Mehr als ‚weiter so‘

Der Hebräerbrief richtet sich an Menschen, deren Glauben müde geworden ist. Viele sind träge und lustlos geworden. Vom Feuer der ersten Christinnen und Christen ist nichts mehr zu spüren. Nichts bewegt sich mehr. Alles ist Alltag. Darin begegnet er uns in unserer Situation: Alles ist Alltag. Es ist normal geworden, dass wir Gründonnerstag feiern und die Ostereier längst gefärbt sind, das Haus österlich dekoriert ist. Es ist normal geworden – und doch auch so langweilig. Was erwarte ich eigentlich? Was finde ich vom Leiden und Sterben Jesu Christi in meinem Leben und meiner Erfahrung wieder? Was bedeutet die Botschaft der Auferstehung – erhoffe ich da irgend etwas?

Der Hebräerbrief will auch uns wachrütteln und neugierig machen. Uns aus der Langeweile aufrütteln und uns helfen von der Einladung Jesu in seine Gemeinschaft, an seinen Tisch etwas Neues zu erwarten. Er will uns bereit machen, zu glauben, das in Jesus Christus etwas geschehen ist, dass unserem Leben eine neue Perspektive, eine neue Hoffnung verleihen will. Er will unserem Leben eine Ahnung verleihen, dass es da mehr gibt, als nur das Weiter so.

Darum werden in diesem Brief die Menschen als Geschwister angeredet, als diejenigen, die sich am Tisch Christi begegnen.

[TEXT]

Jesus Christus wird geschildert als unser Vorbild + Hohepriester, dem wir nachfolgen können. Er ist derjenige, der uns an den Tisch lädt, niemand sonst. Mit dieser Einladung kann auch die Macht des Todes über uns gebrochen werden. Natürlich werden wir auch weiter spüren, welche Macht der Tod über uns hat, sowohl die Angst vor dem eigenen Tod, wie auch die Sorge um das Leben eines geliebten Menschen. Und doch ist jetzt alles eingebettet in die Botschaft vom leidenden Sohn Gottes und vom auferstandenen Messias.

Beeindruckend im Hebräerbrief ist das Bild, das uns Christus darstellt als den neuen Hohepriester. Uns ist das ein relativ fremdes Bild, das sich nur dem erschließt, der in die antike Gottesvorstellung und Gottesdienstvorstellung eintaucht. Dort ist der Zugang zu Gott nur vorstellbar über den Hohepriester, den Diener Gottes am Altar. Er allein darf ins Allerheiligste. Er allein hat Zugang zu Gott. Er allein darf durch die Wand, die den Vorraum vom Allerheiligsten trennt. Er wird gebraucht um Gott Opfer darzubringen, weil er allein Zugang zu Gott hat.

Wir als von Christus Berufene können und wir brauchen Gott kein Opfer mehr darbringen. Alles ist erledigt. Christus hat uns befreit von der Notwendigkeit, Gott zufrieden zu stellen. Wir sind frei zu leben in der Nachfolge unseres Herrn, der die Sünder an seinen Tisch lädt. Wir sind frei mit unserem Gebet, mit unserem Dank direkt zu Gott zu gehen und ihn Vater zu nennen. Wir brauchen keine Priester mehr. Aber trotzdem spüren wir immer noch Reste der alten Vorstellungen in uns. Das war zu Zeiten eines Hebräerbriefes nicht anders als heute.

Ein Priester wird immer dann benötigt, wenn Menschen ratlos sind, nicht mehr weiter wissen. (Darum bitten Menschen in schwieriger Situation: ‚Herr Pfarrer, bitte beten Sie für mich’). Die Funktion eines Priester ist nötig um dem Menschen zu helfen, wenn er den Eindruck hat, seine Kraft reicht nicht, um Gott zu begegnen. Vielleicht ist es ja gut, wenn wir manchmal diese alten Funktionen noch gebrauchen, aber die Botschaft geht weiter: Wir sind befreit. Wir dürfen uns frei machen von religiösen Zwängen und dürfen Gott aufrecht und selbständig gegenüber treten als Befreite. Der Mensch, der am Altar Gottes war, der Mensch, der Gast am Tisch des Herrn war, erhält die Kraft ihn Abba zu nennen: Lieber Vater.

Im Abendmahl werden wir alle zu Töchtern und Söhnen Gottes, die in der Nachfolge Christi leben. In diesem Mahl erhalten wir neue Kraft, das alte zu leben.

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