Ein Raum der Geborgenheit

Liebe Gemeinde!

Deutschlands Schüler müssen viel aushalten. So ging es in dieser Woche durch die Presse. Jedes dritte Kind in der Altersgruppe der 9-14Jährigen wird gehänselt. Oft geht es ums Aussehen, um Geld oder um Schulnoten. Die Kinder leiden darunter, dass sie ausgegrenzt werden. Ihnen geht es schlecht, weil sie verspottet werden. In der Schule möchte keiner neben ihnen sitzen. Auf der Klassenfahrt möchte niemand mit ihnen das Zimmer teilen. In der Freizeit trifft sich niemand mit ihnen. Diese Meldung der Nachrichten finde ich in meinem Umkreis oft bestätigt. Mütter klagen mir, dass sie nicht wissen, wie sie ihr Kind zur Schule motivieren sollen. Es hätte permanent Angst vor den Mitschülerinnen und Mitschülern. In Konfirmandengruppen erlebe ich es manchmal, wie einzelne Jugendliche allein bleiben. Es ist dann auch nicht immer so leicht, die soziale Ader der anderen zu bestärken und Gemeinschaft zu ermöglichen. Manchmal erzählen mir Erwachsene, dass sie in der Kindheit zu den Außenseitern gehörten und nun froh sind, dass sie später mit ihren Eigenheiten akzeptiert wurden und Freunde fanden.

Das, was in diesen Tagen über die Kinder in den Nachrichten gesagt wurde, trifft allerdings auch manchmal auf die Erwachsenen zu. Auch Erwachsene haben es hin und wieder schwer, Anerkennung zu finden. Auch Erwachsene müssen manchmal lange suchen, bis sie Freunde finden. Auch Erwachsene müssen sich bisweilen sehr mühen, ihren Standpunkt nach außen zu vertreten. Auch sie wünschen sich, verstanden zu werden und finden aber nicht immer Verständnis. Einige ziehen sich enttäuscht zurück. Andere kämpfen um ihre Position. So entsteht Streit.

Der Apostel Paulus hat Ähnliches erlebt in Korinth. So sehr hatte er sich um die Gemeinde dort bemüht. Aber irgendwann wird das von der Gemeinde nicht mehr wahr genommen und geschätzt. Im Gegenteil: Sie bezeichnen Paulus als Überapostel. Sie werfen ihm vor, er sei zu schwach. Von seinem rednerischen Vermögen meinen sie, es wäre überhaupt nicht überzeugend. Außerdem finden sie Paulus gesamte Erscheinung und sein Auftreten sehr zweifelhaft. Es scheint so, dass Paulus mit dem Rücken zur Wand steht. Und natürlich ist es so wie bei uns heute: Da vermischen sich in Auseinandersetzungen Sachargumente und persönliche Ansichten. Da vermischt sich der christliche Glaube mit eigenen theologischen Deutungen. Der Wunsch, den Glauben weiter zu geben, vermischt sich mit eigenen Interessen. Wer will das immer auseinander dividieren? Wer kann immer unterscheiden, wo das eine aufhört und das andere anfängt?

Paulus sucht das Verbindende. Er geht auf die Andersdenkenden zu. Er verweist auf Gott, der Himmel und Erde verbindet und Mensch und Mensch untereinander. Dazu hören wir den Predigttext heute. Er steht im zweiten Korintherbrief Kapitel 13, 11-13:

[TEXT]

Kam der letzte Satz Ihnen bekannt vor? Ich habe ihn eben vor der Predigt gesprochen, so wie ich es immer tue. Es ist der sogenannte Kanzelgruß. Er ist praktisch eine Segensbitte, unter die wir die Predigt und das Predigthören stellen. Gottes Segen umgebe alle, die heute hier sind. Paulus stellt die Menschen, mit denen er sich auseinander setzt unter Gottes Segen. Was kann man Besseres tun als Christ oder Christin? Unter Gottes Segen wird alles andere seinen Ort finden. Im Segen werden sich Beziehungen ordnen und klären. Unter Gottes Segen wächst der Glaube.

An erster Stelle steht die Gnade unseres Herrn Jesus Christus. Der deutsche begriff Gnade leitet sich her aus dem Mittelhochdeutschen und beinhaltet Rast, Ruhe, Frieden und Schutz. Das alles brauchen und wünschen wir für unser Leben, auch für unser Miteinander. Genau das hat Paulus gefehlt im Gespräch mit den Korinthern. Genau das fehlt uns heute so oft: Rast, Ruhe, Frieden und Schutz. Und das hat Jesus Christus uns gegeben mit seinem Leben, mit seinem Tod am Kreuz, mit seiner Auferstehung und Gegenwart. Gnade kann sich niemand selber geben. Es wird uns geschenkt, auch heute. Gnade geht weit über das hinaus, was uns von Gott trennt. Unsere Sünde. Jesus Christus verbindet, was getrennt ist. Das ist Gnade. So haben sogar unsere Krisensituationen und unsere Konfliktpunkte eine Chance. Die Gnade Jesu Christi kann auch sie überwinden. Deswegen weist Paulus darauf hin.

Als zweites nennt er die Liebe Gottes. Aus dieser Liebe leben wir. Wir brauchen sie. Das ist vielen Menschen sehr bewusst. Ich merke es immer bei Taufgesprächen und bei Traugesprächen: Viele wünschen sich den Spruch aus dem 1.Korintherbrief: Nun aber bleiben Glaube, Liebe, Hoffnung, aber die Liebe ist die Größte unter ihnen. Wir wünschen Liebe für unsere Ehen, für unsere Kinder, für uns selber. Wir können nicht fortlaufend selber Liebe hervor bringen. Gottes Liebe ist unsere Quelle.

Zuletzt nennt Paulus die Gemeinschaft des Heiligen Geistes. Gerade heute, eine Woche nach Pfingsten klingt die Pfingstgeschichte noch durch. Gottes Geist bewirkt Leben. Er schafft Frieden und Verstehen. Er weckt Glauben. Sein Geist bringt uns Gott nah. Er macht Wunder möglich in unseren eigenen Herzen und auch bei anderen.

An dieser Stelle will ich endlich sagen, warum gerade dieser Kanzelgruß heute der Predigttext ist: Heute ist nämlich der Sonntag Trinitatis. Die Dreieinigkeit Gottes wird nicht nur bedacht, sondern gepriesen. Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist – ein Gottesbild, das vielen Probleme bereitet, auch den Theologen. Aber gerade in den segnenden Sätzen des Paulus kommt der Dreieinigkeit Gottes ein wunderbarer Ort zu. Denn sie zeigen, wie Gott sich auf uns zu bewegt. Er ist kein starrer Gott. Er ist lebendig. In Jesus Christus erweist er uns seine Gnade. Im Vater lässt uns seine Liebe geborgen sein. Im Heiligen Geist entsteht Gemeinschaft. Es hat etwas Heilsames, dass Gott in dieser Weise für uns da ist.

Deswegen beginnen wir ja jeden Gottesdienst im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Nach dem Psalm singen wir immer: Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist. Im Glaubensbekenntnis beziehen wir uns auf den dreieinigen Gott. Und jede Taufe geschieht auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Wenn wir diese Sätze sprechen, mag es formelhaft klingen, aber sie eröffnen uns einen weiten Raum, einen geschützten Raum, einen Ort, an dem Gott uns nah ist. So werden alle Ängste und Auseinandersetzungen durch Gottes Gegenwart gesegnet. Das wünsche ich für uns alle: Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

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