch krank werden. Mobbing funktioniert nur, weil sich so viele daran beteiligen.

Diese Liste alltäglicher Bosheiten ließe sich endlos fortsetzen, die das Klima vergiften. Der Schriftsteller William Golding bemerkt einmal ganz richtig: Der Mensch bringt das Böse hervor, wie die Bienen den Honig.

Was mache ich dann, wenn mich der Impuls überfällt, mich zu rächen? Und ich stehe dazu, auch mich überfällt dieser Impuls immer wieder. Geht das denn in einer Welt, in der das Böse ständig um uns ist? In der wir glauben, auch böse sein zu müssen, um uns zu behaupten? Geht das, sich nicht vom Bösen besiegen zu lassen?

Paulus sagt Ja. Darum spricht er vom Verzicht auf Selbstjustiz, wenn er schreibt: „Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes.“ Was ist der Zorn Gottes und was bewirkt er? Ohne den Zorn Gottes würden Unrecht und Bosheit in der Welt bleiben. Dank dem Zorn Gottes wird das Böse in seiner Gesamtheit nicht mehr sein. Gottes Zorn gilt allem, was ihn in Abrede stellt. Gottes Zorn gilt allem, was dem Leben, dem Blühen, Gedeihen, Glauben, Hoffen und Lieben, schadet. Der Zorn Gottes – um einen modernen Vergleich aufzunehmen – ist sozusagen der Katalysator des Bösen. Martin Luther sprach zu seiner Zeit von dem „vernichtenden Feuer“ als die göttliche Läuterung, die zwischen Gut und Böse scheidet.

Darin liegt mein Trost: Die Rache, dieses schleichende Gefühl, das böse macht, muss nicht länger „mein Ding“ bleiben., muss nicht mein Klima bestimmen. Das Böse, das mir angetan wurde, aber auch mein eigenes Böse, das ich anderen angetan habe, liegt in Gott allein. Darin liegt mein Trost: Gott sorgt für mich. Er nimmt all das, woran ich zu ersticken drohe. Er trägt meine Last. So werde ich frei für bessere Gefühle, für eine neue Sicht. Da findet ein Klimawechsel statt. Dann erkenne ich vielleicht sogar den anderen, der mir so geschadet hat, in seiner ganzen armen Dürftigkeit als Mensch und kann ihm ohne Hass begegnen. So entsteht ein Klima für Gelassenheit, für neue Glaubens- und Lebensfreude.

Das können wir erfahren und spüren, wo wir uns einlassen auf die Weisung des Apostels: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

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