Wie soll man sich da freuen?

Der heutige Sonntag Lätare, auf Deutsch: freut euch, liegt mitten in der Passionszeit. Diese Ermunterung zur Freude will da nicht so richtig passen, wenn wir daran denken, dass Jesus auf dem Wege nach Jerusalem ist, wo er verraten, gefoltert und am Kreuz, von Gott verlasen, starb. Wie sollen wir uns da freuen?

Unwillkürlich muss ich an uns denken, an die politische Situation im Bundesland Hessen, an das Leid in dieser Welt, Afghanistan, Irak oder den Nahen Osten. Und ich denke auch an unser Gefühl der Gottverlassenheit, wenn bei uns alles ins Wanken gerät, auch unser Glaube. Wie können wir uns da noch freuen?

Seit Jahren lebte ein Mann schon auf der Straße. Seine Frau hatte ihn mit den Kindern verlassen. Verlassen war er auch von seinen Freunden, die sich seiner schämten. Sein Alleinsein und sein Gefühl der Verlassenheit wurden für ihn unerträglich.

Angesichts anhaltender Krisen frag ich mich: Wie kann es überhaupt noch weiter gehen? Je länger eine Ehekrise, ein wirtschaftlicher Engpass oder Probleme in der Erziehung anhalten, umso schwieriger wird es, eine Lösung zu finden. Bei Alkoholproblemen, jahrelangem familiärem Streit oder immer wiederkehrenden Zweifeln an Gott rückt eine Lösung oft in unerreichbare Ferne.

Je öfter die Suche nach neuen Wegen erfolglos verläuft, desto mehr wird man gelähmt. Und mit der Zeit sind alle unsere Vorstellungen auf Besserung verbraucht. Unsere Gedanken kreisen immer wieder um den gleichen Punkt.

Wie können wir schwere Zeiten überleben? Wie können wir die dunklen Stunden unseres eigenen Lebens aushalten?

Die Kriege, die Katastrophen, das Leid und Elend in dieser Welt, die uns täglich durch die Medien vor Augen geführt werden, lässt viele von uns fragen: Gott wo bist du? Sind wir dir denn alle egal? Hast du uns verlassen?

Wie gehen wir mit den schmerzlichen Augenblicken der Gottverlassenheit und Gottvergessenheit um?

Liebe Gemeinde, in solchen Situationen ist, so denke ich, längst nicht alles verloren. Wenn von innen heraus keine Hilfe mehr möglich ist, dann gibt es noch viele Möglichkeiten der Hilfe von außen.

Es lohnt sich immer, mit anderen einen Ausweg, neue Möglichkeiten, zu suchen. Bestimmt gibt es ähnliche Situationen, aus denen den anderen herausgeholfen wurde.

Hast du uns auch etwa verlassen? Das fragten sich auch damals die Israeliten in babylonischer Gefangenschaft. Seit Jahrzehnten waren sie schon dort. Die Rückkehr in ihr Land mit einem Leben in Freiheit und das von Gott ihren Vätern versprochene Heil erschien ihnen unmöglich.

In dieser aussichtslosen Situation spricht der Prophet Jesaja, der unter dem Volk der Israeliten lebte, zu ihnen.

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Wie mögen diese Worte auf das Volk der Israeliten gewirkt haben? Worte, so denke ich, trösten und helfen nur wenig. Und oft kommt es bei mir so an, dass Worte des Trostes viel zu schnell ausgesprochen werden und dass viel zu wenig darauf eingegangen wird, wie sehr ein Mensch leidet. Ja, wie schwer ein Mensch die Last seines Lebens trägt.

Wie viele Menschen gibt es, für die der Schmerz oder die Trauer ein halbes Leben lang schon dauert?

Kopf hoch, das Leben geht weiter! Es wird schon wieder werden! Lass dich nicht unterkriegen! Mit solchen oder ähnlichen gut gemeinten Worten ist oft wenig getan.

Die Zeit heilt alle Wunden, sagt man. Sicher, die Zeit vermag einiges, sie lässt vieles in den Hintergrund treten und manches auch vergessen. Doch eines kann sie ganz bestimmt nicht: Die Wunden heilen. Heilung bedarf weit mehr als nur Zeit.

Lassen Sie uns noch einen Schritt weiter gehen. Leid und Trauer, sie können Stätten größter Gottverlassenheit sein. Aber sie können auch Begegnungsstätten des lebendigen Gottes sein.

Der Prophet Jesaja, er scheint beides zu kennen. Die Gottverlassenheit kennt er genauso, wie die spürbare Nähe unseres lebendigen Gottes. Für eine kleine Weile habe ich dich verlassen. Wirklich nur für einen Augenblick?

Eine jede und jeder von uns hat sich bestimmt in Situationen der Verzweiflung von Gott verlassen gefühlt. Unser heutiger Predigttext schließt es nicht aus, dass Gott wegschaut und uns für eine Weile verlässt. »Für eine kleine Weile habe ich dich verlassen, aber weil ich dich von Herzen liebe, hole ich dich wieder heim.

Als der Zorn in mir aufstieg, habe ich mich für einen Augenblick von dir abgewandt. Aber nun will ich dir für immer gut sein. Das sage ich, der Herr, der dich befreit.

Liebe Gemeinde, so soll es nicht bleiben, dass Gott wegschaut. Gott liebt uns, er will bei uns und mit uns sein.

Als Vater ziehe ich mich auch mal gern zurück, wenn mich meine Kinder nerven. Trotzdem liebe ich sie und habe sie gern. Als Vater kann ich auch wütend auf meine Kinder sein. Denn es ist mir ja nicht egal, was sie so treiben. Und Müttern, so denke ich, geht es oft genauso.

Wenn unsere Kinder merken, dass sie zu weit gegangen sind, ist es immer wieder faszinierend, wie sie die Mutter und den Vater suchen.

Den verzweifelten und trauernden Menschen, die sich von Gott verlassen fühlen, ist Gott tatsächlich ganz nahe. Gott trägt die Menschen durch ihre Not hindurch, ohne dass wir es selbst merken.

Doch in unserem Leben gibt es immer wieder mal ein Erdbeben, so dass Berge von ihrer Stelle weichen und Hügel wanken, wenn man z. B. arbeitslos wird, oder wenn man von einer schweren Krankheit betroffen ist, oder die Ehe und Familie zerbricht oder gar ein geliebter Mensch stirbt. Ja, im Leben eines jeden Menschen gibt es immer Erdbeben, schlimmere und kleinere.

Doch meine Liebe zu dir kann durch nichts erschüttert werden, und meine Friedenszusage wird niemals hinfällig. Das sage ich, der Herr, der dich liebt. Liebe Gemeinde, darauf können wir vertrauen.

Dem einen oder der anderen wird es mit Sicherheit helfen, wenn er oder sie Gott im Gebet um mehr Zuversicht und Kraft bittet. Anderen von uns hilft vielleicht ein Blick auf leidende Menschen.

Uns allen ist Heilung verheißen. Wir alle hören die wunderbaren und befreienden Worte Gottes. Zu diesem Glauben wird eine jede und jeder von uns ermuntert.

Wir alle müssen, ja sollen erkennen und auch bekennen, dass wir oft so nicht leben und auch unseren Nächsten dies nicht so weiter geben, was diese befreiende Botschaft verspricht.

Wer Gottes Zusage vertraut, liebe Gemeinde, wird seine Nähe spüren und sich bei ihm geborgen fühlen. Wir werden innerlich frei sein und können Kummer, Elend und Leid tragen. Ja, wir können es tragen, weil Gott uns trägt.

Gott, der Allmächtige, will Euch nicht verdammen, er, will sich Euer annehmen, ja, noch mehr: Gott der Allmächtige will euer Leben in seine Hand nehmen und so zu seiner eigenen guten Sache machen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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