Der zerrissene Gott

Liebe Gemeinde!

Da sitzt ein Mann im Sessel seines Wohnzimmers. Heute ist sein 90er Geburtstag. Ein gesegnetes Alter. Er ist für sein Alter geistig und körperlich gut beieinander. Viel Besuch war da heute. Er geht die kleinen Geschenke durch, die die Leute für ihn da gelassen haben. Auch ein Heftchen ist darunter, von der Kirchengemeinde. Der Mann dreht es in der Hand, schlägt eine Seite auf. Er liest.

Schauen wir ihm kurz über die Schulter, was er da liest:

TEXT: Jes 54, 7-10

Das war mein Konfirmationsspruch, sagt er zu sich selbst und wiederholt: „es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer.“

Er sitzt eine Weile. Dann fasst er das Heft mit beiden Händen oben an und reißt es mitten durch.

Wir schaun ihm ins Gesicht und merken, dass er weint. Die Hände um das Papier verkrampft drückt er auf seine Knie. Erst langsam öffnen sich seine Hände wieder, und das Heft fällt zerrissen auf den Boden.

Wie soll man ihn trösten, den Jubilar? Seinen Sohn hat er zu Grabe getragen und die Frau. Ja, mit 90 hat man viel erlebt. Wie soll man ihn trösten? Einen Sohn hat er doch noch und Enkel und Urenkel. Gut ist er beieinander. Er lebt daheim, da wo er immer gelebt hat. Die Schwiegertochter kümmert sich um alles, was er braucht. Die Enkel hat er ums sich samt Enkelkindern. „Dir geht´s doch gut im Vergleich zu anderen, hört er die Menschen sagen. Und er selbst sagt sich´s auch immer wieder. Und doch zerreißt ihm der Schmerz das Herz. Es liegt in Fetzen wie das Heft, das er eben zerriss. Man kann das eine halt nicht gegen das andere aufrechnen. Freilich hat er noch seinen zweiten Sohn, und die Schwiegertochter und die Enkel und die Urenkel. Der Schmerz über den Verlust von Sohn und Frau lässt sich aber halt nicht verrechnen mit dem Glück. Das wär ja gerade so als könnte man einen geliebten Menschen durch einen anderen ersetzen.

Alt werden ist ein Abschied nehmen, oft ein Abschied-nehmen-müssen. Manchmal in seinem Leben da spürt man, dass es gut tut, Abschied zu nehmen von Dingen und Menschen. Manchmal zerreißt es einem das Herz.

Mir scheint, aber das wissen die meisten von Ihnen besser als ich, dass das Leben unser Herz füllt wie ein Buch, das mit jeder Seite, mit jeder Geschichte, jeder Person, die ihm zugefügt wird, schwerer und schwerer wird. Je dichter und gehaltvoller die Geschichte unseres Lebens ist, die wir in unser Herz schreiben, desto schwerer wird es. Verwirrend umfangreich sind da Geschichten, Personen und Gefühle miteinander verwoben. Schmerz und Glück, man selbst und andere, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind nicht mehr voneinander zu trennen. Im Laufe eines Lebens sortiert sich normalerweise aus, was nur locker mit mir zu tun hatte, und was wirklich mit meinem Leben verwachsen ist. Bei Letzterem ist es kaum erträglich, wenn man Abschied nehmen muss. Manches ist eingeschrieben ins Herz. Und wenn es herausgerissen wird, zerreißt das ganze Herz. Und da heilt die Zeit eben nicht die Wunden. Und der kleine Augenblick, dieser letzte Atemzug, der unserem Jubilar Frau und Sohn nahm, der hat eben zur Folge, dass er den Rest des Lebens ohne sie verbringen muss. Zerrissenes Herz, zerrissenes Heft, schwere Kapitel im Buch des Lebens.

Kann man mit dieser Schwere menschgewordener Erfahrung leben? Zieht einen so ein schweres Herz nicht hinunter in die Depression?

Manchmal sehne ich mich nach einem einfachen Leben. Ein Leben, in dem Hügel weichen und Berge hinfallen. Ein glattes Leben, in dem mir die Probleme dieser Welt gestohlen bleiben können, strahlend und leicht, klar und heil. „Mein“ Leben nicht „das“ Leben interessiert mich in diesen Momenten, die gar nicht so selten sind.

Vom Heiligen Antonius erzählt man, er habe eine Vision gehabt: Christus sei ihm erschienen in all seiner Pracht in Licht getaucht. „Ich bin gekommen, damit du mich siehst und mich anbeten kannst“, offenbarte sich der Christus. Antonius war erfreut, ja glücklich. So schön hätte sich nicht einmal seine Phantasie Christus ausmalen können. Klar, strahlend, licht und heil stand sein Christus vor ihm. Aber Antonius fiel nicht auf die Knie. Er betete ihn nicht an. Denn er bemerkte, dass die Lichtgestalt keine Wunden hatte: Weder an Händen, noch an den Füßen, noch in der Seite. Da wusste Antonius: Das ist nicht der Christus, sondern sein Gegenteil: Der Satan. Vom Leid will der nichts wissen. Mitleid ist seine Sache nicht. Seine Seite blutet nicht, sein Herz zerreißt es nicht.

Der wahre Christus aber trägt die Wunden. Gott hat sich nicht getrennt vom Unheil dieser Welt. Gott hat sich nicht zurückgezogen in die heile jenseitige Welt. Unsere Welt ist seinem Christus eingeschrieben für alle Zeit. Als der Christus stirbt am Kreuz, zerreißt es seinem Vater das Herz von oben bis unten wie den Vorhang im Tempel entzwei. Gott zerreißt es das Herz, weil er und sein Christus unauflöslich miteinander verbunden sind.

Und Gott tilgt die Wunden, die Zeichen seiner Mitgehens in die Welt des Leids nicht aus. In seinem Christus geht Gott hinein auch ins Leid. Er leidet mit. Er lässt sich unser Leben ins Herz schreiben. An seinen Wunden können wir ihn erkennen: Den Gott, der mitleidet. Am Mitleid erkennt man ihn und die, die sich für ihn nicht zu schade sind.

Bei unserem Jubilar liegt das Heft am Boden: zerrissen. Und nur so wird es wahr, was da steht. Nur ein zerrissener Gott hat etwas mit mir zerrissenem Menschen zu tun. Was will ich mit einem heilen Gott, dem´s nicht das Herz zerreißt, wenn meines springt?

Ein Gott, dem das Herz nicht blutet, der sich unbeschadet im Paradies herumdrückt statt sich mit uns zerrissenen Menschen zu verbinden, ja, mit dem verbindet mich eben nichts. Der mag alles sein, aber für mich bleibt er bedeutungslos samt all seiner Versprechungen. Nur wenn er sich mit mir verbindet, ganz und gar, haben auch seine Versprechen etwas mit mir zu tun.

Wenn wir genau hinsehen, was er uns verspricht, dann verspricht er uns nicht, dass er uns Hügel und Berge wegräumt, damit unser Leben schön glatt wird. Nein. Er verspricht uns nur eines. Und das ist mehr als alles andere: Selbst wenn Hügel weichen und Berge fallen, wenn die ganze Welt zerbricht, hat meine Barmherzigkeit, mein Mitleiden kein Ende.

Gott verbindet sich mit uns, unauflöslich. Er teilt unser ganzes Leben, den Schmerz genauso wie das Glück, Gelingen wie Scheitern, Gutes wie Böses.

Gott lässt sich unser Leben ins Herz schreiben – nicht nur unser Leben, sondern das Leben der ganzen Welt. Schmerz und Glück, man selbst und andere, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind untrennbar ineinander verwoben in Gottes altem Herzen.

Wenn wir in der Bibel lesen, lesen wir in Gottes Herz. Leben, Denken, Glauben von Fühlen hunderter Generationen ist in dieses Herz eingeschrieben. Und wer sich mit diesem lesbaren Herzen beschäftigt, stellt bald fest, dass auch er sich wiederfindet in ihm, dass sein eigenes Leben in diese Worte passt – Worte von Menschen, deren Erfahrungen sich Gott einschreiben lies in sein altes Herz.

Dieser Gott ist kein strahlender Gott, kein heller, heiler Gott. Er ist zerbrochen, zerrissen wie die Menschen, deren Leben er in sein Herz hat schreiben lassen.

Nein, der Gott, an den ich glaube, der einzige, der wirklich alles mit mir zu tun hat, ist ein zerrissener Gott, mit zerrissenem Herzen. Er ist der einzige, der nicht ein Gott ist, sondern Gott.

Die Anhänger dieses Gottes erkennt man nicht an ihrer Religionszugehörigkeit, sondern daran, dass ihr Leben ein Mitleben ist mit der ganzen Welt, verwoben mit allem, was lebt. Man erkennt sie daran, dass auch sie seine Wunden tragen im Herzen, dass es ihnen weh tut, wenn jemand leidet, ob Mensch, Tier oder Pflanze. Man erkennt sie daran, dass ihr Lebensbuch nicht nur von sich selbst erzählt, sondern von der ganzen Welt: Glück und Leid, Freud und Schmerz.

Wenn unser Herz schwer wird von dieser Welt, dann dürfen wir uns trösten, dass wir es nicht zu halten brauchen. Es ist gehalten in Gottes großem Herzen. Sinn, das ist wohl das: Gottes weltumfassenden Herzschlag spüren im eigenen kleinen Herzen. Wenn unser Herz daran zerbricht, schlägt seins noch immer, für die ganze Welt und auch für uns.

Du hast mein Herz schwer gemacht, Gott. Ich flieg dadurch ruhiger im Wind.

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