Wie Kinder

Liebe Gemeinde,

vielleicht ergeht es ihnen ja manchmal auch so wie mir. Mir sagen die Menschen nämlich manchmal, warum sie nicht zum Gottesdienst in die Kirche kommen. Da gibt es dann die verschiedensten Begründungen:

– Der Gottesdienst ist zu früh; dabei wird übersehen, dass wir am dritten Sonntag im Monat erst um 19:00 Uhr mit dem Gottesdienst beginnen.

– Der Gottesdienst ist zu lang; so ein Gottesdienst dauert zwischen 50 und 60 Minuten, ein Fußballspiel dauert schon ohne Pause 90 Minuten.

– Meinen Gottesdienst feiere ich in der Natur, oder so ähnlich sind die Begründungen für das Fernbleiben vom Gottesdienst. Diese letzte Begründung höre ich allerdings häufiger. „Ach wissen Sie, Herr Pastor, ich finde meinen Gott in der Natur. Wenn ich am Wochenende so durch den Wald gehe, dann bin ich meinem Gott doch viel näher, als wenn ich in die stickige Kirche gehe.“ So wird mir das dann gesagt.

Ja und was kann ich dann noch sagen?

Nun, ich sage, dass das wohl so sein wird. Doch es geht nicht um deinen oder meinen Gott, es geht um den einen Gott. Es geht um den Gott, mit dem schon ganz viele Menschen ihre Erfahrungen gemacht haben und diese hilfreichen Erfahrungen finden wir aufgeschrieben in der Bibel. Es geht dann auch um den Gott, der sich als der lebendige Gott erwiesen hat.

Ein alter Begriff dafür ist, er hat sich offenbart. Gott hat sich den Menschen oder wenigstens einem Menschen gegenüber geöffnet, ihm hat er sich offenbart, das heißt er hat sich als der lebendige und dreieinige Gott gezeigt. Ja, es geht um den Gott, dessen Spuren ich in der Natur finden kann. Doch wir sollten die Spuren nicht mit Gott verwechseln.

Von den Spuren kann ich doch nur zum Teil auf den schließen, der diese Spuren hinterlassen hat,

das Ganze ist noch sehr viel mehr als die Spur. Um die Bedeutung der Spuren Gottes geht es auch in dem für heute vorgeschlagenen Predigttext, er steht bei Jesaja im 40. Kapitel.

[TEXT]

Liebe Gemeinde, „Seht doch nur in die Höhe, wer hat die Sterne da oben geschaffen?“ Das klingt ja doch fasst so wie: „Ich finde meinen Gott im Wald.“ Es klingt wirklich so ähnlich, doch es ist bei Weitem nicht das Gleiche. Denn hier, bei dem Propheten ist der Hinweis auf die Schöpfung, ganz konkret auf die Sterne die wir am Himmel sehen können, kein direkter Beweis für Gott. Es geht hier nicht darum, Gott in den Sternen zu finden.

Doch genau so ergeht es vielen Zeitgenossen heute und vielleicht ja nicht erst seit heute denken und argumentieren Menschen so. Seht doch nur in die Höhe … Der Prophet meint etwas anderes, als wir meist zu wissen meinen. Und so geht der Satz auch anders weiter, als wir es schon im Ohr haben. Nicht: Seht doch nur in die Höhe und erkennt das ist Gott; sondern: Seht doch nur in die Höhe! Wer hat die Sterne da oben geschaffen. Es wird hier gleich auf den verwiesen, der als Schöpfer hinter diesem Werk zu finden ist. Die Sterne werden nicht als etwas Göttliches gesehen, sondern als etwas erkannt, das von Gott kommt.

Das ist ein ganz gewaltiger Unterschied!

Die Natur wird hier nicht vergöttert, sondern als Teil der göttlichen Schöpfung gesehen. In der Natur kann der Prophet nicht Gott erkennen, sondern lediglich sein Spuren. Doch das bedeutet ihm sehr viel. Habt ihr denn nicht gehört? Habt ihr nicht begriffen? Diese Frage leitet der Prophet Jesaja aus seiner Naturbeobachtung ab. Begreifen sollten die Menschen damals und begreifen können wir heute, dass Gott nicht Natur ist, dass wir aber seine Spuren in der Natur erkennen können.

Denn der Prophet erkennt hinter all den Sternen, Gott, der einem jeden Teil der Schöpfung seine Lebenskraft zukommen lässt. Und er erkennt, dass Gott auch uns Menschen Kraft schenkt; sind wir doch Teil dieser Schöpfung. Er gibt den Müden Kraft und die Schwachen macht er stark. So bekennt sich der Prophet zu Gott als der stärkenden Kraft zum Leben.

Für Jesaja war die Kraft, mit der Gott uns beschenkt, beschränkt auf dieses Leben. Doch wir leben in der nachösterlichen Zeit, wir dürfen nicht nur, wir müssen geradezu weiter denken. Wir können mit unseren Gedanken weder bei der Natur stehen bleiben, noch bei dem natürlichen Leben.

Seit Ostern dürfen wir darauf vertrauen, dass wir auch nach diesem Leben noch eine Zukunft haben werden. Wie diese Zukunft bei Gott aussieht, wir wissen es nicht. Doch wir können auch hier wieder die Natur zur Hilfe nehmen; wir können in der Natur ein Abbild der Auferstehung erkennen. Wir müssen nur darauf achten, das Bild, das wir sehen, ist nicht das Eigentliche, das Eigentliche, die Kraft Gottes, sie ist nur in dem Bild zu erkennen, sie ist nicht die Natur, sondern die Kraft, die in der Natur wirkt. Die Zukunft bei Gott, die nach diesem Leben gilt, wir werden an ihr teilhaben durch die Auferstehung von den Toten.

Das ist schwer zu begreifen.

Denn wir können immer nur bis an die Grenze unseres Lebens denken. Auferstehung, sprengt die Grenze unseres Lebens und die Grenze unseres Denkens. Jesus hat selbst ein Bild für die Auferstehung benutzt, als er sich von seinen Jüngerinnen und Jüngern verabschiedet hat. Da sagte er: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bringt es keine neue Frucht. Wir können jetzt im beginnenden Frühjahr bald die Erfahrung machen, dass das Samenkorn in die Erde gelegt wird, damit aus diesem einen Samenkorn eine ganze neue Frucht hervorgeht. Und wenn wir dann die Frucht ernten, sei es die Möhre oder die Kartoffel, dann können wir die gesäte Frucht gar nicht mehr oder allenfalls als verdorbene Frucht erkennen.

So ähnlich wird es auch mit der Auferstehung von den Toten sein.

Doch wir sollen nicht vergessen, das ist ein Bild für die Auferstehung, die Auferstehung selbst ist noch ganz anders. Das ist wie mit den Spuren Gottes, die wir in der Natur erkennen können. Durch diese Spuren, durch die Bilder, die uns einen Sachverhalt erklären, kommen wir dem Eigentlichen nur auf einer Ebene näher. Das Eigentliche; Gott, die Auferstehung, der Glaube und auch die Liebe; all dies ist immer mehr, als das Bild, das wir von ihnen haben und auch weitergeben können.

Wir sind darauf angewiesen, diesen Bildern zu vertrauen und in unserem Leben dann die Erfahrung zu machen, dass das, was diese Bilder aussagen wollen, auch für unser Leben Bedeutung hat. Da sind wir, um im Bilde zu sprechen, wie Kinder darauf angewiesen, dass das, was uns mit diesen Bildern übermittelt werden soll, für uns gut und hilfreich ist. Doch der Predigttext ist sicherlich mit Bedacht für den Sonntag heute ausgewählt.

Quasimodogeniti, wie die neugeborenen Kindlein, so heißt der heutige Sonntag. Gut, wenn wir so glauben können, wie die neugeborenen Kindlein; Quasimodogeniti und an jedem weiteren Tag in unserem Leben.

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