Hebt die Augen

Das Volk, das im Finstern wandert … Und ob ich schon wanderte …Psalm 23,4. Gedanken wie diese aus den Propheten oder den Psalmen sind mir in meinem Leben schon öfter wichtig geworden. Ähnlich wie die eben gehörte Geschichte von dem Jünger Thomas. Dieser Thomas wird in der kirchlichen Tradition oft der Ungläubige Thomas genannt. Ich glaube, dass ihm die kirchliche Tradition da unrecht tut. Für mich ist Thomas ein Mensch wie du und ich, ein Mensch, dem es manchmal an Kraft fehlt, der darum Hilfe braucht beim Glauben, beim Vertrauen, Belege.

Ihm hilft allein der 23. Psalm nicht weiter. Er braucht auch die Gewissheit, die Bestätigung, dass es diesen Gott gibt, der mit ihm gehen will.

Gerade nach Karfreitag fühlt Thomas sich in seinem Glaubensleben matt und zerschlagen.

Dieses Glaubensgefühl hatten Jahrhunderte vorher auch schon die Menschen, die im Exil lebten, in der Verbannung. Sie hatten den krieg verloren, Israel war ausradiert. Nach den menschlichen Gesichtspunkten hatte damit auch ihr Gott verloren. Er war kein Schutz und kein Halt mehr. Der Gott Babylons hatte gewonnen. Aber so einfach gaben die Israeliten ihren Glauben nicht Preis. Ihnen schreibt der Prophet Deuterojesaja einen Trostbrief in ihre Verbannung, auch weil er weiß, dass da das Wunder des Glaubens gegen alle Wahrscheinlichkeit geschieht:

[TEXT]

Ein Text aus der ‚Gottesmüdigkeit Israels’. Der unbekannte Prophet Deuterojesaja wendet sich an das Volk, das müde und ermattet ist, das leidet an dem eigenen Unvermögen.

Diesen Menschen wendet er sich zu und erzählt ihnen von dem Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, dem sie geglaubt und vertraut haben seit ihrer Kindheit. Er weiß selber, dass er in ihnen keinen Glauben ‚machen’ kann. Darum erzählt er ihnen von der Unvergleichlichkeit Gottes – und er sagt ihnen, dass die Menschen, die ihm vertrauen, auch wirklich Hilfe erfahren. Er will ihnen so etwas mitgeben wie Wegzehrung in dürrer Zeit: Das Wort Gottes, das mir in meiner Müdigkeit aufhelfen will.

Darunter leiden Menschen – gerade die Menschen, denen ihr Glaube wichtig ist, dass sie so oft die Abwesenheit Gottes empfinden,. Dass sie verzweifelt fragen: wo ist denn Gott in meinem Leben.

Ich denke an Menschen, die ihren Ehepartner verloren haben, an Eltern deren Kind suchtkrank ist, an Menschen, die nur Armut und Hilflosigkeit bei sich verspüren. Denen geht es so, wie den Menschen zu denen Deuterojesaja spricht: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber«?

Mit diesen Gefühlen muss ich erst einmal umzugehen lernen. Ich muss es ernst nehmen, dass Menschen immer wieder zweifeln an diesem Gott, an seiner Anwesenheit mitten im Leid. Wie vor 2000 Jahren leben wir in einer Zeit, in der sich alles um die Gewinner dreht. In der, der vergöttert wird, der gewinnt, egal ob bei Wahlen oder im Lotto oder bei irgendeiner Show und die Verlierer sind weg vom Fenster. Die Gewinner singen ‚we are the champions’ und die Anderen verschwinden in der Versenkung. Darum taten sich Menschen aller Zeit etwas schwer mit dem Gott der ChristInnen und mit dem Gott des Alten und Neuen Testaments. Dieser Gott ist auch den Verlierern so unendlich nahe als der Gott, der sich arm und hilflos präsentiert. Als der Gott, der am Kreuz zu den elendsten aller Verlierer gehört.

Wir würden liebe zu einem Gewinner-Gott gehören, der kräftig dreinschlägt und uns vor allem Übel beschützt, auch vor dem, was wir selber angerichtet haben.

Wir sehen ja die großartige Schöpfung Gottes, wozu uns der Prophet ermahnt: ‚ Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen?’ – und wir glauben doch so gerne an unsere eigenen Machbarkeitsideen. Wir meinen, wir hätten alles im Griff.

Aber ich glaube, genau darum geht es dem Propheten, genau darum geht es so oft in der Bibel: Glaubt nicht an eure eigene Vernunft, eure eigene Macht und Fähigkeit. – was ja nicht heißt: Gebt das Denken und Machen auf, verfallt in einen Fatalismus nach dem Motto: ‚Der liebe Gott wird es schon richten’. Eher ist gemeint: Gebraucht Eure Fähigkeiten, benutzt Eure Gaben, aber rechnet damit, dass es Gott ist, der diese Welt geschaffen hat, und dass es Gott ist, der Euch alle erhält. Und rechnet damit, dass sein Wille ganz anders ist als Eure Vorstellungen, dass er es ist, der auch zu den Verlierern hält, der gekommen ist, das Verlorene zu retten.

Die Würde des Menschen, sagt Deuterojesaja bleibt auch dort‚ wo die Gesetzmäßigkeiten dieser Welt gelten: ‚Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen’. Vor Gott bleibt auch der Gestrauchelte und der Ermattete sein geliebtes Kind, der Gescheiterte und Verletzte gehört zu ihm.

Ich erlebe oft jubelnde Brautpaare, die sich ganz sicher sind: Wir wollen zusammenbleiben, ‚bis dass der Tod uns scheidet’. Die meinen das ernst – und erleben mitunter um so bitterer, dass sie dieses Vorhaben nicht durchhalten, dass sie straucheln und fallen, ihre Beziehung platzt und sie stehen vor dem Scherbenhaufen und andere leiden mit ihnen.

Da erfahren Menschen sehr hautnah Scheitern – und wenn es ehrliche Menschen sind, werden sie nicht immer nur den Anderen Schuld geben, sondern auch Schuld bei sich selber suchen.

Der Name unseres Sonntags: Quasimodogeniti – ist eine Erinnerung. Damals am ‚Weißen Sonntag’ der ersten ChristInnen gingen die an Ostern getauften neuen Gemeindeglieder in ihren weißen Gewändern zum gemeinsamen Gottesdienst mit Abendmahl. Sie waren wie die Neugeborenen, die Wiedergeborenen, die zur Taufe gegangen sind und nun in ihren Alltag gehen, als nunmehr Gesegnete des Herrn.

So dürfen wir auch unser Leben täglich neu anfangen als Menschen, die von ihrem Herrn gesucht werden – gerade auch dort wo sie am Boden liegen. Und wir dürfen im Auftrag und im Namen dieses Herrn Menschen besuchen, die am Boden liegen und sie aufrichten.

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