Über die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Was ist das Leben, liebe Gemeinde? Diese Frage habe ich mir schon mit 13 Jahren gestellt.

Warum ist das Leben nicht so, wie es sein sollte?

Ich meine: In ein Zeugnis gehören lauter Einsen. Das ist ein Schülerrecht. Es sollte ebenso selbstverständlich sein wie das Recht auf Selbstbestimmung.

Nur wenige Frauen hätten etwas gegen einen Ehemann a la Elvis Presley einzuwenden, wäre er zugleich so charmant und liebevoll wie Günther Jauch.

Das Leben sollte in bunten Farben schillern wie auf einer Kinoleinwand.

Stellen Sie sich vor, ein Mann wacht morgens vor dem Wecker auf und neben ihm im Bett liegt seine Frau. Und auf einmal fühlt er den gleichen Zauber wie damals nach der Geburt ihres ersten Kindes, als sie erschöpft, doch überglücklich lächelnd den Kopf zur Weite neigte und ihn anlächelte. Er kann den Blick nicht von ihr abwenden. Die Bettdecke entblößt leicht ihren rechten großen Zeh, der in einen warmen Wollstrumpf gehüllt ist. Nie war sie schöner als in diesem Augenblick.

Jedes Leben sollte solche Augenblicke bereithalten.

Ja, es sollte eigentlich erst richtig beginnen, wenn wir an Zeit und Lebenserfahrung gereift sind. 10 Enkelkinder sollten sich um einen scharen, die um die Aufmerksamkeit und Liebe ihrer Großeltern wetteifern. Und der Körper, der Tempel des Heiligen Geistes, sollte strotzen vor Kraft und Leben. Wie wir gesund und fit den neuen Tag beginnen, sollten wir ihn auch beenden, um gestärkt und frisch auf den nächsten zu warten. Jede und jeder sollte all das tun können, was sie und er für nötig halten.

So soll das Leben sein.

Doch so ist es nicht. Das wusste ich auch schon als Konfirmandin. Deshalb habe ich mir damals einen Konfirmationsspruch ausgesucht, von dem der heutige Predigttext handelt.

Ich lese Jesaja 40, 26-31:

[TEXT]

Das ist das Leben: Männer und Frauen werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen. Das ist das Leben: Es tut weh. Gewiss kommt dieser Augenblick: Wir straucheln und fallen. Der Boden ist verdammt hart, wenn unser Kopf darauf aufschlägt. Die Kraft reicht nicht mehr aufzustehen.

Mein Konfirmationsspruch verspricht sagt jedoch, das Leben ist mehr, wenn wir auf Gott vertrauen: aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden.

Wir bleiben nicht auf dem Boden liegen. Wir sollen fliegen.

Als Kind habe ich oft von dem Fliegen geträumt. Ich muss hoch springen. Und am Umkehrpunkt, wenn ich in der Luft schwebe, entscheidet sich, ob ich der Schwerkraft ein Schnippchen schlagen kann und die Luft mich trägt oder ob ich mich den Gesetzen dieser Erde geschlagen geben muss und falle und falle. Die Verzweiflung wächst mit jedem Versuch mehr, wenn ich den Boden nicht verlassen kann. Und ich kann nicht voraussagen, ob es klappt oder nicht. Eine Sekunde entscheidet über ein unbeschreibliches Gefühl des Glücks oder die Schmach des erneuten Falls.

Ist es nicht oft so im Leben? Wir kommen einfach nicht richtig hoch. Der Boden zieht uns immer wieder an. Es gibt kein Entkommen.

So ist es auch bei Mia. Sie hat einen Freund, mit dem sie immer zusammen lernt. Sie studieren beide das gleiche Fach. Als sie angefangen haben, hatte sie schreckliche Angst zu versagen. Die Zukunft sah pechschwarz aus. Alle anderen schienen mehr Hintergrundwissen zu haben. Was würde geschehen, wenn sie durch die Klausuren am Ende des Semesters fallen würde? Was sollte sie dann tun? Etwas anderes studieren? Vielleicht. Dann trat Anton als großer Retter in ihr Leben. Er schlug vor, sich morgens zu treffen und Aufgaben zu vergleichen. Es war nicht Mias Idee, aber sie nahm dankbar das Angebot an.

Tja, und dann am Ende des Semesters stellte sich heraus: Mia war noch nicht mal schlechter als Anton. Sie schrieb richtig gute Noten. Trotzdem lernten Mia und Anton gemeinsam für andere Fächer. Doch es war nicht mehr das Gleiche wie vorher. Er musste ihr nicht mehr ständig etwas erklären. Aber er ließ sich auch nichts von ihr erklären. Sie wurde darüber sehr wütend und stritt giftig mit ihm. Darauf stichelte er, wann immer er konnte. Die beiden hörten einander nicht mehr erwartungsvoll zu, sondern belauerten sich. Sie warteten nur darauf, dass der andere einen Fehler beging, um ihn dann hämisch darauf hinzuweisen.

Ihre Freundschaft war vergiftet. Sie merkten das und redeten darüber, wollten es besser machen. Beide gaben sich Mühe. Ab und zu stritten sie wieder miteinander. Und sie fauchten sich hin und wieder an. Manchmal sah es so aus, als könnten sie springen und dann fliegen, um dann doch wieder vom Himmel zu fallen. Die Flugversuche waren anstrengend. Aber mit der Zeit schafften sie es, sich immer länger zusammenreißen und in der Luft zu bleiben. Sie waren Freunde, die miteinander auskamen.

Was meinen Sie, werden diese beiden irgendwann einmal auffahren mit Flügeln wie Adler?

Bisher haben sie bloß einen Waffenstillstand erwirkt. Und auch der wurde auf eine harte Probe gestellt. Denn sie verliebte sich in jemand anderes. Anton wusste das. Er hörte auf mit ihr zu reden. Er hatte gehofft, sie würden einmal gemeinsam fliegen, als Paar. In seinen Träumen stürzten sie beide aber nun ab. Deshalb strafte er sie mit seinem Schweigen, bis er es nicht mehr aushielt. Er versuchte, ihr wieder näher zu kommen, mit allen Mitteln. Schließlich gestand er ihr seine Liebe, obwohl er wusste, dass sie sie nicht erwiderte. Doch sie war überglücklich, dass sie überhaupt wieder miteinander sprachen. Ihr Freund war zurückgekehrt, dachte sie. Aber Zusammensein mit ihm wollte sie nicht. Er versuchte alles. Umschmeichelte sie mit schönen Worten und setzte sie unter moralischen Druck. Sein Freund habe vermutet, dass sie ihn bloß ausgenutzt hätte. Schließlich habe er mit ihr zusammen gelernt. Und was sei der Dank? Aber er, Anton, würde ihr das natürlich nie unterstellen.

Nun ja, er dachte, er habe nichts anderes als seine Lernhilfe anzubieten. Das war seine einzige Möglichkeit zu werben.

Wie ist das nun mit Gott? Ist er etwa niemand anderes als ein großer Anton, der dummer Weise über etwas mehr Macht verfügt?

Darum ist unser Leben nicht so, wie es sein sollte!

Ungeschickt wirbt der Schöpfer des Lebens um unsere Liebe. Darum müssen wir immer wieder fallen. Damit er uns aufhelfen kann, wenn wir straucheln. Er schenkt uns Flügel. Umso höher wir steigen, umso höher werden wir auch fallen. Das soll wohl ein schlechter Scherz sein!

Ist das unser Gott, der sich die Hände reibt, begierig darauf wartend, dass wir stolpern oder verletzt werden und fallen, immer tiefer fallen. Dann tritt er hinter dem Vorhang hervor – als unser Retter, der große Held. Und wir seufzen ihm voller Dankbarkeit unsere ewige Liebe entgegen.

So sind wir dazu verdammt, immer wieder zu fallen.

Kann das wirklich jemand für uns wollen, der uns liebt?

Lernen wir von Mia. Sie kam tatsächlich mit Anton zusammen. Sie wollte ihn nicht als Freund verlieren und sie war neugierig darauf, wie es wohl sein würde, einen festen Freund zu haben. Sie liebte ihn nicht. Aber meine Güte. Das käme schon mit der Zeit. Davon war Anton felsenfest überzeugt.

Aber es kam anders. Mia und Antons alte Schwierigkeiten holten sie ein. Ständig fühlte sie sich von ihm bevormundet. Er meinte, alle Entscheidungen treffen zu müssen. Und sie müsse ihm folgen. Einmal als sie ihn küsste, hielt er ihr Gesicht fest, um ihr seine Art zu küssen aufzuzwingen. Und sie? Sie gab sich geschlagen. Jeden Tag zog sie sich weiter in sich zurück, entglitt ihm. Ihre Gefühle starben jede Sekunde etwas mehr.

Das ist das letzte, was Gott sich von uns wünscht. Dass wir uns zurückziehen.

Nach einer Woche machte Mia Schluss mit Anton. Bis heute fällt es ihm schwer, mit ihr zu reden.

Gott will nicht den Tod unserer Gefühle. Gott will das Leben. Wir leben nicht auf, wenn wir stürzen, Gott weiß das.

Er liebt uns auf eine selbstlosere Weise als dies Anton vermochte.

Gott braucht unseren Sturz nicht. Er möchte, dass wir auffahren mit Flügeln wie Adler. Er will, dass wir den Wind genießen, der uns um die Ohren streicht und das wir mit jedem neuen Atemzug das Leben in uns aufsaugen.

Mia wird nicht noch einmal stürzen. Das nächste Mal wird sie ihren Freund lieben. Und Antons nächste Freundin wird ihn lieben.

Wir brauchen den Sturz nicht und Gott braucht den Sturz nicht, damit wir ihm nahe sein können. Das heißt nicht, dass wir nicht wieder stürzen werden. Es heißt nur, dass wir nicht wieder stürzen müssen. Man stolpert nicht zweimal über den gleichen Stein.

Denn wir wollen wie Adler sein.

Kennen Sie das Balzverhalten dieser majestätischen Tiere? Männchen und Weibchen flirten auf halsbrecherische Weise in heftigen Höhen. Sie packen sich an den Krallen und schlagen so gemeinsam Räder. Manchmal sucht sich das Weibchen ihren Lebenspartner danach aus, welcher Adler ihr am meisten vertraut. Dabei fliegt das Männchen unter dem Weibchen her, aber auf dem Rücken. Beide sind im Sturzflug und das Weibchen bestimmt, wann sie beide gemeinsam hochziehen. Vertraut er ihr und wartet auf ihr Zeichen, beweist er seine Kühnheit. und sein Vertrauen. Die beiden bleiben oft bis an ihr Lebensende zusammen.

Gott möchte uns nicht auf den Boden halten. Er möchte gemeinsam mit uns fliegen.

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