Es geht um die Botschaft

Liebe Gemeinde,

„ein Pfarrer hielt seine erste Predigt in einer abgelegenen Landgemeinde, aber niemand erschien außer einem Kuhhirten. Der Pfarrer war im Zweifel, ob er den Gottesdienst durchführen solle oder nicht. Der Kuhhirte entgegnete: "Ich kann Ihnen nicht sagen, wie hier vorgegangen werden muss, denn ich bin nur ein Kuhhirte. Aber wenn ich daherkäme, um meine Kühe zu füttern, und nur eine würde sich zeigen, so wäre ich von allen guten Geistern verlassen, wenn ich diese Kuh nicht füttern würde."

Der Pfarrer dankte ihm und hielt die vorbereitete Predigt von der Länge einer ganzen Stunde. Nachdem er geendet hatte, fragte er seinen Zuhörer, ob er zufrieden sei. Die Antwort lautete: "Ich verstehe nicht viel von Predigten, ich bin ja nur ein Kuhhirte. Aber wenn ich gekommen wäre, um meine Kühe zu füttern, und nur eine einzige tauchte auf, dann hätte ich meinen Verstand verloren, wenn ich ihr das gesamte Futter vorlegen würde."

Wie machen Sie es, liebe Gemeinde, wenn Sie an der Stelle dieses Pfarrers sind? Ich sage nicht: „wären“ – denn Sie sind oft genug an der Stelle des Pfarrers, hier und anderswo. Jede und jeder von uns ist verantwortlich, das Evangelium weiterzusagen, hinauszutragen in die Welt, nicht nur der Pfarrer am Sonntag auf der Kanzel. Das wäre ja auch ein bisschen wenig, ein bisschen kurz und ein bisschen zu kleiner Haufen, der sich diese Predigt anhört. Meint das die Geschichte vom Pfarrer und vom Kuhhirten? Verschießt der Pfarrer sein ganzes Pulver in jener 1-h-Predigt und dann kommt nichts mehr?

Unsere Kirche, liebe Gemeinde, und Sie wissen das natürlich, zeichnet sich auch durch das „Priestertum aller Gläubigen“, wie es Luther genannt hat. Jeder, der glaubt und getauft ist, ist zu jeder Zeit an jedem Ort aufgerufen, bereit zu sein, Zeugnis abzulegen von der Hoffnung, die in ihm ist. Dabei zählt kein Stand, keine Ausbildung, keine Redegewandtheit – was auch immer. Ein „Amt“ gibt es trotzdem – das Amt der Kirche, wenn Sie so wollen. Ein Amt, das Ordnung geben soll, zusammenhalten soll, lehren soll, vermitteln soll. Aber es ist nicht wie etwa in der römischen Kirche ein Amt, das über den Gemeindegliedern steht. Deswegen hat übrigens der Pfarrer auch nur eine Stimme im Kirchenvorstand, genauso wie jedes andere Mitglied dieses Gremiums.

Wissen wir noch um dieses allgemeine Priestertum? Ich bin sicher: viele in der Gemeinde sind sich dessen bewusst und versuchen ihr Bestes, dieses Priestertum auch mit ihrer Person auszufüllen. Sie beten mit und für andere Menschen. Sie trösten und zeigen Nähe, wo es nötig ist. Sie weisen auf die Hoffnung hin, aus der heraus sie selbst leben. Und dennoch muss täglich darum gerungen werden, wie dieses allgemeine Priestertum denn zu füllen sein und was ich tun kann, damit ich meine Aufgabe nicht vergesse.

Auch den berühmtesten unter den ersten Christen ging es nicht anders. Unser Predigtwort von heute fasst die Überlegungen und Erfahrungen Paulus zu diesem Thema zusammen. Wir lesen sie im ersten Korintherbrief im neunten Kapitel, die Verse 16 bis 23:

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Gleich Paulus erste Bemerkung zu dem Thema entzerrt das Verhältnis zum Zeugnisgeben. Kein Ruhm winkt diesem Tun. Es ist andersherum: Paulus kann nicht anders – er muss es tun. „Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte!“, ruft er aus und verweist somit auf die Propheten des Alten Bundes: „aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, dass ich´s nicht ertragen konnte – ich wäre schier vergangen.“ So beschreibt es etwa Jeremia. Dies bleibt der Ausgangspunkt: es geht niemals um unseren eigenen Ruhm. Niemals darum, dass wir uns durch die Weitergabe des Evangeliums in ein besseres Licht rücken könnten. Niemals darum, dass wir nach außen hin als Vorzeigechristen oder gar als Vorzeigegemeinde gelten könnten. Es geht einzig und allein um den Auftrag, der uns gegeben wurde. „Wes des Herz voll ist, des geht der Mund über!“ Das darf uns leiten: das Gute, welches wir von Gott erfahren haben, weiterzureichen an andere Menschen.

„Täte ich´s aus eigenen Willen, so erhielte ich Lohn.“ Wir haben in der Welt viele, die sich diesen Lohn selber zuerkennen. Menschen, die reich werden in den sogenannten Supergemeinden – megachurches – , die sie ins Leben gerufen haben und deren Botschaft denn auch im Wesentlichen davon handelt, dass Christus materiell reich machen wird. Das schließt Paulus aus. Im Grunde lässt sich damit das Engagement im Ehrenamt erklären, wenngleich „Ehrenamt“ ein ein wenig irreführender Begriff ist. Aber es geht genau darum: Zeit zu haben oder sich zu nehmen, in der man außerhalb seines Lohnberufes anderen Menschen gute Dienste erweist. In dieses Ehrenamt ist nach dem Verständnis unserer Kirche jeder getaufte Christ berufen: jeder soll – besser: jeder darf daran mittun, diese Frohbotschaft weiterzugeben. Wer in seinem Herzen spürt, dass in ihm selber die Kraft der frohen Botschaft abgenommen hat, ist eingeladen, immer wieder an die Quelle zu kommen, um erneut umsonst zu trinken von dem lebendigen Wasser. Er kann das tun im Gottesdienst, in der Gemeinschaft der Betenden und an anderen Orten. Wessen Herz aber erfüllt ist von dieser Freude, von der die Engel an Weihnachten so schön singen, der wird ins Ehrenamt getrieben: zu berichten von Gottes Taten an ihm, zu erzählen von Gottes Taten an seinem Volk, zu beschreiben die Hoffnung, die das Leben der Christen übersteigt. Wir denken oft – auch im Kirchenvorstand – über ein sogenanntes Gemeindewachstum, Gemeindeaufbau nach. Ich meine: nur so kann ein solches gelingen. Untereinander die Botschaft weitergeben, einladen, erklären, von Gott erzählen. Paulus bringt es auf den Punkt: „Denn obwohl ich frei bin von jedermann, habe ich doch mich selbst jedermann zum Knecht gemacht, damit ich möglichst viele gewinne.“

Freilich: dass er gewinnen will ist eine für Paulus typische, aber missverständliche Rede. Denn das Ziel, der Auftrag ist ja deutlich: diese Menschen sollen von Gottes froher Botschaft hören, um im Glauben ergriffen werden. Das heißt nichts anderes, als dass sie dieses Vertrauen auf Gott durch das Hören des Wortes geschenkt bekommen sollen. Denn es wäre ein fataler Fehler, liebe Gemeinde, wollte man als Kirchengemeinde seinen Wert nur darin messen, wie viele Kreise und Gruppen und Veranstaltungen es bei einem gibt. Jeder Kreis und jede Gruppe, jede Rede, jede Predigt, jede Taufe, jede Beerdigung soll sich daran messen können, inwieweit sie auf Gottes Wirken in der Welt hinweist, sein Lob verkündigt und zu diesem Glauben einlädt. Alles, was darüber hinaus geht, geht am Auftrag einer Kirchengemeinde vorbei – ich denke, dies bleibt ein gutes Korrektiv für all unsere Aktivitäten und Überlegungen, was zu tun und zu lassen ist.

Wie aber gewinnt nun Paulus die Vielen für den Glauben? Sie kennen diese Rede gut, denn sie wird oft zitiert: Paulus wird Allen Alles. Den Juden ein Jude, was nicht so schwer ist, denn er ist als Jude groß geworden und zählte selber zu den Frömmsten seiner Zeit. Den Unfreien ein Unfreier unter dem Gesetz. Den Schwachen ein Schwacher. Die Liste wäre beliebig erweiterbar. Geht das denn so einfach, liebe Gemeinde? Sie kennen den Ausspruch: „Wer nach allen Seiten offen ist, kann nicht ganz dicht sein!“ Und es ist insofern wahr: keiner kann Allen Alles sein, auch Paulus konnte dies nicht. Aber Paulus hat es auch nicht aus eigener Kraft betrieben, wie wir zu Anfang gehört haben – vielmehr wird er mit Gottes Kraft getrieben. Und so bleibt dies beschriebene Prinzip ein bis heute Gültiges. Sich einzulassen auf seinen Nächsten. Versuchen ihn zu sehen, wie Gott ihn sehen würde: als einen Menschen mit Fehlern, aber als einen geliebten Menschen. Versuchen, zu verstehen, was diesen Menschen beschäftigt, wie er denkt, was ihm Sorge bereitet, was ihn freut. Jetzt merken Sie auch, liebe Gemeinde, warum ich vorhin vom Ehrenamt aller gesprochen habe. Denn ein Einzelner kann dies alles nicht leisten. Wer als Bauer aufgewachsen ist, wird den anderen Bauern und seine Nöte – und wir haben ja zur Zeit viele Nöte bei den Bauern – besser verstehen können, als der Städter, der die Abläufe in der Landwirtschaft höchstens vom Hörensagen kennt. Wer studiert hat, wird den Studierenden und seinen Leistungsdruck besser verstehen können, als einer, der vor vielen Jahren mit der Volksschule abgeschlossen hat. Der selber einen Verlust erlitten hat, kann Trauernde besser begreifen. Sie können alle Bereiche des Lebens auf diese Weise durchgehen. Vieles kann der Mensch erlernen, indem er zuhört und sich erzählen lässt, aber alle Bereiche wird er nie durchmessen können. Gerade deswegen ist jeder angewiesen von seiner Warte aus die Frohbotschaft weiter zu geben – zu denen hin, die ihn verstehen (die er versteht) und so ahnen können, wovon er redet. Nur die Predigt am Sonntag ist dazu zu wenig. Es ist ein kraftvoller Ort, der Gottesdienst, ein Ort der Sammlung für diejenigen, der später wieder ausgesandt werden, um weiter zu verkündigen und Gottes Taten der Welt zu berichten. Ich möchte Ihnen heute mit Paulus Worten zu diesem Dienst – dem wichtigsten Dienst, den unsere Kirche zu bieten hat – Mut machen. Spalten Sie nicht den Glaubensbereich in Ihrem Leben ab von dem Alltagsbereich. Leben Sie so, dass erkennbar wird, dass Ihr ganzes Leben vom dieser freimachenden Botschaft Jesu Christi getragen ist. Leben Sie so, dass es selbstverständlich ist, den Ort der Sammlung aufzusuchen, damit Sie wieder in die Sendung gehen können. Haben Sie dabei keine Angst: Sie müssen nicht mit dem Holzhammer auf die anderen einhämmern. Nicht jede alltägliche Handlung muss mit frommen Sprüchen oder einem Gebet versehen sein. Wenn Sie dieser Tage z.B. Grillen wollen, dann werden Sie Ihre Steaks und vielleicht auch Ihr Bier nicht mit dem Hinweis auf die Stellen der Schrift einkaufen und jeden, der es nicht hören will darauf hinweisen wie christlich Sie sich doch dabei verhalten. Aber Sie werden ein Gebet vor dem Essen sprechen, so dass Ihre Kinder dies als selbstverständlich lernen und Sie werden vor den Augen der Welt mit Ihrem Leben ein Beispiel sein, dass man alles, auch das gekaufte Essen, dankbar annehmen kann als eine Gnade Gottes. Sie werden in der Begleitung der Freunde, die sich in schwierigen Lebensumständen befinden nicht ständig Traktate verteilen müssen mit dem Hinweis: „Das musst du fei lesen!“, sondern da sein und stützen und das nicht nur mit der Küchenpsychologie aus irgendwelchen Zeitschriften, sondern aus der Kraft Ihres eigenen Glaubens heraus. So, dass der andere spüren kann, wie sehr Sie Ihr eigenes Leben im Vertrauen auf Gottes Hilfe leben. Wir sind hier eine kleine Gemeinschaft, liebe Gemeinde: fast jeder kennt jeden. Und doch gehen diese Selbstverständlichkeiten, von denen ich gerade sprach, zunehmend verloren. Dafür gibt es Gründe, wie z.B. den, dass die Tradition zunehmend sich auflöst und neue Freiheiten alltäglich werden. Aber das ist normal: die Gesellschaft wandelt sich täglich. Schieben Sie das Nachlassen des Bekennens des einen wahren Namens nicht nur auf das Fernsehen, den Computer oder sonst irgendwas. Fangen Sie bei sich an: wir alle sind eingeladen, lebendige Zeugnisgeber zu sein, wie es Paulus beschreibt. Denken Sie zu Hause an Ihre Familien: warum sehe ich von vielen hier nur so selten die Kinder und Kindeskinder im Gottesdienst, dem Ort der Sammlung? Schenken Sie von dem, wovon Ihr Herz übergeht etwas weiter und werden Sie selbst so zu Botschaftern des freimachenden Wortes in Christus Jesus.

Paulus schließt, wie er begonnen hat: „Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, um an ihm teilzuhaben.“ Das Ziel ist benannt: es geht um die Botschaft, dass Gott den Menschen nahe ist, er sie befreit. Es geht um die Botschaft, dass Gott uns in Liebe zugetan ist. Wer diese Botschaft im Herzen trägt, wem der Glaube geschenkt worden ist, geht als freier Mensch durch diese Welt. Das ist mehr wert als alles andere, was uns auf dieser Erde zufallen könnte. Teilhaben auf Dauer kann ich dadurch, dass ich dran bleibe, mich immer wieder neu einlasse, immer wieder neu sammle, um mich immer wieder neu senden zu lassen. Denn diese Botschaft Gottes, die ja eine Botschaft der Beziehung untereinander ist, geschieht dort, wo Beziehung untereinander herrscht.

Und der Friede Gottes, der uns für unser Leben kräftig macht, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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