Lass stecken!

Liebe Gemeinde!

Die Pfingsterzählung, wie wir sie in der Apostelgeschichte nachlesen können, fasst in wenigen Bilder zusammen, wie die christliche Kirche entstand, und was Kirche bedeutet.

Nachdem Jesus gekreuzigt worden war, schienen alle Hoffnungen, die sich an ihn geknüpft hatten, dahin. Doch nach drei Tagen erschien Jesus seinen Jüngern so lebendig, ja noch lebendiger als eh und je. Beim Essen war er mit dabei. Ja er reichte ihnen selbst das Brot. Greifbar, spürbar war er nahe, wenn sie beieinander waren. Und Vieles, was sie vorher mit ihm erlebt oder von ihm gehört hatten, sahen sie nun in einem anderen Licht, als wären ihnen eben erst die Augen aufgegangen, als lebten sie aus einem neuen Geist. Jesus war, anders als vorher, allgegenwärtig. Jünger auf dem Weg nach Emmaus erlebten seine Gegenwart genauso wie Jünger in Jerusalem. Und da war es beinahe nur eine Bestätigung dessen, was die Jünger ohnehin fühlten, als Jesus in den Himmel aufgenommen wurde. Das heißt dort ist, wo auch Gott ist: überall.

An Pfingsten schwappte der neue Geist, aus dem die Jünger lebten, über auf viele Menschen. Wovon das Herz voll ist, davon geht eben der Mund über. Und so erzählten Petrus und die anderen Jünger mit brennendem Herzen und brennender Zunge, was sie bewegte:

TEXT in Auswahl:

2,22 Ihr Menschen … , hört diese Worte:

Ihr wisst, Gott hat euch Jesus von Nazareth (als den Messias) gezeigt, durch Taten und Wunder und Zeichen, die Gott durch

ihn mitten unter euch getan habt. 23 Diesen Mann habt ihr … ans Kreuz geschlagen und umgebracht. … 24 Gott hat ihn aber wieder auferweckt. Er hat die Schmerzen des Todes aufgelöst. Der Tod konnte ihn nicht halten. (…) 32 Diesen Jesus hat Gott auferweckt; dafür sind wir alle Zeugen. 33 Gott hat ihn erhöht. Er gab ihm seinen Geist. Und diesen hat er nun ausgegossen, wie ihr hier seht und hört. (…) 36 Nun wisst ihr, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht hat. 37 Als die Leute das hörten, ging’s ihnen durchs Herz, und sie sagten zu Petrus und den andern Aposteln: Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir tun?

Liebe Gemeinde!

Petrus erzählt begeistert von dem, was ihn umtreibt. Jesus wurde umgebracht und wir sind mit schuld daran. Aber Gott hat ihn wieder auferweckt. Aus dem Geist dieses Christus, den der Tod nicht halten konnte, lebt Petrus. Und Petrus bietet uns an, dass wir alle aus diesem Geist leben dürfen.

Den Leuten ging die Predigt des Petrus in Herz. Betroffen waren sie vielleicht, wie wir betroffen sind, wenn wir uns klar machen, dass wir am dauerhaften Hunger in der Welt und der speziellen Hungerkrise momentan Mitschuld tragen, dass Menschen sterben an unserer Bequemlichkeit, Ignoranz und unserem Geiz.

Betroffen waren sie vermutlich, die Leute damals. Und dann sahen sie an diesem Petrus und seiner Begeisterung, dass da jemand aus einem Geist heraus lebte, den sie nicht kannten. Aus dem Mund des Petrus kam kein Hass, keine Rachegelüste. So begeistert, wie er auftrat, konnten sie nicht einmal Bedrückung oder Resignation bei ihm wahrnehmen. Nein, dieser Mensch sprühte geradezu vor Freude, obwohl man vor ein paar Wochen seine Hoffnung begraben hatte. Und Petrus sagte ihnen auch warum er vor Freude nur so sprühte: Ich, wir alle hier haben erfahren, sagte er: Unsere Hoffnung schien vernichtet, als Jesus starb. Aber wir durften erleben, dass Jesus noch lebendiger als eh und je ist. Greifbar, spürbar ist er nahe, wenn wir beieinander sind. Nun erscheint uns alles in einem anderen Licht als wären uns eben erst die Augen aufgegangen, als lebten wir aus einem neuen Geist. Dieser Geist kann verwandeln, liebe Leute: Aus Rache wird Vergebung. Aus Verbitterung macht dieser Geist Freude. Ja sogar aus dem Tod wird Leben.

Dass dieser Geist Petrus verwandelte, dass der ihn mutig, zuversichtlich und lebendig bis in Haarspitzen machte, dass konnte jeder spüren. So etwas versteht man, selbst wenn eine andere Sprache spricht. Es traf die Leute mitten ins Herz. Und sie fragten: Was müssen wir tun, damit dieser Geist auch über uns kommt? Was müssen wir tun, liebe Gemeinde, um aus diesem Geist zu leben, der Rache in Vergebung, Verbitterung in Freude, Tod in Leben verwandeln kann, und uns lebendig macht bis in die Haarspitzen? Was müssen wir dafür tun?

Ich habe neulich die Ansprache eines bekannten evangelikalen Missionspredigers gehört, die er vor vielen Jugendlichen gehalten hat. Sie war sehr einprägsam und hatte zugegebenermaßen ein gewisses Feuer. Er legte das Gleichnis vom barmherzigen Samariter aus und fand sehr treffende Beispiele für den Menschen, der in diesem Gleichnis von Räubern zusammengeschlagen im Straßengraben liegen bleibt. Im Straßengraben, sagte er, liegen heute die Opfer von Kinderpornografie und Prostitution. Im Straßengraben liegen die vielen Kinder, die verhungern auf dieser Welt. Im Straßengraben liegen die Kindersoldaten dieser Welt, deren Seele gebrochen wird. Im Straßengraben liegen die Opfer von AIDS.

Sehr eindringlich schilderte er ihre Not. Und rief dann dazu auf, dass wir tätig werden für diese Menschen. Dass wir uns in Gottes Dienst nehmen lassen und aktiv werden.

Mein Eindruck von dieser Predigt: sehr einprägsam aber auch sehr drängend: Ein ethischer Appell kombiniert mit der Botschaft: Jesus gibt dir Kraft dazu.

Luther meinte ja etwas vereinfacht: Die guten Werke kommen sozusagen ganz von alleine, wenn man glaubt. Der Unterton der Predigt gab mir aber eher zu verstehen: Man muss ganz kräftig an die Leute ranpredigen, und emotionalen Druck aufbauen, damit gute Werke kommen: 20% Evangelium, 80% Ethik.

Und da drängt sich für mich die Frage auf: Was soll denn die Predigt dieses evangelikalen Missionars bewirken? Welchen Glauben soll sie wecken?

Der Unterton seiner Predigt sagte: "Ich will Menschen, die handeln, die diese und jene Probleme angehen und missionieren." Ich würde mir wünschen, dass er statt dessen in jedem Wort wie Petrus ausschwitzt hätte: "Ich will erlöste, befreite Menschen."

Die Predigt des Evangeliums im Sinne Gottes schafft einen erlösten Glauben. Aus ihm kommen erlöste Werke. Eine Predigt die nicht durch und durch befreiend wirkt, mag zwar auch viele gute Werke schaffen, indem sie zu guten Werken drängt. Die Gefahr ist da aber zumindest groß, dass kein erlöster, befreiter Glaube dabei herauskommt, der aus wirklicher Freiheit heraus Gutes tut, sondern ein zwanghafter Glaube.

Wenn wir dann ernst nehmen, dass lebendiger Glaube zwangsläufig gute Werke hervorbringt (Luther und Paulus und überhaupt alle), dann sollte man sich´s schenken in Predigten, den ganzen Handlungsdruck aufzubauen. Damit man dem Heiligen Geist nicht im Weg steht, wenn er Menschen zum Glauben führen will, der erlöst/befreit, statt unter Druck zu setzen. Man muss dem Heiligen Geist schon zutrauen, dass er Glauben weckt, der ganz selbstverständlich gute Werke hervorbringt.

Aber was ist denn dann mit den Vielen, die sagen, dass sie glauben, aber doch eher wenig Gutes tun? Ist ihr Glaube dann nicht tot? Ja, das mag sein.

Aber ein toter Glaube wird nicht durch Werke wieder lebendig, sondern weil Gott ihn auferweckt, ihn befreit, ihn lebendig macht bis in die Haarspitzen hinein. Zu einem Toten zu sagen, "tu was!", weckt nur Zombis. Ich will keine Zombis. Ich will die Auferweckung der Toten. Also muss ich auch DAVON erzählen, und nur davon. Und die Moralpredigt sollte ich mir dann sparen.

Als Petrus gefragt wird, was man denn tun soll, damit man aus Gottes Geist heraus lebt, sagt Petrus nicht: Hilf Missbrauchten Menschen, kümmere dich um Kindersoldaten und AIDS-Kranke.

„Petrus sprach zu ihnen: Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr die Gabe des heiligen Geistes bekommen.“ (Apg 2, 38)

Sich Gott anvertrauen und seine Vergebung annehmen. Das ist alles, was wir tun müssen. Befreiung aus Sünden, aus Tod und unguten Zwängen: Das ist die Botschaft Gottes. Gottes Geist ist Befreiung und Erlösung durch und durch. Gott will uns lebendig machen. Sein Geist heißt Leben. Durch die Taufe sind wir befreit zum Leben immer wieder jeden Tag neu.

„Die, die sein Wort annahmen, ließen sich taufen“, hören wir in der Apostelgeschichte: „dreitausend Menschen an diesem Tag.“ (Apg 2, 40)

Und ohne dass Petrus auch nur ein Wort über ethische Verpflichtungen des Glaubens verliert, weiß die Apostelgeschichte schon einen Vers weiter zu berichten:

„Und sie hielten alle fest an der Lehre der Apostel, an der Gemeinschaft und am Brotbrechen und im Gebet. Sie blieben beieinander und teilten alles, was sie hatten. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte.“ (Apg 2, 41)

In ihrem ganzen Wesen, in allem, was sie sagt und tut, hat die Kirche nur eines zu verkündigen: nämlich Gott, der alles gibt, und der nichts anderes will als Freiheit und Erlösung für alle und immer und jedes einzelne Geschöpf. Wo wir nicht befreiend und erlösend wirken, verkündigen wir einen anderen Gott.

Leider schreiben wir wohl alle als Nachfolger Petri Erlösung und Freiheit nicht immer ganz groß. Aber lassen wir uns doch von Petrus anstecken, wie er begeistert von der Freiheit Gottes erzählt, des Gottes, den selbst der Tod nicht halten kann, und der uns teilhaben lassen will an seinem Geist der Freiheit, der lebendig macht bis in die Haarspitzen hinein. Hören wir Petrus noch eine Weile zu – in Gedanken.

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