Angst und Vertrauen

Liebe Gemeinde,

ein zwölfjähriger Junge weckt morgens seine beiden jüngeren Schwestern, passt auf, dass sie Zähne putzen und rechtzeitig zur Schule kommen. Das geht zunächst über Tage so, dann über Wochen. Die Mutter lässt sich immer seltener blicken, ruft ab und an mal an, bringt Geld vorbei. Der Junge muss sich Lügengeschichten ausdenken, damit nach außen hin nichts sichtbar wird. Er und seine Geschwister haben Angst, ins Heim zu kommen. Und die ganze Zeit hoffen sie, dass alles wieder wird wie früher, die Mutter zurückkommt und sich um sie kümmert. Am Ende verständigt die Nachbarin Polizei und Jugendamt und die Kinder kommen gegen ihren Willen in behördliche Obhut.

Haben Sie den Fernsehfilm am letzten Mittwoch vielleicht auch gesehen? „Der große Tom“ – so hieß er – wurde nach einer wahren Geschichte gedreht, die im vergangenen Jahr bekannt wurde. In Wirklichkeit war es wohl so, dass der Junge sich damals nach einem Jahr von sich aus an das Jugendamt gewandt hatte und gesagt hat: Ich kann nicht mehr.

Mich hat diese Geschichte damals schon erschüttert, und jetzt, als ich den Film sah, noch einmal. Nicht so sehr, dass ein Zwölfjähriger überhaupt Verantwortung für seine Geschwister übernehmen muss – das ist in anderen Ländern der Welt heute noch so üblich und war hier früher auch so. In diesem Fall war es natürlich eine vollkommene Überforderung.

Was mich wirklich erschüttert hat, ist, dass dieser Zwölfjährige nach außen hin eine Fassade aufrecht erhalten muss: Dass er und seine Geschwister in einer „normalen“ Familie leben, in der die Mutter sich kümmert, in der die Kinder heute vielleicht sogar eher ein wenig überbehütet werden und ihnen alles abgenommen wird. Wie einsam und zerrissen muss sich dieser Junge gefühlt haben!

Was der Film ebenfalls sehr realistisch darstellt, ist die unverbrüchliche Liebe und das Vertrauen, das die Kinder der Mutter entgegenbringen, obwohl sie ständig enttäuscht werden. Pädagogen und Sozialarbeiterinnen, die mit vernachlässigten Kindern aus zerrütteten Familien arbeiten, machen diese Erfahrung immer wieder: Die Eltern können die Kinder noch so schlecht behandelt haben, die Kinder wenden sich nicht ab, sondern hoffen immer wieder aufs Neue darauf, dass ihre Eltern sich ihnen liebevoll zuwenden.

Auf diesem Hintergrund habe ich mich in den letzten Tagen mit dem Predigttext aus dem Buch des Propheten Jesajas beschäftigt. Erinnern Sie sich? Gott sagt zu seinem Volk Israel: Ja, ich habe Euch einen kleinen Augenblick verlassen, aber jetzt will ich große Barmherzigkeit walten lassen.

Wie lang ist ein kleiner Augenblick des Verlassenseins?

Solch ein kleiner Augenblick kann sehr sehr lang sein. Die Gottverlassenheit, die Gott hier in Bezug auf sein Volk Israel anspricht, dauerte immerhin zwei Generationen, 40 Jahre – ein kleiner Augenblick?!?

Der Augenblick, in dem wir von Gott verlassen sind, beginnt vielleicht mit ein paar Minuten: Die Polizei steht vor der Tür. „Dürfen wir kurz hereinkommen?“ Schon bei dieser Frage wird klar, dass sie eine schlimme Nachricht überbringen – und ein Abgrund tut sich auf, in dem man hineinfällt. Jemanden verlieren, das dauert vielleicht nur einen Moment. Aber sich fangen, wieder Halt finden, dass braucht manchmal ein ganzes Leben.

Oder nehmen wir mal an, die Mutter von Tom hätte eine Kehrtwende gemacht und gesagt: OK, dieses eine Jahr war ich nicht für Euch da, ich weiß. Aber jetzt ist alles anders, jetzt kümmere ich mich wieder.

Sollen die Kinder mit purer Freude und Dankbarkeit reagieren? Die Erfahrung die sie gemacht haben, nämlich im Stich gelassen worden zu sein von der Person, die die wichtigste in ihrem Leben war, diese Erfahrung wird sie doch ein Leben lang begleiten: als Schmerz, als Angst; irgendwann, wenn sie groß sind, vielleicht auch als unbändige Wut.

Verlassen werden von jemandem, den mal liebt und von dem man geliebt werden will: Das ist eine ganz schlimme Erfahrung, die wie ein Messer ins Herz sticht.

Trotzdem: Manchmal gibt es gute Gründe, um sich von jemandem abzuwenden, den Staub von den Füßen zu schütteln und neu anzufangen. Die Ehefrau, die ihren trinkenden Ehemann lange genug ausgehalten. Der Mann, der sich viel zu lange die Eskapaden seiner ständig untreuen Freundin hat bieten lassen. Die Mutter, deren Sohn an falsche Freunde geraten ist und sie jetzt bestiehlt, weil er Geld für seine Drogen braucht.

Gott hatte sein Volk verlassen für einen kleinen Augenblick. Er hatte seine Gründe dafür: Ignoranz, Gleichgültigkeit, Verachtung. All das, was ihm auch heute noch entgegenschlägt von uns Menschen: Wir können das bei ehrlicher Betrachtung unseres eigenen Lebens feststellen. Und wir sehen es tagtäglich in den Nachrichten, lesen es in der Zeitung, wie Menschen mit der ihnen anvertrauten Schöpfung und mit anderen Menschen umgehen.

Gott hätte gute Gründe sich voller Gram von uns Menschen, die er doch zum Guten geschaffen hat, abzuwenden. Heute wie damals.

Sein Zorn war groß. Aber er hat es sich wieder anders überlegt.

Helfen kann uns vielleicht das Nebeneinander von zwei Worten in unserem Text: klein – groß … ein kleiner Augenblick – die große Barmherzigkeit.

Auch unter Liebenden, auch zwischen Eltern und Kindern gibt es Momente des Zorns, der Fremdheit. Sie sind auszuhalten, wenn eine stärkere, größere Erfahrung dagegen steht: Ich werde geliebt, dieser Mensch ist mir treu und wenn es drauf ankommt, für mich da.

Unser Gott ist ein leidenschaftlicher Gott (Passion – engl. Passion) – dazu gehört auch die Empfindung von Zorn und Enttäuschung. Aber diese Seite ist klein im Vergleich zur überbordenden Liebe, die er uns entgegenbringt. Für diese Liebeserklärung bemüht Gott sogar den ganzen Erdball: „Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.“

Ich kenne Menschen, die haben in größter Lebenserschütterung an diesem Versprechen festgehalten und dann die Treue Gottes als große Kraft erlebt. Die sagten: „Ja, ich fühlte mich von Gott verlassen, aber ich wusste auch, dass er mir die Kraft schenken wird, die ich brauche.“ So holt Gott uns heraus aus den vielen Augenblicken, in denen wir nicht wissen, woran wir sind und malt uns die Weite seine Liebe vor Augen. Im Hebräischen übrigens mit dem Wort Chäsäd – und das bedeutet sowohl Barmherzigkeit als auch Mutterleib. Wann waren wir jemals geborgener und von mehr Liebe und Frieden umgeben?

Als Gott uns diese Hingabe in allerletzter Konsequenz zeigt, mit seinem Tod am Kreuz, als die Liebe selbst ans Kreuz geschlagen wurde, da bebte auch die Erde und eine große Finsternis kam über das Land. Aber dieses Beben war nur Vorbote auf eine noch viel größere Erschütterung: Der Tod selbst wurde in die Schranken gewiesen von dem Liebhaber des Lebens. Von dem, der es auch heute zu uns sagt: Vielleicht fühlst du dich im Moment von mir verlassen, aber glaube mir, Du bist es nicht. „Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.“

Ich wünsche uns, dass wir aus dieser großen Liebeserklärung leben können – sie überwindet alle Not, Furcht und Angst und macht uns frei. Frei im Rückblick auf das, was wir an Verletzungen und Kränkungen erlebt haben mögen. Frei im Blick auf die Zukunft, die uns offen steht. Unsere Zukunft mit Gott. Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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