Ostern erfahren

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

so ändern sich die Zeiten. Heute kann man sicherlich nicht mehr so ohne weiteres voraussetzen, dass alle wissen, welchen tieferen Sinn Tage und Feste haben, worum es geht, was ursprünglich einmal geschehen ist, Ostern ist in aller Munde: Osterfeuer und Ostermärkte, Ostermärsche und Osterbäuche werden viele angeboten. Was aber würde passieren, wenn man einmal nachfragt und nachharkt, was wir Christen da eigentlich feiern?

Jeder Brauch hat seine tiefere Bedeutung und seine eigene Geschichte, er erzählt auf seine Weise von dem tiefen Geheimnis, das wir feiern, (oder wurde zumindest so umgedeutet, dass es wieder passt, wurde gewissermaßen getauft!). Petrus kann noch selbstverständlich voraussetzen, dass Kornelius, der römische Hauptmann, genauestens über die Geschehnisse der letzten Tage und Wochen informiert ist. Die Besatzer müssen schließlich ganz genau wissen, was im Lande los ist, was für Unruhe im Lande sorgt.

Und in der Gestalt des Kornelius kommt persönliches Interesse noch dazu. Er ist religiös interessiert, er ist gottesfürchtig, angesteckt vom Glauben des Gottesvolkes an den unsichtbaren, alles in den Händen haltenden Gott, ein Glaube, der sich auch durch äußere Widrigkeiten über die Jahrhunderte hinweg nicht wirklich erschüttern ließ. Persönliches Interesse ist eine gute Vorraussetzung für spannende Gespräche, reicht allein aber nicht aus. Persönliches Interesse begegnet auch mir vielfach, aber Osterglaube und Ostergewissheit sind damit ja noch nicht garantiert.

Das Wissen allein kann auch gar nicht ausreichen, feiern wir Ostern doch eigentlich das Un-glaubliche, das nicht zu begreifende Wunder, ein Geheimnis. Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden, Halleluja. Es klingt wie in den Worten unseres Glaubensbekenntnisses, was Petrus vorausetzt: gekreuzigt, gestorben und begraben – diese Fakten glauben wir bereitwillig. hinabgestiegen in das Reich des Todes – da wankt schon unser Weltbild, wo tief unten soll denn das Todes- und Schattenreich sein? am dritten Tage auferstanden von Toten – dagegen scheint unsere Erfahrung zu sprechen. Es ist doch noch keiner wiedergekommen, sagt der Volksmund. Die Gräber geben ihre Toten nicht mehr her. Das ist unsere Erfahrung.

Und doch kann Petrus selbstsicher nach dem Zeugnis der Apostelgeschichte sagen: ihr wisst, was in ganz Galiläa geschehen ist. Wir sind Zeugen des Lebens, Sterbens und Auferstehens Jesu. Und es bliebe letztlich auch substantiell nicht viel von unserem Glauben übrig, wenn wir hier Abstriche oder Zugeständnisse machen würden Christlicher Glaube ist Osterglaube, Auferstehungsglaube, Lebenshoffnung gegen alle Todeserfahrung. Und machen wir uns doch nicht vor, dass nicht schon damals so kritisch nachgefragt wurde, wie wir das heute noch tun.

Totenauferstehungen gehörten auch damals nicht zur Tagesordnung.. Und wenn man den Jüngern hätte nachweisen können, dass Jesus so tot sei, wie ein Mensch es nur sein kann, dann hätte man das ganz schnell getan. Und jedermann sah wie aus dem verzagten Häuflein vor dem Kreuz geflohener Jünger eine fröhliche Bekennerschar geworden war. Die Jünger konnten nicht anders, als immer und überall zu wiederholen, was sie selbst nicht begreifen können. Das Grab ist leer, der Tod ist überwunden, unvergängliches Leben hat sich Bahn verschafft. Und dann kann man spüren, wie ihre Erlebnisse, ihre Geschichten, ihre Erfahrungen um das Geheimnis kreisen, ohne es auflösen zu können.

Erfahrungen kann man ja nicht wegdiskutieren. Sie haben Jesus zu Lebzeiten erlebt, waren mit unterwegs zu den Menschen, haben ihn in seinen Worten und Taten kennen gelernt, wie man einen Menschen eben nur kennen lernen kann. Sie waren Zeugen seiner Verhaftung, seiner Verurteilung, seiner Kreuzigung. Und sie haben erlebt, wie er ihnen begegnet ist. Als Vertrauter, den sie nicht gleich erkannten, als Begleiter, der ihre Fragen, Zweifel und Ängste spürte und der ihnen mit der Schrift verstehen half, als Freund, der sie ansprach und ihre Herzen berührte, als Gegenwärtiger, der sich doch gleich wieder entzog, als Lichtstrahl einer neuen Welt, als Berührung der Gotteswelt inmitten ihres Alltages.

In ihren Ohren klang der Osterruf genauso erstaunlich wie er heute noch klingt, aber sie haben seine Wahrhaftigkeit erfahren, gespürt und weitererzählt. Aber was fangen wir jetzt mit dieser Geschichte an, die so klingt wie eine mehr oder weniger gelungen Unterrichtseinheit zum Thema Ostern im Konfirmandenunterricht. und wo katechismusartig Stationen auf dem Weg Jesu beschrieben werden. Stärken sie unsere Gewissheit? Wecken sie österliche Freude, mit der wir allen Todeserfahrungen und Dunkelheiten im Leben trotzen können?

Sie macht mir zumindest eines deutlich. Osterglaube hat etwas mit Gewissheit zu tun, die aber ist mehr als nur das Wissen darum. Ostern ist das Fest der Auferstehung Jesu und damit das bedeutendste Fest der Christenheit. Solch einen Satz kann ich in ein Lexikon schreiben. Will ich zum Glauben an den Auferstandenen verlocken, dann muss ich erzählen, wie er mir in meinem Alltag bis heute als Lebendiger begegnet. Dann muss ich dem Osterjubel Raum geben, neues Leben sinnlich erfahrbar machen.

Mir hat immer besonders das Evangelium von den Emmausjüngern geholfen, Ostern begreifbar zu machen. Da wird der Auferstandene von den Jüngern beim Brechen des Brotes erkannt, da erinnern sie sich an das Brennen ihrer Herzen, unterwegs, als der Fremde die Schrift auslegte. Das ist doch auch genau unsere Situation: wir lesen und hören Worte aus der Schrift und spüren wie wir angesprochen werden und gemeint sind. Christus spricht zu mir. Da brennen unsere Herzen, wenn sie so angerührt werden. Und wenn wir Brot und Wein miteinander teilen, dann macht sich der Gekreuzigte und Auferstandene doch sinnlich wahrnehmbar. „Seht und schmeckt wie freundlich der Herr ist“.

Das sind doch österliche Erfahrungen, die wir uns nicht einbilden, von denen die Kirche seit je her zehrt. Wir haben am Ostermorgen den Ostertag in der St. Georgenkapelle mit der Liturgie der Osternacht begrüßt. Das ist so eine Feier, wo auch mit allen Sinnen begriffen werden kann, was es heißt, dass das Licht die Dunkelheit besiegt, dass das Leben den Tod überwindet, dass Gott, der die Welt in Dasein rief, als Schöpfer auch Christus aus der Höhle des Todes in das Licht göttlichen Lebens rief. Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden – er ist mitten unter uns.

Aus dieser Glaubenserfahrung und dieser Glaubensgewissheit leben wir. Mit dieser Erfahrung und dieser Gewissheit können wir uns dem Leben stellen, egal was kommt. Getragen von dieser Gewissheit können wir unser Leben getrost in Gottes Hand legen und allen Todeserfahrungen trotzen. Wenn heute nicht mehr alle wissen, was in ganz Galiläa geschehen ist, dann wird es höchste Zeit, dass wir uns wie Petrus aufmachen, alle Scheu ablegen, als gelte die frohe Botschaft diesen oder jenen gar nicht, und anfangen von unseren Erfahrungen und Gewissheiten zu erzählen.

Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja!

drucken