Am Kreuz steht und fällt der Glaube

Liebe Schwestern und Brüder!

Eben riefen sie noch „Hosianna“ und „Gelobt sei der da kommt im Namen des Herrn.“ Palmwedel wurden gestreut und frenetisch wurde der Einzug Jesu nach Jerusalem begleitet. Und einige Tage später schreit die gleiche Menge: „Kreuzigt ihn!“

So sind wir Menschen Himmel hoch jauchzend und dann zu Tode betrübt. Eben noch vor Enthusiasmus johlend, dann wie ein wilder marodierender Mob den Tod fordernd.

Wankelmütig, beeinflussbar, manipulierbar und brutal sind die Menschenmassen von jeher. Damals und auch heute. Nichts scheint sich geändert zu haben im Laufe der Jahrhunderte.

Und doch wird die Geschichte Jesu und über sein jähes Ende seit zwei Jahrtausenden erzählt. Die Geschichte von der Kreuzigung des Gottessohnes, des Mannes Jesus aus Nazareth hat sich in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt. Im Gedächtnis und durch die Erinnerung wurde und wird es zum Glauben für uns Menschen. Diese Geschichte und dieser Glaube geben den Menschen Trost, Kraft und Geduld eigenes Leid zu tragen.

Ein Mensch erleidet den grausamen Kreuzigungstod und wird im Glauben der Menschen zum Gott und Erlöser; und Gott leidet wie ein Mensch für uns Menschen, um uns zu erlösen. Das glauben wir und das ist die Botschaft vom Karfreitag. Jesu Tod wird im Glauben zur Heilstat für uns. Einer, der Christus, trägt die Sünde für uns. Sein Kreuz, sein Tod wird zur befreienden Tat, zum erlösenden Heil für uns.

Das ist paradox.

Einer stirbt und die anderen werden erlöst vom Tod. Ein Geheimnis und Mysterium Gottes, das sich nur im Glauben erschließt. Für Ungläubige, Heiden und Andersgläubige offenbart Gott nur seine Schwäche, wenn er seinen Sohn töten lässt.

Auch die Jünger, die Frauen, die Menschen, die Jesus liebten, waren am Ende. Er war tot und seine heil- und wundervolle Geschichte wurde abrupt gestoppt. Zum Tode betrübt waren seine Anhänger. Doch seine Botschaft ging selbst am Kreuz weiter:

"Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!", so lautet der zentrale Satz, den Jesus von Nazareth bei seiner Kreuzigung in der Version des Evangelisten Lukas spricht.

Durch die Kreuzigung Jesu geschah die göttliche Vergebung der menschlichen Boshaftigkeit und Sünde ein für alle Mal. Er starb für uns, als Sühnopfer für unsere Sünden.

Daran erinnert uns jedes Kreuz; auch das eigene Kreuz, das wir tragen müssen. An der Botschaft vom Kreuz, also vom Leid und Tod des Gottessohnes für unsere Sünden, am Glauben an die Vergebung der Sünden durch Gottes Gnade trotz aller menschlichen Bos- und Fehlerhaftigkeit, entscheidet sich, ob ich der göttlichen Vergebung traue und folge oder mich abwende und andere Wege beschreite. Hier steht und fällt der Glaube. Am Kreuz steht und fällt der Glaube.

Diese entscheidende Weichenstellung, diese existenzielle Entscheidung will ich anhand der beiden mitgekreuzigten Verbrecher zur Linken und rechten illustrieren.

"Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!". Aber wer hörte diesen Zuspruch, diese Bitte? Wer will sie hören und warum?

Der eine Mitgekreuzigte, der Schächer, begriff nichts. Er konnte sich den Messias, den Christus nur als einen vorstellen, der sich selbst zu helfen weiß und die Menschen aus ihren innerweltlichen Schwierigkeiten rettet.

"Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns!", so lautete seine gotteslästerliche Provokation. Er sah nur den schwachen und ohnmächtigen Gekreuzigten. Für ihn die Versinnbildlichung des Leids, des Untergangs und der Schwäche. Ablehnungsbedürftig und mit zynischem Spott zu bedenken, wer so erbärmlich und unmajestätisch starb.

Auch heute gibt es noch diese Blasphemie und Ablehnung.

Doch auch für ihn, den zeitlosen Gotteslästerer, der nichts begriff, schien zu gelten: "Vater, vergib ihm; denn er weiß nicht, was er tut!".

Der andere Übeltäter blieb nicht beim Gaffen, beim distanzierten Schauen oder gotteslästerlichem Reden. Er erkannte die eigene Situation, die sündige und ausweglose Existenz. Er begriff die Heilszusage der göttlichen Vergebung für sich, er erkannte, dass sein Erlöser ganz nahe bei ihm war. Er erkannte, dass ein Unschuldiger sterben sollte. Er vertraute dem "Vater vergib ihm" und im Angesicht des Todes hatte er gehofft, formulierte er den zaghaften Wunsch, dass sein Erlöser an ihn denke, wenn er in sein Reich eingehe.

"Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein", war die Antwort seines Erlösers.

Am und durch das Kreuz, der Botschaft und dem Wort vom Gekreuzigten, liebe Schwestern und Brüder, wurden und werden wichtige Weichenstellungen für das je eigene Leben eines Menschen gestellt.

Anerkennung oder Ablehnung, Annahme oder Abkehr; Vergebung der Sünden durch Gottes Gnade um Christi willen oder die Gnadenlosigkeit der menschlichen Existenz; das sind die Alternativen.

Wer hingegen der Botschaft des gekreuzigten Gottes glaubt, wer dem Evangelium von Jesus Christus folgt, der wird nicht – und das gehört auch zur ehrlichen Anerkenntnis des Kreuzes und der Karfreitagsverkündigung – der wird nicht von eigenem Leid, Angst, Trauer, Verlassenheit, Schmerz, Hilflosigkeit und dem Dunkel des eigenen Sterbens und Todes verschont bleiben, aber von Gott begleitet werde.

Denn die Botschaft vom Kreuz, vom Leiden des Erlösers verharmlost nicht das Leid, sondern nimmt es sehr ernst. Gott kennt unser menschliches Leid und er geht die dunklen Wege des Lebens mit.

Und wer sich auf die göttliche Macht der Sündenvergebung einlässt, wer versucht den Weg des Glaubens zu beschreiten, wer annimmt, dass Erlösung und Sündenvergebung nicht zum Nulltarif, sondern immer als Heilstat Gottes gegen die Faktizität, die faktische und tägliche Wiederholung der persönlichen und menschlichen Schuld und Sünde ereignet,

wer begreift, dass Jesus Christus für uns, für Sie und für mich gestorben ist, der wird die Gnade und Liebe Gottes immer als ein Geschenk ansehen. Er wird nicht mit Hoffnungslosigkeit, Zynismus, Arroganz der Macht, Selbstverliebtheit und Größenwahn in dieser ach so unfertigen Welt leben, sondern kann sein ganzes Vertrauen, seine tiefe Sehnsucht, seine ganze gebrochene, unfertige und sündige Existenz auf die Macht der göttlichen Gnade und Liebe setzen.

Wo und wie ereignet sich Gottes Liebe, was ist die Botschaft des Gekreuzigten?

"Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!" Vergebung ist nicht nur eine Bitte Jesu, sondern göttliche Heilstat für uns, für Sie und mich, Zuspruch von Gnade und Neuanfang im Angesicht von menschlicher Sünde und menschlichem Scheitern, denn mit dem Kreuz hat Gott den Tod besiegt.

Und wir spüren und hoffen immer wieder neu, dass der tägliche Tod, das alltägliche Absterben von Beziehungen, die Geschichte des persönlichen oder familiären Scheiterns im Blickwinkel der Botschaft des Gekreuzigten unter dem Aspekt der göttlichen Vergebung einen Neuanfang und eine andere Qualität bekommt.

Wo Menschen aus Vergebung und gegenseitiger Vergebungsbereitschaft leben, da blitzt es dann auf, das bruchstückhafte und unter dem Kreuz stehende Reich Gottes. Und wenn Vergebung, eine wunderschöne Form der Liebe ist und als Auftrag von Jesus Christus an uns und für uns weitergeben wurde, wenn wir täglich neu aus der göttlichen Vergebung, aus Gnade, Liebe und Barmherzigkeit und der gegenseitigen Vergebungsbereitschaft leben, die dann wieder neue Gemeinschaft und einen neuen Anfang stiften, dann haben wir dies der göttlichen Heilstat in Jesus Christus zu verdanken.

Und so zeigen uns das Kreuz und das Wort vom Gekreuzigten immer wieder neu, was Gott in Jesus Christus für uns, für Sie und für mich tut und wo wir im Leben stehen, gerade weil wir durch unser sünd- und boshaftes Wesen häufig nicht wissen, was wir tun.

Und der Gekreuzigte, Jesus Christus, der Heiland, Erlöser, Gottessohn, Herr und Retter spricht uns, spricht Ihnen und mir Vergebung zu, wenn ich ihm glaube und nachfolge.

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