Wespennest

Vielen Menschen ist der Apostel Paulus der wichtigste Zeuge im Neuen Testament, obwohl er Jesus persönlich nie begegnet ist. Das Einzige was wir wissen ist kompliziert. Paulus war ein glühender Fanatiker, erst verfolgte er die Gemeinde mit allen Kräften, anschließend missionierte er genauso enthusiastisch. Er wurde vom ‚Saulus zum Paulus’. Er schreibt bewegende Briefe an die Gemeinden aus denen wir viel über das Leben der ersten ChristInnen wissen.

Über ihn selber erfahren wir manches aus den Briefen und manches aus der Apostelgeschichte. Diese bereitet uns allerdings auch Probleme, weil sie sehr zur Idealisierung neigt. Sie schreibt weniger Geschichte, als vielmehr zu erzählen, wie es eigentlich christlich zugeht. Historisch nicht immer zutreffend, erzählt sie dann doch, was christliche Mission genau ausmacht – und deswegen lohnt es sich vielleicht gerade dort hinzuhören, wo Mission, christliche Verkündigung in die Welt geht:

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Das Athen der Antike ist eine durch und durch moderne Stadt, die sich allen Angeboten des Zeitgeistes öffnet. Da stehen Altäre, da herrscht ein kulturelles Leben, ein reger Austausch von Meinungen. Mitten drin stehen die Tempel und Altäre. Auch da zeigt sich die Stadt weltoffen. Die Menschen wissen, dass sie nichts wissen, wie es ihnen einst der Philosoph Sokrates gesagt hat: ‚Ich weiß, dass ich nichts weiß’. Darum haben sie dem unbekannten Gott einen Altar errichtet. Sie wissen nicht, ob es da noch eine gibt und darum steht er da.

Paulus, so wie ihn Lukas hier darstellt, schlendert durch die Gassen und über die Plätze dieser Metropole antiken Denkens. Ihn interessieren weniger die hier vorhandenen Inhalte und Diskussionen. Er möchte den Menschen etwas Neues bringen. In sein Leben hatte die Begegnung mit Christus (eine Vision – aber was für eine) neues Licht und neues Leben gebracht und davon wollte er den Menschen erzählen. Er wollte seinen Jubel über Christus in die Welt tragen und darum schaut er sich auch die vorhandene Kultur an, nicht als Tourist, sondern als einer, der die Menschen verstehen will, mit denen er redet.

Er bewegt sich auf fremdem Boden und beginnt bei diesem Altar ‚ Dem unbekannten Gott’ und leitet von diesem Altar und dem dahinter stehenden Bewusstsein der Athener, nicht alles zu wissen, über zu dem Gott, der ihm so wesentlich geworden ist. Er erzählt von der Schöpfung und erzählt von Jesus Christus, der gekommen ist, Menschen, die uns als verloren gelten, zu retten.

Damit hat er vermutlich in ein Wespennest gestochen. Denn gerade die Philosophie der Griechen tat sich schwer mit dem Gedanken, dass auch in dem, der am Boden liegt etwas Positives zu finden ist. Das ist eigentlich etwas, was Menschen zu allen Zeiten betrifft. Es gibt so etwas wie eine Siegermentalität. Eine Denkanschauung, die immer nach den Erfolgreichen fragt. Das erleben wir heute in unserer Wirtschaftswelt wo immer wieder nach den Reichsten, den Mächtigsten gefragt wird.

Ebenso ist es im Sportbetrieb. Da wird immer wieder deutlich gemacht, wie wichtig Sport ist. Aber wirklich erwähnt wird nur der Sport, der Schlagzeilen macht, da wird geredet von Erfolgen und Rekorden und Medaillen, da hat man den Eindruck: Das alles ist wichtiger als alles Andere, als Menschenrechte oder Frieden und Gerechtigkeit, von der Sorge um die Menschen, die kaputt gehen an einer Gesellschaft, die nur nach Erfolg giert.

Wesentlich bleibt für Paulus darum erst einmal die Dankbarkeit für das anvertraute Leben. Diese Dankbarkeit, die heute wie damals oft fehlt und für manche Fehlentwicklungen mitverantwortlich ist. Fehlende Dankbarkeit ist oft Auslöser für massive Überforderungen. Fehlende Dankbarkeit provoziert Unzufriedenheit. Ein Mensch, der dankbar ist, wird auch leichter damit fertig werden, wenn seinem Leben etwas fehlt.

Gerade in der Pädagogik wird das ja oft deutlich: Wenn wir immerzu sehen, was aus diesem Wesen werden kann, verlieren wir den Blick für die Wirklichkeit des Kindes mit dem wir zu tun haben. Wir machen uns Bilder, was aus diesem Kind werden könnte und sehen nicht mehr den Menschen selber, verlernen ihn ernst zu nehmen, so wie er ist.

Paulus geht dorthin, wo Kirche unserer Tage vielleicht auch öfters gehen müsste – auf den Markt. Paulus rechnet mit der Religiosität des Marktes und nimmt seine Mitmenschen ernst. Er geht auf ihre versteckte Religiosität ein, macht sich nicht lustig über Menschen, die gar nicht so genau wissen, wen sie verehren, die Angst haben etwas falsch zu machen, zu vergessen.

Er versucht sie eher bei ihrer Unsicherheit zu ergreifen. Sein ‚Erfolg’ wird wohl kaum darin liegen, dass er seinen Glauben als Lückenbüßer anbietet, aber die Menschen hören: Da ist jemand, der nimmt uns ernst und redet über Dinge, die ihm wichtig sind. Er bekennt seine persönlichen Glauben und erzählt, was ihm dieser Glaube bedeutet.

Der Erfolg des Apostels war eher bescheiden. Darin sind sich alle einig. Aber darauf kommt es ja vielleicht auch nicht an. Vielleicht wussten das ja auch schon die LeserInnen der Apostelgeschichte. Vielleicht war ihnen klar, dass es nicht immer nur auf den Erfolg ankommt, sondern dass es wichtig ist, nicht nur als Tourist durch die Geschichte zu spazieren, sondern die Menschen wahrzunehmen, sie ernst zu nehmen und ihnen dann zu erzählen von dem Gott, der den Tod nicht will, sondern das Leben, der sich solidarisch gemacht hat mit dem, der am Boden liegt und nicht mit dem, dem es sowieso schon zu gut geht.

Die Osterbotschaft muss sich Bahn brechen auch in fremdem Umfeld. Wir dürfen nicht müde werden von Ostern zu reden, damit es auch Ostern werden kann bei allen Menschen. Aber wir müssen nicht einfach drauf los reden, sondern wir dürfen uns Zeit nehmen hinzusehen und hinzuhören, was die Menschen bewegt. Dürfen unsere Mitmenschen ernst nehmen.

Wir können stundenlang reden über Menschen, die sich ihre eigene Religion (Gesundheit – Woche für das Leben) bauen. Wir können aber auch anfangen ihnen zu helfen, Freude zu finden. Jubilate: Sich freuen in dem Herrn, der uns zu neuen Wesen machen will.

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