Gott begegnet Elia in der Wüste …

Liebe Gemeinde!

<b>Es ist genug!</b>

Elia ist in die Wüste geflüchtet und hat sich irgendwo versteckt. Da gibt er sich nun seiner Verzweiflung hin. "Es ist genug…" weint er. "Nimm meine Seele von mir! Ich bin nicht besser als meine Väter." Elia ist in die Wüste geflüchtet vor Isebel, doch hier spürt er, dass seine Verzweiflung einen tieferen Grund hat als die Angst.

In der Wüste ist er allein. Er vergleicht sich nicht mehr mit anderen Menschen, sieht sich mit seiner fundamentalistischen Gotteswut nicht länger neben anderen, die zum Gegenüber, ja zum Opfer seines missionarischen Eifers werden. Er sieht sich selbst, wie er ist. Er merkt, dass er auch nicht besser ist als seine Väter. Er merkt, dass er vor sich selbst davon gelaufen ist. Sein Leben hat seinen Sinn verloren; sein Glaube an den eifernden Gott, der ihn selbst zum Eiferer gemacht hat, trägt ihn nicht länger.

Uns Christen in Deutschland liegt der Fundamentalismus ziemlich fern. Verschwindend klein sind die christlich-extremen Gruppen, die sich eine religiös motivierte Weltflucht auf die Fahne geschrieben haben und in esoterischen Zirkeln eine Burgmentalität entwickeln; und niemand – so hoffe ich doch wenigstens sehr stark! – würde bei uns z. B. aus Glaubensgründen gewalttätig werden. Zu deutlich ist uns die Vorläufigkeit des menschlichen Wissens über Gott. Wir sind es gewohnt, andere Menschen mit ihren Glaubensgewissheiten zu tolerieren. Wir sagen mit dem preußischen König Friedrich dem Großen „Jeder soll nach seiner Facon selig werden…“ und sagen das nicht aus Gleichgültigkeit dem anderen gegenüber, sondern aus der Demut heraus.

Was ich aber als Stärke unseres Glaubens sehe, legen uns manche als Schwäche aus. Viele islamische Mitbürger zum Beispiel, die in den Christen Gesprächspartner suchen, schwanken zwischen Enttäuschung und Verachtung, wenn sie merken, dass sie niemanden finden können, der auch nur gedanklich in der Lage ist, für seinen Glauben einzustehen. Wo nämlich der christlichen Gemeinde die Kraft fehlt, ihren Glauben zu bekennen, wo ihr die Sprachfähigkeit abhanden gekommen ist und sie keine Worte mehr findet, um das zu sagen, was ihr Mut und Kraft und Leben gibt, da ist die Kirche in einer großen Krise.

Es ist eine Gratwanderung, das Bekenntnis des Glaubens, denn man kann sich zu sicher sein, wie Elia es war, als er die Priester des Baal tötete; man kann aber auch zu schwach und zu zaghaft sein, so wie er es jetzt unter dem Ginsterbusch ist. „Wenn das Salz kraftlos ist, womit kann man dann noch salzen?“ fragt der Evangelist Matthäus.

Wir kennen solche Krisen, wir kennen sie als einzelne Menschen; wir kennen sie auch gemeinsam als Krise der Gemeinde, als Krise der Kirche. Die Kirche wäre nicht die Kirche Jesu Christi, wenn sie nicht in die Wüste geführt würde, wo sie versucht und angefochten wird. Und doch ist es wichtig, um unseres Glaubens und unseres Bekenntnisses willen, dass wir es lernen und immer wieder üben, für unser Glaubensbekenntnis eigene, neue und lebensnahe Worte zu finden, damit wir weitergeben können, was uns trägt …

<b>Steh auf und iss!</b>

Elia legt sich also unter einen Ginsterstrauch und schläft. Er kann nicht mehr weiter. Seine Lebenskraft hat ihn verlassen, er ist todmüde, mit dem Leben fertig im wahrsten Sinne des Wortes. Da tritt ein Engel zu Elia. „Steh auf, iss!“ sagt er zu ihm. Eine seltsame, dunkle, fiebrige Nacht umgibt den Propheten. Er weiß nicht, ob er wacht oder träumt, doch da steht ein Krug mit Wasser und eine Schale mit geröstetem Brot, und Elia isst und trinkt und fällt dann sofort wieder in seinen unruhigen Schlaf. Und noch einmal tritt der Engel zu ihm: „Steh auf, iss und trink, du hast noch einen weiten Weg vor dir …“ Und noch einmal isst er und trinkt, und was er isst, gibt ihm Kraft, sei es auch die letzte Kraft seiner Verzweiflung …

<b>Die Hinreise</b>

Er läuft durch die Wüste, vierzig Tage und vierzig Nächte. Er läuft bis zum Berg Horeb, dem Berg der Offenbarung Gottes. Vierzig Tage Fastenzeit … Vierzig Tage einsames Hasten durch die Wüste. Getrieben von einer Angst zur anderen, getrieben von Sorgen und Alpträumen, von geisterhaftem Schrecken in der Mittagshitze und namenlosem Grauen in der Nacht. An der Grenze zum Wahnsinn leidet Elia, gehetzt von der Erinnerung an die, die er getötet hat, vergiftet von einem lebenszerstörenden Glauben an einen Gott, der immer wieder seine gewaltige Faust erhebt, um Ungläubige und Götzendiener zu zermalmen … Elia läuft, er flieht, nicht nur vor Isebel, er flieht auch vor Gott, der sein Feind geworden ist …

Gottesvergiftung – dieses Wort hat der Psychologe Tilman Moser erfunden. In einem Buch von 1976 setzt er sich mit der Religion sehr kritisch auseinander, distanziert sich von dem düsteren Glauben seiner Kinderzeit, von einem Gott, der alles sieht und verurteilt, der streng und unnachsichtig ist, der wenig liebt und viel bestraft … „Gott ist nicht tot“, sagt Tilman Moser, „er lebt als Krankheit in uns fort.“

Auch ich kenne aus der Seelsorge Menschen, denen ich am liebsten alle Bibeln wegnehmen würde und denen ich ein halbes Jahr lang verbieten möchte, den Namen Jesus auch nur in den Mund zu nehmen. Nichts tröstliches hat für sie der Name, nichts ermutigendes, heilsames, aufbauendes, erlösendes das Wort Gottes; sie sehen in ihm nur die harte

Faust eines Gesetzes, dass ihnen sagt: „Du musst, auch wenn du nicht kannst …“

Fundamentalismus hat sehr oft dieses enge, beklemmende Bild von einem Gott zu eigen, der alles genauestens kontrolliert und jede Abweichung unnachsichtig bestraft. Sünde ist – nach Meinung dieser engen, krankmachenden Religiosität das Verfehlen der in der Gruppe anerkannten Moral – während die Sünde in der Bibel als Verstricktheit in die lebensfeindlichen und gottfernen Zwänge der Welt gesehen wird, also gerade darin, dass wir gehindert werden, in der Freiheit zu leben, zu

der Gott uns berufen hat.

Wo Luther fragte: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“, da sucht Tilman Moser nach einem „erträglichen“ Gott, nach einem Gott, dessen Nähe man „aushalten“ kann und dem man Andacht, Gebet und Meditation widmen kann, ohne daran krank zu werden.

Wir können uns unseren Gott nicht aussuchen, ihn nicht selber backen nach unserem Bild oder nach unseren Wunschvorstellungen: Es gibt wohl auch den Gott, der unbegreiflich ist und unvorstellbar, den unbekannten, verborgenen Gott, den deus absconditus, wie Luther ihn genannt hat. Entscheidend ist für Luther aber, dass uns dieser Gott, der dunkel und drohend sich verhüllt, dass uns dieser Gott nichts angeht. Wir glauben an Gott, der sich selbst offenbart, der sich zeigt als Gott, der liebt,

vor jeder Leistung und trotz aller Schuld des Menschen. Wir glauben an Gott, der der Vater Jesu Christi ist und in ihm Mensch geworden ist als Sohn, der jeden von uns mit seinem Segen besiegelt hat, der uns befreit hat zum Leben durch die Taufe als Heiliger Geist. So hat er sich uns offenbart, das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit. Offenbar ist er geworden, und so hat er sich uns zugewandt – und was noch verborgen ist von ihm, das geht uns nicht an.

<b>Begegnung mit Gott</b>

Auch Elia begegnet Gott, nach jener Irrfahrt, nach jener gehetzten Pilgerfahrt durch die Wüste kommt er an den Berg Gottes, den Horeb oder auch Sinai. Dort am Sinai hat Moses die zehn Gebote erhalten, dort hat sich Gott seinem Volk offenbart und ihm die Worte gegeben, die ihm den Weg zum Leben zeigen sollten. Und auch Elia sollte dort einen neuen Anfang finden.

Als er in einer Höhle übernachtete, wurde er von Gott angesprochen: „Elia! Geh heraus vor die Höhle und stelle dich auf den Gottesberg, und ich werde vorübergehen …“ Sturm, Erdbeben und Feuer, Mächte der Gewalt und der Zerstörung gehen vorüber; aber sie sind wie Versuchungen aus einer vergangenen Zeit. Was Elia vielleicht vor Wochen noch beeindruckt und begeistert, bestürzt und fasziniert hätte, rührt ihn jetzt nicht mehr. Gott ist so nicht, das weiß er jetzt. Erst als es still wird, als ein Hauch ihn anweht, verschwebendes Schweigen, da ahnt er: Gott ist gegenwärtig … Und er, der Mensch, der so stark war und so schwach geworden ist, tritt vor Gott, seinen Schöpfer, seinen Ursprung und sein Ziel …

Elia ist nicht verwandelt, nicht wunderbar erfrischt, nicht erneuert und verjüngt. Es ist immer noch Elia, der vom Horeb wieder herabsteigt. Und seine Geschichte hat weiterhin mit Blut und Tod zu tun. Die Zeiten waren so, damals, und sie haben sich nicht wirklich geändert. Aber Elia weiß, dass er nicht länger allein kämpft, nicht auf verlorenem Posten. Er hat einen neuen Auftrag von Gott, und seine Kraft hat er wieder.

Von seiner Angst ist nicht mehr die Rede, und nicht mehr von dem rasenden Wahnsinn, der ihn dorthin in die Wüste getrieben hat. Er ist geheilt, und er hat eine neue Aufgabe. Er kann und will wieder leben. Mit Gott, der ihn nicht länger vergiftet, sondern seinem Handeln Sinn und Ziel gibt, der ihn zur Freiheit befreit. Mit Gott, der nicht länger sein Feind ist und ihn nicht länger zum Feind der anderen macht.

1. Und suchst du meine Sünde,

flieh ich von dir zu dir,

Ursprung, in den ich münde,

du fern und nah bei mir.

2. Wie ich mich wend und drehe,

geh ich von dir zu dir;

die Ferne und die Nähe

sind aufgehoben hier.

3. Von dir zu dir mein Schreiten,

mein Weg und meine Ruh,

Gericht und Gnad, die beiden

bist du – und immer du.

Evangelisches Gesangbuch EG 237

Text: Schalom Ben-Chorin (um 1950) 1966

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