Unser Gott – ohne wenn und aber?

Mich ergreift Scheu und Respekt, wenn ich diese Worte höre. So als ob ich in eine Privatsphäre eindringe, in der ich zunächst einmal nichts zu suchen habe. Es ist ein Blick über die Schultern derer, die vor uns erwählt sind und berufen bleiben, Gottesvolk zu sein. Eben ein Blick tief hinein in das Herz jüdischen Glaubens. Ich bin ergriffen, wenn ich dieses mehr als 2500 Jahre alte Glaubensbekenntnis höre, das ununterbrochen bis auf den heutigen Tag zu jedem jüdischen Morgen- und Abendgebet gehört, das bis heute in Kästchen bewahrt als Tefillin mit dem Gebetsriemen an Hand und Stirn gebunden wird. Von Generation zu Generation pflanzt sich fort, wird weitergegeben, was Gott und Gottesvolk miteinander verbindet.

Dazu bedarf es gar nicht vieler, aber dafür eindeutiger Worte: Adonai – unser Gott; Adonai – einziger Gott Adonai elohenu Adonai ächad (Den Gottesnamen wagt keiner auszusprechen, er wird umschrieben mit -„Herr“ oder „der Name“.)

Was ist es nur, was diesen Respekt in mir auslöst und den ich so nicht immer verspüre, wenn ich an unser sonntägliches Glaubensbekenntnis denke? Es ist wohl die klare und so überhaupt nicht spekulative Art und Weise, auszudrücken, worum es dem Glauben geht. Er ist unser Gott – er ist der einzige Gott. An der Einzigkeit und Alleinigkeit Gottes wird kein Zweifel gelassen. Ein Glaube, der weder damals noch heute selbstverständlich ist. Nicht nur wie letzten Sonntag gehört in Korinth war der Götterhimmel bunt wie eine Frühlingswiese, auch dort, wo Israel heimisch werden sollte und heimisch wurde, blühten die verschiedensten Kulte, mischten die Götter der Nachbarn und Mitbewohner auf dem religiösen Markt kräftig mit.

Was zunächst nur wie die Einladung zu einer klaren Entscheidung aus einem bunten Sortiment klingt:„entscheide dich, wem du vertrauen willst!“ wird bald zu einer exklusiven Klarstellung: „ Es gibt nur einen und einzigen Gott, alles andere ist null und nichtig“ Radikal und konsequent: „es ist ja doch kein anderer nicht, der für uns könnte streiten, denn du unser Gott alleine!“ ohne wenn und aber. Mich ergreift Respekt, weil diese Klarheit auch heute nicht selbstverständlich ist. Wer wagt denn von uns so neben der Einheit auch die Alleinigkeit Gottes zu bekennen?

Im Gespräch der Religionen, die ja oft genug Auslöser auch gewalttätiger Konflikte waren, fallen gerade wir Christen mit einer erstaunlichen Zurückhaltung auf, wenn es darum geht unsere Glaubensüberzeugung zu bekennen: Gott Schöpfer des Himmels und der Erde, Mensch geworden zu unserem Heil und unserer Erlösung in Jesus Christus, unter uns gegenwärtig in der Kraft des Heiligen Geistes. Unser Gott – ein einziger, alleiniger Gott. Da wird Toleranz eingefordert und zugleich verwechselt mit der Aufweichung und Verwässerung der eigenen Überzeugung: Das aber ist nicht Toleranz.

Toleranz ist die Kraft, neben meinem Bekenntnis ein anderes auszuhalten, ohne gleichzeitig im Bekennen nachzulassen. Toleranz ist ein positiver Wettstreit im offenen Bekenntnis. Aber dazu bedarf es auch der Klarheit der eigenen Überzeugung. Dem Bekennen Israels zu dem einen und einzigen Gott geht die Klarstellung Gottes den Menschen gegenüber voraus: Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Gott hat sich unverwechselbar zu erkennen gegeben. Es ist also nicht mir überlassen, auszusuchen, wie mein persönlicher Gott wohl aussehen könnte. Patchworkreligiosität, wo ich einem Grundbestand christlichen Glaubens ein wenig Esoterik hinzufüge, gewürzt mit einer Prise europäisch gefärbten Buddhismus und das ganze dann unverbindlich privatisiere und individualisiere, wird jedenfalls eindeutig ausgeschlossen. Höre Israel: unser Gott ist ein einziger Gott.

Das mag abschrecken, weil viele es vielleicht gar nicht so klar und verbindlich hören wollen, aber es macht auch deutlich, dass ich mich nicht neutral verhalten kann. Ich kann Gott nicht im Schaufenster des Lebens betrachten und dann wie beim Bummeln durch das Einkaufcenter weitergehen. Mit ganzem Herzen und ganzer Seele und mit aller Kraft, mit allen Sinnen und allem Verstand, mit Leib und Seele, geht es mich etwas an. Es kann eigentlich auf Gottes Anspruch, unser Gott sein zu wollen, nur eine klare, verbindliche Lebensantwort geben: sich mit Haut und Haaren, diesem Gott zu verschreiben. Seine Worte, die alle aufgehen in dem einen Wort, das Jesus Christus verkörpert, wollen in unseren Herzen Wurzeln schlagen, unsere Hände binden und führen, unsere Blicke lenken und uns Tag und Nacht bergen und begleiten.

Ich weiß, das wir alle diesem Anspruch nicht gerecht werden können. Es bricht so vieles andere im Alltag über uns herein, so viele Stimmen rufen uns, so viele Hände zerren an uns. Wir sind hin und hergerissen von Wünschen und Verpflichtungen, erliegen den Verlockungen um uns herum, ergeben uns der Schnelllebigkeit unserer Zeit. Und dennoch geht mir Gottes Ruf buchstäblich nach. Mensch, wo gehörst du denn hin? Fürchte dich nicht vor der Nähe und dem Anspruch Gottes auf dein Leben. Lebe aus der engen Verbundenheit und entdecke die Freiheit, die daraus wachsen kann, nicht mehr Spielball im Leben, sondern Akteur des Glaubens zu sein.

Nicht umsonst spricht Paulus von der wunderbaren Freiheit der Kinder Gottes und Martin Luther von der Freiheit eines Christenmenschen. Das ist Glaubenserfahrung, wenn Menschen Gott ihren Gott sein lassen von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Nun beklagen sich viele, dass der Glaube es schwer hat in unserer Gegenwart, oder betonen, dass er letztlich doch unverfügbar sei. Aber das befreit uns noch nicht von der Verpflichtung, diesen Glauben, den, wir von unseren Müttern und Vätern anvertraut bekommen haben, weiterzugeben, von Generation zu Generation, in alter Zeit angefangen, aufgefädelt wie Perlen einer langen Kette.

Das „Schema Jisrael“ ist kein Patentrezept zur Glaubenstradierung, aber es ist ganz pragmatisch. Wie der Lehrer die Schüler zum Hören und damit zu Aufmerksamkeit auffordert, sollen wir unsere Kinder ermuntern, auf die Geschichten des Glaubens zu hören und einzustimmen in die alten Worte. Es ist wie ein Strom, der weiterdrängt. Wo mein Herz ergriffen und erfüllt ist von der Wirklichkeit Gottes, wo sein Wort in meinem Herzen brennt, da will ich davon reden, weitersagen und weitergeben, was mir so kostbar geworden ist. Der Glaube wurde in alten Zeiten in den Familien weitergegeben. Der Vater und die Mutter erzählten es den Kindern, die Großeltern taten das Ihrige dazu. Wie oft höre ich, wie der Glaube der Großmutter oder das Gottvertrauen des Großvaters geprägt hat.

Luther verstand seinen Katechismus nicht als Unterrichtsbuch für den gemeindlichen Konfirmandenunterricht, sondern als Handreichung für die Väter und Mütter bei der Unterweisung ihrer Kinder. Wir begnügen uns viel zu schnell , das Erzählen von konkreten Glaubensgeschichten an Christenlehre, Konfirmandenunterricht oder Religionsunterricht delegiert zu haben, dabei gehört es in die Familie. Es bedarf oft gar nicht der großen Worte, auch nicht der eigenen. Ich muss auch nicht alles wirklich schon begriffen haben. Ich darf eintauchen in die Worte, die Menschen vor mir gefunden haben. Der Glaube lebt auch aus der Wiederholung. So wie seit Jahrhunderten das Schema Jisrael gebetet wird und tief in die Lebenswirklichkeit eindringt, so können auch wir entdecken, welche Tragkraft, welches Staunen, welche Hoffnung in den alten Worten unseres Glaubens liegen. Auf ihre Art führen sie weiter, was schon Israel bekannt hat: Höre, Israel! Er unser Gott, Er einer! (Martin Buber)

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