Gott ist keine Randfigur

Liebe Gemeinde!

Der Name der Stadt Athen ist uns auch heute noch ein Begriff. Sicherlich haben die meisten von uns schon einmal irgendwelche Abbildungen von dieser Stadt gesehen, die ähnlich wie Rom noch heute so eine Art antike Atmosphäre ausstrahlt durch die Reste von einst prachtvollen und kunstvollen Bauwerken, die noch heute voller Stolz den Touristen gezeigt werden.

Ja, diese Stadt war schon vor 2000 Jahren eine Stadt mit Namen und Bedeutung. Große Denker und Philosophen hat diese Stadt beherbergt, Männer mit epochemachenden Ideen, denken wir dabei nur an die olympische Idee, die in der griechischen Metropole ihren Ursprung hat. Noch heute können wir auch die starke Religiosität der Bürger von Athen damals in den unendlich vielen Götterbildern, die in Stein gehauen sind und denen Tempel errichtet wurden, erkennen.

So kam in diese bedeutungsvolle antike Stadt auch der Apostel Paulus bei einer seiner Reisen in die Gegend des östlichen Mittelmeeres. Seine Reisen damals waren aber keine Urlaubsreisen, sie galten dem Ziel, die Botschaft von dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn in die Welt zu tragen.

Wir können uns vorstellen, dass das gewaltige Gegensätze waren, die da in Athen aufeinander stießen. Auf der einen Seite die Stadt mit ihren kulturellen und geistigen Reichtümern und auf der anderen Seite dieser Apostel Paulus, ein den Griechen nicht gerade sympathischer Jude, der noch dazu eine Botschaft zu verkündigen hatte, die gegen alles verstandesmäßige Denken der aufgeklärten Griechen ging. Die Botschaft von dem gekreuzigten und auferstandenen Weltenheiland verstand damals nur eine kleine Schar. Was wundert es uns da, dass also die Zuhörer da in den Synagogen und am Markt mit Spott, Drohungen und kontroversen Diskussionen antworteten. Wie sollte dieser unbekannte Paulus mit seiner Botschaft bei den kritischen Athenern ankommen? Und doch, er kommt an, freilich wird er nicht gleich mit offenen Armen empfangen und der Anfang ist ganz klein und bescheiden, aber er ist da.

Paulus fängt es ganz geschickt an, wie er auf die Athener zugeht in seiner ersten Predigt auf dem öffentlichen Platz, dem Areopag. Er hängt nämlich seine Predigt an einem Erlebnis auf, das er gehabt hat: Bei der ersten Besichtigung Athens sah er unter den vielen Tempeln auch einen, der einem unbekannten Gott geweiht war. Diesen Unbekannten bekannt zu machen, dazu ist er gekommen. Er hat es mit offenen Ohren und Augen gehört und gesehen, dass Gott der Wirkliche und Lebendige wahrhaftig unbekannt ist. Die Athener wissen sich so reich, dass sie keinen Mangel spüren und doch fehlt es ihnen am wichtigsten, an dem, was sie im Innersten zufrieden machen könnte, an dem Wissen von diesem Herrn, der um seiner Liebe zu den Menschen, seinen Sohn zu opfern bereit gewesen ist.

Liebe Gemeinde, hier ist der Punkt, wo die Predigt des Paulus auch uns ganz unmittelbar anspricht. Wir sind stolz auf die Errungenschaften des 20. und 21. Jahrhunderts. Die Entwicklung der Technik, die Fortschritte in der Medizin – da könnten wir alle Wirtschaftszweige durchbuchstabieren und einzeln würdigen. Im letzten Jahrhundert sind wirklich großartige Dinge auf den Weg gebracht worden.

Aber so weit wir auch gekommen sind, alle diese großartigen Fortschritte haben den Menschen mit den eigentlichen Fragen des Lebens doch allein gelassen. Das Zusammenleben von Menschen, ein wirklich friedvolles Miteinander ohne Ausbeutung, ohne Neid und Hass, das gibt es bis heute nicht. Gerade in diesen Tagen werden wir durch die Zwischenfälle beim Fackellauf des olympischen Feuers auf die Menschenrechtsverletzungen in Tibet aufmerksam gemacht.

Wenn wir danach fragen, worin das alles seine Ursache hat, dann sicherlich auch darin, dass Gott seit den Tagen der Athener doch immer noch weithin der unbekannte Gott geblieben ist, der, an den wir uns besinnen, wenn es uns ratsam scheint, in Not und Gefahr, bei gewissen Familienfeiern, vielleicht auch wenn wir in unserem Leben in eine Sackgasse geraten sind. Aber danach wird er schnell wieder in die Ecke gestellt. Religiös ist der Mensch des beginnenden 21. Jahrhunderts sicherlich. Umfragen bestätigen, dass die meisten Menschen schon daran glauben, dass es eine höhere Macht gibt, es gibt nur wenige, die Gott total leugnen. Das allein ist Paulus aber zuwenig, wie der Tempel für den unbekannten Gott.

Paulus sagt, Gott will keine Randfigur sein. Gott will keinen Tempel, ihm ist an den Menschen gelegen. Buße und Umkehr das ist der erste Schritt zu Gott. Das ganze Leben unter den wahrhaftigen Gott stellen, nicht nur für ein paar feierliche Augenblicke religiös sein, sondern die ganze Woche, bei der Arbeit, im Zusammenleben mit der Familie Jesu Lebensnormen annehmen und leben. Darauf kommt es Paulus an.

Kurzum, in allen Dingen mit dem Gott rechnen, der den Menschen seinen Willen durch seinen Sohn Jesus Christus kundgetan hat. Der uns zu seinen Kindern gemacht hat durch die Taufe. Er ist gar nicht der unbekannte große Gott. Wie könnte ein solcher sich anreden lassen mit Vater?

Das aber will Gott von uns, so vertraut, so nahe ist er uns, wie ein Vater seinen Kindern nahe ist. Aber wie auch die Kinder ihren Vater nur recht erkennen können, wenn sie sich ganz und gar unter seine Hand stellen, so werden auch wir ihn erkennen können, wenn wir uns in seine Hände fallen lassen.

Und das ist für uns Menschen im beginnenden 21. Jahrhundert genauso bitter nötig, wie für die Athener vor 2000 Jahren. Jubilate, freut euch – dazu fordert uns der heutige Sonntag auf. Im Blick auf uns Menschen selbst haben wir wenig Grund dazu. Aber wenn wir Gottes große Liebe und Geduld für uns in den Blick nehmen, dann haben wir allen Grund, fröhlich zu sein. Und die beste Freude, der beste Jubel ist es, wenn wir uns mit unserem ganzen Leben dem barmherzigen Vater ausliefern. Auch wenn andere unserem Gott spotten oder ihre eigenen Wege gehen – lassen wir uns einladen, diesem Herrn uns anzuvertrauen – jeden Tag aufs neue.

Möge es auch von uns einmal heißen: Sie hingen an ihm und wurden gläubig.

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