Er wird meinen Fuß aus dem Netze ziehen

Liebe Gemeinde!

<b>Wenn etwas passiert</b>

„Aus meinen Niederlagen habe ich mehr gelernt als aus allen meinen Siegen.“ Dieses Zitat schreibt man dem deutschen Kaiser Wilhelm I. zu. Da ich es als Überschrift gewählt habe, mag man ahnen, worum es heute gehen soll. Nein, es geht nicht um das Beschwören düsterer Lebenszeiten. Es geht darum, uns gewiss zu machen, uns zusprechen zu lassen: Gott ist bei dir, obwohl du ihn nicht wahrnehmen kannst hinter dem Schleier deines Lebenskummers.

Wenn „etwas passiert“ sagen wir und lassen dabei unsere Sorge um Eltern, Kinder und uns selbst lieber unausgesprochen im vagen. Sie wirklich zu benennen hindert uns wohl die archaische Angst davor, das „Was passieren könnte“ im Aussprechen herbeizurufen. „Beschrei´s nicht“, warnen uns unsere Zuhörer.

Und dann „passiert es“ ja doch. Dem Leben wohnt unausweichlich Härte inne, die wir ihm niemals zu nehmen imstande sind. Weder unsere Tränen vermögen es, diese Härte wegspülen, noch wird sie unsere Wut beseitigen. Wir müssen sie bewältigen. Anderes steht uns nicht zur Wahl.

Lebenskrisen kommen über uns: Sie schleichen sich heran, wachsen und stehen plötzlich im Vordergrund. Andere sind ohne Vorankündigung plötzlich da! Mit einem Telefonanruf, mit einer Nachricht sind Schutz, Ruhe und seelisches Gleichgewicht hinweg und wir stehen da in unserer nackten Angst. Gestern war die Welt noch in Ordnung – heute bricht sie zusammen.

<b>Welches Tor nehmen wir?</b>

Der Bibeltext für den heutigen Sonntag führt uns in ferne Zeiten. Sein Held ist Elia, ein alttestamentlicher Prophet, ein Gotteskämpfer, den wir uns ohne weiteres wie einen der zeitgenössischen Taliban vorstellen dürfen. Gerade hat er – sagen´s wir auch nur in Andeutung – wohl hundert Priester anderer Religionen „über die Klinge“ springen lassen. Elia ist der Typ, den wir auch heute kennen: Der willensstarke Typ, der keine Kompromisse kennt. Der Fanatiker. „Der geht über Leichen“, kann man von ihm sagen. Er ist der Mächtige, der sich immer durchsetzt, der seine Meinung sagt, „weil was wahr ist, wird man ja wohl sagen dürfen“. Telefone gab es damals noch nicht. So sandte ihm die israelitische Königin einen Boten, der ihm die Lebenskrise ins Haus trug:

<i>1 Und Ahab sagte Isebel alles, was Elia getan hatte und wie er alle Propheten Baals mit dem Schwert umgebracht hatte.

2 Da sandte Isebel einen Boten zu Elia und ließ ihm sagen: Die Götter sollen mir dies und das tun, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir tue, wie du diesen getan hast!

3 Da fürchtete er sich, machte sich auf und lief um sein Leben und kam nach Beerscheba in Juda und ließ seinen Diener dort.</i>

Wie wollen wir nun auf diese „Story“ reagieren? Ich nenne zwei Möglichkeiten. Als erstes natürlich die, die ich für den Fortgang nicht wählen werde. Wir hätten die „Ist-ja-selber-Schuld“-Möglichkeit. Kaum, das eine Krise aufbricht, fragen viele zuerst nach „Schuld“. Das mag ja auch berechtigt sein, sofern es um tatsächliches Unrecht geht. Aber das ist eher selten die Ursache unserer Lebenskrise.

Schuldzuweisung ist zugleich auch Schuldabweisung: Ich war´s nicht – er war´s: Der Schwiegersohn, der Lehrer, der Chef. Ich war´s nicht – sie waren es: Die anderen Frauen, die schlechten Zeiten. Schuldzuweisung heißt ja auch: Ich will nicht in diese Story verwickelt werden. Sollte das unser Weg sein, könnten wir die Bibel zuklappen.

Klar doch, ich will sie, liebe Gemeinde, auf einen anderen Weg mitnehmen, auf einen Weg, der uns in die „Story“ hinein nimmt. Wir müssten dazu eine anderes Zugangstor wählen, ein Tor, darüber steht: „Mir geht´s wie Elia: Ich habe mich verkämpft. Ich habe meinen Halt verloren. Ich lebe in Angst. Ich renne davon“. Es mag auch über dem Tor stehen: „Mir erging es wie ihm“. Oder: „Ich kann´s mir gut vorstellen“.

Also, nehmen wir dieses Tor. Befreit von der der Schuldfrage kommen wir dem Menschen näher:

<i>4 Er aber ging hin in die Wüste eine Tagereise weit und kam und setzte sich unter einen Wacholder und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug, so nimm nun, HERR, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter.</i>

<b>Gottverlassen in Gottes Nähe</b>

„Seufzen“ ist eine Urform des Gebetes. Im Seufzer simulieren wir Gott (und unseren Mitmenschen) gleichsam unseren letzten Atemzug. Der Schritt vom „ich kann nicht mehr“ zum „ich will nicht mehr leben“ liegt dem müden Herzen nahe. „Es ist genug, so nimm nun Herr, meine Seele“.

Da eine Meditationsregel warnt, sich in das Dunkle und Düstere zu versenken, werden wir von Elias Seufzer wieder etwas Abstand nehmen. Treten wir leise einen Schritt zurück. Er ist ohnehin eingeschlafen:

<i>5 Und er legte sich hin und schlief unter dem Wacholder. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iß!

6 Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen.

7 Und der Engel des HERRN kam zum zweitenmal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iß! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.</i>

<b>Unerwartete Wendungen</b>

Im Fortgang unserer Elia-Story treffen wir auf unerwartete Wendungen. In einer Krise lebend, mag das Selbstbild lauten: „Ich bin von Gott und aller Welt verlassen“. Man will auch keinen Menschen sehen und rennt, wie Elia davon in die Einsamkeit, als könnte man doch schneller sein als seine Lebenslast. Müdigkeit, unendlich große Müdigkeit setzt dieser Flucht ein Ende. Der Engel, der in unserer Geschichte auftaucht, widerspricht nicht diesem Gefühl. Wir sollten uns diese Szene mit dem Engel nicht zu bildlich vorstellen, weil sie dann eher kindlich wird. Der Engel symbolisiert eine andere Wirklichkeit: Du bleibst am Leben. Du bleibst am Leben, auch wenn du es dir derzeit kaum vorstellen kannst. „Wasser und Brot“ müssen dem, dessen Seele gefangen ist, eine Weile reichen. Nach mehr verlangt der erkaltete Appetit ohnehin nicht. Diese Wirklichkeit ist da und deshalb symbolisiert der Engel keinen klugen Gedanken, sondern in ihm kommt der Ursprung des Lebens, in ihm kommt Gott zu uns.

Vielleicht ist diese Szene ja auch denen zum Trost geschrieben, die um „Elia“ bangen. Sie wissen ihn in seiner tiefsten Not von Gott begeleitet, am Leben gehalten.

Unerwartet mag auch die nächste Wendung sein. Geschieht nicht dort, wo Gott ins Leben tritt, sofortige Heilung? „Halleluja, der Herr hat mich gerettet!“ In Heilungsgeschichten des NT ist das so. Eben noch lahm, tanzt der Geheilte fröhlich springend nach Hause. In unserer Elia-Story ist davon keine Rede. Stattdessen heißt es: Steh auf und iß! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.

Und so erleben wir es ja auch: Krankheiten ziehen sich durch die Lebensjahre. Arbeitslosigkeit bleibt ein langes Schicksal. Familienprobleme überdauern manchmal ein Jahrzehnt.

Du bist einsam und doch nicht aufgegeben. Dafür steht der Engel in dieser Lebenskrise des Elia. Er ruft uns auf den Lebensweg zurück, ist bei uns auf dem „weiten Weg“.

<b>Gottesbegegnungen</b>

Und dann bricht Elia auf:

<i>8 Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb.

9 Und er kam dort in eine Höhle und blieb dort über Nacht. Und siehe, das Wort des HERRN kam zu ihm: Was machst du hier, Elia?</i>

Elia sucht das Gespräch mit Gott. Das können wir feststellen und sollten uns doch davor hüten, aus dieser Lebenskrisen-Story des Elia klammheimlich einen „Therapieweg“ abzuleiten. Halten wir nur fest, dass er auf seinem langen Weg der Begegnung mit Gott nicht ausweicht. Und natürlich klagt er ihm sein Schicksal:

<i>10 Er sprach: Ich habe geeifert für den HERRN, den Gott Zebaoth; denn Israel hat deinen Bund verlassen und deine Altäre zerbrochen und deine Propheten mit dem Schwert getötet, und ich bin allein übrig geblieben, und sie trachten danach, dass sie mir mein Leben nehmen.</i>

Halten wir nebenbei fest: Im Gegenüber zu Gott, im Gebet können wir sagen, findet Elia zur Sprache zurück. Er fasst seine Situation in klare Worte. Dahinter mag wohl auch das Verlangen stehen: Gott, sag mir, dass ich ohne Schuld bin und alles richtig war und wie ich gelebt, gedacht und gehandelt habe. Diese Bestätigung wird er nicht erhalten.

<b>Gott neu erkennen</b>

Es beginnt eine Lehrstunde:

<i>11 Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR wird vorübergehen. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben.

12 Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen.

13 Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle. Und siehe, da kam eine Stimme zu ihm und sprach: Was hast du hier zu tun, Elia?</i>

„Aus meinen Niederlagen habe ich mehr gelernt als aus allen meinen Siegen“. Der Fanatiker, der Kämpfer, der Starke erlebt, wie sich seine Gottesbilder eines nach dem anderen auflösen. Er erkennt, dass seinem bisherigen Leben Bilder zugrunde lagen, in denen er Gott zu erkennen meinte und ihn doch nicht fand.

Gott, das Leben, ist kein Wind, kein Sturm, der uns bald hier, bald dorthin wirft und von uns verlangt, ständig alles zu kontrollieren, zu prüfen, festzuhalten, zu umklammern, dass ja nicht weg geweht wird.

Gott ist kein Erdbeben, das Leben steht nicht unter ständiger Bedrohung und auch du nicht. Auch du wirst den Boden nicht unter deinen Füssen verlieren. Drum kriech hervor aus deiner Höhle, laufe und traue drauf, dass du sicheren Boden unter deinen Füssen haben wirst.

Gott ist kein Feuer. Das ist Leben ist kein Vorgang der Zerstörung, wo du nur verlierst: Die Menschen, die du liebst. Deine Jugend. Deine Hoffnung. Gott ist anders.

In der Auslegungsgeschichte sagt man gerne, Gott zeige sich im „stillen, sanften Sausen“. Da kann man so schöne Brücken bauen zu Christus und zu den Szenen, in denen er den Heiligen Geist weiter gibt.

Dieser Auslegung werden wir nicht folgen. Gott ist anders. Das zu lernen ist eine uns ständig neu gestellte Aufgabe. Was Gott unserem Helden Elia im stillen, sanften Sausen gezeigt hat von sich, von der Hoffnung, vom Leben und der Zukunft, dass müssen wir auch gar nicht wissen. Uns mag es genügen, zu sehen, wie Elia geheilt ins Leben zurückgeschickt wird. „Was hast du hier zu tun, Elia?“, fragt ihn Gott so, wie uns der Arzt fragt: „Was wollen sie noch in meiner Klinik. Sie sind geheilt“. Da ist etwas passiert. Da ist etwas passiert. Diesen Satz spreche ich ohne Angst.

Okuli mei semper ad Dominum, quoniam ipse evellet de laqueo pedes meos" (Ps 25, 15)

Meine Augen sehen stets auf den Herrn, denn er wird meinen Fuß aus dem Netze ziehen.

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