Ein Problem der Nachfolge

Liebe Gemeinde:

„meine Augen sehen stets auf den Herrn“ – so heißt der Psalm für den dritten Sonntag in der Passionszeit – in Anlehnung daran nennt man diesen Sonntag: Okuli.

Was kann passieren, wenn „meine Augen stets auf den Herrn sehen“? Geschieht dies wirklich so, dann sprechen wir heute von „Nachfolge“ – so lautet auch das Thema dieses Sonntags. Wir haben es im Anklang schon vernommen, als wir das Bibelwort für die Woche gehört haben aus dem Lukasevangelium. Vorhin bei der Lesung haben wir ebenfalls die dazu gehörende Geschichte gehört. Es ist dieser Tage eine große Frage: wie wird man, wenn man einer Idee oder einem Menschen „nachfolgt“? Wir kennen es im extremsten Falle von den Menschen her, die bereit sind, mit Gewalt ihre Ideen oder ihren Glauben, so wie sie ihn verstehen, durch zu setzen. Dieser Tage fallen uns wahrscheinlich als erstes die Selbstmordattentäter ein. Weil sie meinen, ihre Idee wäre die einzig richtige, sind sie bereit, mit ihrem Leben dafür zu bezahlen – und noch mehr als dies – andere Leben dafür zu opfern. Es ist eine Idee des Glaubens, eine Vorstellung von Glauben, die radikal ist. Diese Idee ist nicht neu, auch wenn wir es im Zuge nach den Anschlagen auf das World-Trade-Center und den danach folgenden Anschlägen so empfinden. Wie sieht es mit anderen Ideen aus? Heute, am 24. Februar sind zwei Dinge in die Welt getreten, die viel durcheinander gewirbelt haben. Zum einen ist es das kommunistische Manifest aus dem Jahre 1848 und zum zweiten das erste Parteiprogramm der NSAP im Jahre 1920. Eine Laune der Zeitrechnung, dass beiden am gleichen Tag gedacht wird. Sie wissen worauf ich hinaus will. In der Folge dieser Ideen sind bei der Anwendung und bei der Umsetzung viele Menschen gestorben, obwohl beide für sich den Anspruch erhoben haben, die Welt in eine gerechtere Ordnung zu bringen. Fanatische Anhänger im Stalinismus-Leninismus und fanatische Gläubige des Dritten Reiches: sie waren bereit, für ihre Idee zu töten und getötet zu werden.

Als Christen glauben wir, dass mit diesem Jesus von Nazareth, den wir als den Sohn Gottes erfassen, etwas Neues in die Welt getreten ist. Neu deswegen, weil es keine menschlichen Ideen zur Verbesserung der Welt in sich trägt, sondern weil wir glauben, dass Gott selbst in diesem Menschen Mensch geworden ist und mit ihm in der Tat eine neue Zeitrechnung beginnt. Der Beginn des Reiches Gottes für die, die auf ihn trauen. Der Gewalt – gerade auch der Gewalt im Namen des Glaubens ist damit ein Ende gesetzt worden. Und ich meine das ganz kategorisch: im Namen Gottes kann und darf nicht getötet werden, denn der letzte, der sich selbst geopfert hat, ist Christus Jesus gewesen. Wer dennoch Gewalt ausübt und sich dabei auf die Idee des Glaubens beruft, der irrt. Er ist vom Weg der Nachfolge abgekommen.

Wie schwierig das sein kann, lesen wir in unserem heutigen Predigtwort aus dem ersten Buch der Könige im 19. Kapitel, die Verse eins bis dreizehn:

[TEXT]

Es ist, liebe Gemeinde, eine Geschichte, die ineinander verschränkt ist. Der Prophet Elia – Sie wissen es: viele Zeitgenossen Jesu halten Jesus für den wiedergekehrten Elia – der Prophet Elia muss fliehen vor Isebel. Warum? Weil er gerade im Namen seines Gottes ein unglaubliches Blutbad angerichtet hatte. Es ging um einen Wettstreit zwischen den Göttern des abgefallenen Volkes Israel und dem einzig wahren Gott. Die Priester des Gottes Baals mühten sich, aber erreichten nichts. Elia jedoch lässt Gott das Wunder wirken und in einer beispiellosen Raserei metzelt im Anschluss daran Elia mindestens 450 von diesen Baalspriestern nieder. Die Königin Isebél, selbst nicht zimperlich, kann solches nicht auf sich ruhen lassen. Sie lässt Elia zur Fahndung ausschreiben, damit er seine Strafe empfinge. Elia muss fliehen. Er flieht in die Wüste, kommt da aus seiner Raserei heraus und hat die erste Erkenntnis: „Es ist genug, so nimm nun, Herr, meine Seele, ich bin nicht besser als meine Väter.“ Ja, in der Tat, liebe Gemeinde: es scheint, als hätte der Gottesmann nichts begriffen von dieser Macht Gottes, die die Gewalt nicht braucht, um sich durch zu setzen. Als fanatischer Anhänger meinte der Mensch Elia, Gott nachhelfen zu müssen, indem er andere tötete. „Ich bin nicht besser als meine Väter – so lass mich nun selbst sterben.“ Gott aber gibt nicht auf – er lässt Elia so schnell nicht fallen, sondern er will ihm zeigen, wo das Leben wohnt. Deswegen sorgt er dafür, dass Elia weder verhungert noch verdurstet. Und er steht auf und geht 40 Tage und Nächte bis zum Berg Horeb, dem Sinai. Es sind wieder die 40 Tage, wie bei der Arche Noah, wie bei Jesu Fasten in der Wüste. Nach 40 Tagen (oder Jahren) beginnt etwas Neues. So wie Jesus nach den 40 symbolischen Tagen das Predigen und Heilen beginnt, so beginnt für Elia das Neu-Lernen von Gottes Kraft und Macht. Denn er wird dort in eine Höhle geführt, in welcher er warten soll. Gott selbst will sich ihm offenbaren. Wie aber zeigt sich Gott? Vor der Höhle ist ein gewaltiger Lärm: ein Wind, der die Berge zeriss und Felsen zerbrach. Ein Erdbeben, welches die Erde umpflügte. Ein Feuer, das den Rest verzehrte und versengte. Überall aber war Gott nicht. Erst dann offenbart sich Gott: im „stillen, sanften Sausen“. Elia verhüllt sein Angesicht, denn er weiß, dass niemand auf Erden Gottes Herrlichkeit würde aushalten können und macht sich auf und tritt in den Eingang der Höhle.

Wir glauben, liebe Gemeinde, dass der Gott des Alten Testaments der gleiche ist, wie der Gott des Neuen Testaments. So kann ich heute sagen, dass diese Offenbarung für Elia eine Lehre gewesen sein muss. Ja, du bist ein Eiferer für meinen Namen, hat Gott zu im gesagt, aber du musst noch lernen, deinen menschlichen Zorn nicht mit meinen Anliegen zu vermischen. Gewalt, die ein Mensch in Namen Gottes ausübt, ist nicht gerechtfertigt.

So bleibt es auch für uns diese zwei Seiten von Elia zu lernen: Gott gehorchen und ihm nachfolgen, für ihn eintreten, seine Sache verfechten: das ja. Aber nicht unsere menschlichen Gefühle mit hineinziehen. Sich nicht in dem, was wir tun, schon göttlich legitimiert zu sehen. Vielleicht ist das überhaupt das Hauptproblem von Nachfolge. Wir haben es am Rande auch an unserem Kirchenvorsteher-Klausurtag am vorletzten Samstag angesprochen: der Mensch ist doch ein Wesen, das auf Anerkennung hin angelegt ist. Er braucht mit anderen Worten die Bestätigung für das was er tut, wie er handelt. Gerade aber diesen menschlichen Wesenzug verleugnet die Nachfolgevorstellung. Denken wir an unseren Wochenspruch: wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. Wenn ich darauf aus bin, mir im Rückblick auf das, was ich getan habe, Bestätigung zu holen, dann kann ich anscheinend nicht mit vollem Bewusstsein dem Neuen nachfolgen. Jesus verlangt sehr viel von den Menschen – denken Sie an die Lesung des Tages – lass die Toten ihre Toten begraben. Wir haben es auch jenem Samstag festgehalten: ganz ohne Bestätigung kann es nicht gehen. Es braucht irgendeine Form von Rückmeldung, um sein eigenes Tun wieder auszurichten. Die Beispiele, die Jesus bringt sind radikal in dem Sinne, dass sie an die Wurzeln dessen gehen, was unser Leben ausmacht. Jesus fordert: werdet – so weit ihr es könnt – frei von diesen Dingen, die euch hier halten und binden wollen. Es spricht nichts dagegen, eure Toten zu beerdigen und Abschied zu nehmen von denen, die euch lieb sind. Aber: bindet euch nicht an dieses Rückwärtige, sondern versucht euch frei zu machen für das Neue, das im Reiche Gottes aufleuchtet. Und das Neue, das musste Elia erfahren ist oft ganz anders, als man es sich selber vorstellt. Gott ist in der Lage, die Dinge von Grund auf zu ändern. Denken Sie an Elia – er will sterben, weil er – zu Recht – einsieht, dass er einen großen Fehler begangen hat. Gott zeigt ihm einen neuen Weg zum Leben. Weiter: Gott offenbart sich Elia, aber nicht in der Gewalt, die die Natur zu bieten hat, sondern in der Stille, im sanften Säuseln. Vielleicht ist dies sogar an unserem heutigen Sonntag Okuli mit die wichtigste Aussage: Gott hat die Macht und den Willen, die Dinge auf sein Reich hin zu ändern. Und Nachfolge fasst sich dann v.a. darin, dass wir unser Vertrauen darin setzen und Gott diese Veränderungen zutrauen. Aus Leid kann Freude werden. Aus dem Durchgang in den Tod kann neues Leben wachsen. Aus dem Kampf aller gegen aller kann ein neues Miteinander werden. Das freilich schließt etwas mit ein, was wir ebenfalls als Kirchenvorsteher miteinander besprochen hatten: die Welt, in der wir jetzt leben, hat dann eben nicht mehr das letzte Wort. Christus und die ihm folgenden Christen haben die Welt überwunden. Natürlich leben wir in der Welt, ja wir sollen hier leben. Wir müssen Geld verdienen, einer Arbeit nachgehen, sehen, wie wir mit dem Nachbarn zurechtkommen usw. usf. Aber die Welt hat nicht mehr das letzte Wort. Nicht die Beerdigung, der Rückblick auf die Toten. Nicht die Summe an Reichtum, die wir fähig sind anzuhäufen. Ja selbst nicht die Einheit und Größe der Familie, der wir zugehören hat das letzte Wort. Und natürlich auch nicht das, was uns widerfährt: Unglück, Krankheit, Leid, Schuld. Wer Jesus nachfolgt, wird, wie Elia, erleben dürfen, dass Gott am Werke ist – bereits in dieser Welt, zeichenhaft. Gott ist in der Lage, die Dinge umzukehren: der allein mächtige Gott ist im sanften Säuseln zu finden. Und diese Nachfolge setzt ein Hoffen frei – ein Hoffen auf diese andere, die neue Welt, die nächste Schöpfung, in der wir wieder ganz und gar bei Gott sein werden – ungetrennt von seiner Wahrheit. Und diese Hoffnung greift in unser Leben hier ein, sie kann uns erheben über das, was uns hier binden möchte. Wir haben dafür keine Beweise. Deswegen ist der Jesus aus unserer Lesung heute so radikal. Wir haben nur die Berichte aus der Schrift, die Zeugnisse, z.B. das Zeugnis des Propheten Elia, wie es unser Predigtwort von heute ist. Die Passionszeit, das gedankliche Mitgehen auf Jesu Leidensweg darf uns helfen, dies wieder klarer und fester in den Blick zu bekommen: Gott setzt sich für uns ein, selbst wenn wir schuldig geworden ist – wie bei Elia. Gott ist in der Lage, die Dinge zu ändern. Wir sind aufgerufen, auf diesen geoffenbarten Gott in Christus Jesus unser Vertrauen zu werfen, damit er uns führen kann auf diesen neuen, wunderbaren Weg in sein Reich.

Und der Friede Gottes, der nicht aus dieser Welt erklärt werden kann, bewahre eure Sinne und Herzen in Christus Jesus.

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