Gottes Geist erfülle unsere Herzen

Liebe Schwestern und Brüder!

Der Apostel Paulus schreibt, wie zum Trost für diejenigen, die seufzen, die das Leben plagt, die trauern, die einen geliebten Menschen verloren haben in Erfurt: "Desgleichen hilft auch der Geist unserer Schwachheit auf." Ja, schwach, seufzend und weinend, wahrscheinlich sogar verzweifelt werden sie noch sein, die Angehörigen der Ermordeten in Erfurt. Niemand kann ihrer momentanen Schwachheit Trost verleihen, obwohl sie viel Anteilnahme erfahren. 100.000 sind zur Trauerfeier gekommen und haben dem Entsetzen und der Trauer einen gewaltigen Raum gegeben, haben geweint, gebetet und den Appell an den Geist der Versöhnung und Verständigung gerichtet. Dort ist er gewesen der Heilige Geist, der tröstet und versöhnt. Dort hat er gewirkt gegen den Ungeist des Mordes, des Hasses, der Gewalt, der Isolation und die Irre eines rücksichtslosen Amokläufer. Der Geist der Verständigung und des menschlichen Miteinanders wurde beschworen und viele haben sich vorgenommen gegen Isolation und mitmenschliche Ignoranz etwas zu tun. Wollen wir hoffen, dass sich dadurch etwas verändert in unserem Leben.

Doch von unserer Schwachheit sprechen wir nicht gerne. Wer gibt schon gerne seine Schwächen zu? Warum sollte ich mich vor den anderen Menschen mit meinen Schwächen, Fehlern und Problemen entblößen? Einfacher, wenn auch nicht unbedingt der eigenen Wirklichkeit entsprechend, ist es doch von den eigenen Stärken, Vorzügen oder Ruhmestaten zu berichten. Nur nicht schwach werden, nur keine Fehler zu geben. Nur nicht die eigenen Probleme zur Schau stellen. Man könnte ja angreifbar und verletzbar werden. Nur die Starken und Rücksichtslosen haben eine Chance. Starke und Rücksichtslose setzen sich immer durch, ob im Kindergarten, der Schule, in den Lehrjahren oder im sonstigen Berufsleben. Heutzutage nennt man diese Eigenschaft, wenn jemand seinen Arbeitskollegen hintergeht und die Arbeit schwer macht, wenn jemand sich zu seinem eigenen Vorteil auf Kosten der Kollegen durchsetzt: Mobbing. Da steckt das englische Wort "mob" drin, was soviel bedeutet wie Pöbel oder Gesindel. Der Pöbel und das Gesindel setzt sich meistens auch mit einfachen und rabiaten Mitteln durch. "Frechheit siegt", sagt der Volksmund. Und schon von Kindesbeinen bekommen wir es mit; das Lebensprogramm: Setz dich durch! Streng dich an! Zeig deine Stärke. Zeig deine Leistungsbereitschaft. Denn, wenn man dies alles nicht macht, wenn man keine Stärke oder Rücksichtslosigkeit an den Tag legt, dann ist man eben ein Verlierer, ein loser, wie es im Englischen heißt. Wenn da welche auf der Strecke bleiben und mit dem Leistungsdruck nicht zu recht kommen, wenn wundert’s.

Ganz anders wieder der Apostel: "Der Geist hilft unserer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen."

Hier bei Gott, im Gebet, da geht es nicht um Stärke, da geht es nicht um unsere Ruhmestaten, da geht es nicht um unsere Leistungsfähigkeit. Stärke, Rücksichtslosigkeit, Durchsetzungsvermögen und Leistungsverhalten zählen nicht vor Gott. Und im Gebet zu Gott wissen wir manchmal gar nicht wie wir beten sollen. Uns fehlen die Worte oder wir machen zu viel Worte. Das Beten ist das intime Gespräch von jedem, jeder einzelnen von uns mit Gott. Im Gebet zu Gott kann ich mit der Hilfe und Mittlerschaft des Heiligen Geistes meine Ängste, meine Sorgen und meine Probleme vor Gott bringen. Sie werden gehört, da bin ich mir ganz sicher. Ob sie dann immer alles so wird, wie ich es mir wünsche, das ist eine andere Frage. Denn es gibt schon einen Unterschied zwischen "zuhören" und "erhört werden". Und ich will ihnen in diesem Zusammenhang einmal eine kleine Geschichte erzählen, die ich selbst erlebt habe. Ich bin einmal zu einer Familie gerufen worden, die ihren 60jährigen Vater plötzlich und unerwartet durch einen Herzinfarkt verloren hatte. Der Mann war am Vormittag, bei der Gartenarbeit, plötzlich und ohne Vorwarnung an einem sog. Sekundentod verstorben. Sie können sich vorstellen wie das ist, wenn ein Mensch plötzlich und unerwartet verstorben ist. Auch in Erfurt war das so, wenn auch unter viel brutaleren Umständen Morgens lebte er noch, mittags ist er nicht mehr da. Er ist verstorben. Die ganze Familie, die Ehefrau, vier Töchter, Schwiegersöhne und vier Enkel saßen im Wohnzimmer und waren geschockt. Sie weinten und seufzten abwechselnd. Es lag eine traurige und verzweifelte Stimmung in der Luft. Sie konnten es nicht fassen, dass der geliebte Ehemann, Vater und Opa verstorben ist. Hoffnungslosigkeit und Verzweifelung hatte sich breit gemacht. In solch einer Situation, die das menschliche Leid in seiner ganzen Tiefe und Verzweifelung zeigt. Und bei der auch ein Pfarrer keine patentierte Antworten auf das Warum dieses Todes geben kann. Und vieles Reden und schnelle Antworten nur verletzend wirken und der Lage nicht angepasst sind. In dieser Situation haben wir zusammen gebetet. Zuerst ein kurzes freiformuliertes Fürbittengebet, das die Klage und das Unverständnis über den Tod des Verstorbenen ausdrückte. Und anschließend das Gebet, das wir alle kennen: das Vater Unser. Während beim freiformulierten Fürbittengebet immer noch ein leises Seufzen und Weinen zu hören war, fing die Familie beim Beten des Vater Unsers bitterlich an zu weinen. Vor allem der eine Enkel, ein junger Mann von 17 Jahren, der bestimmt im Normalfall und im Alltag nicht gerade ein aktiver Christ war. Im Nachdenken über diese Situation habe ich mich sehr gewundert über diese Situation. Bis mein Lehrer in Seelsorge mir erklärte, dass das Vaterunser einen sehr hohen Wiedererkennungseffekt hat. D.h. in Situationen der Angst, der Schwachheit, der Verzweifelung und der unendlichen Einsamkeit durch den Verlust eines geliebten Menschen, ist das Gebet des Herrn manchmal der einzige Weg um seinem Schmerz Worte zu geben. Das Vaterunser haben wir alle gelernt und meistens ist es das erste und letzte Gebet, was uns in extremen Situationen des Lebens einfällt. Nur um Missverständnissen vorzubeugen: Der junge Mann ist durch das Beten des Vaterunsers nicht frommer geworden und unter normalen Umständen wäre wahrscheinlich gar nicht auf die Idee gekommen, dass das Gebet des Herrn etwas bezwecken könnte. Aber durch das Beten in dieser Situation ist zweierlei passiert: Zum einen konnte er seine Verzweifelung, seine Schwachheit, seine Angst und seine Trauer in Worte fassen. Er konnte seinen Schmerz in Worte fassen und vor Gott bringen. Und zum anderen hatte dieses Gebet eine reinigende Wirkung auf ihn, d.h. sein Schmerz und seine Verzweifelung, die er vor Gott gebracht hatte, auch sein Klagen und sein Unverständnis, sein Weinen und sein Seufzen, haben für einen Moment die Seele gereinigt. Das meint Paulus, wenn er davon spricht, dass der Geist unserer Schwachheit im Gebet aufhilft. D.h. der Geist Gottes, der Heilige Geist ist dann anwesend, Gott ist mitten unter uns. Er kennt unsere Ängste und Sorgen. Er leidet mit uns, er tröstet uns und gibt uns durch das Gebet wieder Kraft und neuen Lebensmut.

Gott gibt uns durch seinen Heiligen Geist die Möglichkeit mit ihm ins Gespräch zu kommen, weil wir allzu oft zu schwach sind, um uns selbst so auszudrücken, das Gott uns versteht und hört.

Gottes Geist,

der nicht sichtbar, aber spürbar ist,

der nicht greifbar, aber ergreifend ist,

der nicht vertröstet, sondern tröstet,

der wirkt, wo er will,

der Freiheit und Glauben schenkt,

der Menschen erneuert und zu Liebe anspornt

dieser gute Geist Gottes, der Heilige Geist, "erfülle unsere Herzen" und bewahre uns jeden Tag.

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