Gott verleiht dir Flügel

Wie war das damals, als wir die Schule verließen? Da waren wir noch voller Elan. Da hatten wir im wahrsten Sinne des Wortes, freie Fahrt und grünes Licht für unser Leben. Doch was wurde draus?

Heute sind viele von uns schon im Rentenalter, andere im Altersheim und andere vielleicht schon im Pflegeheim; sie sind des Lebens müde geworden. Wie schnell neigen wir dann zu sagen, dass dies des Lebens Lauf ist, ja, es muss so sein.

Es war das Jahr nach der Währungsreform als einer meiner Onkel aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft entlassen wurde. Im Sommer des Jahres 1946 war er in einem Gefangenenlager in der Ukraine. Dort musste er in einem hölzernen Tragegestell Ziegelsteine auf dem Rücken über mehrere Leitern hoch auf einen Bau tragen.

Abends, so berichtete er, war er trotz seines Alters, er war gerade mal 24 Jahre alt, nicht mehr fähig aufrechten Ganges sein Nachtlager zu erreichen.

Während der Woche, da verausgaben wir uns durch unsere berufliche Tätigkeit, durch unsere Arbeit im Haus, Hof und Garten. Körperliche, geistige aber vor allem unsere seelische Kraft ist pausenlos verbraucht worden. Die Nachtruhe, sie genügt nicht mehr, um unsere dahingegebene Kraft zu ersetzen.

Müde sein und nicht mehr so viel aushalten und arbeiten können, das erfahren nicht nur älter werdende Mensch, nein, auch junge Menschen sind davon betroffen. Eine wohl enttäuschende und bedrückende Erfahrung.

Doch gerade den Müden und Schwachen sind besondere Verheißungen gegeben.

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Wir hören von völlig verzweifelten, mutlosen und müde gewordenen Menschen, den in Babylon gefangenen Israeliten. Sie haben einen Krieg verloren und ihre Feinde haben sie aus ihrer Heimat vertrieben und in die Fremde verschleppt.

Wie konnte Gott so etwas zulassen? Gibt es überhaupt einen Gott, der so viel Leid und Elend auf dieser Erde zulässt?

Die Babylonier, sie hatten ihre Hausgötter und mit ihnen waren sie anscheinend glücklich. Sie glaubten an die Sterne und waren Meister in der Astronomie. Und sie hatten bereits einen Kalender mit der sieben Tagewoche.

So war der Glaube, der in Gefangenschaft lebender Israeliten in doppelter Gefahr. Einmal durch die Enttäuschung des verlorenen Krieges und dem damit verbundenen Elend in dem sie jetzt lebten, und dann durch die geistige Überlegenheit der Babylonier. Diese schienen wohl alles besser zu wissen.

Der Prophet Jesaja, der unter dem Volk der Israeliten lebte, er hatte wohl einen größeren Weitblick als seine Feinde es hatten. Jesaja wusste, dass die Hausgötter keine Bedeutung hatten, ja, er wusste, dass hinter dem gewaltigen Universum das Wirken Gottes war. Gott war es, der alle Sterne geschaffen hatte.

Und wenn heute immer wieder neue Himmelskörper entdeckt werden, Gott, er kennt sie, ja er kennt das ganze Universum, denn es ist sein Werk. So sind es nicht die Sterne, die unser Schicksal bestimmen, sondern es ist Gott, der unser Schicksal lenkt.

Gott, liebe Gemeinde, ist unser Schicksal nicht egal und unser Werdegang ist ihm nicht gleichgültig und ebenso gehen unsere Probleme an ihm nicht vorbei.

Für mich ist es schon ein Phänomen, ja ein Wunder, dass der unendlich große und allmächtige Gott sich Zeit für eine jede und jeden von uns nimmt, in dem er uns zuhört, in dem er sich um uns Gedanken macht und für uns sorgen will.

Dies stellt der Prophet Jesaja ganz schlicht und einfach als einen Tatbestand fest. So wie man einen leeren Akku auflädt, genauso macht Gott es mit uns.

Aber alle, die auf den Herrn vertrauen, bekommen immer wieder neue Kraft, es wachsen ihnen Flügel wie dem Adler. Sie gehen und werden nicht müde, sie laufen und brechen nicht zusammen.

Vertrauen bedeutet im Urtext: verbunden oder angeseilt sein. Verbinde einen leeren Akku mit dem Aufladegerät, dann geht der Strom in ihn über. Der Akku, er nimmt den Strom auf, bis er voll geladen ist und gibt ihn dann wieder ab. Ja, er hat dann wieder Kraft, die er weiter geben kann.

Im Grunde ist dies ein recht komplizierter Vorgang, der da in unseren Herzen geschieht und der Vergleich mit dem Akku ist eigentlich viel zu einfach. Gott lässt uns, die wir mit ihm verwurzelt sind, Kräfte nachwachsen, so wie es auch bei den Pflanzen geschieht, die mit ihren Wurzeln aus dem Boden die Kraft holen, die sie brauchen.

Liebe Gemeinde, unser heutiger Predigttext vertröstet uns nicht auf ein Jenseits bei Gott. Dieser Text, er möchte uns jetzt helfen, wenn wir müde und am Boden zerstört sind. Dann können wir neuen Mut schöpfen und Hoffnung in Jesus Christus finden.

Dann gibt es für uns die Hoffnung, die uns durch Leben und durch den Tod träg: Jesus Christus ist für uns gestorben und auferstanden, Jesus, er lebt.

Wenn dies für uns in unserem Leben die Wirklichkeit ist, liebe Gemeinde, dann beginnen uns, im wahrsten Sinne des Wortes, Flügel zu wachsen, Flügel der Hoffnung.

Dann werden wir gehen und werden nicht müde, wir werden laufen und brechen nicht zusammen.

Und diejenigen von uns, die intensiv auf den Herrn vertrauen und die sich ganz auf ihn verlassen, erhalten neue Kraft, so dass sie nicht am Boden liegen bleiben, sondern sich emporschwingen wie ein Adler im Höhenflug. Durch die Kraft von oben werden wir keinen Mangel mehr haben. Wollen wir diese Kraft?

Der Herr schenkt niemals nur halbe Gaben, er schenkt immer ganz sich selbst. Mitten in unserer Todeswelt gibt es für uns Gläubige diese neue, Tod überwindende Kraft. Lasst uns, so oft wie nur eben möglich, nach dieser Kraft greifen.

Mit diesen Flügeln können wir uns dann aus dem Tal der Hoffnungslosigkeit aufschwingen. So kommen wir zu dem Ziel unseres Lebens. Wir werden dann in Gottes Reich mit ihm in Gemeinschaft leben.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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