Die bessere Auslegung

Das ist wieder so ein richtiger Insider-Text, war mein erster Gedanke, als ich diese Passage aus dem Römerbrief las. Vor meinen Augen tauchte die Vorstellung auf, es geschehe ein kleines Wunder und eine Jugendgruppe hätte sich dazu entschlossen, sonntags mal den Gottesdienst zu besuchen, einfach so, vielleicht, weil sie gerade eine Wanderung hier durch die Gegend machen und mal sehen wollen, was bei Kirche "so abgeht". Ich muss ehrlich gestehen, ich habe eine ganze Weile überlegt, wie der Geist meiner Schwachheit aufhelfen könne, wenn ich dann ausgerechnet diesen Text auslegen sollte. Weder könnte ich voraussetzen, dass die jungen Leute wissen, was der Römerbrief ist, noch, was mit "Geist" gemeint wäre.

Da hatte es Paulus damals fast besser. Er kannte die Gemeinde in Rom zwar nicht, war noch nie dort gewesen, aber die Gemeinde wusste, was es mit Jesus Christus auf sich hatte. Paulus schrieb an Menschen, die sich freiwillig der neuen Lehre zugewendet hatten, die ihnen sagte, dass es einen einzigen Gott gibt, der die Menschen so sehr liebt, dass er ihnen seinen Sohn geschickt hatte. Und dass dieser Sohn viele Wunder getan hatte, aber sich hatte unschuldig verurteilen und hinrichten lassen, dass er von den Toten auferstanden war und in den Himmel aufgefahren. Was Paulus der Gemeinde in Rom nun noch vermitteln möchte, ist die ganze Tragweite dieses Geschehens für jeden einzelnen Menschen. Man kann sagen, dass der Römerbrief eine allererste theologische Abhandlung des Christentums ist. Paulus schreibt übrigens an diese Gemeinde, weil er für weitere geplante Missionsreisen die Station Rom braucht und sich sozusagen "vorstellen" möchte.

Schwierig also, eine losgelöste Passage aus diesem Text ausgerechnet dazu zu benutzen, jemandem den Einstieg ins Christentum zu erleichtern, zumal, wenn man die uns "Insidern" zwar vertraute, aber anderen Menschen doch völlig fremd gewordene Sprache Martin Luthers verwendet. Aber die Luther-Übersetzung ist gerade beim Römerbrief die präziseste. Leider und glücklicherweise ist es nun heute nicht unversehens so eine Jugendgruppe aufgetaucht, wir sind mal wieder "unter uns". Sollte Paulus auch das damit gemeint haben, als er schreibt:

30a Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die b hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht.

Sollte er gemeint haben, das sei schon in Ordnung so, dass wir hier in den Gottesdiensten immer nur so wenige und meist dieselben sind, die anderen sind eben nicht "vorherbestimmt" und nicht "berufen". Nein, das wäre ein absolutes Mißverständnis und grenzte an überhebliches und sektiererisches Erwählungsdenken.

"Die wartende Gemeinde" heißt das Thema des Sonntags und "Exaudi" ist eine lateinische Passage aus dem Wochenpsalm, den wir eben gesprochen haben. "Herr, höre meine Stimme!" Warten – worauf denn? Auf eine Verbesserung unserer ganz persönlichen Lage in dieser krisengeplagten Region? Darauf, dass die Jugend hier wieder Arbeit findet? Darauf, dass die Kirchen wieder voller werden? 28 Wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem a Ratschluß berufen sind. Das könnte wie Hohn und Spott klingen, wenn jemand gerade seine Kündigung bekommen hat oder seine Insolvenz angemeldet. Oder wenn ein junges Mädchen genau zum Abitur erfährt, dass sein Freund nun zum dritten Mal in einem Jahr an einem Tumor im Gehirn operiert werden muss.

Der Gemeinde in Rom, an die Paulus schrieb, ging es auch nicht gerade gut, schließlich wurden Christen damals verfolgt und nahmen Lebensgefährliches auf sich, wenn herauskam, dass sie sich zu dem "neuen Glauben" bekannten. Aber genau das gehört bei Paulus mit dazu, das will er klar machen. Wer mit Christus den Tod überwinden will, muss vorher mit ihm leiden. 29 Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, daß sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der a Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Das klingt ziemlich unattraktiv. Christus ist so ungefähr das Gegenteil vom Bild, das bis vor 12 Jahren vom "sozialistischen Menschen" gezeichnet wurde – ihm ähnlich zu werden wie einem Bruder? Nun ja – ich stelle mir vor, dass kaum einer unserer kirchenfernen Nachbarn damit zum Christentum zu begeistern ist, dass man ihm vom Leiden erzählt, Leidensdruck haben die meisten Menschen hier im Übermaß – und sie haben nicht mehr gelernt, in der Dimension "Hoffnung über dieses Leben hinaus" zu denken. Das merken wir doch auch dann, wenn Leute mit dem Sterben und dem Thema Tod nicht mehr fertig werden, wenn Sterbende abgeschoben werden aus der Familie ins Krankenhaus, wo die Schwestern dann auch unter dieser seelischen Last seufzen.

Stehen wir selbst nicht manchmal hilflos da, wenn uns Fragen über Tod und Leben gestellt werden? Haben wir nicht auch wortlos und fassungslos vor einigen Wochen die Nachricht aus Erfurt gehört? "Und was sagst du als Christ dazu?", bin ich unmittelbar danach von Freunden gefragt worden. Ich hatte keine Worte. Für die Gottesdienste, die ich am Sonntag vor zwei Wochen zu halten hatte, habe ich ziemlich verzweifelt nach einem Fürbittegebet gesucht. Aber auch die einschlägigen aktuellen Seiten der Kirche im Internet ließen mich im Stich. Erklärungen von Bischöfen kamen erst in der folgenden Woche nach und nach. Das zumindest scheint ein Thema zu sein, das uns mit den ersten Christen vor 2000 Jahren verbindet. "Wir wissen nicht, was wir beten sollen". Solche Situationen sind menschlich.

Und da setzt der Trost aus unserem Text ein: Der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen. Gott kennt unser Problem. Genau deshalb ist uns der Heilige Geist geschickt worden, der oft auch "der Tröster" genannt wird. Er "hilft unserer Schwachheit auf", gerade in solchen Momenten – und auch er tut es "mit unaussprechlichem Seufzen", wir dürfen also buchstäblich getrost schweigen, wenn uns die Worte fehlen. Gott hat mit seinem Geist ein Stück in uns gegeben, das uns bei ihm vertritt. Denn "die Heiligen", das sind in der Sprache des Apostels wir, die ganz normale Gemeinde, wir mit allen unseren Unzulänglichkeiten und Verschrobenheiten. Und noch mehr: Paulus spricht hier von den Christen als "die Gott lieben".

Meistens ist es umgekehrt: Gesprochen wird von der unbegreiflich großen Liebe, die Gott zu uns Menschen hat. Von ihr spricht Paulus oft, sie ist der Angelpunkt seines Glaubens. Gottes Liebe ist der einzige Grund dafür, dass wir "berufen" sind, dass wir von vornherein Vergebung erfahren haben. Kann man so eine ungeheuer große Liebe als Mensch überhaupt angemessen erwidern? Es fällt doch oft schon schwer genug, mit der Liebe untereinander klarzukommen. Viel leichter ist es, sich in Gleichgültigkeit zu begegnen als einmal offen Gefühle zu zeigen, jemandem tröstend den Arm um die Schulter zu legen, wenn er starr vor Trauer oder Schmerz neben einem steht. Ebensowenig, wie wir wissen, was wir beten sollen, wissen wir oft, wie wir Liebe geben sollen.

"Echt cool" ist ein Modewort der Jugend, "cool sein" ist angesagt, auch, wenn man spürt, wie der Mensch neben einem eigentlich stumm nach Zuwendung schreit. Um sich keine Blöße zu geben, geht man auf Distanz. Nur, wenn es ganz hart kommt, wie jetzt in Erfurt, dann wagen sich Menschen auf einmal wieder, sich zu umarmen und näher zusammenzurücken. Erst dann, wenn etwas Entsetzliches geschehen ist. Eigentlich traurig – wer weiß, vielleicht ist der Täter auch ein Opfer der Kälte in seiner Umgebung geworden. Kinder, die nicht berührt werden, sterben, das haben medizinische Versuche ergeben. Menschen, die keine Liebe erfahren und daher auch keine Liebe geben können, erstarren und sind sozusagen schon lebendig gestorben. "Ich muss mir die Arme aufritzen, damit ich mich überhaupt noch spüre", sagt ein Mädchen, das schlimme Erfahrungen in der Familie hinter sich hat. Wenn sie Berührungen erfuhr, dann in Form von Gewalt. Dazu fehlen die Worte? "Der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen."

Wenn wir der Kälte, die in unserer Gesellschaft Raum gegriffen hat, nichts entgegensetzen, erlauben wir es dem Tod, immer weiter ins Leben hineinzureichen.

Gott könne wir nicht anfassen, nicht umarmen, auch, wenn wir ihn von ganzem Herzen lieben. Aber wir können unsere Mitmenschen berühren, die ja schließlich sein Ebenbild sind. Wir können sie mit einer Liebe anschauen und auf sie zugehen, die nicht aus uns alleine erwächst, sondern zu der uns der Geist die Kraft verleiht. Nein, ich meine nicht ein aufgesetztes mitleidiges Lächeln, das so wirkt, als wären die Mundwinkel an den Ohrläppchen angenäht.

Ich meine echte Wärme, die Hoffnung macht, manchmal wortlose Liebe, die es dem anderen erlaubt, sich auszuweinen mit uns, aber ich meine auch den Mut, dann laut aufzuschreien, wenn keiner den Mund aufzumachen wagt.

Von einer gemeinnützigen Jugendhilfegesellschaft in Italien bekam ich vor einigen Monaten diesen Text:

Sehnsucht

Je mehr wir verstehen,

dass nichts so leicht zu machen ist

wie ein Fehler,

je mehr uns die Frage umtreibt,

ob, warum schon die Zeit

Schuld bringt,

je zahlreicher

die Verhöhnungen werden,

die Schreckensnachrichten,

die Schatten der Gefolterten

und Getöteten –

um so mehr wächst

die Sehnsucht danach,

dass wir füreinander endlich

bessere Auslegungen sind

dass nicht so viel

weiter verstellt ist,

dass wir mehr vom Leben

vor dem Tod spüren,

dass der Augenblick sich erwärmt,

wenn wir zusammen reden,

gleich jetzt,

an einem solche Tag,

der als Schnee kommt.

(W.H. Fritz)

Ist das nicht sehr schön und sehr wahr? Dass wir füreinander bessere Auslegungen sein mögen und wir mehr vom Leben vor dem Tod spüren, dazu bewahre uns der Friede Gottes, der höher ist als alles menschlich Denkbare in Christus Jesus. Und dazu sende er uns seinen Geist.

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