Mäntelchen im Wind

Mir sind die Worte noch im Ohr: "Ein evangelischer Pfarrer ist ein freier Mann und doch jedermanns Knecht". Friedrich Schorlemmer zitierte frei nach Paulus in seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche. Zwar werden Pfarrer im Gegensatz zu Paulus für ihren Dienst vergütet – aber dennoch kann es ganz schön anstrengend sein mit dem Versuch "möglichst viele" zu gewinnen für das Evangelium. Gerade hier in unserer Gegend. Ähnlich wie Paulus fühlt man sich hin- und hergerissen zwischen unterschiedlichen Gruppen, die man doch am liebsten alle halten oder dazugewinnen möchte.

Da gibt es die, die immer dabei waren, die Kirche so haben wollen, wie sie immer war. Möglichst soll der Gottesdienst, sollen die Lieder so sein wie sie es bei ihrem Konfirmationspfarrer gelernt haben – und im schwarzen Talar bitte, ohne "Firlefanz" wie Stola oder weißer Tauftalar, aber auch nicht im Straßenanzug. Und keine moderne Musik, sondern Orgel oder gar nichts. Vergleichbar wären die mit den Juden, die die Tradition gewahrt wissen wollen.

Und dann gibt es einige junge Leute, die gerne frischen Wind in der Kirche sehen würden, mehr freie Gebete, mehr Anbetungslieder, neue Rhythmen und Texte, sozusagen Jesus zum Anfassen. Da finden die Alten ihre Kirche nicht wieder. Und ich, ich habe da auch meine Anpassungsprobleme, ich bin nicht gerade der Typ, der die Arme hochhebt und "Jesus loves You" ruft, zumal ich gar kein Englisch kann. Trotzdem finde ich, diejenigen, denen sich Gott auf diese Weise offenbart, haben ihre Existenzberechtigung in unserer Kirche.

Paulus konnte den Juden gut ein Jude werden, denn er war einer und in dieser Tradition aufgewachsen. So, wie ich in gut evangelischer Tradition aufgewachsen bin, eben ohne "Firlefanz". Denen, die ohne Gesetz sind, bin ich wie einer ohne Gesetz geworden, damit tun sich dann diejenigen schwer, die unter dem Gesetz leben wollen und das auch für andere einfordern. Ich habe es erlebt, dass Pfarrern übel angekreidet wurde, wenn sie eine linke Szenekneipe aufgesucht haben und dort mit Jugendlichen über Gott und die Welt diskutiert haben. "Der sollte lieber Geburtstagsbesuche bei den alten Leuten machen, die immer zur Kirche gekommen sind". Paulus setzt dem entgegen: "Ich bin im Gesetz Christi, damit ich die, die ohne Gesetz sind, gewinne. Das Gesetz Christi, das ist die Liebe zum Nächsten und die Aufforderung "einer trage des andern Last". Womit wir gleich bei den Schwachen wären:

Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, damit ich die Schwachen gewinne

Das klingt so nach Kalkül. So, als ob sich da ein Starker schwach stellt, nur um Schwache auf seine Seite zu bringen. Ich denke aber, Paulus meint damit, dass er seine Schwächen nicht verschweigt. Die hat er ja durchaus – und wir kennen sie deshalb, weil er immer wieder darüber gesprochen hat. Seine Vergangenheit als Christenverfolger beispielsweise. Trotzdem komme ich bei dem Text ins Grübeln: Verbiegt sich Paulus denn nicht bis zur Profillosigkeit? "Sei authentisch" wird jungen Predigern immer wieder mit auf den Weg gegeben. Wo bleibt solche Authentizität, wenn ich versuche, mich jeder Gruppe anzupassen, nur um keinen zu verlieren? Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette. Klingt da nicht doch ein Stück Zerrissenheit und Überlastung durch?

Nirgends steht, dass Paulus wirklich gesetzlos geworden sei, also zum Beispiel, nur um von den Gesetzlosen anerkannt zu werden, fremde Götter angebetet hätte oder irgendwie über das hinausgegangen wäre, was er verantworten kann. Vielleicht hat er mal mit Leuten, die sich nicht an die jüdischen Speisegebote halten, gegessen, auch wenn es nicht streng koscher war. Will sagen, er ist den Menschen entgegen gegangen, aber nicht bis zum Verrat seiner Botschaft. Auf heute bezogen: Es wird beispielsweise immer ganz gerne gesehen, wenn der Pfarrer bei örtlichen weltlichen Festen erscheint. Aber nur, weil die anderen dort literweise Bier trinken, muss er sich nicht betrinken.

Oder jemand schüttet sein Herz aus, weil er krank ist und Schmerzen hat. Es hilft demjenigen wenig, wenn der Seelsorger nun seine sämtlichen eigenen Beschwerden mit in den Tränenkrug wirft. Es kann aber erleichternd sein, wenn er an dieser Stelle nicht den immer vitalen Stehaufmann spielt. Oder jemand kommt und will über seine Zweifel reden, über seine Probleme mit dem Glauben. Auch hier ist es eine Gratwanderung: es wäre vermessen, zu äußern, man habe niemals Probleme im Glauben gehabt, aber es wäre Verrat an der Sache Jesu Christi, dem Zweifel Nahrung zu geben nach dem Muster: "Naja, Sie müssen nicht alles so wörtlich nehmen, was in der Bibel steht".

Paulus hat ein Anliegen, das wir heute in dieser entchristlichten Region auch haben: er möchte möglichst viele Menschen für das Evangelium gewinnen. Bei Paulus ging es um solche, die den Gott Israels schon kennen und solche, die an griechische oder ägyptische Götter glauben.

Und bei uns? Zum geringen Teil geht es um Menschen, die auf dem Papier noch zur Kirche gehören, zum größeren Teil um solche, die bewusst ausgetreten sind aus den unterschiedlichsten Gründen: die einen, weil es in der DDR nicht systemkonform war und nicht wiedergekommen sind in inzwischen 18 Jahren der Religionsfreiheit. Und dann gibt es den wachsenden Teil der jüngeren Menschen, die weder christlich noch sozialistisch erzogen sind und die gar nichts glauben. Leute, die gar nichts glauben, die gab es in Korinth zur Zeit des Paulus nicht. Die gibt es in den meisten Ländern der Erde bis heute nicht. Hierzulande bilden sie die Mehrheit. Der Osten Deutschlands und Tschechien sind da so eine Ausnahme. Was wäre Paulus wohl denen gewesen?

Ich denke, er hätte mit ihnen gesprochen und sie da abgeholt, wo sie stehen: bei ihrer Unzufriedenheit und Verbitterung. Oder er hätte mit ihnen über das gesprochen, woran sie glauben, ihre Familie, ihre Kinder, ihre Gesundheit …

Und wie wäre er dann auf das Evangelium gekommen? Und hätte er sie gewinnen können, die Menschen, die sich um ihre Vergangenheit und Zukunft betrogen glauben? Ich weiß es nicht, auch Paulus ist schließlich nicht überall auf Zustimmung gestoßen. Er wurde gesteinigt, ausgepeitscht, ins Gefängnis geworfen, musste in einem Korb eine Stadtmauer hinabgeseilt werden, um sich zu retten. Trotzdem hat er weiter gemacht, um einige zu retten.

Der Andere, der Mitmensch, mein Nächster muss meine Orientierung sein. Er bestimmt das Wie. Wenn ich bei ihm theologische Bildung voraussetzen kann, darf ich wohl auch einmal in theologischen Begriffen reden.

Wenn er sich aufs religiöse Gefühl versteht, darf ich auch einmal seine oder meine Gefühle für Jesus ansprechen. Und ich darf wohl auch auf die Gebote und das Gesetz Gottes hinweisen, wenn es denn nötig ist. Aber: Stets ist der Andere das Maß meines Redens und Handelns! Nicht die Tatsache, dass ich so oder so von Gott reden kann, soll mich leiten, sondern das, was mein Mitmensch braucht, was seine Fragen sind, seine Probleme und Nöte. Ihm muss mein Reden entsprechen, denn ihn will ich für Gott gewinnen!

So gewinnt das Mäntelchen im Wind eine völlig neue Bedeutung. Ich rede zu den Anderen, aber ich rede ihnen nicht nach ihrem Mund.

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