So nah kam mir noch keiner!

„Entschuldigung!!! (patzig, genervt)“

„Entschuldigung?? (zaghaft, unterwürfig)“

Liebe Brüder und Schwestern in Christus,

Das gleiche Wort, ganz unterschiedliche Botschaften und beide Male das Gefühl, dass dabei etwas nicht stimmt: Dem Ersten könnte man unterstellen: „der meint das doch gar nicht ernst, der sieht doch seine Schuld gar nicht ein!“ Dem Zweiten: „der rechnet doch gar nicht damit, dass die Entschuldigung ange-nommen wird“

Vielleicht so: „Entschuldigung.“ (klar, nüchtern) Da klingen Ernsthaftigkeit, das nüchterne Wissen um den eigenen Fehler und die Bereitschaft zur Auseinandersetzung darüber und die Hoffnung auf Vergebung an.

Daran, wie wir Gott und dem Menschen gegenübertreten kön-nen mit unseren Fehlern, daran, wie wir um Entschuldigung bitten können, hängt unser Leben, unser Seelenheil.

Und Gott gibt uns die Möglichkeit, klar und nüchtern vor ihn hinzutreten, ohne Ärger, ohne Angst, voller Vertrauen – und um Entschuldigung zu bitten und unsere Schuld loszuwerden und mit ihr alles, was sie so an misslingendem Leben nach sich zieht. Davon spricht unser Predigttext.

Es gibt eine Psychologische Richtung, die Vergebung ablehnt und der Meinung ist, dass immer eine Form der Vergeltung ge-übt werden müsse. Sie sagt, dass Bitte um Vergebung eine Beziehung schädige, statt sie zu heilen. Durch die Bitte um Vergebung würde immer einer kleiner und einer größer ge-macht, es würde ein Gefälle entstehen. Ich glaube – mit Ver-laub – dass diese psychologische Schule keine Ahnung von der christlichen Vergebung hat. Und davon, dass diese eben nichts mit „oben und unten“, mit „besser oder schlechter“ zu tun hat.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass dann gegenseitige Ver-gebung möglich wird und heilsam wirkt, wenn ich mich mit mei-nem Gegenüber auf einer Stufe weiß: „Egal, was der eine ge-tan hat, in einer Beziehung geschieht nichts, an dem nicht bei-de Anteil haben. Egal, wie groß meine Schuld in diesem Au-genblick ist, vor Gott ist von uns beiden keiner besser oder schlechter, beide sind wir unwürdig und bedürftig und in Liebe angenommen …“ Aus solch einer Haltung kann ich um Verge-bung bitten, kann ich Vergebung gewähren und es kann Neues wachsen, die bekannte Schuld ist nicht mehr zwischen uns. Und wir stehen wieder nebeneinander, Aug in Aug.

Menschen um Vergebung bitten, da ist das ja noch einsichtig mit der gleichen Stufe, auf der wir stehen. Aber Gott steht doch unendlich viel höher. Kann ich zu ihm kommen? Wie klein bin ich dann? Traue ich mich überhaupt zu ihm und wird dann nicht mit jeder Vergebungsbitte der Abstand größer zwischen ihm und mir?

Gott weiß um dieses Problem und er begegnet ihm, indem er sich in Jesus zu uns auf Augenhöhe begibt. Das wird uns im Hebräerbrief zugesprochen: „Jetzt haben sie alle den einen Vater: sowohl Jesus, der die Menschen in die Gemeinschaft mit Gott führt, als auch die Menschen, die durch Jesus zu Gott ge-führt werden. Darum schämt sich Jesus auch nicht, sie seine Brüder und Schwestern zu nennen, Denn Jesus geht es ja nicht um die Engel. Ihm geht es um die Menschen, um die Nach-kommen Abrahams. 17 Deshalb musste er uns, seinen Brüdern und Schwestern, auch in allem gleich sein. Denn weil er selbst gelitten hat und denselben Versuchungen ausgesetzt war wie wir Menschen, kann er uns in allen Versuchungen helfen.“

In Jesus kommt Gott zu uns herunter, er lässt sich nicht nur herab. ER ist ganz Mensch: Baby und Kind gewesen, Hunger und Durst gehabt, glücklich und traurig gewesen, alle Höhen und Tiefen des Lebens durchlebt bis hin zum Wunsch, den Weg Gottes doch nicht gehen zu müssen, bis hin zur Gottver-lassenheit. So einem kann ich erzählen, wie es mit mir steht. So einer versteht mich. So einem kann ich vertrauen. So einer kann mir helfen, dass mein Leben wieder auf die richtige Bahn kommt.

Ich denke, jeder hat das schon erlebt, wie eigene Schuld einem das Leben zur Hölle machen kann. Wie viele Menschen kran-ken an der Angst, etwas falsch zu machen. Wie viele Men-schen trauen sich nicht mehr zu leben, weil sie die Angst vor Schuld niederhält. Wie viele Menschen haben Angst vor Bezie-hungen, weil sie Angst haben, dass jemand in ihnen das ver-letzte Kind, die Unvollkommenheit und die Angst entdecken könnten. Was geben wir darum, um unsere Fassade zu pfle-gen, das Bild aufrecht zu erhalten, das wir abgeben wollen – und was ist hinter der Fassade? Leben wir? Wer oder was be-herrscht uns? Ist das richtiges Leben, das wir leben – oder ha-ben uns Tod und Teufel längst im Griff? Genau darum geht es mit Jesus. Er ist so in unsere Welt gekommen, dass er sich einfach neben uns stellt – und zwar hinter die Fassade. Er ist so Mensch geworden, dass er unsere Zwänge und Spielchen kennt und auf die Fassaden nicht reinfällt, sondern uns durch sie hindurch die Hand reicht. Unsere Aufgabe ist es, uns auf dieses Geheimnis einzulassen und die Menschwerdung Gottes in Jesus für unser Leben durchzubuchstabieren. Und da hilft uns die Karwoche und Ostern ganz besonders, wenn wir die Ereignisse von Palmsonntag über Gründonnerstag und Karfrei-tag bis zum Ostermorgen nacherleben, nachüberlegen, in un-ser Herz rutschen lassen.

Heute, am Gründonnerstag, am Abend der Einsetzung des Hei-ligen Abendmahles wird uns noch deutlicher vor Augen geführt, wie sehr uns Jesus nahe kommen will, wie handgreiflich er in unserem Leben Einzug halten will: Jesus ist uns Bruder und Freund, Jesus kommt in unsere Welt, in unser Leben, Jesus schenkt sich uns, damit wir Anteil haben am Sieg über den Teufel, Jesus gibt sich uns als Nahrung und Medizin gegen Tod und Teufel. Fühlbar und schmeckbar hält er Einzug in unsere Existenz und will uns ausfüllen und damit aus uns vertreiben, was weg führt von Gott und vom ewigen Leben.

Am Ende der Predigt lade ich Sie ein, still zu werden und hin-zusehen auf das eigene Leben:

Wo erhebe ich mich über andere Menschen?

Wo mache ich mich kleiner, als es meiner gottgegebenen Wür-de entspricht?

Wo traue ich Gott nicht zu, dass er mich liebt und dass er tiefes Lebensglück für mich bereithält?

Wo halte ich Jesus auf Abstand zu meinem Leben?

Wo bin ich an den Menschen um mich herum schuldig gewor-den? Wo an der ganzen Menschheit, der Welt?

Wo halte ich die Verletzungen, die ich erlitten habe fest und verweigere die Vergebung? Was möchte ich Gott jetzt sagen?

Lasst uns beten:

Jesus, dir geht es um uns Menschen. Du nimmst uns als Brü-der und Schwestern an. Du hast dich der Welt und ihren Leiden und Versuchungen ausgesetzt, damit Du uns da hinausführen kannst. So bitten wir Dich. Nimm unsere Schuld, unser Unver-mögen, unsere Angst und unsere Not. Sprich Du uns Verge-bung zu und rette uns. Führe Du uns in die liebevollen Arme des Vaters.

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