Liebesbrief

Liebe Gemeinde,

im „doppelten Lottchen“ von Erich Kästner

finden zwei geschiedene Eheleute wieder zueinander

und heiraten einander zum zweiten mal.

Welch happy end!

Ein Kinderbuch – zugegeben.

Und ein Kindertraum – von mitgeschiedenen Kindern nämlich –

Und Erich Kästner lässt Wunder für Kinder geschehen –

Und lässt durch Kinder Wunder geschehen!

Aber so was gibt’s!

Nicht oft – zugegeben.

Und meistens wäre das ja auch keine Lösung.

Denn zur langlebigen Treue muss ja immer Liebe gehören,

sonst hat äußerer Bestand wenig wert.

Es braucht beides:

Liebe und Treue.

Fehlt das eine, wird das andere zur Farce…oder zur Qual.

Echte Liebe erweist sich in Treue.

Echte Treue erweist sich in Liebe.

Leicht gesagt, nicht wahr?

Leider ist die Wirklichkeit etwas verzwickter.

Um so beglückender,

wenn es dennoch geschieht:

die Erneuerung einer schwer angeschlagenen Liebe.

Für einen Neubeginn

Muss eine Seite die Großherzigkeit aufbringen

Und den ersten Schritt tun:

Ein Versöhnungsangebot vorlegen,

ja mehr – eine neue Liebeswerbung.

Die Verse aus der Bibel, die heute zur Predigt an der Reihe sind,

drehen sich eben darum.

Hören Sie, wie Gott den Liebesbund zu erneuern sucht

mit seinen geliebten Menschenkindern.

Jesajabuch, Kapitel 54, 6-12:

6 Ja, Gott hat dich zu sich gerufen, verlassene und tief betrübte Frau. Wie könnte man denn auch die Frau verlassen, die man in der Jugend geliebt hat?, spricht dein Gott.

7 Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großem herzlichem Mitgefühl hole ich dich heim.

8 Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner annehmen, spricht Gott, dein Erlöser.

9 Ich halte es wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, dass die Fluten Noahs nicht mehr über die Erde gehen sollten. So habe ich geschworen, dass ich dir nicht mehr zürnen und dich nicht mehr schelten will.

10 Ja, es sollen wohl Berge weichen und Hügel wanken, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht wanken, spricht Gott, dein Erbarmer.

Liebe Gemeinde,

wir halten da ganz kostbare Zeilen in der Hand,

das haben Sie sicher gemerkt,

aus der Feder des Propheten ein Liebesbrief, von Gott diktiert.

Entzweite Liebende brauchen zuweilen einen Vermittler,

der die Post überbringt.

Der Prophet übermittelt dem übrigen Volk das Versöhnungsangebot.

Wir dürfen mitlesen……

Und wir sind sogar mit angesprochen.

„Meine liebe Braut von einst“,

bringt der lauschende Prophet zu Papier.

„Ich kann dich nicht vergessen.

Ich bring‘s nicht übers Herz mich endgültig von dir abzuwenden.

Auch nach allem was war –

und ich weiß, es war viel und ich weiß, es war schrecklich,

und wir können auch nochmal über alles reden –

aber bitte, versteh, ich kann nicht anders,

meine Sehnsucht nach dir ist unauslöschbar….“

Ja, solch warmherzige Töne schlägt Gott an! (Vers 6)

Nun, wer Liebesbriefe abschickt, liebe Gemeinde,

geht ein ziemliches Risiko ein.

Liebe gestehen macht ja sehr verletzbar.

Das gilt schon für die erste Jugendliebe:

stoße ich auf Gegenliebe…. oder krieg ich einen Korb….?

Nicht weniger delikat ist dies bei alten Hasen,

die alle Schliche voneinander kennen.

Eine neue Liebesofferte von der einen Seite –

und schon kann die andere Seite bittere Vorhaltungen anlanden.

Wenn jetzt nicht ganz große Vorsicht waltet,

ist gleich wieder alles kaputt – nach der bekannten Methode

„Du hast angefangen! Nein, du!….“

Richtig und wichtig ist,

dass alte Verletzungen nicht unter den Teppich gekehrt werden.

Es muss nochmals zur Sprache kommen,

was weh getan hat,

und warum wer wie reagiert hat.

Aber es geht dies bestimmt schief,

wenn es im Geist der Rechthaberei geschieht.

Im Geiste der Verständigungsbereitschaft

ist ausführliches Zuhören und Verstehenwollen vorrangig

und nicht: „jetzt werd‘ ich’s ihm endlich mal lang und breit geben.“

In der Beziehung zwischen Gott und seinem Volk

hatte sich auch einiges angesammelt zu Zeiten des Jesaja-Liebesbriefes.

Aber Gott kommt nicht mit Vorwürfen daher,

das ist vorbei.

Die Phase, wo er „du Treuloses Weib, du!“ geschleudert hat,

ist weit dahinten gelassen.

Nein, hier hört man zwischen den Zeilen, dass er sehr gut zugehört hat.

Er hat die Klagen von 70 Jahren babylonischer Gefangenschaft

in voller Länge, Breite und Tiefe gehört.

Und die Klagen nach der Rückkehr aus dem babyloischen Exil erst,

als sich die blühenden Landschaften nicht einstellen wollten,

und der Wiederaufbau Jerusalems ein Jammerspiel blieb!

Da war die Frustration zwischen den Trümmern schließlich so groß,

dass die meisten sich komplett von Gott verstoßen fühlten.

Der geschlossene Bund von einst?? nichtig!

Verheißungen von einst?? futsch!

Der Segen von einst?? völlig dahin!

Und jetzt diese Liebestöne, die der Prophet übermitteln soll….

Werden sie ein Tauwetter einleiten können?

Oder treiben sie nur den Gottverlassenen

die bitteren Tränen erneut in die Augen?

Im Geiste kann der Prophet die Verlassenen

ziemlich verstört fragen hören:

„Und…wo warst du, Gott, mit deiner Liebe

die siebzig, achtzig, neunzig, hundert Jahre lang?

Da hast du uns alleine zappeln lassen.

Und da sollen wir jetzt einlenken??!“

Der Prophet muss nicht lange am Schreiber kauen.

Als nächstes gehört aufs Pergament,

wie Gott sich dazu erklärt.

Und so fährt er fort (Vers 7 + 8):

„Mein liebe Braut,

es ist wahr – ich habe dich verlassen.

Es tut mir leid.

Aber ich musste mich einfach für eine Weile zurückziehen.

Ich war im ersten Schmerz zu nichts anderem in der Lage.

Du weißt ja, kleine Kinder schlagen auch den Arm vors Gesicht,

weil sie nicht zeigen wollen, wie sehr sie verletzt und wütend sind.

Und es braucht ein wenig, bis sie soweit sind,

sich das Gesicht zu wischen und wieder normal zu reden.

So ging es mir auch.

Ich bin ja nicht aus Holz oder Stein.

Ich hab schließlich Gefühle.

Du weißt ja wie es ist, wenn man zornig ist,

da möchte man alles in Grund und Boden schlagen.

So hab ich mich besser eine Weile aus dem Verkehr gezogen.

Und ich hatte Zeit zum Nachdenken.

Ich weiß, dir schien es eine Ewigkeit zu sein.

Das ist so, wenn man angeschwiegen wird.

Aber ich merke jetzt, wo mein Zorn verraucht ist,

dass meine Liebe zu dir viel, viel größer und tiefer und anhaltender ist als aller Ärger.

Ich werde heute mit keinem Ton mehr davon anfangen,

was mich so verärgert hat.

Das zählt jetzt nicht mehr.

Heute weiß ich nur,

dass ich dich liebe,

dass ich dich schon immer geliebt habe

und dass ich dich immer lieben werde.

Ich hoffe, du glaubst mir.

Wenn ich es wägen müsste –

meine Liebe gegenüber meinen Ärger,

glaub mir, es ist wie der Ozean zum Tropfen.

Meine Liebe ist wie ein Ozean,

und der Tropfen Ärger – hat null Gewicht.

Einen Augenblick war ich wirklich verstimmt.

Aber ganze Ewigkeiten werde ich dich mit Liebe umgeben.

Du brauchst nur zu kommen.“

Dann legt der Prophet die Feder zur Seite,

liest nochmals das Diktat, zu dem er inspiriert war.

Dann geht er die Stube auf und ab.

Wäre es nicht besser, noch ein wenig weiter auszuholen?

Über die Anfänge reden?

Über den viel älteren Schmerz Gottes,

über seine Fähigkeit zum Umdenken und Umkehren,

und über den Ur-Treueschwur Gottes…?

Der Prophet spitzt noch einmal die Feder und fährt fort (Vers 9):

„Meine liebe Braut von einst,

Als ich mich zurückzog

und mir alles noch einmal überlegte,

musste ich an ganz früher denken.

Ich kenn‘ meine Menschenkinder ja nicht erst seit ein paar Generationen.

Zur Zeit Noahs war ich auch einmal so verzweifelt

über das unverbesserliche Menschengeschlecht, bodenlos unbelehrbar.

Damals wusste ich mir keinen anderen Rat,

als ihnen den Garaus zu machen.

Hinterher…..war ich bodenlos traurig.

Und ich hab mir geschworen: nie wieder!

Die Menschen sind zwar keinen Deut besser.

Aber gnadenlose Gewalt ist keine Lösung.

Lieber leide ich selbst.

Und wenn ich daran sterbe.

Ich liebe sie zu sehr

diese meine Lieblingsgeschöpfe, die meine Züge tragen,

meine Stellvertreter auf Erden sind,

nein, ich will sie ja nicht vernichten.

Wenn ich mich zu ihnen kehre,

ob sie sich wohl auch zu mir kehren?

Damals erwählte ich den Regenbogen – Siegel meines Neubeginns

Schöner kann ich mich nicht ausdrücken.

Darf ich damit heute auch bei dir wieder anklopfen?

Im vollem Farbenglanz, makellos und majestätisch

halte ich neu um deine Hand an.

Meine Hälfte des Bogens umspannt den Himmel.

Bei dir liegt….die Erdenhälfte des Runds,

was immer du machst daraus –

Sonne und Regen sind meine köstlichsten Ausgangsgaben

Lass uns als allezeit im Frieden zusammenwirken.“

Der Prophert hielt inne:

„Wunderbar, deine Poesie…., lieber Gott, dein Minnesang,

aber der Regenbogen ist immer nur so kurz zu sehen;

so flüchtig….ist doch dein Liebeswille nicht.“

Dann lauscht der Prophet und ringt um ein neues Bild.

Da kommt es ihm:

„Boden unter den Füßen….

Meine Treue ist verlässlich wie der Boden, auf dem du stehst!

Klingt das besser?“

„Beinah, beinah“, sagt der Prophet,

„Die jüngsten Erdrutsche und die Erdbeben dieser Region

stecken noch in aller Glieder.“

„Gut, dann schreibe (Vers 10):

Wie du weißt, können selbst Berge erschüttert werden

und Hügel einstürzen,

aber meine Liebe ist unerschütterbar

und mein Friedens-Bündnis soll niemals einstürzen.

Das war’s.

Ich geb mein Wort!

Für immer –

Dein ewig Verzeihender.“

Als der Prophet das letzt Jota gesetzt hatte,

wollte er das Schriftstück zusammenrollen

und zum Siegellack greifen.

Da aber durchzuckte es ihn,

und er schlüpfte in seine Bardenkleider,

nahm seine Zupfe vom Regal

und stellte sich unter das Fenster der Nation.

„Gottes neuer Tenor“, raunte man bald.

Und das Lied von der treuen Liebe und der liebevollen Treue

eroberte die Gassen.

Besonders begeistert waren die Kinder.

Sie trugen den Ohrwurm in alle Häuser.

In den versöhnteren Räumen lies es sich so viel besser Kind sein.

Und die Kindeskinder und deren Kindeskindeskinder

trugen das ewige Lied in die letzten Winkel der Welt….

…..wie man heute und hier ja wahrnehmen kann.

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