Zorn und Gnade

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Schwestern und Brüder – liebe Gemeinde!

Uns geht’s gut – jedenfalls einigermaßen. Wer heute klagt, tut das auf hohem Niveau: Was fehlt uns? Was fehlt uns wirklich? Bestenfalls ein bisschen Schlaf, weil gestern der Abend so lang war, was noch?

Aber es gibt Gegenden dieser Erde, in denen Menschen anders leben – anders leben müssen: Verfolgt wegen ihrer Nationalität, verfolgt wegen ihrer Religion, verfolgt wegen ihrer anderen Auffassung von Leben, verfolgt, weil sie zufällig zwischen die Fronten derer geraten sind, die sich aus diesem Flecken Erde, auf dem sie leben, Reichtum oder Macht versprechen – die Kriege um Rohstoffe, sei es im Irak, sei es in Afrika. Millionen – ungelogen: Millionen – sind auf der Flucht: In Dharfur vor den Reitermilizen, in Mittel- und Südamerika vor der Gewalt der Großkonzerne, deren Bananen wir hier essen, in Palästina zwischen den Fronten von Hamas und Israel, anderswo – das spielt am Ende keine Rolle.

Es ist nicht selbstverständlich, dass es uns gut geht – es ist ein Glück. Und höre ich Glück, setze ich für mich das Wort „Segen“ ein – oder „Gott“: Es ist Gott. Sein Segen, Seine Hand, die uns liebevoll und freundlich gesonnen ist, Seine Liebe und Treue. Nicht, dass wir’s verdient hätten – womit auch? wir sind nicht besser oder schlechter als andere, die diesen Morgen mit Tränen in den Augen beginnen, – ich denke an Dharfur im Sudan – weil ihnen im UN-Flüchtlingscamp eine Reitermiliz in der Nacht die Hütten über dem Kopf abgebrannt, die Frauen entführt und sich an ihnen vergangen habt.

Israel damals, als Jesaja diese Worte schreibt, ist auch nicht der „Hans im Glück“. Im Gegenteil: Sie haben Ihr Glück, den Gott, der sie aus der Fremde befreit, durch die Wüste geführt, ihnen ein Land gegeben hat, sie haben Gott verlassen. Sie meinten: Das können wir nun auch alleine – für unser Alltagsleben, für unsere Politik, für unsere Wirtschaft: Dafür brauchen wir doch keinen Gott. Aber nun schauen Sie, wohin wir kommen mit unserer Politik und unserer Wirtschaft ohne Gott: Grandios, nicht wahr?!

Also: Die Israeliten wollten der eigenen Nase nach leben – und landen am Ende über drei Generationen in der Gefangenschaft in Babylon. „Da saßen wir, unsere Harfen hingen in den Büschen am Ufer des großen Stroms und weinten“ schreibt einer in einem Gedicht.

Und nun dieser Mann, Jesaja, der Profet, der sagt – das war noch nicht alles – es ist noch nicht aus – da kommt noch etwas: „Jesaja 54 4 Fürchte dich nicht, denn du sollst nicht zuschanden werden; schäme dich nicht, denn du sollst nicht zum Spott werden, sondern du wirst die Schande deiner Jugend vergessen und der Schmach deiner Witwenschaft nicht mehr gedenken. 5 Denn der dich gemacht hat, ist dein Mann – HERR Zebaoth heißt sein Name -, und dein Erlöser ist der Heilige Israels, der aller Welt Gott genannt wird. 6 Denn der HERR hat dich zu sich gerufen wie eine verlassene und von Herzen betrübte Frau; und die Frau der Jugendzeit, wie könnte sie verstoßen bleiben! spricht dein Gott. 7 Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. 8 Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der HERR, dein Erlöser. 9 Ich halte es wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, dass die Wasser Noahs nicht mehr über die Erde gehen sollten. So habe ich geschworen, dass ich nicht mehr über dich zürnen und dich nicht mehr schelten will. 10 Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer.“

Zorn und Gnade sind die Stichworte.

Warum Gott so emotional reagiert? Es ist doch Gott! Eben: Es ist Gott. Und Gott, unser Gott, will eine Beziehung zu seinem Volk, zu seinen Menschen haben – zu Israel damals, zu seinem neu dazugekommenen Gottesvolk, uns, heute: Eine Beziehung wie damals im Paradies zu Adam und Eva – ungetrübt und voll Liebe, Hingabe, Vertrauen.

Eifersüchtig wacht Gott darüber, dass diese Beziehung nicht Schaden leidet. – Eifersüchtig und geduldig zugleich: Gott lässt sich einiges bieten, bevor er handelt. Aber dann handelt er.

Und dann kann es geschehen, dass diese Beziehung verschlampt wird – wie damals in Israel –, beschädigt wird, dass am Ende Gott sich eine Weile abwendet und Unglück geschieht. Und keine und keiner soll sich dann beklagen und fragen „Womit habe ich das verdient?“ – Der „liebe Gott“ ist eben nicht nur der dumme, kleine „liebe Gott“ – es ist auch der vor Zorn rasende Gott, der Menschen loslässt, damit sie den einmal eingeschlagenen Weg ins eigene Unglück auch wirklich finden.

Doch dann wieder der Gott, der sich besinnt, der in sich geht, der bereut, der von sich aus den verloren geglaubten Faden der Beziehung zu Menschen aufnimmt: „In neuer Gnade wende ich mich zu Dir“ – „Du bringst es zwar immer noch nicht so richtig … dann versuche ich’s noch einmal“ – So, wie Ihr auf Freunde zugeht, obwohl sie Euch haben auflaufen lassen, im Stich gelassen haben, enttäuscht und verletzt haben: Gott kommt auf Menschen zu – in Liebe in Seinem Sohn, im Zorn über das Unrecht und dann doch wieder in Liebe und Geduld.

Weshalb sage ich das alles?

Wir sehen das alles – heute jedenfalls, heute in den alten Worten von Jesaja damals aus dem sechsten vorchristlichen Jahrhundert. Und wir wissen: Wer sich mit Gott anlegt, die oder der muss mit den Folgen leben – und kann doch hoffen, dass am Ende die Gnade steht.

Aber umgekehrt: Wer seine Beziehung zu Gott pflegt, so, wie Sie und ich in unser Beziehungen Zeit, Liebe und Phantasie investieren – also: Wer seine Beziehung zu Gott pflegt, darauf achtet, was Gott wichtig ist – so, wie Sie einmal jung verliebt [1] auf das achteten, was Ihrer Partnerin, Ihrem Partner zählt – bei Gott die Gebote, das der Liebe zuallererst –, Zeit, viel Zeit für das [2] Gespräch miteinander – bei Gott: Gebet, sprechen wie hören – und ins [3] Zusammensein investierten, die oder der steht mit Gott auf gutem Fuß und kann sich freuen.

Und nun schauen Sie selbst, wie sie zu Gott stehen, wie Ihre Beziehung zu Gott aussieht: Lebendig und voll Vertrauen, liebevoll oder so la la oder … Jetzt ist Zeit, das alles ins recht Lot zu bringen.

Ich füge zwei Dinge an:

[1] Gott kann nicht nur der zornige Gott werden, sondern er kann sich besinnen und findet zu Liebe und Gnade zurück.

In Jesus Christus begegnet uns Seine Gnade zum letzten Mal und ultimativ: Schauen Sie sich den an – „Das ist mein lieber Sohn, über den ich mich freue: Auf den sollt Ihr hören“.

Danach nichts mehr, auf das wir hoffen könnten.

[2] Passionszeit – Passion wird gerne und etwas schnell mit „Leiden“ übersetzt. Doch dazu gehört auch die „Leidenschaft“, die dahinter steht: Gottes Leidenschaft für das Leben, für Seine ganze Schöpfung – Pflanzen, Tiere – für uns Menschen. Denn das sind wir bei Gott um Jesu willen zuallererst: Geliebte – Sie können sich freuen; und: machen Sie, machen wir etwas draus.

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