Gott ist nicht schwerhörig

Liebe Gemeinde,

die einfachen Fragen werfen die meisten Probleme auf. Fragen wie diese z.B.: „Was tun wir eigentlich, wenn wir beten?“

„Lieber Gott, schenke mir eine Playstation, das neue Modell“, brüllt Karlchen im Abendgebet. „Du musst nicht so schreien beim Beten“, ruft ihn seine Schwester zur stilleren Andacht, „Gott hört dich auch so“. „Das weiß ich“, flüstert ihr Bruder, „aber Oma ist schwerhörig“.

Dieser Witz führt uns gleich mitten ins Thema hinein. Natürlich könnten wir beim Thema Gebet auch mit Fragen des Rituals, der Gesten und der Worte beginnen. Das alles ließe sich gut aus der zweiten Zuschauerreihe heraus abhandeln.

Karlchen aber scheint es schon durchschaut zu haben. Beten, so sein kindlicher Verdacht, ist auch nur eine Form menschlichen Redens untereinander. Die Kurve über Himmel und Gott mag unseren Worten mehr Kraft verleihen, aber letztendlich ist sie ein Umweg.

Liturgisch taucht diese moderne Skepsis gegenüber dem Gebet ja selbst in unseren Gottesdiensten auf, wenn es in Formulierungen heißt: „Wir denken, Herr, vor dir an.“ Fromm und gut gemeint und doch geprägt von der Angst, man könne dem Betenden vorwerfen, seine Hände in den Schoß zu legen und die Rettung der Welt Gott allein zu überlassen. In dieser Gebetsschule wird Gott zur weißen Wand der Reflexion auf der einzig unsere Schatten zu erkennen sind. Diese Funktion könnte auch ein Grabstein oder sonst irgendein zur Förderung der Besinnlichkeit geeignetes Symbol übernehmen. Folgerichtig ist „Meditation“ vielen Menschen eher zugänglich als tatsächliches Beten. Denn tatsächliches Beten ist Gespräch mit Gott. Zeit, den Predigttext zu verlesen:

[Text]

Moses und Gott besprechen die Welt, d.h. den Teil davon, der beiden am Herzen liegt, das Volk Gottes. Gott spricht seinen Zorn deutlich aus. Lassen wir das ruhig so bildlich stehen. Moses hingegen bringt etwas anderes zur Sprache: Er erinnert Gott an seine Treue und darin bringt er Zuversicht ins Spiel.

Ich scheue mich, aus unserem Bibeltext einen dogmatischen Extrakt übers Beten herauszupressen. Belassen wir es bei Wahrnehmungen, die das Kunstwerk dieses biblischen Dialogs nicht zerstören.

<b>Gott hat das erste Wort</b>

Im Gebet nehmen wir Kontakt auf mit Gott. Man vergleicht diesen Vorgang gerne mit einem Telefonat in dem die Seele ihren Ursprung anwählt. Doch ehe Mose zu reden beginnt, hat Gott schon längst gesprochen. Man erinnere sich des Schöpfungsauftakts: „Gott sprach, es werde“. Gott hat das erste Wort. Beten gründet in ihm. Das wir mit ihm sprechen können, ist Ausdrucks seines Wesens, nicht des unsrigen. Ist Ausdruck unseres menschlichen Wesens, wenn wir uns von Gott her wahrnehmen.

Hier kommen wir sofort in tiefe, philosophische Fragen, die in Gänze zu erörtern wahrlich keine Zeit ist. Was ich meine, kann man im längsten, literarischen Gebet nachlesen. Ich denke an das autobiographische Werk von Augustinus. Seine vierhundert Seiten umfassenden „Bekenntnisse“ stellen ein einziges, langes Gebet dar. „Ich könnte nicht sein, „heißt es dort, „Ich könnte nicht sein, wärst du nicht in mir.“ Wir Menschen sind von unserem Wesen her auf den Dialog, das Gespräch mit Gott hin angelegt. Beten ist Ausdruck menschlicher Seele und Natur.

Unsere alttestamentliche Episode aus der Bibel konfrontiert uns mit diesem Mysterium der Wirklichkeit Gottes. Mysterium nenne ich es, weil wir uns jeder Form rationaler Erklärung verweigern werden, wie denn dieses Reden Gottes geschieht. Es geschieht. Das muss uns genügen. Es geschieht auch heute. Das dürfen wir glauben.

<b>Der Weg hin zum Gebet</b>

Vergleichen wir den Weg hin zum Gebet mit einer Bergwanderung, dann kommen wir schnell an diesen Ort, den nicht wenige als Sackgasse empfinden.

Links sehen wir die Steilwand, auf der geschrieben steht: Alles ist vorher bestimmt. Darunter steht die Bude einer Wahrsagerin, die uns verspricht, mittels ihrer Künste vage formulierte Einblicke geben zu können, in das was ohnehin kommen wird. Beten bringt hier nichts.

Rechts von uns klafft der Abgrund der Materie, die ihre kosmischen Wege zieht. Im Zelt davor könnten wir Rituale erlernen, den blinden Weg des Lebens zu ertragen. „Tanz mit und füge dich“ steht auf dem Zelt. Hier sind Worte sind nicht notwendig.

Schaut man noch oben, erblicken wir einen Turm, über dessen Eingang wir lesen: Es gibt nicht gutes, außer man tut es. Auf diesem Turm ist Beten vergeudete Zeit.

Aus der Sackgasse kommt man nur heraus, indem man den Gesprächsfaden mit Gott aufnimmt. Das mag manchem wie ein Sprung ins kalte Wasser eines Bergsees anmuten.

<b>Wahrheit über die Welt</b>

Eine weitere Beobachtung an unserem Bibeltext. Im Gespräch zwischen Gott und Mose kommt die Wahrheit über die Welt zur Sprache. Jeder von uns kennt die Angst bei tiefer gehenden Gesprächen vor diesem Schritt hin zur gänzlich offenen Aussprache, die ja ohne tiefe Emotionalität nicht echt wäre. Gespräche, so lehren die Kommunikationswissenschaftler, offenbaren immer auch etwas über die Beteiligten. Man nennt das „Ich-Botschaften“.

Nicht wenige unserer Gottesdienstbesucher/innen wollen von den „Ich-Botschaften“ eines zürnenden Gottes nichts hören: „Nun lass mich, dass mein Zorn über sie entbrenne und sie vertilge“. Politik, die Welt – ach das alles soll draußen bleiben. Natürlich habe ich dafür Verständnis und doch muss ich warnen: Indem wir das Gespräch über die Welt verweigern, entziehen wir ihr uns und unserer Welt den Charakter des Dialogischen. Vom Gebet bleibt allenfalls noch Anbetung übrig: Bewahrung des Statischen.

„Da kann man eh nichts ändern“. „Sind doch alle selber schuld“, lauten unsere Sätze, mit der wir – darf ich es einmal sehr hart formulieren – Gott die Nase vor der Tür zuschlagen.

“Wer sich den Gegebenheiten der Welt angepasst hat, verspürt in sich ein lebendiges Interesse am Dogmatismus“, schreibt der deutsche Philosoph J.G. Fichte. Und er fährt fort: „Diese Knechtsnatur braucht eine Ausrede, die ihm erklärt, wie wenig er vermag und wie sehr doch die Dinge in Ordnung sind“. Gedankenfreiheit, so der Philosoph, sei die bessere Alternative. Lassen wir Paulus weiter sprechen: „Wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit“. Im Gebet, im wirklichen, tiefen Gebet, im Gespräch mit Gott gewinnen wir diese Freiheit der Welt gegenüber. Auch gegenüber uns selbst. „Die Wahrheit wird euch frei machen“, sagt Jesus im Johannes-Evangelium (Joh 8,30), wobei er als Ort der Klärung sein Wort, seine Botschaft ins Spiel bringt. Gott spricht ja nicht irgend etwas. Sein Wort ist Liebe, Vergebung, Barmherzigkeit und Frieden.

<b>Die Welt mit Gott besprechen</b>

Der in der Lesung vorgetragene Text mag uns einen Schritt weiter führen. Er gibt Anweisung, die wesentlichen Lebensbereiche mit Gott im Gebet zu besprechen. Und nun füge ich hinzu: Im Gebet nehmen wir das Wort Gottes auf. Bedenken in und mit seinem Wort die Zukunft unseres Lebens. „So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit. Dies ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserm Heiland, welcher will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“ Wobei die jeweilige Obrigkeit es gerne hätte, sie würde angebetet statt ins Gebet genommen, und mithin kritisch vor Gott gebracht.

Heute haben wir Gäste in unserer Kirche. Es sind die Teilnehmer der Leitertagung des Freundeskreises der Evangelischen Akademie Tutzing. Es ist mehr als bloß freundliche Geste, wenn ich diese Arbeit in Beziehung setze zu unserem Thema. Es ist hoffentlich keine Vereinnahmung, wenn ich diese Arbeit und das Engagement unseres Tutzinger Kreises mit unserem Thema in Verbindung bringen. Die Akademie-Abende tragen in der ganzen Vielfalt ihrer Themen zur Aufrechterhaltung des dialogischen Charakters unserer Wirklichkeit bei. Sie laden ein, sich mit dieser Welt, ihrer Schönheit, ihren Geheimnissen, ihrer Geschichte und ihren Problemen auseinander zu setzen. In evangelischer Weise geschieht dies – sicherlich nicht immer explizit – aber so doch vom Grunde her im Dialog mit Gott.

<b>Gott im Gebet kennen lernen</b>

Eine dritte Beobachtung an unserem Predigttext. Was unter uns Menschen gilt, wird auch in der Beziehung Gott gegenüber wahr bleiben dürfen. Im Gespräch lernt man sich kennen.

In unserem Bibeltext sehen wir Gott allerdings in einer uns eher befremdlichen Stimmung. Allein der Umstand, dass Gott sozusagen in Rage ist, wirkt seltsam.

Welche Sprachform würden wir lieber hören? Stellen wir uns einen Augenblick lang Gott vor als das lebendige Gegenüber unserer Wirklichkeit. Wollten wir ihm alle Emotion absprechen angesichts der Kriege? Wollten wir ihm jeden Zorn verbieten über die so schreckliche Wiederkehr des Welthungers? Erwarten wir mildes Lächeln angesichts zum Himmel schreiender Ungerechtigkeit?

Also machen wir es nun doch wie Karlchen und schreien im Gebet unsere Weltsorge hinaus in der Hoffnung, die schwerhörige Menschheit möge es hören als eigentlich Gemeinte?

Was wir nicht überhören wollen und was wir bislang noch nicht bedacht haben, sei an den Schluss gestellt. Unser biblischer Dialog findet ein gutes Ende. Auch hier wollen wir uns hüten, dogmatische Sätze zu produzieren: Fürbitte hilft u. dgl. mehr.

In den Worten Moses kommt die Treue und Verlässlichkeit Gottes zur Sprache. Dafür stehen die Namen Abraham, Issak und Israel (Jakob). Die Treue Gottes ist das, was wir aus diesem Gebet, aus diesem Gespräch mithören können und mitnehmen dürfen, wenn wir es denn wollen. Nicht als Beruhigungspille, als Ausrede, als fromme Flucht. Wohl aber als Licht in und über dieser Welt, die uns heute auch wieder so bedroht und nahe am Abgrund erscheint.

Die Treue Gottes gibt uns nicht den Vorwand, alle Sorgen dieser Erde getrost seine Sache sein zu lassen. Sie gibt uns aber das Recht und auch den Grund zur Freiheit gegenüber allen Angstparolen und harschen Forderungen an das „was die Kirche endlich auch sagen sollte“.

Was tun wir, wenn wir beten? Wir lassen uns berühren vom Geist Gottes, der uns Freiheit gibt, Freiheit gegenüber dem Wahnsinn dieser Welt. Das Gespräch mit Gott nimmt uns heraus aus dem Kreis derer, die mittanzen ums Goldene Kalb unserer Tage. Das Gespräch mit Gott gibt uns die notwendige Gelassenheit, als Menschen zu handeln für und in der Welt Gottes. Es führt uns in die Wahrheit. Es gibt uns den Mut, sein Wort, seine Gegenwart zu bekennen. Im Gebet werden wir zutiefst menschlich in jeder Bedeutung dieses Wortes.

Und wie ist das mit dem Tun des Guten? Was, wenn Oma das Geschrei nicht gehört hat? Wer gebetet hat, findet darauf seine Antwort. Das muss uns genügen. Gott ist nicht schwerhörig.

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