Der Klage Raum geben

Liebe Gemeinde,

Karfreitag – von der etymologischen Wortwurzel her bedeutet dies eigentlich „Klage-Freitag“.

Der Karfreitag also – von seiner ursprünglichen Bedeutung her – war er ein Tag der Klage, ein Tag an dem bis heute der Klage besonders Raum gegeben werden soll.

Welcher Klage – worüber sollen wir, können wir überhaupt klagen? Und was hat es mit der Klage auf sich. Was nützt sie mir?

„Lerne leiden ohne zu klagen“, so hieß es früher häufig. Klagen galt als weinerlich, als weinerliches Getue, vor allem hier bei uns im germanischen Norden, galt auch als weiblich – die Klageweiber aus den südlichen Ländern kommen mir in Erinnerung. In dem berühmten griechischen Spielfilm Alexis Sorbas können wir besonders Zeuge dessen werden, wie in der südlichen griechischen Kultur geweint und geklagt wird. Die Klage dort – nicht zurückhaltend und wimmernd, sondern laut und kreischend bis hin zu einer gespielten wie vielleicht aber auch tatsächlich erlebten klagenden Hysterie. Und schließlich für unsere Kultur völlig fremd anmutend – mündet diese Klage sogar in einer ritualisierten Leichenfledderei, bei dem alles an Besitz des Gestorbenen auseinandergerissen und willkürlich verteilt wird – nicht nur aus Besitzgier, sondern wohl auch als Ritual der Nichtsnutzigkeit irdischer Dinge angesichts des fehlenden Lebens, das betrauert wird. Wir alle kennen den Spruch „Asche über mein Haupt“ – ein biblischer Spruch, denn gerade im Alten Testament kennt man auch ritualisierte Formen der Klage, das Zerreißen der Kleider, das Anziehen von sackähnlichen Kleidern, das sich mit Asche bewerfen und nicht zuletzt immer wieder – das klagende Weinen.

Zugleich ist dies alles ein Fanal, das anzeigt, im Tod sind wir Menschen alle gleich, niemand kann etwas mitnehmen – der Tod ist endgültig. Leben bricht ab, Gemeinschaft, erlebte Freude und Hoffnung.

Dunkelheit bricht über uns herein – wie nach Jesu Tod am Kreuz sich der Himmel verfinstert und die Erde bebt.

Der Tod wird als auswegloses Ende erlebt, das Zurückbleiben, die zerbrochene Gemeinschaft, Schuldgefühle bei den Hinterlassenen über verfehltes Leben und verpasste Chancen zur Versöhnung.

Wie geht es da noch weiter?

Für uns als Christen ist dies klar, denn es ist Teil eines liturgisch erlebten Prozesses – bei aller Klage – es läuft alles auf die Auferstehung zu – auf das Osterfest, hin zum Licht führt uns die Klage.

Doch sie will nicht nur liturgisch und rein symbolisch erlebt sein. Sie soll auch immer wieder ein Stück ausgehalten und durchlebt werden, darum auch karge Kost am Karfreitag, eingedenk, dass ich als Trauernder sowieso kaum etwas gegessen bekomme, keinen Appetit habe, die Lust am Leben getrübt ist.

Karfreitag – Klagefreitag – also kein Tag des Trostes?

Ich möchte uns Mut machen, denn im Grunde brauchen wir ihn, kennen wir ihn ja – diesen Tag aus unserem Leben – er ist ein Tag des inneren Aufruhrs, des erleben Schmerzes und eben der lauten Klage, ein Sichbewusstmachen, was mich alles trennt von mir, von anderen Menschen, von Gott, was mich äußerlich wie innerlich abhält manchmal auch einmal neue und andere Schritte zu probieren.

Für Martin Luther war es wichtig, dass wir der Klage wirklich Raum geben – Raum geben? Dies war gerade für ihn gleichbedeutend mit Trost finden. Doch wir finden diesen Trost erst durch die Tränen hindurch, durch Erlittenes, durch Schuldempfinden gegenüber dem eigenen Denken oder Tun. Es bleibt uns nichts erspart.

Und dieses „sich möglichst alles ersparen wollen“ ist es gerade – dies wünschen wir uns natürlich alle als Menschen – in der heutigen Zeit besonders, so mein Eindruck. Da laufen Menschen regelrecht vor dem Alter und vor der Furcht vor der Erkrankung davon.

Wir sind ein sehr sportliches Zeitalter, weil Sport uns helfen kann und soll, unseren Alterungsprozess aufzuhalten. Dies ist so.

Doch zuviel Sport kann auch bedeuten – Flucht.

Und der Fluchten gibt es in unserem Leben viele. Wir sind bedingt durch das große Medienangebot ständig auf der Suche nach dem neuem ultimativen Film, besonderen Bildern, neuen attraktiven Personen, neuen Dialogen und Worten, Unterhaltung, die uns aus unserem Alltag herausreißen. Erst dann, glauben wir oft, sind wir lebendig. Oft höre ich gerade in Trauergesprächen: „Wie gut, dass er nicht lange gelitten hat. Im Grunde hatte er ja einen schönen Tod.“ Und ich stimme den Trauernden zu. Jedoch: ist der schnelle Tod wirklich immer gerade der schöne Tod, weil uns das Leiden erspart geblieben ist?

Es ist auch nicht ganz vergleichbar, weil Leiden durch starke physische Schmerzen noch einmal etwas anderes sind als damit verbundene seelische Leiden.

Eine provokante Frage.

Karfreitag heißt: der Klage Raum geben, weil sie tröstet. Du bist erst dann lebendig, wenn du auch trauern kannst, wenn du dir und deinen Emotionen wirklich Raum gibst. Dies können wir lernen an der griechischen Kultur: wenn getrauert wird, wird auch getrauert, dort wird geweint mit den Weinenden. Ein ganzes Dorf kommt da zusammen, steht bei, weint rituell mit, auch Tränen, die nahe Angehörige vielleicht selbst nicht oder noch nicht weinen können, weil sie noch an der Frage festhalten: warum hast du mich verlassen?

Wir entdecken dann – in der Trauer steckt auch Kraft, die ausgelebt werden will. Das Mitweinen und Teilnehmen, es schafft gerade Raum zur Trauer und zum Trost. Selbst wenn es als Ritual wahrgenommen wird, hat es eine seelenreinigende Wirkung wie der regelmäßige Gottesdienstgang – nicht immer – aber doch langfristig.

Liebe Gemeinde, Karfreitag begehen wir heute zusammen mit vielen anderen Christen in der Welt – ein Tag der uns im Glauben verbindet – ebenso wie der darauf folgende Ostersonntag – der Tag der Auferstehung Jesu – der Tag auf den wir alle hoffen. Doch zuvor geht es durch ein dunkles Tal, das Tal unserer Tränen, der geweinten und ungeweinten, hindurch durch unsere Erfahrungen an Schmerz und Krankheit, zerrissenen Beziehungen, Verrat und Verzweiflung, Schuld- und Hassgefühle, Ohnmacht und Leere, Unrecht und Gewalt, Tragik und Tod.

All dies spiegelt sich wider im Kreuzigungsgeschehen

Jesu, dessen wir uns heute erinnern. Ein Mensch wird zu Unrecht verurteilt, er wird verraten, selbst von Freunden, er erleidet Gewalt. Er zweifelt – selbst an Gott, er leidet und stirbt. Ein dunkler Tag – ein Tag, den ich mir ersparen möchte und doch ein wichtiger Tag – auf dem Weg zur Auferstehung. Raum – zum Trost.

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