Was machst Du da?

Wenn ich mich in unserer Kirchengemeinde umsehe, entdecke ich eine ganze Menge Menschen, die sich engagieren, teilweise gegen Bezahlung, oft aber auch ehrenamtlich. Die KonfirmandInnen, mit denen ich darüber rede, sind ganz erstaunt: Wieso sollten Menschen das tun, ohne Bezahlung – das passt doch nicht in unsere Welt, der Freizeit so wertvoll ist, dass man sie schon als neuen Religionsinhalt beschreiben könnte.

Wen jemand schon ehrenamtlich tätig ist, sollte er doch wenigstens etwas davon haben, wenigstens einen Orden, eine Ehrung oder so etwas. Und wenn er dann gar nichts erhält, dann ist das komisch. Dann muss ich nachfragen: Was machst Du da eigentlich?

Dieser Frage musste sich schon Paulus stellen. Etwas extravagant ist er Lebensstil dieses Apostels ja schon. Unverheiratet bereist er die östliche Mittelmeer-Region und predigt und lebt mit Menschen zusammen. Dafür stünde ihm wenigstens eine Versorgung zu, aber er besteht darauf, dass er eine Lebensunterhalt selber verdient. Vielleicht wünscht sich unserer Kirchengemeinde ja Prediger mit derartiger Extravaganz – und Qualitäten des Paulus (ich muss sie da enttäuschen). Die Gemeinde in Korinth sah das wohl etwas anders. Für sie war dieses Extravaganz ein Hinweis darauf, dass dieser Paulus wohl nicht so ganz passt. Vielleicht störte sie seine Unabhängigkeit von Gaben der Gemeinde, vielleicht auch die Distanz, die er dadurch gewann. Er jedenfalls setzt sich zur Wehr:

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Direkt zu Beginn sein zentrales Stichwort, das er auch gerne wiederholt: ‚Evangelium’. Streit ist notwendig, dort wo Menschen versuchen ihr Leben am Evangelium auszurichten Da müssen Menschen ihre eigene persönliche Antwort finden.

Aber eine Gemeinde, die sich wegen Auslegungsfragen spaltet, hat noch nicht das Wesentliche begriffen, nämlich, dass das Evangelium eine Gotteskraft ist, die da selig macht alle, die daran glauben. Sicher wird es immer Auseinandersetzungen um Auslegungsfragen geben. Aber die sind zu unterscheiden vom Wesentlichen.

‚Ich predige das Evangelium’ – Daran muss sich alles messen lassen. Dient das, was ich tue dem Evangelium? Paulus selbst bleibt keine andere Wahl. Er steht unter einem inneren Druck. Vers 23 ist der Höhepunkt: Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, um an ihm teilzuhaben. Darum geht es Paulus: um die Teilhabe am Evangelium. Er sucht Menschen, die seine Leidenschaft für das Evangelium teilen und bereit sind, für den Dialog mit der Welt Einiges zu ertragen. Dafür verbiegt er sich ganz mächtig. Er wird den Griechen eine Grieche den Juden ein Jude. Er ist würden wir heute sagen nach allen Seiten offen und anpassungsfähig – und wer nach allen Seiten offen ist, gerät leicht in verdacht, nicht ganz dicht zu sein. Oder wie ein Politiker allen nach dem Maul zu reden und dabei nur an der eigenen Karriere zu zimmern.

Jedem alles sein – das ist eine Gefahr: Niemandem auf die Füße treten, sagt nicht einmal Paulus. Auch nicht: allen nach dem Mund reden. Und die Fahne in den Wind hängen hat kirchliche Tradition, aber keine seligmachende. Aber sich bewegen, um die Menschen zu erreichen. Sich anzupassen, sich auf die Ebene Anders Denkender zu begeben um mit ihnen ins Gespräch zu kommen, das kann das Heil zu den Menschen bringen.

Es macht Gemeinde kaputt, wo Schwache ihre Schwachheit ausspielen oder Starke ihre Stärke. Da ist es wie bei einer Wanderung. Da läuft nichts, wenn einige voraus eilen und andere sich hinterher schleppen. Auf einem guten Pilgerweg helfen die Starken den schwachen und die Schwachen nutzen ihre Stärken um den Starken zu helfen. Vielleicht war das auch die eigentliche Faszination der Pilgerwege aller Zeit.

Für den Apostel bleibt es wichtig, dass er versucht mit den Menschen Schritt zu halten, sich auf Menschen einzulassen und ihnen in ihrer Situation das Evangelium zu erschließen. Das trägt ihm mancherlei Vorwürfe ein. Er würde sich widersprechen, weil er aus einer Situation heraus anders argumentiert, als aus einer Anderen. Manche werfen ihm auch vor, er würde sein Mäntelchen zu sehr in den wind hängen. Aber der Hauptvorwurf trifft ihn wie ein Messer: Alles was du tust, tust du zum eigenen Ruhm. Nicht die Gemeinde steht im Mittelpunkt, sondern dein Name, dein Ruf.

Paulus ist gerade nicht deswegen Apostel, weil er sich dafür entschieden hat, sondern weil Gott sich für ihn entschieden hat und ihn berufen hat. Darauf kann er sich nichts einbilden. Damit muss er leben. Dafür will er mit jeder Faser seines Lebens einstehen. Darum trifft ihn gerade dieses Kritik, es ginge nur um seine Person auch so heftig.

Die Gnade drängt Paulus, zu verkündigen: Weil er selber Gnade spürt, muss er sie den Menschen bringen. Und diese Menschen verunglimpfen ihn nun, weil sie ihn nicht verstehen oder nicht verstehen wollen, vielleicht auch weil sie gekränkt sind.

Die Anpassung an die Menschen allein ist nicht das Ziel, das Ziel ist die Menschen zu verstehen, um ihnen das Wort des Heils in angemessener Weise zu sagen. Keine Mission mit Zwang, aber auch nicht mit Manipulation. Paulus bewegt sich hier auf dünnem Eis. Es geht nicht um eine Werbekampagne, sondern um Mission, die Menschen erreicht.

Es geht auch für mich darum: Warum rede ich von Christus und mit welchem persönlichen Einsatz? Genauer: Was bin ich bereit von mir persönlich aufzugeben, um dem anderen das Evangelium zu sagen.

Ich muss in den Spiegel schauen und mich selber fragen: Was bin ich bereit zu tun und auf mich zu nehmen, dass Menschen die befreiende Botschaft hören. Und diese Frage müssen wir uns alle in der Gemeinde stellen: Was tut Kirche damit Menschen das Evangelium hören. Hinter dicken Mauern zu sitzen, kann keine Antwort sein. Billige Aktionen bringen uns allerdings auch nicht weiter.

Aber wenn wir miteinander beten und handeln – vielleicht kommen wir dann auf eine gute Ebene um Menschen das Evangelium zu sagen.

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