Ganz nah bei Gott und ganz nah bei mir

Das ist buchstäblich Musik in meinen Ohren: der Geist hilft unserer Schwachheit auf, denn wir wissen nicht, was wir beten sollen wie sich’s gebühret, sondern der Geist selbst vertritt uns aufs beste

mit unaussprechlichem Seufzen.

Eine achtstimmige Bach-Mottete aus dem Jahre 1729, eigentlich eine Trauermusik (das ist schon Botschaft genug!), an der sich unsere Kantorei in mühsamer Probenarbeit versucht und die sie bald zu Hören bekommen in einer der geistlichen Musiken der Kantorei Templin. So können sich biblische Texte, die auch in ihrer sprachlichen Gewalt wie Musik sind, ganz tief im Herzen festsetzen und einen ganz eigenen, neuen Klang bekommen. Und ist unser Predigttext nicht Poesie in Vollendung, wie ein Blick tief hinein in Gottes Herz, so als ob wir ihn anrühren und von ihm angerührt werden, wie ein Lied, das der Geist selber anstimmt?

Musik kann Geist Gottes erfahrbar machen.

Denn Gottes Geist ist nichts, worüber man reden kann, er erfüllt uns wie Klang und Melodie, er macht sich in uns erfahrbar. Er teilt sich uns mit, lässt unsere Herzen höher schlagen oder tröstet die verwundete Seele. Das kann ich keinem erklären, aber jeder kann es erfahren – auch über Musik. Und doch haben wir es heute morgen nicht mit einem Kunstwerk zu tun. Von dem kann ich mich distanzieren, kann es betrachten, verwerfen, dem Zeitgeschmack zuordnen. Wir werden mit dem Leben konfrontiert. Mit einem Leben, über das Paulus das Urteil „schwach“ fällt.

Das mag uns verwundern. Denn unsere Lebensgeschichten, wie sie hier heute morgen versammelt sind, verdienen ja durchaus Anerkennung. Viele Absolventen des ehrwührdigen Joachimthalschen Gymnasiums, die hier heute morgen unsere Gäste sind, haben einen beeindruckenden beruflichen Werdegang vorzuweisen. Viele andere haben sich aufopferungsvoll um ihre Familien gekümmert, haben den politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten getrotzt, die ihren Lebensweg begleitet haben. Und jeder und jede von ihnen hat sich den Herausforderungen des alltäglichen Lebens gestellt und sich im Auf und Ab der Jahre bewährt.

Derselbe Paulus kommt im selben Brief an die Römer zu dem Schluss: wir sind allesamt Sünder und mangeln des Ruhmes, den wir bei Gott haben sollten. Wir bleiben also alle zusammen immer wieder hinter unseren eigenen Möglichkeiten zurück, werden nie ganz das, was Gott in uns als seinem Bild angelegt hat, oder verlieren uns im Alltag mit seiner wiederkehrenden Gleichmäßigkeit und manchmal auch Langeweile.

Und doch: das alles so bleibt wie es ist, ist manchem Lebensmotto oder Werbeslogan genug.

Aber auch wer kämpft, wer seine Träume behält, wer immer wieder neue Ziele sucht, kennt das Gefühl zu ermüden, schwere Beine zu bekommen, oder den langen Atem zu verlieren. Denken wir nur an das Auf und Ab zwischen Hoffnung und Enttäuschung und neuem Mut bei ihrem Einsatz für eine Zukunft ihrer Schule am ehrwürdigen Standort Templin in Gebäuden, in denen der Geist der Bildung noch zu spüren ist, der sie geprägt hat. Das Leben kennt nicht nur viele Überraschungen und plötzliche Wendungen, es kann uns auch müde machen und alle Kraft kosten. Gerade das unspektakuläre, das alltägliche Leben, in dem es gar nicht soviel zu loben oder zu klagen gibt, weil es uns eigentlich doch recht gut und nicht wirklich schlecht geht.

Es ist das unaufgeregte Leben, mit dem wir konfrontiert werden. Es ist mein Leben, an dem keine große Öffentlichkeit Anteil nimmt, das nicht im Rampenlicht der Medien steht, von dem Gott aber allem zum Trotz sagt: vorherbestimmt, berufen, gerecht gemacht, verherrlicht – in aller Schwachheit. Wir bleiben hinter unseren Möglichkeiten zurück, aber Gott macht das Unmögliche möglich, in dem er in uns sieht, was möglich ist.

Wie oft erleben wir unsere Grenzen, entdecken unsere Sprachlosigkeit. Für Gott ist aber auch diese Sprachlosigkeit ein beredetes, inhaltsreiches Schweigen, weil er die Herzen erforscht und den Sinn des Geistes erspürt. Das ist für mich ein gewaltiger Trost, in dem mich bergen kann. Für Sprachgewaltige mag Sprachlosigkeit kaum auszuhalten sein. Der kleine Mann kennt durchaus Situationen, in denen ihm die richtigen Worte fehlen, oder er kann und mag keine großen Worte machen, weil er Mann oder Frau der Tat ist. Das Reden überlässt er gerne uns: „Machen sie mal, Herr Pastor, sie haben dass gelernt.“

Aber vor Gott gibt es für uns alle Augenblicke, wo wir sprachlos beieinander stehen und dann doch verstanden werden. Das Entsetzen über die Anschläge des 11. Septembers füllte die Kirchen, wo Menschen sich in ihrer Fassungslosigkeit aufgehoben fühlten und ahnten, dass ihr Herz vor Gott ein offenes Buch ist. Nach dem Amoklauf am Gutenberggymnasium in Erfurt vor 6 Jahren war auch die Maria-Magdalen-Kirche in Templin voller junger Menschen, die an diesem Ort zurücklassen konnten, was sie nicht verstanden. Ich erinnere mich an meine eigene Ohnmacht als junger, noch recht unerfahrener Pfarrer, als das wochenlange Hoffen und Bangen mit den Eltern einer Konfirmandin nach einem Unfall in den Ferien umsonst war. Ich weiß um meine eigene Sprachlosigkeit im Gegenüber zu den Eltern, die unter der Geburt ihr Kind verloren haben. In solchen Augenblicken können wir uns anderer Worte bedienen, uns die Worte unserer Vorfahren ausborgen und mit dem Gebetsbuch der Bibel für alle Lebenslagen beten und gewiss sein, dass in unsere Sprachlosigkeit hinein Gott jeden Gedanken versteht. Denn sein Geist vertritt uns, bringt unser Seufzen Gott zu Gehör. Da gibt es kein ach allzu menschliches „tut mir leid, das habe ich nicht gehört", sondern der Ruf dieses Sonntages: „Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe, sei mir gnädig und erhöre mich“ hat ein Echo, selbst wenn mir der Ruf im Hals stecken bleibt.

Eines der schönsten, stärksten und größten Bilder der Bibel: der Geist vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzer.

Aber Sprachlosigkeit gibt es ja nicht nur in den Extremsituationen des Lebens, sondern genauso im Frieden des Alltags. Was soll ich groß loben oder klagen, was soll ich beten, wo ich habe, was ich brauche? Auch in diesen Situationen, wo mich keine Not zum Beten zwingt und mir kein überschwänglicher Dank mein Herz vor Freude zerreißt, auch in diesen Situationen bleibt Gottes Ohr mir ganz zugewandt und mein Herz ihm nicht verborgen. Mein Leben langweilt Gott nicht.

Paulus erinnert uns damit an grundlegende Gewissheiten.

Gott bleibt mir zugewandt in meinen Schwächen und in meinem Alltag, mein Herz ist ihm nicht verborgen, meine Freuden, Hoffnungen, Sorgen und meine Verzweiflung erreichen sein Ohr ebenso wie die kleinen, wunderbaren Belanglosigkeiten meines Lebens. Nichts ist ihm zuviel, nichts ist Verschwendung seiner wertvollen Zeit. Sein Geist ist ganz bei mir und ganz nah bei ihm. Und er will mich erfahren lassen, was Gottes Gedanken für mich sind: dass denen, die Gott lieben alle Dinge zum Besten dienen. Darum: Der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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