Wie gehe ich mit denen um, die mir Böses antun?

Liebe Gemeinde!

Um 1900 wirkte als Pfarrer am Dom zu Riga ein Pastor Krienitz, über den unzählige Geschichten auch heutzutage noch im Umlauf sind. So sollte er im Unterricht mit den Konfirmanden über das Jesus-Gebot der Feindesliebe reden. Ihm war klar, dass er einen schweren Stand haben würde bei den Jugendlichen; denn er selber hatte seine Not mit diesem Gebot. Es war gerade in der damaligen Zeit nicht leicht, als deutsche Minderheit im russischen Reich zu leben. Aber Pastor Krienitz muss ran, er darf nicht ausweichen. Und so fängt er seinen Unterricht mit den Worten an: «Liebet eure Feinde!» Das hat also unser Jesus uns so befohlen. Und da müssen wir uns dann auch daran halten. Aber – ich denke, ein bisschen piesacken wird wohl noch erlaubt sein.“

Ja, liebe Schwestern und Brüder, wie ist das nun mit „ein bisschen piesacken“, dem selber ein bisschen ärgern, oder dem sich wehren und abwehren, wenn uns jemand blöde kommt, wenn uns jemand dumm von der Seite „anmacht“? Soll ich das einfach nur still duldend hinnehmen, wenn ich auf der Straße angerempelt werde, in der Straßenbahn beiseite geschubst werde? Antworten auf diese Fragen würden mit Sicherheit recht unterschiedlich ausfallen. Frauen und ältere Menschen neigen wohl eher dazu, sich selbst zurückzunehmen, während wir Männer und die jüngeren unter uns allemal sich eher mehr oder weniger stark zur Wehr setzen würden.

Lasst uns nun hören, welche Antwort der Apostel Paulus zu genau dieser einen Frage: „Wie gehe ich mit denen um, die mir Böses antun?“ der Gemeinde in Rom und somit auch uns in seinem Brief im 12. Kapitel schreibt:

[TEXT]

Liebe Schwestern, liebe Brüder, eine ganz schön heiße Sache scheint das ja werden zu können. Da zitiert Paulus u.a. aus dem AT, daß wir unserem hungrigen Feind zu essen geben sollen und, wenn er Durst hat, auch noch zu trinken. Wenn wir uns so verhalten, ja dann schaufeln wir feurige Kohlen auf seinen Kopf! Es klingt sehr beeindruckend, doch zum einen scheint uns das sehr weit weg von der Realität zu sein – auch zu Zeiten des Alten Testamentes – und zum zweiten müssen wir uns fragen: „Was hat solches Tun mit dem Gebot der Feindesliebe zu tun?“ Oder sollte uns etwa doch ein bißchen piesacken erlaubt sein?

Wenn wir diesen Teil der Mahnrede des Paulus am Ende seines Briefes an die Gemeinde in Rom so verstehen würden, dann, liebe Gemeinde, hätten wir den Apostel gründlich mißverstanden. Als die im Namen des Vaters und des Sohnes und des Hl. Geistes Getauften sind wir aufgenommen in die Gemeinschaft mit dem Auferstandenen, mit Christus Jesus, und ist uns seitdem das Bürgerrecht in Gottes ewigem Reich geschenkt. Deshalb ist es dem Paulus ungeheuer wichtig, daß wir dies im Hier und Heute unserer diesseitigen Welt auch leben.

Wenn wir unsere Taufe nämlich ernstnehmen, dann hat das zwangsläufig Auswirkungen darauf, wie wir nicht nur mit unseren Mitchristen, unseren Mitbürgern im Reich Gottes, umgehen, sondern erst recht auch mit denen, die nicht zu uns gehören, die nichts von Gott und geschweige denn von Jesus Christus etwas wissen wollen, die nichts mit diesem „religiösen Kram“ zu tun haben wollen, dem „Opium fürs Volk“ (Lenin).

Doch es ist schon wirklich schwer, in unserem alltäglichen Leben, Böses eben nicht mit Bösem zu vergelten. Ein Schüler z.B., der sich auf dem Schulhof nicht gegen die Attacken von Mitschülern wehrt, diese hinnimmt, sie erleidet, ja, der wird erfahrungsgemäß ganz schnell zum Prügelknaben. Sollte etwa Paulus die Konsequenzen aus seinen Handlungsanweisungen nicht ausreichend bedacht haben?

In Frieden, schreibt Paulus, sollen wir mit allen Menschen leben; an uns soll es nicht liegen, wenn’s nicht so ist. Aber, „es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn’s dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“, läßt Friedrich Schiller den Wilhelm Tell in seinem Schauspiel sagen. Und das will uns wesentlich realitätsnäher erscheinen als die Forderung des Paulus. Die ganze Nation hatte doch vor Jahren amüsiert den Grenzstreit um den Maschendrahtzaun in einer erzgebirgischen Kleinstadt verfolgt.

Oder denken wir an die Situation in Nahost, an die immer wieder bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Israel und den Palästinensern. Inzwischen reagiert jede Seite nur noch auf die Aggression der anderen. Niemand will zurückstecken; denn das könnte als Zeichen von Schwäche verstanden werden und hätte dann schlimme Folgen, die nicht mehr gutzumachen wären. Besonders wir hier in Deutschland haben große Sympathien für Israel und wünschen, daß der jüdische Staat in diesem Nahost-Konflikt nicht untergehen möge. Deshalb unterstützen wir mit all unseren Möglichkeiten dieses Land, das geschichtlich durch den von uns verschuldeten Holocaust geprägt ist. Doch auch für die palästinensische Bevölkerung haben wir großes Verständnis und unterstützen sie, wo es uns möglich ist. Diese Menschen, die als Folge einer konzeptionslosen Kolonialpolitik aus ihren Heimatdörfern vertrieben wurden, sind doch die eigentlich Leidtragenden in diesem seit über fünf Jahrzehnten andauernden Konflikt.

Aber wir wollen nicht bei der großen Politik verweilen, auch wenn sie uns anschauliche Beispiele dafür liefert, wie einfach und zugleich so wirkungsvoll es ist, im großen Stil miteinander in Unfrieden zu leben. Kehren wir wieder zurück in unser persönliches, überschaubares Leben.

»Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«, zitiert Paulus aus dem 5. Buch Mose. Das, finde ich, ist ganz schön schwierig, was da von uns verlangt wird: Ich soll darauf verzichten, selbst für mein Recht zu sorgen. Wie oft habe ich in früheren Jahren Auseinandersetzungen mit anderen geführt, die manchmal sogar vor Gericht landeten, weil ich mich im Recht sah, weil ich mein Recht auf Biegen und Brechen durchsetzen wollte. Und wie oft bin ich dabei gescheitert, habe meine Kraft und meine Zeit unnütz vergeudet.

„Lasst das sein,“ fordert uns Paulus auf, „überlaßt es Gott.“ Der allein weiß, was richtig ist, was angemessen und notwendig ist für uns und unser Seelenheil– und auch für unsere Feinde. Belastet euren Kopf nicht mit den schweren und quälenden Gedanken und Sorgen, wie euch Recht geschehen müßte. Gebt euch nicht den unnützen Phantasien über das „Was-Wäre-Wenn“ hin; denn sie führen zu nichts, sie bringen euch nicht weiter. Stattdessen machen sie euch den Kopf noch schwerer und das, was eigentlich zu tun notwendig wäre, wird euch unmöglich.

Seinem hungrigen und durstigen Feind zu essen und zu trinken zu geben, so lesen wir im Buch der Sprüche Salomos im AT, ist dagegen um ein vielfaches effektiver: Wenn wir uns so verhalten, dann können wir ihn beschämen und so einen Sinneswandel, eine grundlegende Veränderung seines Verhaltens herbeiführen. Nichts anderes will uns das martialische Bild, von den glühenden Kohlen, die wir so auf dem Haupt unseres Feindes sammeln, deutlich machen. Welchen Wert haben überhaupt Auseinandersetzungen, wenn sie letztlich zu keinem konstruktiven Ergebnis führen, statt dessen sich aber die Fronten nur verhärten bis dahin, daß es zu bewaffneten Konflikten zwischen einzelnen Nationen kommt? Da wird es doch um ein Vielfaches besser sein, wenn wir uns selber in unserem Umfeld um „ein bißchen Frieden“ bemühen, wie einst in einem Hit von einem jungen Mädchen besungen. Dann sind wir nicht darauf angewiesen, auch hin und wieder mal zu „piesacken“; denn dies ist genau das, was Paulus von uns fordert: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Es sind schon mehr als 20 Jahre her, da bestieg in Berlin grölend und rumpöbelnd eine Punker-Gruppe die U-Bahn. Gleich nach Abfahrt des Zuges begannen sie, den anderen Fahrgästen Geld, Schmuck und sonstige Wertsachen brutal abzunehmen. Alle duckten sich, keiner muckte, jeder hatte Angst vor diesen offenbar gewaltbereiten Punkern. Einer von ihnen tat sich besonders hervor, er schien der Anführer zu sein. Da entdeckte er eine alte Frau, die ganz ruhig dasaß, mit ihrer Handtasche auf dem Schoß das ganze Geschehen, ohne im geringsten aufgeregt zu sein, zu verfolgen schien. Der Oberpunker steuert auf sie zu: „Na, Oma, du hast wohl keene Angst, wa?“ „Warum muss ich Angst haben? Du bist doch bei mir!“ bekommt er von der alten Frau zur Antwort. Nach einem Moment großer Verblüffung: „Da haste recht, Oma. – Eij Jungs, hier steijen wir wieda aus.“ Und weg waren sie.

So wünsche ich uns allen hier, diese Gelassenheit der alten Frau, die uns zur rechten Zeit das Richtige sagen, das Notwendige, das Friedenstiftende tun läßt. Dazu stehe uns bei der Hl. Geist, den uns an Pfingsten unser himmlischer Vater auf Bitten des Sohnes Jesus Christus gesandt hat.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen!

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