Tüchtige Frauen

Ostern alles wie gehabt? Dieses Jahr nicht. Unvergessliche Ostern haben wir diesmal. Zum einen so extrem früh, vorletzte Märzwoche, das hatten wir viele Jahre nicht. Und dann noch mit Schnee und Sturm. Das alte Lied, Ostern, Ostern Frühlingswehen passt diesmal überhaupt nicht. Aber uns in der Kirche soll es recht sein. Da geht das Osterfest nicht unter in Frühjahrsromantik und Eröffnung der Grillsaison. Ist doch mal gut, wenn sich mancher fragt: Was bleibt eigentlich noch von Ostern, wenn alles, was sonst dazu gehört, wegen Schneewehen ausfällt. 75 cm lag der Schnee dieser Tage bei meiner Schwägerin in Franken. Da musste manches abgesagt werden. Nicht aber die Ostergottesdienste. Und so wird vielleicht mancher darauf aufmerksam, was unverzichtbar dieses Fest ausmacht, weshalb es überhaupt gefeiert wird: Der Herr ist auferstanden.

Vor vielen Jahren habe ich schon einmal unvergessliche Ostern erlebt. Da lag das Fest auch so früh. Es war 1974. Der Zivildienst musste angetreten werden. Das christliche Missionswerk Frohe Botschaft in Hessen hatte mehrere Stellen frei. Da bot ich meine Mitarbeit an. Man wollte mich aber begutachten. So wurde ich zu einem Kurzeinsatz gebeten. Ein Team, das in Kiel eine Jugendwoche durchführte in der City, brauchte Verstärkung. Es war wie jetzt, um den 20. März. Aber warm und mild. Die Fußgängerzone war belebt. Wir hatten ein Zelt aufgebaut vor der Stadtkirche. Da gab es abends Programm mit Bands aus der Region und Referenten mit Format. Und immer ging es um Jesus. Tagsüber luden wir in der Fußgängerzone ein, diskutierten mit Jugendlichen. Da hat mancher, der gelangweilt oder kaputt dort trödelte, erstmals in einer ihm gemäßen Weise das Evangelium gehört. Und hat aufmerksame Zuhörer gefunden für seine Fragen. Und die richtigen Antworten. Das waren auch unvergessliche Ostern und frohe Ostern.

Und hier, im Bericht aus der Bibel, finden wir auch einmalige, unvergessliche, frohe Ostern. Mit den Frauen am Grab ging es los. Die sind wirklich was besonderes. Da lohnt es sich, näher hin zu schauen. Es sind Maria von Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus und Salome. Sie sind schon früh morgens unterwegs einkaufen. Es sind wirklich tüchtige Frauen. Sie verdienen Anerkennung. Die Bibel zollt den tüchtigen Frauen Lob. Sie werden namentlich erwähnt und damit ausgezeichnet. Wie viele tüchtige Frauen stehen bis heute in alle Frühe auf, regeln schon die ersten Dinge im Haushalt. Manche sind schon bevor die Familie es wahrnimmt unterwegs, weil sie Geld verdienen müssen und dann ist das schon der erste Job, den haben sie gefunden auch in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit, weil wer will schon so früh aufstehen und anpacken müssen bei harter Arbeit zu meist geringem Lohn. Und solche tüchtigen Frauen werden von den Frauen hier noch übertroffen, denn die bekommen keinen Lohn für ihr Tun. Sie zahlen den Grabschmuck, den sie besorgen, aus dem eigenen, nicht sonderlich gefüllten Geldbeutel. Und schon vorher haben sie Zeit und Kraft eingesetzt für Gotteslohn. Sie haben sich engagiert für Jesus und seine Freunde. Als die noch durch die Lande zogen und es oft ungewiss war, wo es Kost und Logis geben würde. So erfahren wir es beim Bericht der Kreuzigung Jesu. Und es waren auch Frauen da, die von ferne zuschauten. Unter ihnen Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus und Salome. Die waren ihm nachgefolgt, als er in Galiläa war,und hatten ihm gedient. Und viele andere Frauen, die mit ihm hinauf nach Jerusalem gegangen waren. Viele tüchtige Frauen!

Bis heute lebt die Kirche von tüchtigen Frauen. Was wäre unsere Gemeinde ohne sie! Was wäre ein Osterfest ohne sie. Diese Frauen stellen Stühle und Notenständer für die Chöre, sie kochen Kaffee und dekorieren den Saal. Sie stellen schöne Blumensträuße auf den Altar. Sie decken ein, sie waschen ab. Sie backen Kuchen und bereiten Salate zu, sie schnippeln und bruzzeln. Sie bereiten Kinderprogramme vor und Weltgebetstage. und Goldene Konfirmationen.

Was motiviert die tüchtigen Frauen in unserer Gemeinde, was motivierte die tüchtigen Frauen damals? Es ist zum einen Dankbarkeit. Am Anfang des Evangeliums wird erzählt, wie Jesus die ersten Jünger beruft: Petrus und dessen Bruder Andreas. Und zwei anderer Fischer lassen sich auch begeistern. Petrus nimmt Jesus samt den anderen dreien zu sich nach Hause. Dort wird sich die Begeisterung in Grenzen gehalten haben. Zum einen haben die Anwesenden vielleicht schon gespürt, dass ein neuer Lebensabschnitt für Petrus bevor steht, er das Haus, seinen Beruf hinter sich lassen wird. Zum anderen lag die Schwiegermutter von Petrus mit Fieber im Bett, da wünscht man sich alles andere als viel Besuch. Jesus geht zu der Kranken, ergreift ihre Hand. Sie wird geheilt. Es heißt: Das Fieber verließ sie, und sie diente ihnen.

Dankbarkeit ist hier das Motiv. Sie drückt ihren Dank aus, indem sie hilft, mit Bewirten, Beherbergen, mit Aufmerksamkeit, mit Gastfreundschaft. Der Antrieb kommt von der Dankbarkeit zu Jesus her. Es ist wichtig, das wir das im Blick haben. Solange die Kirche das Evangelium von Jesus verkündet, dem auferstandenen Herrn. Solange sie das zu ihrem Hauptanliegen macht, werden sich immer Menschen finden, die diese Botschaft annehmen und mit Jesus in Verbindung kommen. Die werden die Hilfe und Güte Jesu in vielfacher Weise erfahren. Und die werden sich dankbar zeigen durch Taten.

Die Sorge vieler Gemeinden heute ist: Werden wir auch künftig in Zeiten knapperer Gelder die nötigen Leute haben, die hier anpacken? Dieser Sorge begegnen wir am besten, wenn wir die Botschaft vom auferstandenen Herrn Jesus Christus zu unserem Hauptanliegen machen. Dann werden sich ganz gewiss immer wieder tüchtige Menschen finden, die aus Dankbarkeit zu ihm die Ärmel hochkrempeln und sich zupacken.

Freilich: Es gibt auch andere Motive, tüchtig zu sein, als den Glauben. Das muss man nüchtern zur Kenntnis nehmen. Menschen werden etwa motiviert, wenn sie eine Aufgabe finden, die sie ausfüllt. In der berühmten Geschichte von Maria und Martha, die von Jesus Besuch bekommen, hat Martha keine Zeit für ein Gespräch mit dem hohen Gast vor lauter Hausarbeit. Sie würde sicher sagen, das tue ich doch alles für Jesus. Aber eigentlich sind es ihre Aufgaben, die sie ganz ausfüllen, und von denen sie nicht lassen kann. Zweifellos wichtige und nötige Dienste, aber man muss schon fragen dürfen, was ist wirklich das Motiv für diesen Fleiß?

Ein anderes Motiv für tüchtige Frauen neben Glaube oder Aufgabe finden ist das Pflichtgefühl. Die Einstellung: „Ich darf hier nicht fehlen!“ Ich tue dies und das Jahr für Jahr und da darf ich mich auch in Zukunft nicht hängen lassen. Das ist selten geworden. In unserer Zeit arbeiten folgen immer mehr Menschen dem Lustprinzip. Wenn sie sich nicht fühlen, kommen sie gar nicht erst in Gang. Gerade da ist es ganz wertvoll, wenn Menschen aus Pflichtgefühl tätig werden. Auf die kann man sich verlassen, auch wenn es Ostern stürmt oder schneit. Und vielleicht war es auch damals am Ostermorgen eine lausig kalte Nacht. Aber diese drei Frauen haben sich aufgemacht. Sicher aus Glauben, sicher aus Dankbarkeit, sicher weil sie eine Aufgabe haben, die sie erfüllt. Aber auch aus Pflichtgefühl. Wer geht heute noch aus Pflichtgefühl auf einen Friedhof? Es ist heute unter uns, gerade in der Stadt, überhaupt nicht mehr klar, welche Pflichten es gibt wenn jemand gestorben ist aus Familie oder Freundeskreis. Muss ich da einen Besuch machen, eine Karte schreiben, mich an den Kosten beteiligen, mit zur Trauerfeier, mit zum Grab. Das ist alles nicht mehr klar. Und weil das nicht mehr klar ist, bröselt alles und die Schar derer, die beim Abschied dabei ist, wird immer kleiner. Und gerade die, die früher die ersten hätten sein müssen, lassen sich entschuldigen.

So wie damals, als am Ostermorgen eigentlich die Totenklage angesetzt war. Für die Hinterbliebenen. Da fragt man sich: Wo waren da eigentlich die Männer? Der Petrus, der Jakobus, Johannes, dieser engste Kreis um Jesus, die anderen Jünger natürlich auch, wo waren sie? Sie lassen sich entschuldigen. Das ist zu gefährlich, man könnte uns sehen. Mit Jesus in Verbindung gebracht werden in aller Öffentlichkeit, das möchten wir im Augenblick nicht. Vielleicht später, wenn die Osterfeierlichkeiten vorüber sind. Dann gehen wir auch mal zum Grab. Wir wissen ja, was sich gehört. Aber jetzt doch nicht.

Diese Frauen gehen hin. Im Dunkeln ist es nicht leicht, das richtige Grab zu finden, noch dazu waren die Gräber außen nicht beschriftet wie heute. Sie lassen sich davon nicht abhalten. Denn es treibt sie noch ein weiteres, das allerwichtigste Motiv neben Dankbarkeit, Glauben, Aufgabe haben, pflichtbewusst sein. Sie suchen Jesus. Dieser Drang, dieses edelste aller Motive wird sogar von höchster Stelle bestätigt. Ein Engel, der sich ihnen überraschend in den Weg stellt sagt: „Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten?“

Diese Frauen haben Jesus gesucht. Und darin sind und bleiben sie ein Vorbild für uns. Wie ist es mit dir? Suchst du Jesus? Vielleicht denkst du, ist doch nicht nötig, ich bin getauft, konfirmiert, ich bin schon Christ. Warum sollte ich Jesus suchen? Der ist ja immer da. Natürlich ist er immer da, aber er will gesucht sein, in unseren Gebeten. In unseren Absichten und Plänen, dass wir nicht in erster Linie unser Glücklichsein, unser Vorankommen, unseren Erfolg suchen. Sondern nach Jesus fragen. Herr wo bist du in meinen Plänen, in dem was ich vorhabe? Bist du dabei? Bist du einverstanden? Gehst du mit?

Und manchmal sagt Gott, zu dem was wir suchen und wollen, Nein! Und das müssen wir dann annehmen. Hier sagt Gott Nein. Ihr lieben Frauen, ihr seid treu, schön. Ihr seid tüchtig. Schön. Ihr seid gläubig. Schön. Ihr seid pflichtbewusst. Schön. Ihr kennt eure Aufgaben. Schön. Ihr setzt euch allezeit ein. Schön.

Aber mit diesem Ostermorgen bricht eine andere Zeit an. Jetzt kommt es nicht mehr darauf an, was ihr tut und macht und leistet. Jetzt wollen wir nur hören und preisen, was Gott einmaliges, nie gewesenes getan hat. Er hat Jesus von den Toten auferweckt. Jetzt sind eure Taten unwichtig. Nur Gottes Tat soll gerühmt werden. Ihr könnt abtreten, heimgehen, ihr tüchtigen Frauen. Nur eins bleibt euch: Sagt es weiter: Der Herr ist auferstanden.

Diese gute Nachricht muss hinaus in alle Welt. Sie lautet nicht etwa allgemein: Es gibt eine Auferstehung. Sondern sie lautet: Jesus ist auferstanden. Er hat alle Macht. Über Not und Tod und Hölle, über alles. Sagt es weiter.

Da allerdings sind diese tüchtigen Frauen, wenn auch nur für eine Weile, untüchtig. Es heißt: Sie gingen hinaus und flohen von dem Grab. Sie sagten niemandem etwas. Denn sie fürchteten sich.

Zum Glück hat Gott trotzdem dafür gesorgt, dass sich die Ereignisse vom Ostermorgen doch noch herumgesprochen haben am selben Tag. Denn auch anderen ist der Auferstandene erschienen. Diese Erlebnisse vieler machen dann auch den Zauderern Mut. Die Osterfreude breitet sich aus.

Aber am Anfang war Zaghaftigkeit. Und bis heute fürchtet oder geniert sich die Kirche vor dem offensiven Propagieren der Auferstehungsbotschaft. Sie sagt nur halblaut weiter, was ihr aufgetragen ist. Und dieser Kleinmut ist leider ansteckend. Er steckt z. B. dieser Tage manche Schulen an, die sich eigentlich bereit erklärt hatten, für den Jugendkongress Christival Räume zur Verfügung zu stellen. Vielleicht haben die nur auf die Schluss-Silben geachtet, da kommt ein Festival, Tanz in den Mai vermutlich. Inzwischen hat man den Wortanfang mitbekommen: Christival. Da geht es offenbar in der n der Hauptsache um Jesus. Und schon kommen die ersten Rückzieher.

Und auch die Kirchen selber sind oft verzagt. Viele lassen ihre ganzen Kräfte in aufreibenden Umstrukturierungen. Oder im mühsamen Aufrechterhalten-Wollen von traditionellen Angeboten, auch wenn die Kräfte kaum reichen. Statt sich zu konzentrieren auf den einen großen Auftrag, den der Engel hier gibt: „Er ist auferstanden. Geht hin und sagt das weiter!“

Wo immer die Kirche sich auf diesen Auftrag besinnt und darin tüchtig wird, kommt Leben in eine sterbende Welt. Da kommt echte Osterfreude in verzagte Gemüter. Da kriegen Menschen Hoffnung, die sich schon abgefunden haben mit ihrem Elend. Wie es in einem Osterlied heißt: „Lebt Christus, was bin ich betrübt? Ich weiß, dass er mich herzlich leibt. Wenn mir gleich alle Welt stürb ab. Gnug, dass ich Christus bei mir hab!“

Das ist die Ostermelodie, die unsere Kirche in Bewegung bringen will.

So wollen wir uns inspirieren lassen von den tüchtigen Frauen. Aber anders als sie wollen wir nicht erstarren in Schreck und Staunen, sondern uns hinauswagen in eine Welt, die sich sehnt nach neuem, echten, beständigen Leben. Christ ist erstanden! Kaum zu glauben, aber wahr! Mit diesem Ostergruß wollen wir einander ermuntern, diese Ostermelodie wollen wir auf den Lippen tragen und in unseren Herzen.

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