Pfarrer Gehtnichthin oder Pfarrer Kommtzuallen?

Liebe Gemeinde,

dieser Paulus reizt mich zum Widerspruch. Er sagt ja kurzgesprochen – und das ist bei uns zum Sprichwort geworden: „Den Juden ein Jude sein und den Heiden ein Heide sein.“ Den Juden ein Jude zu sein, also sich wie ein Jude zu verhalten, das ginge ja vielleicht noch. Aber soll ich auch den Nazis ein Nazi sein? Den Terroristen ein Terrorist, den Schlägern ein Schläger und den Verbrechern ein Verbrecher? Den Bonzen in den Hintern kriechen, die Mächtigen hofieren, mit einem Wort: Mich bei allen anbiedern?

Das darf doch nicht sein, dass gerade der streitsüchtige Paulus so redet. Denn wenn ich diesen Gedanken wirklich in seiner letzten Konsequenz verfolge, bedeutet das für mich auch, dass ich unverbindlich werde. Eine Unverbindlichkeit liegt darin, wenn mir Menschen sagen: „Ach Herr Pfarrer, wir haben doch alle denselben Glauben!“

Nein, haben wir nicht. Wir glauben etwas anderes als Juden, als Muslime, Hindus und Buddhisten sowieso, gar nicht zu reden von Hare Krishnas, Zeugen Jehovas oder Bhagwans. Und wir glauben auch nicht das Gleiche wie unsere katholischen Mitchristen!

Allerdings muss ich einräumen, dass Paulus seine Aussage so auch nicht meint. Ein erstes Verständnis dessen, was er ausdrücken will, kann der Vergleich zwischen zwei Pfarrern deutlich machen: Zwischen Pfarrer Gehtnichthin und Pfarrer Kommtzuallen.

Pfarrer Gehtnichthin ist Pfarrer einer größeren Gemeinde. Er hat eine genaue Vorstellung davon, wie er Menschen zum Glauben an Gott zieht: Er wartet darauf, dass sie zu ihm mit ihren Fragen kommen. Dann packt er sein theologisches Fachwissen aus und erklärt ihnen Gott von A bis Z: Von der Schöpfung über Jesus zu unserem Leben hin und zum Sinn des Lebens. Er will keineswegs jemanden die gute Nachricht überstülpen, sie missionieren, denn das hat in seinen Augen keinen Bestand. Vielmehr sollen sie freiwillig überzeugt werden. Pfarrer Gehtnichthin ist nur traurig, dass so wenige Interessierte zu ihm kommen. Dabei gilt seine Einladung doch allen!

Pfarrer Kommtzuallen handelt ganz anders: Er ist ständig unterwegs, trifft hier Menschen und macht dort Hausbesuche. Er hört den Menschen zu, ob im Wirtshaus oder auf der Straße. Er sagt seine Meinung zu allem und redet immer wieder von seinem Glauben, von Gott. Denn er hat festgestellt, dass die Menschen bereitwillig reden und zuhören, wenn er als Ansprechpartner zur Verfügung steht.

Liebe Gemeinde, Sie merken schon, es sind arge Karikaturen von Pfarrerbildern. Aber welchen von den beiden hätten Sie lieber hier in Thierstein? Lieber den Pfarrer Gehtnichthin oder Pfarrer Kommtzuallen?

Pfarrer Gehtnichthin hält an seinen Überzeugungen fest. Keinen Schritt weit er weicht er ab von ihnen. Er ist nicht „den Juden ein Jude und den Heiden ein Heide“, sondern er ist ganz klar ein Christ. Wer mit ihm zu tun hat, weiß, dass er mit Leib und Seele Pfarrer ist.

Bei Pfarrer Kommtzuallen kann man dagegen annehmen, dass er „Juden ein Jude und Heiden ein Heide ist“. Denn er nimmt die Menschen dort wahr, wo sie gerade sind. Mit den Wirtshaushockern sitzt er im Wirtshaus, mit den Sportlern trifft man ihn am Sportplatz, mit den Frommen beschäftigt er sich im Bibelkreis. Er akzeptiert die Menschen, wie sie sind. Bei ihm gilt es keine Voraussetzungen zu erbringen, niemand muss ihn im Pfarramt aufsuchen.

Diese Empathie, dieses Einfühlungsvermögen meint Paulus, wenn er so schreibt. Und das ist wichtig. Denn nur, wer sich so vom Pfarrer angenommen und verstanden fühlt, der ist bereit über seinen Glauben, über Gott und den Sinn des Lebens zu sprechen.

Stellt sich allerdings die Frage, warum das so wichtig ist. Schließlich hat Pfarrer Gehtnichthin doch auch einen interessanten Glaubensansatz: Niemanden gegen seinen Willen zu missionieren! Dennoch hat er unrecht, und er müsste sich mit unserer Predigtstelle etwas genauer noch beschäftigen. Paulus schreibt ganz zu Beginn: „Denn dass ich das Evangelium predige, dessen darf ich mich nicht rühmen; denn ich muss es tun. Und wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte! Täte ich’s aus eigenem Willen, so erhielte ich Lohn. Tue ich’s aber nicht aus eigenem Willen, so ist mir doch das Amt anvertraut.“

Ich beziehe diese Aussage nicht nur auf Paulus. Sie gilt mit Sicherheit jedem Pfarrer, oder besser gesagt jedem Hauptamtlichen in der Gemeinde: Wir müssen das Evangelium predigen, denn es wurde uns von Gott anvertraut. Doch darüber hinaus denke ich, dass es Aufgabe eines jeden Christen – also auch Aufgabe von Ihnen allen hier – ist, das Evangelium zu predigen: Das Evangelium, das ist die gute Botschaft Gottes weitersagen, von den eigenen Erfahrungen mit Gott zu berichten, Menschen das Reich Gottes nahezubringen. Denn wer nur herumstolziert, die Brust geschwellt und angibt: „Ich bin Christ!“ – und handelt nicht entsprechend – welchen Lohn hat der? Stattdessen sollen – jeder nach seinem Können – die Alten den Kindern von Gott erzählen, die einen die anderen stärken, die Starken im Glauben den Schwachen Mut auf das Reich Gottes machen. Denn schließlich gilt allen die Einladung Gottes, wie Christus es formuliert: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch

erquicken!“ (Mt.11,28) Die sollen wir weitersagen.

Und hier wird deutlich, dass ich mich anpassen muss. Denn wenn ich nur hochgestochen und mit diversen Fremdworten durchsetzt von meinem Glauben rede, dann würden Sie kein Wort meiner Predigt verstehen. Stattdessen erinnere ich mich, dass meine Großmutter zu mir, als ich sechs oder sieben Jahre alt war, ganz kindgerecht von ihrem Glauben erzählt hat. So will und soll ich es auch heute halten. Ich will so von meinem Glauben erzählen, dass meine Zuhörer es verstehen: In der Schule anders als im Altenheim, und dort wieder anders als im Kindergarten oder im Frauenkreis. Wenn mir das gelingt – den Kindern ein Kind zu werden, den Alten ein Alter zu sein, den Juden ein Jude und den Heiden ein Heide, und dabei die gute Botschaft Gottes auszurichten, dann richte ich Gottes gute Botschaft aus: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!“ (Mt.11,28)

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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