Eine Frage der Definition

Heute feiern wir das Jubiläum der Konfirmation.

Vor vielen Jahren gingen Menschen zur Konfirmation mit Erwartungen, Hoffnungen und Ängsten. Damals noch mit einem gestrengen Pfarrer und einem altehrwürdigen Presbyterium, das auf Sitte und Ordnung achtete.

Manches hat sich in diesen Jahrzehnten verändert in der Kirchengemeinde, in der Christenheit, und bei jedem/jeder Einzelne von Ihnen.

Das gehört zum Wesen des christlichen Glaubens, dass wir immer wieder neu unsere christliche Position in der Jetzt-Zeit finden, das heißt, die Frage beantworten: Was bedeutet mein Glaube in meinem jetzigen Lebensabschnitt und in meiner jetzigen Situation.

In den Zeiten der ersten Christinnen und Christen dienten Briefe dazu, dass anerkannte Autoritäten wie Paulus oder Jakobus den einzelnen ChristInnen und den Gemeinden helfen konnten ihren Glauben in ihrer Welt zu leben. Einer dieser Briefe ist der Hebräer-Brief, bei dem wir nicht genau wissen, wer da an wen schreibt:

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Wir kennen die Menschen nicht, für die der Brief an die Hebräer bestimmt war. Wir können höchstens spekulieren Aus der Sprache und dem Inhalt ergibt sich. Der Brief wurde um das Jahr 100 verfasst. Die Gemeinde hatte die ersten Stürme überstanden, den ersten Pogromen durch die römische Obrigkeit widerstanden. Nun drohten andere Gefahren. Der Glaube verlor an Neuigkeitswert. Man richtete sich ein und verlor das Ziel aus den Augen. Man wurde müde und selbstzufrieden. Es war wie manchmal in einer alten Ehe. Alles ist gut, aber irgendwie ist der Sinn abhanden gekommen.

Ein geheimes Thema des Hebräerbriefs lautet Kirche unterwegs – das wandernde Gottesvolk. Er erinnert gerne an das Volk Israel in der Wüste nicht in der beliebten romantischen Form: Früher war alles viel besser. Eher, weil ihm wichtig ist, dass Kirche immer auch Kirche im Aufbruch sein muss, Kirche unterwegs durch die Zeit. Im Grunde hat Martin Luther nichts Anderes gemeint. Das was heute stimmt, kann morgen schon falsch sein, weil in einer veränderten Situationen sich auch manche Dinge ändern.

Wichtig auf dem Weg der Kirche durch die Zeit, ist aber auch das, was bleibt: Gottes Wort, Gottes guter Geist, der mit uns auf dem Weg ist.

Wer sich auf einen Weg begibt, muss auch hinter sich lassen können. Die Jubilare wissen, welchen Ballast sie bei ihrer Konfirmation im Gepäck hatten, was sie bei jeder Entscheidung (Berufswahl, Wohnort, Familie etc) hinter sich gelassen haben, zum Teil mit blutendem Herzen. Aber da gab es eben auch Dinge, die waren es wert, Anderes aufzugeben. Das war notwendig, weil nur der Mensch, der etwas ablegt, auch etwas kann gewinnen kann. Man muss nur das richtige Ziel vor Augen haben, um auch das Richtige ablegen zu können.

Das gilt auch für den christlichen Glauben. Vielleicht muss ich mich von einigen Elementen meines Kinderglaubens verabschieden, lernen, dass Gott nicht der bärtige alte Mann im Himmel ist, sondern sich meinem Zugriff entzieht.

Für den Hebräerbrief bleibt wichtig: Da sind jede Menge ZeugInnen in der Gemeinde, wie eine weiche Wolke, die uns einhüllt, die uns umgibt, die uns tröstet. Das kann uns helfen, alle Zweifel wegzutun, Kraft zu gewinnen für einen Weg mit Jesus Christus, für einen Weg, der Sünde hinter sich lässt, auch wenn sie allgegenwärtig ist. So kann man lernen in dem Lebenskampf mit allem zu leben.

So kann ich auch lernen Jesus zu sehen, als den, der mir im Glauben vorgeht, der mir zeigt, wie gut es sein kann, Kreuz zu erdulden, auch wenn es Schöneres für ihn hätte geben können (Gethsemane: nicht mein Wille geschehe, sondern dein Wille geschehe).

Ich kann lernen, wie gut es für mich und für Andere sein kann, wenn Menschen auf die reine Durchsetzung ihres Ichs verzichten um ein Wir möglich zu machen.

Das Wort ‘lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt,’ ist weniger Ermahnung als vielmehr eine Ermutigung. Wir können den Mut gewinnen, fertig zu werden auch mit dem Schlechten in uns, auch mit der Schuld, die jeder Einzelne ich auf sich lädt, auch mit der Versuchung, der ich erliege. Der Wettlauf, von dem Hebräer redet, darf hier nicht verstanden werden als Zwang, als Leistungsdruck, sondern als befreiendes Spiel, als harmloses um die Wette laufen, durch den Wald joggen mit dem Ziel, das alle gewinnen. So ist christliches Leben möglich, so können wir gemeinsam auf dem Weg bleiben und uns immer neu gegenseitig Mut machen, uns zu verändern.

Aber das Ziel dürfen wir dabei nicht aus den Augen verlieren: Den Tod kann finden, wer bei Tempo 180 das Leben sucht. Es ist auch eine Frage der Definition: Was ist für mich Leben? Wofür lohnt es sich zu glauben und zu leben?

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