Unterwegs auf den Straßen und Marktplätzen

<i>I. „Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in jeder Weise esonders eifrig verehrt. Ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen“

Paulus war im Zentrum der griechisch sprechenden Welt angekommen: Athen, die gebildete Stadt. Spiegelbild einer glanzvollen Vergangenheit. Er war durch die Straßen gezogen, überquerte die Agora, den Marktplatz und konnte das bunte Treiben, das pulsierende Leben beobachten. In den Säulengängen, die vor Wind, Sonne und Regen schützten trafen sich die Menschen tagtäglich. Von hier aus wurde die Stadt regiert, die Menschen kamen, um Recht einzufordern oder nur um einzukaufen. Viele Altäre und kleine Tempel erzählten von der prallen Religiosität der Athener. Ihr Götterhimmel war so bunt und leidenschaftlich wie das Leben. Da herrschten Liebe und Eifersucht, Lug und Betrug, Zorn und Ohnmacht. Die Welt der Götter, die Welt von Zeus und Hera, von Athene und Poseidon war Ausdruck menschlicher Leidenschaften und Regungen, menschlicher Stärken und Schwächen. Und immer versuchte man die Götter und das Schicksal gnädig zu stimmen, denn man wusste nie , woran bei ihnen ist. Paulus sah die Akropolis, die Stadt auf dem Berge, mit den großen Tempelbauten. Ausdruck der Baukunst der Athener. Es mag ihn beeindruckt haben, es mag ihn aber auch befremdet, ja in Erregung versetzt haben, als er das alles sah und auf den Areopag geführt wurde, wo der Rat der Stadt, die Verwaltung und die Blutgerichtsbarkeit zu Hause war. Das Leben und der Alltag (jedenfalls) war religiös aufgeladen.</i>

Auch wir sind umhergekommen. Sicher: Reisen ist heute bequemer, wir sind mobiler. Wir sind umhergelaufen auch durch eure Straßen, über eure Marktplätze und haben das Leben gesehen, jedes mal wenn wir kommen ein bisschen anders. Ich erinnere mich an den Taxifahrer vor einigen Jahren, der uns vom Flughafen in Bukarest abholte und nach Zeiden brachte. In Kronstadt fuhren wir an der Autohäusermeile vorbei. Kaum eine der großen Automarken fehlte und Stolz schwang in seiner Stimme mit als er feststellte: Jetzt kann man auch bei uns jedes Auto kaufen.

Eure Straßen und Zentren werden unseren immer ähnlicher. Geschäfte laden zum Bummeln ein, Einkaufspaläste versprechen die Segnungen des modernen Lebens mit allem Wohlstand – wenn man ihn sich denn leisten kann. Kaum einer in den größeren Städten, der nicht mit dem Handy unterwegs ist. Mobilität und Erreichbarkeit oder Verfügbarkeit sind die Kennzeichen, die Grundstruktur modernen Lebens – die Götzen unserer Zeit, Ausdruck einer tief verborgenen Sehnsucht nach Anerkennung, nach Prestige und Wertschätzung? Nur Beweglichkeit verspricht Lebendigkeit, keine Zeit und keinen Raum versäumen, die Welt ist klein geworden. Wer das Leben nicht verpassen will, darf nichts verpassen.

So jedenfalls erscheint es dem Beobachter.

Er schaut auf die Plakate, sieht die Gesichter der Models: jung und attraktiv. „jung sein“ lohnt sich. Nur wer jung ist oder jung bleibt kann mithalten. Ausgeblendet wird, wie viele in dieser Welt, in diesem Lebensgefühl keinen Platz haben können. Wer dazu gehören darf, entscheidet sich aber nicht nur am Wohlstand. Wo ich geboren bin, von welchen Eltern ich abstamme, in welcher Kultur ich aufwachse, das entscheidet wohin ich gehöre, unterscheidet womöglich von meinem Nachbarn. Die Welt ist klein geworden, die Räume werden eng. Kann ich wirklich noch erkennen, woher einer kommt, wohin einer gehört. Unsere Sprachen mischen sich.

Was macht das Leben aus?

Mancher sagt: Spaß haben, mitfeiern. Ja, das Leben ist auch ein Fest. Aber oft genug muss ich auch fest genug arbeiten. Ich bin umhergegangen auf unseren und euren Straßen und ich spüre dem Geist der Zeit nach, spüre die Sehnsucht, die Träume und Ängste, entdecken woran die Herzen hängen.

<i>II. „Ich verkündige euch diesen Gott, den ihr unwissend verehrt.!“

Die Stadt Athen war voller Götterbilder. Die Götter zeigten nicht nur menschliche Gefühle, sie trugen auch menschliche Züge. Auf sie war kein Verlass, sie waren schicksalhaft und mussten besänftigt, gnädig gestimmt werden, um nicht ihren Zorn auf sich zu ziehen. Keinen wollte man vergessen und so beleidigen, deshalb auch der Altar für den (noch) unbekannten Gott. Viele, unter ihnen viele Intellektuelle, hatten da schon Bekanntschaft gemacht mit dem jüdischen Gott. Wie anders war dieser Gott der Juden, von dem Paulus spricht, der kein Bild kennt, der nicht unberechenbar wütet, sondern sich an sein Volk und seine Gebote gebunden hat. Gnade und Treue haben bei ihm einen ganz anderen Klang als in der griechischen Götterwelt. Israels Gottesidee und Gotteserfahrung erschienen vernünftig und somit attraktiv. Wo also sonst, wenn nicht in der gebildeten Stadt sollten sich viele „Gottesfürchtige“, also Freunde des bildlosen Gottes finden, mit dem die Welt verständlicher und das Leben beständiger wird. Diesen Gott will Paulus bekannt machen.</i>

Dieser Gott hat sich selber bekannt gemacht und hört seitdem nicht auf sich Menschen bekannt zu machen, sie abzuholen aus den Sehnsüchten, Träumen, Ängsten oder Baustellen ihres Lebens. Dieser Jesus von Nazereth, gekreuzigt und auferstanden, der auch den Apostel Paulus buchstäblich aus seinem alten Leben abgeholt hat, ist Gottes Antwort auch auf unsere Fragen, auf unser Suchen. Und seine Botschaften sind klar und einfach, damals und heute: Warum machst du so viel Aufsehen und Aufregung, um das Ansehen, das du unter Menschen genießt, warum verzehrt dein Suche nach Prestige so viel Lebenskraft und Lebensenergie, wo du doch längst ein Ansehen hast. Gott hat dich angesehen. Er, der die große, weite, bunte, schöne, bedrohliche Welt geschaffen hat, meint und sieht dich an, kennt deinen Namen, ist dir so nahe , wie dir nur einer sein kann – dir, der du den Namen seines Sohnes Jesus Christus trägst. Warum machst du soviel Aufsehen um dein Ansehen, kann es denn etwas Größeres als Gottes Ansehen.

Hier gilt einmal nicht: ohne Ansehen der Person. Denn keiner ist ihm gleichgültig, alle sind ihm gleichwichtig. Dir schenkt er sein Ohr und seine ganze Aufmerksamkeit, während du noch nach der richtigen Nummer oder dem richtigen Netz suchst. Warum treibt dich die Angst um, etwas, nämlich das Leben zu verpassen, wenn du etwas verpasst? Schenkt Gott uns nicht viel mehr, als diese kurze Zeit zwischen Geboren werden und Sterben, zwischen Abmühen und Scheitern, zwischen Lachen und Weinen von einem Augenblick zum Andern? Es gibt mehr als das schöne bisschen Leben, an das wir uns so gerne klammern. Es gibt die Ewigkeit. Die Tragik unserer Zeit hat einer einmal so auf den Punkt gebracht: Früher hatten die Menschen 40 Jahre und die Ewigkeit. Heute haben sie 80 oder 90 Jahre und dann nichts. Gott schenkt mehr als das schöne bisschen Leben.

Davon sind Menschen rund um unsern Erdball beseelt, so haben Generationen vor uns schon gehofft, geglaubt und gelebt. Es stimmt die Welt ist klein geworden, weil Gottes Volk überall und zu jeder Zeit in dieser Welt zu Hause ist. Da fallen Grenzen, Schranken, auch Sprachbarrieren, weil nicht mehr mein Woher, sondern nur noch unser Wohin zählt. Meine Sprache, meine Familie, meine Freunde, meine Lieder prägen mich. Mehr noch aber verbindet Menschen das gemeinsame Vertrauen auf Jesus Christus. Er ist der gute Hirte, der Freund und Begleiter aller Menschen So kann ich in ihm an jedem Ort mit jedem zu Hause sein. Deshalb ist es mir so ernst mit der Anrede „Bruder“ und „Schwester“ nicht nur in Templin, sondern auch hier.

Wer einmal so zu Hause bei Gott und somit auch ganz in seinem Leben angekommen ist, der spürt, dass nicht der Spaß im Leben entscheidend ist. Er versüßt uns das Leben hin und wieder- und das darf er auch.

Tragender aber ist die Freude, die aus dem Glauben kommt, die Freude darüber, dass wir nicht verloren gehen in diesem Gestrüpp der Wünsche und Sehnsüchte, der Träume und Enttäuschungen, die aus uns heraus wachsen, oder die uns immer wieder als einzig erstrebenswert vorgegaukelt werden. Zu solchem Glauben – angesehen von Gott, beschenkt mit Ewigkeitswert, aufgehoben in Gottes Volk, zu Hause in meinem Leben, getragen vom Vertrauen auf Jesus Christus – möchte ich uns und andere verlocken.

drucken