Ich versteh‘ dich schon …

„Du brauchst nichts sagen …; ich versteh Dich schon!“ Wie schön ist es, so was zu hören. Wo zwei miteinander vertraut sind, da braucht es manchmal keiner Worte. Eltern verstehen die Tränen eines Kindes, ohne dass es was sagt oder groß erklärt. Liebende verstehen einander, ohne dass sie dafür Wort brauchen. Es genügt eine Geste, ein Blick, ein Seufzen. Liebende verstehen sich ohne Worte: davon handelt der Predigttext von heute aus dem Römerbrief:

[TEXT]

Es gibt Situationen, da können wir unsere Gefühle nicht in Worte fassen. Da bleibt einem nicht viel anderes übrig als einfach nur zu weinen oder eben zu seufzen. Ich denke an meine beiden Kinder, die manchmal ihren Schmerz so ausdrücken, dass sie einfach auf meinem Schoß sitzen und heulen. Sie sagen nichts, sondern brauchen einfach nur das Gefühl der Nähe, des Angenommenseins. Worte finden sie nicht.

Ich denke an Situationen, an denen ich keine Worte finde. Ich denke an Himmelfahrt, wo ich als Notfallseelsorger nach Pahlen gerufen wurde zu dem schweren Verkehrsunfall. Mir fehlten die Worte angesichts von zwei toten Menschen. Menschen, die jünger als ich waren und nun plötzlich tot sind. Sie alle haben Bilder, Geschehnisse vor Augen, wo Ihnen und Euch Worte fehlten: Sei es aus eigenem Erleben oder aus der Betroffenheit fremden Leides gegenüber: gerade die Bilder aus Erfurt haben viele fassungslos, wortlos gemacht.

Die fehlende Sprache drückt sich nicht nur im Gespräch mit anderen aus. Auch im Gespräch mit Gott fehlen einem dann die Worte. Angesichts dessen, was einem vor Augen kommt, fehlen die Worte, die Bilder aus dem Herzen auszudrücken und Gott mitzuteilen. „Wir sind schwache Menschen und unfähig, unsere Bitten in rechter Weise vor Gott zu bringen.“ So sagt es Paulus. Ich habe ja eine Ahnung davon, wonach ich mich sehne, gerade an schweren Stellen meines Lebens. Aber ich komme dieser Sehnsucht nicht so recht auf die Spur. In Worte fassen kann ich sie schon gar nicht: weder einem Menschen noch Gott gegenüber. „Wir sind schwache Menschen und unfähig, unsere Bitten in rechter Weise vor Gott zu bringen.“ Dieses Worte von Paulus finde ich wunderbar: Ja, ich bin oft ein schwacher Mensch angesichts dessen, was an Stärke, an Gewalt auf mich einfällt. Ich werde sprachlos angesichts von Krankheit, Leid, Krieg. Das gehört zu meinem, zu unserem Menschsein dazu. Wir Menschen können nur bis zu einem gewissen Grad etwas aushalten. Dann knicken wir ein. Das ging selbst den ersten Christen so, selbst dem großem Apostel Paulus. Selbst er, der so wortgewaltig von Gottes Kraft und Herrlichkeit schreiben konnte, der Christen zu genügend kannte, die vollmächtig beten konnten, selbst dieser Vorzeigechrist Paulus schreibt, dass ihm die Worte zum Beten fehlen. Das macht mir Mut, entlastet mich: Ich muss also nicht für alles Worte, Erklärungen haben. Selbst so ein Großer wie Paulus schafft das nicht. Sondern er vertaut darauf, dass eben Gott das in die Hand nimmt, uns zu Hilfe kommt. Aber ebenso wie wir seufzt und stöhnt auch der Geist Gottes, der uns zu Hilfe kommt. Wie gut tut das, wenn ich jemanden habe, der mich versteht, auch ohne Worte und ohne dass ich mich lange erklären muss. Jemand, der stellvertretend für mich das ausspricht, wofür ich nur noch ein Seufzen habe. Gottes Geist findet für mich Worte. Gott selbst nimmt Anteil an meinem Erleben, er hat Mitleid. Ich glaube, Gott leidet selber mit, wo ein Mensch leidet. Gott selber seufzt. Sein Geist tritt für uns ein mit einem Stöhnen, das sich nicht in Worte fassen lässt.

Dass der Heilige Geist für uns eintritt, stellvertretend für uns Worte findet, heißt nicht, dass wir nicht mehr beten müssen. Denn der Geist findet in unserem Beten, in unserem Ringen die Worte. Nur wo ich selber mich aufmache und die Hilfe Gottes suche, da erfahre ich auch Gottes Anteilnahme. Wo ich mich öffne, da kommt Gottes Geist mir zu Hilfe. Da brauche ich keine eigenen Worte, keine geschliffenen Gebete, sondern Gott selbst hilft mir, tröstet mich, stärkt mich. Gott weiß, wie es in meinem Innersten aussieht, mein Innerstes liegt offen vor ihm.

Und Gott hat etwas Gutes mit uns vor: Was auch geschieht, das eine wissen wir: Für die, die Gott lieben, muss alles zum Heil dienen. Noch leben wir in einer Schöpfung, die voller Zerstörung, Leid und Kummer ist. Die Freiheit, das Ende allen Leides steht noch aus. Himmelfahrt an der Unfallstelle musste ich das wieder erfahren. Aber Gott hat begonnen, uns heil zu machen. In Jesus hat er die lebensfeindlichen Kräfte zurückgedrängt, den Tod besiegt in der Auferstehung. Und was Gott angefangen hat, das führt er auch zu Ende. Das können die, die glauben, wissen, fest darauf vertrauen. Dass alle Erfahrungen, auch alles Leid, von Gott mitgetragen wird, Gott Anteil nimmt. Und auch wenn jetzt eben noch nicht ein Sinn erkennbar wird in Gottes Wegen mit uns, wir doch die Hoffnung haben auf Erlösung: Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Tod wird mehr sein. Das sagt Gott uns zu.

Da nimmt Gott uns mit hinein in sein Heil. Dazu hat er uns als sein Eigentum ausgesondert. Gott hat uns herausgeholt, als sein Eigentum ausgesondert, weil wir ihm so sehr am Herzen liegen. Er sagt zu Dir: Dich will ich dabei haben, Du sollst zu mir gehören. Ich verstehe Dich, ohne große Worte. Gott ist wie der Vater, auf dessen Schoß ich sitzen darf, seufzen darf. Und der mich versteht, ohne große Worte. Er kennt mein Herz, weiß, was ich fühle, nimmt Anteil an meinem leiden. Und sein Geist seufzt mit mir.

Gott hat bestimmt, dass wir zu ihm gehören, als Schwestern und Brüder Jesu. Darauf können wir uns verlassen. Gott lässt uns nicht los, lässt uns nicht fallen. Er hat uns schon ausgesondert, darum wird es gut ausgehen mit uns, was immer wir auch durchstehen müssen. „Du brauchst nichts zu sagen …; ich versteh dich schon!“ Danke, Gott.

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