Palmare: Pilgern – nicht nur auf französisch

In Gedanken zeichne ich ein Geviert hier vorne auf den Boden rund um den Altar. Ob es reicht, damit Sie und ich alles darin ablegen, was uns das Leben schwer macht?

Ums leicht werden geht’s – keine neue Diät, sondern das Gewicht, dass es braucht, den Langstreckenlauf Leben zu bestehen. Also: Keine Diät. Sondern wie Judokas und Ringer sich vor dem Kampf einwiegen – kein Gramm zu viel: Der Sieg zählt – ich will weiterkommen.

Weiterkommen – weiterkommen wie die Vielen in den Genrationen vor uns in der – so lese ich – „Wolke von Zeugen“, Vorbilder im Christsein also: So viele über die langen Jahre. Die habens ebenso gemacht: Weil Sie für Ihren Glauben einen Auftrag und ein Ziel hatten, hatten sie kein Gramm an Sorge und Belastung zu viel an Bord. Weil Jesus gesagt hat: „Kommt her alle, die ihr mühselig und beladen seid.“ haben sie bei ihm abgelegt, was sie auf dem Weg voran hätte aufhalten können.

Was sie abgelegt haben? Die Sorgen, sicher. Sorgen, die den Blick nach hinten wenden wollen so, dass das Ziel aus den Augen gerät und der Weg voran ein einziges Zickzack wird. Alles, was den Blick auf den verstellt, der den ganzen Weg gegangen ist: Zum Leben. Und die Sünde: Schuld, die voneinander und von Gott trennt. Die im Miteinander unnötige Reibungsverluste kostet.

Das alles loslassen, ablegen, sich abnehmen lassen. Weshalb? Weil das kein Kurzstreckenlauf ist, der vor Menschen mit Christus liegt, sondern ein weiter Geländelauf quer durch das Leben.

Mir gehen da Bilder aus einem Film durch den Kopf – kürzlich im Kino in Kehl: „Pilgern auf Französisch“. Die Geschichte ist schnell erzählt: Drei Geschwister, der Eine ein überarbeiter Manager, die Zweite, eine Lehrerin mit etwas chaotischen Familie und der Dritte, alkoholkrank und ein Schnorrer sollen das Erbe antreten.

Die einzige Bedingung: Sie müssen vorher einen Abschnitt auf dem Jakobsweg gemeinsam pilgern.

Und da ist dann der Älteste, lässt sich am Startort von seinem Chauffeur vorfahren, lässt sich – entgegen allem Rat– als High-Tech-Pilger seinen Riesenrucksack aus dem Kofferraum ins Hotelzimmer bringen.

Am nächsten Morgen beginnt der Weg. Der erste Anstieg in die Pyrenäen kommt und er gerät fürchterlich außer Atem. Dann, mitten im Anstieg, versteckt er hinter einem Fels neben dem Weg alles, was er zu viel an Gepäck dabei hat – Technikspielzeug ebenso wie Dinge, die eigentlich ganz praktisch wären. Und jetzt, mit leichtem Gepäck, kann der Weg weitergehen; sonst wäre er wohl schon am ersten Tag gescheitert.

Weshalb ich das erzähle? Einmal, weil der Film sehenswert ist – aber vor allem: Er hat alles abgelegt, was überflüssig war auf dem Weg vor sich

So wie der eine, in dessen Namen wir hier zusammen sind. Der trug auch kein Gramm zuviel. Was hat Er denn schon für sich gehabt?

Einer, der leben wollte wie Er, der Menschensohn, kommt zu Ihm und hört: „Die Vögel haben Nester, die Füchse haben Höhlen aber der Menschensohn hat keinen Ort, wo er seinen Kopf hinlegen kann.“

Und so war’s ja auch – die Krippe am Anfang hat ihm nicht gehört, das Kreuz am Ende auch nicht. Nichts, was seins war – mit Haut und Haaren hat Er sich für Seinen Auftrag eingesetzt, für die Menschen, denen Er begegnete, dafür, Gott und Welt zusammen zu bringen, zu versöhnen; und so wenige haben das wirklich begriffen, haben sich die Mühe gemacht zu begreifen, was Gott da hat geschehen lassen.

Und nun wir: „Lasst uns – wie Sportler in einer Arena, die sich auf einen Wettkampf vorbereiten – alles ablegen, was uns beschwert, ebenso die Sünde, die uns ständig umstrickt. Und: Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der für uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus“

Nachfolge. Ein Leben leben, das Seinem immer ähnlicher wird.

Was ist Ihnen das wert?

Was ist Er Ihnen tatsächlich wert?

Welchen Wert hat Sein Leben, hat Gott tatsächlich? Für Sie?

Darf Er ein wenig zu Gast sein – so, wie im Tischgebet „Komm, Herr Jesus und sei unser Gast ….“ (wobei: wer betet noch bei Tisch?) – und dann bitteschön wieder gehen, wenn unsere wöchentliche fromme Stunde samt gelegentlichen frommen fünf Minuten beendet ist?

Nur: Was, wenn Er wirklich geht?

Was bleibt dann noch an Ziel und Zukunft und Ziel im Leben, das Bestand hat? Nicht nur in den guten Zeiten von Leben, sondern auch in den „tiefen Tälern“ und dann, wenn dieses Leben uns am Ende verloren geht?

Sie wollen mitmachen? Weitermachen? Mit leichtem Gepäck leben? Sie wissen: Einfach ist das nicht. Und mehrheitsfähig in unserer Gesellschaft schon gar nicht. Sie verlieren da was. – Aber Sie gewinnen auch: Menschen, Gottes Kinder wie Sie, Schwestern und Brüder, ganz unterschiedliche, die mit Ihnen auf dem Weg sind. Und Ihn. Der sagt ja: [Wenn Ihr bei meiner Sache bleibt, dann] „Siehe, ich bin bei Euch alle tage bis an der Welt Ende.“

Im Grunde haben Sies ja in Ihrer Konfirmation schon zugesagt so, wie Ihr Konfirmandinnen und Konfirmanden das in einigen Wochen tun.

Bevor Sie den Gottesdienst verlassen: Sortieren Sie doch schon einmal durch, was an Lasten und Gepäck Sie lieber gleich hier lassen – nur, damit das nicht in Vergessenheit gerät und Sie unnötig ins Schwitzen kommen.

Und selbst wenn Sie nicht gehen, nicht jetzt: Er ist gegangen. Den ganzen Weg, über Palmen und durch Dornen so, dass Ihr Weg zum Vater, Gott, nun frei ist. Amen.

Manchmal, Herr, kneife ich ganz einfach. Manchmal lebe ich nach dem Motto „Wasch mich aber mach mich nicht nass.“ Alles soll anders werden, so, wie Du es willst – und nichts soll sich ändern. Und manchmal laufe ich weg vor dem, was schwierig ist.

Hilf mir mich entscheiden, was ich nun wirklich will, was nun wirklich Sinn und Ziel ist, für den zu leben lohnt. Sieh zu, dass ich nicht auf beiden Schultern trage und nicht voran komme. Und dann hilf mir auf zum ersten Schritt und zum Zweiten und immer wieder – ohne Dich geht gar nichts.

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