Brückenschlag

Liebe Ostergemeinde!

Auch wenn Ostern dieses Jahr sehr früh ist, lässt einen der Sonnenschein schon Frühlingsgefühle entwickeln. Die Blumen blühen schon lange, der Frühlingsbeginn hat sich ja nach vorne geschoben. Wenn die Sonne scheint und wir im Garten die Blumen sehen – dann sind wir froh, öffnen unser Herz für das neue Leben. Ich glaube, wir sind im Frühling bereit für Veränderungen. Der Bedarf nach einem Frühlingsputz zeigt das. Wir sind offen für die hellere und wärmere Zeit des Jahres und wir freuen uns darauf.

Besonders schön ist es, wenn wir zu Ostern die Menschen treffen, die uns wichtig sind. Wenn Begegnungen stattfinden über die Grenzen von Zeit und Raum und Generationen hinweg. Wenn neue Brücken geschlagen werden oder alte Brücken neu begangen werden.

Unser Predigttext heute möchte uns einladen zu neuen Brückenschlägen. Über Gräben zwischen Menschen hinweg können neue Brücken entstehen. Wie?

Das ist die spannende Frage. Hören wir genau hin. Unser Predigttext hat eine Antwort. Damit wir die entsprechend wahrnehmen, möchte ich zunächst dieVorgeschichte unseres heutigen Bibeltextes erzählen:

Petrus ist Jude. Er ist Jesus nachgefolgt. Er hat ihn 3 x verleugnet und er musste dreimal auf die Frage antworten: Hast du mich lieb? Dann wurde er zur führenden Figur in der ersten Christengemeinde in Jerusalem. Aber er versteht sich noch nicht als Anhänger einer neuen Weltreligion, sondern als Jude, der an den richtigen Boten Gottes Jesus glaubt. Und der auferstandene Jesus ist mit seinem Geist bei seinen Freundinnen und Freunden und es geschehen jede Menge Wunder. Paulus ist gerade vor Damaskus vom Pferd gestürzt und vom Christenverfolger zum Anhänger Jesu geworden. Petrus reist im Land umher und hat gerade einen Gelähmten geheilt und eine Verstorbene auferweckt. Nun hat er beim Beten eine Vision. Ein Tuch mit unreinen Tieren senkt sich vom Himmel und eine Stimme sagt: schlachte und iss. Er weigert sich, weil er als frommer Jude doch keine unreinen Tiere essen darf, aber die Vision vom Tuch mit Tieren wiederholt sich noch zweimal. Er weiß: ich habe mich nicht geirrt. Gott will etwas von mir. Und es wird auch deutlich, was: Die Stimme aus dem Himmel sagt: Was Gott für rein erklärt hat, das erkläre du nicht für abscheulich.

Ein Brückenschlag von ungeheurem Ausmaß bereitet sich vor.

Auf der anderen Seite der Brücke ist Kornelius, ein Centurio der „Italischen Kohorte“ in Cäsarea. Cäsarea in Norden Israels am Mittelmeer wurde von Herodes dem Großen als eine große hellenistische Stadt gegründet, kurz vor der Geburt Jesu. Herodes der Große war König von Gnaden der Römer und er baute bewusst eine möglichst römische Stadt und nannte sie zu Ehren von Kaiser Augustus, der auch den Beinamen Caesar trug, Caesarea. Der römische Statthalter hatte seinen Sitz hier und war nur selten in Jerusalem. Hier wurde der erste außerbiblische Hinweis auf Pontius Pilatus gefunden und eine ganze Promenade mit Pferderennbahn und Theater am Meer ausgegraben.

Wenn ein Christ sich dorthin begibt, dann begibt er sich in die Höhle des Löwen. Dort ist die römische Besatzungsmacht und all die griechische Kultur versammelt. All das, was das jüdische Volk angreift. All das, was so viel Macht hat und unüberwindlich scheint.

Kornelius ist Centurio, d.h. er ist Befehlshaber von ungefähr 80 Legionären. Es wird von ihm erzählt: Er war fromm und gottesfürchtig mit seinem ganzen Haus, erwies dem jüdischen Volk viele Wohltaten und betete immer nur zu Gott.

D.h. er war ein guter Besatzungsoffizier. Er war wirklich an der Kultur und Religion des jüdischen Volkes interessiert. Er betete nie zu anderen Göttern, nur zu dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der sich Mose als Ich-bin-bei-euch vorgestellt hatte. Er gehörte zu den Gottesfürchtigen, all den Vielen, die zu den Synagogengottesdiensten gingen, den jüdischen Glauben für vernünftig und hilfreich hielten, aber sich nicht beschneiden lassen wollten und sich auch nicht an die Speisegebote halten wollten, die sie von der Umwelt isoliert hätten.

Dieser Kornelius hat auch eine Vision. Er sieht einen Engel, der ihn beauftragt, Petrus aus dem fast 60 km südlich an der Mittelmeerküste gelegenen Joppe holen zu lassen. Dorthin war Petrus gerade gerufen worden, um die verstorbene Wohltäterin Tabita von den Toten aufzuerwecken.

Petrus kommt also nach Cäsarea in das Haus des römischen Offiziers. Er traut sich in das Haus eines Nichtjuden und er sagt: Das tue ich nur, weil Gott mir gezeigt hat, dass man niemanden vor Gott als abscheulich oder unrein ansehen darf. Und dann redet er zu der Menge im Haus des römischen Offiziers. Er redet in der Höhle des Löwen von Jesus Christus, der vor kurzem von Römern gekreuzigt wurde. Und er redet im Haus eines Nichtjuden, vom Heiligen Geist dazu gebracht, seine Vorurteile zu überwinden. Er ist noch ganz irritiert von der Vision und dem Weg. Und er fängt an, sein jüdisches Selbstverständnis zu hinterfragen. Er ist mitten in einem gewaltigen Prozess des Verändertwerdens. Und er tastet selbst noch nach den richtigen Worten für das Erstaunliche, das da passiert.

[TEXT]

Und dann kommt der Heilige Geist über die Versammelten, Petrus tauft alle und bleibt einige Tage bei Kornelius und isst und trinkt mit den neuen Christinnen und Christen.

Liebe Ostergemeinde, wir erleben hier die Geburtsstunde der Weltreligion Christentum. Der römische Centurio Kornelius ist der erste nichtjüdische Christ. Und hier fängt an, womit Paulus dann später so erfolgreich ist. Die vielen Gottesfürchtigen im Umfeld der Synagoge können endlich richtig dazugehören, ohne sich beschneiden lassen zu müssen, ohne die jüdischen Speisegesetze, zu halten, die sie von der Umwelt isolieren. Jetzt endlich können sie zu der Gemeinschaft des Glaubens gehören und gleichzeitig können sie richtig zu der normalen Welt gehören, in der sie leben.

Gott ist nicht parteilich. Das ist der Spitzensatz in der Predigt des Petrus. Zu diesem Satz musste er durch viele innere Widerstände hindurch gelangen. Ich glaube, er hat es selbst noch nicht ganz kapiert, was da an Neuem geschieht. Später in Jerusalem, von den anderen zur Rede gestellt, verteidigt er die neue Erkenntnis und findet auch Zustimmung. Wenn Gott selbst redet, dann muss er gehört werden gegen die eigenen Vorurteile, gegen die eigenen Widerstände, gegen das eigene Nichtverstehen oder Nichtverstehenwollen. Später aber wird Petrus schwach und passt sich mal so mal so an, so beschwert sich jedenfalls Paulus über ihn. Es muss ein ausgesprochen schwieriger Prozess gewesen sein für die frühen Christinnen und Christen. Sie entdecken, dass Jesu Botschaft für die ganze Welt gilt. Die Antwort Jesu auf die globalisierte Welt ist das Reich Gottes für alle. Für Juden und Nichtjuden gilt die Verheißung: Taube hören, Lahme gehen, Blinde sehen und Unterdrückte verbreiten die Botschaft von der frohmachenden Befreiung – diese Antwort war so stark, dass sie alle Vorurteile und Grenzen überwand. Jesus hat Macht über alle und ist Richter über Lebende und Tote, steht in unserem Predigttext. Was da mit Jesus Neues begonnen hat, geht alle an, ist für alle, kann alle befreien und erneuern und verändern und heilen.

Wir merken der Bibel an, wie tastend die Worte gesucht wurden für das Neue was da entstanden war, für die Wunder, die da ständig passierten, für die neuen Begegnungen und die neue Gemeinschaft.

Liebe Ostergemeinde 2008, wo wirkt heute diese erstaunliche Macht, die den Tod überwinden kann? Wo werden Brücken geschlagen Vorurteile überwunden, Widerstände in uns zum Schmelzen gebracht? Wo ist unter uns diese Macht Jesu, die uns ins Lebendigsein hinein zieht? Wo ist der Geist Gottes in uns, der alle Starrheit und Sturheit und die Grenzziehungen in unserem Kopf überwindet? Wo wirkt der Gott unter uns, der nicht parteilich ist? Sie sehen ihn nicht? Ich schon.

Ich glaube, diese Kraft Gottes ist unter uns schon längst da. Wir können ihr allerdings noch mehr Raum geben. Wir können die Brücken begehen, die sich vor uns auftun. Wir können den nächsten Schritt auf die andere zu tun. denn wir vertrauen darauf, dass Gott auch in der neuen Situation mit uns ist. Der Gott, der nicht parteilich ist, will uns erfassen und verändern, sodass wir die anderen Menschen, die uns bisher sehr fremd waren, nicht nur tolerieren, sondern neugierig auf sie sind und zu fruchtbaren Begegnungen bereit sind. Wie geht das?

Ein Beispiel: Jede Generation hat neue Ideen und muss die Sache mit dem Glauben für sich neu entdecken. Jede Generation hat auch andere Vorstellungen wie das Leben ist. Und sie hat andere Wünsche an das Leben. Bei Familienfesten wie Ostern begegnen die Generationen einander. Und vielleicht gelingt es uns ab und zu, die andere Generation in ihrem Anderssein nicht nur zu tolerieren, sondern gerade das Andere neugierig wahrzunehmen. Wir können neues lernen. Aus wirklicher Begegnung entsteht sehr Fruchtbares. Wir können Fragen stellen: Wie geht es dir, im Ruhestand, was hat sich verändert? Was gefällt dir in der Schule und was findest du dort scheußlich? Jeder in der Familie freut sich, wenn jemand anders ihm aufmerksam zuhört.

Probieren Sie es einmal aus. Sie werden überraschende neue Züge an Menschen kennenlernen, von denen Sie dachten, sie kennen sie schon. Und vielleicht entsteht etwas, was überraschend und neu ist, wunderbar und voller heilsamer und verändernder Kraft. Der Geist Gottes weht nicht nur in der Kirche, manchmal weht er auch bei Familienfeiern.

Liebe Ostergemeinde, möge der Gott, der nicht parteilich ist, in uns lebendig sein und alles Erstarrte, das seine Lebendigkeit behindert, zum Fließen bringen. Mögen wir die Brücken, die als Möglichkeit vor uns liegen, begehen. Und mögen aber wir dabei den erfahren, der Gutes tat und alle heilte. Wie es in unserm Predigttext heißt. Wir werden die befreiende Kraft Christi spüren und zwar weit mehr, als wir je zu träumen wagten. Das gebe uns der lebendige Gott, der nicht parteilich ist.

Und der Friede Gottes …

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