Ausgebrannt und wieder auf die Beine gestellt

Ein Prophet mit dem Burn-out-Syndrom.

Das gab es damals also auch schon, was Mediziner heute so beschreiben: ständige Frustration, die Erfahrung, das Ziel immer wieder nicht zu erreichen, den eigenen hohen Erwartungen nicht zu genügen, führt zu Erschöpfung und Verzweiflung. Schuldgefühle und Versagensängste zehren an den Kräften. Der Rückzug steht am Ende.

Da wo es am Anfang nur den absoluten Einsatz für die eine Sache, die eine Aufgabe und Herausforderung gab, wo die eigenen Wünsche und Bedürfnisse keine Rolle mehr spielten, auch die Familie nicht, ist am Ende nur noch Platz für Erschöpfung und Müdigkeit.

„Es kommt generell zur Verflachung des emotionalen, mentalen und sozialen Lebens“ (Wikipedia). So verklausuliert erzählt diese Beschreibung genau die Geschichte des Propheten Elia, fast 2900 Jahre vor der Definition dessen, was wir Burnout-Syndrom nennen.

Elia ist ein Gotteseiferer gewesen. Er kannte nichts anderes als den leidenschaftlichen Kampf um die Herzen der Israeliten, die dem Gott der Väter gehören sollten und nicht den Fruchtbarkeitsgötter Kanaans. Für die die Einsamkeit, die einen unbequemen Propheten schon einmal umgeben kann, ertrug er die Anfeindungen, die Auseinandersetzungen, er wusste ja seinen Gott auf seiner Seite, hatte erlebt, wie Gott Menschen in Not bewahren und umsorgen kann.

Er hatte es mit den Baalspriestern auf dem Karmel aufgenommen, als sich erweisen sollte, wer wirklich die Macht über Himmel und Erde, über Sonne und Regen hatte: der Gott Israels oder Baal. Er hatte kurzen Prozess mit den falschen Priestern gemacht, das Blut klebte noch an seinen Händen. Aber dann war Schluss, dann war es genug. Er konnte und wollte nicht mehr. Sie trachteten ihm nach dem Leben, das ihm nun nicht mehr wert erschien..

Er war körperlich und seelisch am Ende – ausgebrannt und leer.

Früher dachte man: das trifft vor allem Menschen in helfenden Berufen: Ärzte, Pflegepersonal, Lehrer, Erzieher, vielleicht Pfarrer, die sich jedes Schicksal sehr zu Herzen nehmen – oder aber Propheten, die gegen die Unbelehrbarkeit anreden und anpredigen. Heute weiß man, dass es jeden treffen kann: einen Schüler ebenso wie einen Rentner.

Über die Ursachen rätselt man: die Arbeitsbelastung, die Eigen- und Fremderwartungen an die Leistungsfähigkeit, die Unsicherheit und Angst um den Arbeitsplatz, zunehmende Einsamkeit, weil familiäre und soziale Zusammenhänge sich auflösen, ständige Spezialisierung und immer komplexeres Fachwissen im jeweiligen beruf oder Umfeld mögen mit dazu beitragen, verlorenes Gottvertrauen. Etwas stimmt jedenfalls nicht mehr, wenn eine zunehmende Zahl von Menschen den Erwartungen und Herausforderungen des Alltages nicht mehr gewachsen ist und sie darunter körperlich und seelisch krank werden.

Wenn die Arbeitswelt krank und einsam macht, dann kann nicht der Mensch daran schuld sein, sondern die Rahmenbedingungen. Warum nehmen wir es so oft zu spät wahr, was mit unseren Kollegen, Nachbarn, Freunden neben uns geschieht. Wir leiden doch auch oft genug unter dem Erwartungsdruck, dem wir begegnen und sehnen uns nach Auswegen. Vielleicht wäre gegenseitige Aufmerksamkeit ja schon der Anfang von Veränderungen. Wenn ich sehe, dass es einem nicht gut geht, kann ich (mit ihm zusammen?) nach Wegen suchen, wie es ihm wieder besser gehen kann.

Elia war einsam.

Man kann das durchaus verstehen. Wer ständig gegen den Strom schwimmt, hat am Ende wenig Freunde.

Elia war voller Zweifel.

Lohnt sich dieser Einsatz des eigenen Lebens?

Viele, die seine Geschichte lesen, fragen sich, ob so viel Blut gerechtfertigt war? Macht der Gotteseifer am Ende krank? Elia wollte nicht mehr leben. Denn dann müsste er wissen: wozu?

Viele Fragen …

Wie aber geht es weiter? Gibt es Wege aus der Erschöpfung heraus?

Welche Therapie schlägt an?

Ärzte und Therapeuten heute empfehlen Entspannungs- und Auszeiten, einen Arbeitsplatzwechsel oder aber eine Psychotherapie, die helfen soll, mit den eigenen Erwartungen und Grenzen umzugehen.

Was aber hat Elia geholfen?

Er flieht zunächst in die Wüste. Diese Orte, die so lebensfeindlich wirken, sind oft Orte, wo sich das Leben ganz neu findet. Sie liegen auf dem Weg und müssen deshalb durchquert werden. In ihnen kann man wachsen und reifen. So zog Israel auf dem Weg in die Freiheit durch die Wüste. Und am Anfang des Weges Jesu stand auch die Wüste mit ihren Kämpfen und Anfechtungen.

Wüstenzeiten sind in unsrem Leben also ganz wichtige Zeiten, so schwer sie auch auszuhalten oder zu bestehen sind. In ihnen kann sich vieles klären, weil sich alles auf das Wesentliche und einzig Lebens-notwendige konzentriert. Elia wählt die bewusste Einsamkeit, nachdem er zuvor unter der Vereinsamung gelitten hat.

Viele werden ihm das nachempfinden können.

Es gibt Augenblicke, da ist es wichtig für einen begrenzten Zeitraum allein zu sein, um etwas zu klären oder um mit sich oder mit anderen ins Reine zu kommen. Wüstenzeiten sind oft Zeiten besonderer Gottesbegegnungen. Ein Engel rührt Elia an. Er sieht ihn nicht. Er spürt ihn, aber er weiß, was ihm widerfährt.

Und wir ringen oft um Gott, wenn es in uns und um uns wüst und leer wird. Möchten ihn begreifen, spüren, Suchen nach Gewissheiten. Und manchmal gewinnen wir neue Klarheiten auf unserem Glaubensweg. Wenn uns nichts mehr ablenkt: keine Aufgabe, keine Herausforderung, keine Ansprüche, kein Lärm und kein Betrieb, dann nehmen wir ihn, Gott, womöglich wieder wahr. Hören seinen Zuspruch: „steh auf und iss“, „nimm, was du zum Leben brauchst!“

Ich spüre jedenfalls die Sehnsucht inmitten all des Lärms und der Betriebsamkeit nach Orte, an denen solche Gotteserfahrungen wieder möglich sind, wo Gottesgewissheit wieder gewonnen werden kann. Kirchen und Einkehrhäuser mit ihren Meditations- und Gebetsangeboten, Urlaubsangebote in Klöstern und anderes mögen ein Beleg dafür zu sein. In der Wüste, in der Einsamkeit, in der Stille begegnet Elia seinem Gott.

In dieser Atempause für die Seele gewinnt er neue Kraft.

Ich las den Satz: um ausgebrannt zu sein, muss man einmal gebrannt haben. Dieses Feuer der Zuneigung und des Vertrauens brennt wieder neu in Elia. Die Auszeit und die Ruhe bringen ihn weiter. Schlafen und Essen klingt zunächst so einfach. Aber in der Wüste unter dem Wacholder ist wohl viel mehr geschehen in Elia als wir zwischen diesen Worten lesen können.

Sein Weg ist für mich ein besonderes zeitloses Beispiel, wie es weitergehen kann: In die Ruhe und in die Stille hinein, um auszuruhen, Klarheit zu gewinnen – und neuen Lebensmut. Gott kommt nicht in lautem Getöse daher. Das jedenfalls wird Elia bald erfahren und Gott in einem leisen Säuseln hören.

In der Stille kommt Gott zu den Menschen, in der Einsamkeit der Lebenswüsten will er uns begegnen, in den Augenblicken des Ausgebranntseins uns neu Lebenskraft einhauchen – bis heute.

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