Es gibt genügend Wege, Gott zu finden

„Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre!“ So haben wir es gehört im Wochenspruch für die heute beginnende Woche. Es ist zugleich Beginn der Passionszeit. Der Zeit also, in der wir des Leidens Christi, seiner Passion gedenken. So wird gleich zu Beginn dieser Zeit, die sieben Wochen bis zum Osterfest dauern wird, klargemacht: Christi Leiden und Sterben hat damit zu tun, dass er die Welt befreit vom Bösen. Ja, dass er sie herausnimmt aus dem Zusammenhang von Sünde und Tod. Dass er sterben wird, damit wir, die wir in diesem Zusammenhang bisher gefangen waren, befreit würden.

Fast jeder, der einmal den Konfirmandenunterricht besucht hat, wird sagen können, dass Jesus am Kreuz für unsere Sünden gestorben ist. Aber wenn ich dann nachfrage: was heißt denn das: „für unsere Sünden“?, dann wissen viele nicht mehr weiter. Die Sünde, liebe Gemeinde, für die Christus starb ist nicht in erster Linie, das was wir tun oder getan haben. Vor allem nicht all jene Kleinigkeiten, die völlig verniedlichend von Sünde reden. Gerade nicht mein drittes Stück Kuchen, mit welchem ich angeblich gegen meinen Diätplan „sündige“. Sünde, liebe Gemeinde, bleibt dieser große Abstand zwischen Gott und Mensch, der den Weg zu ihm verbaut. Dieser Abstand führt unweigerlich in den Tod, in die ewige Beziehungslosigkeit. Ja, die Folge der Sünde ist der Tod, wie Paulus schreibt. Und diese Beziehungslosigkeit ohne Gott bedeutet für den einzelnen Menschen ein sinnloses Leben, ein Tot-Sein, obwohl alle Organe noch arbeiten. Auch das gibt es: lebende Tote. Und weil die Sünde in der Welt herrscht, spricht die Schrift an anderer Stelle davon, dass der Böse der Herr dieser Welt ist. Christus aber ist gekommen, dass er die Werke dieses Bösen, des Teufels nämlich zerstöre.

Das ist das Werk Christi, welches wir an Ostern und damit an jedem einzelnen Sonntag feiern: den Sieg über diesen Teufel und damit den Sieg über die Sünde und den Tod. So beschreibt es Lukas: „ich sah den Satan vom Himmel fallen, wie einen Blitz.“ Seine Macht ist bereits gebrochen, der Sieg ist unser.

Und dennoch, liebe Gemeinde, leben wir noch in der Welt und wir spüren noch die Auswirkungen dieses Bösen, den die Schrift Teufel nennt. Auf Griechisch: diabolos. Übersetzt man dieses Wort „diabolisch“ genau, so heißt es „Durcheinanderwerfer“. Der Teufel, liebe Gemeinde ist keine Person, kein Gegenüber zu Gott, keine gleich starke Macht, wie es uns die modernen Mythen glauben machen wollen. Der Teufel ist der Fehler in der Welt. Sein Wesen ist das Chaos, das Durcheinanderwerfen. Und damit haben wir in der Tat bis heute zu kämpfen. Mit dem Chaos in unserem Leben. Etwa dem Hereinbrechen von Leid und Tod, dem Erscheinen von Krankheit und Mühsal. Dem Zurückweisen von Lieben und Aufflammen von Hass. So gibt es keinen in dieser Welt, dessen Leben eine ununterbrochene Kette von Glück und Harmonie, von Gesundheit und Gutem wäre. Jeder hat seine Brüche im Leben und wer bereit ist, es genau zu betrachten, wird erfahren, dass ihn diese Brüche Tag für Tag begleiten. Der Durcheinanderwerfer möchte nun, dass wir diese Brüche als das Wesentliche erfassen. Er möchte, dass uns die Sorgen darum als Lebensinhalt begleiten. Er möchte uns glauben machen, dass es eine Sicherheit gäbe für dieses Leben, wenn wir uns auf ihn einließen. Deswegen gibt es diese Verwirrungen auch in Glaubensdingen: Gruppen die auftreten und Ihnen bei Befolgung ihrer Lehre alle Macht versprechen: Gott-gleiche-Menschen! Gruppen, die auftreten und Heilung von den einzelnen Ergebnissen des Durcheinanderwerfers versprechen: etwa absolute, immerwährende Gesundheit.

Liebe Gemeinde: lassen Sie sich darauf nicht ein! Der Durcheinanderwerfer ist bereits besiegt in Christus. Wer Christus folgt, hat das ewige Leben. Dem Durcheinanderwerfer bleibt allerdings hier in dieser Welt der Versuch des Auf-den-Kopf-Stellens. Nicht umsonst ist das Zeichen des Satanismus das auf den Kopf gestellte Kreuz. Nicht umsonst sind wir oft versucht, das Richtige für Falsch und das Falsche für Richtig zu erklären. Kriege etwa, die im Namen Gottes geführt werden. Soziale Gerechtigkeit etwa, die unter Aspekten der Erwerbsleistung gefasst wird. Werke des Durcheinanderwerfers.

In dieser Situation stehen wir bis heute und so hören wir das Predigtwort aus dem Jakobusbrief im ersten Kapitel, die Verse 12 bis 18. Wir hören sie, als wären sie für uns heute geschrieben:

[TEXT]

Der Autor des Jakobusbriefes schreibt von der Versuchung. Und auch hier geht ein erster Hinweis auf die Verharmlosung des Begriffes in unserer Gegenwart einher: es geht nicht um „die zarteste Versuchung, seit es Schokolade gibt“. Ein Buch titelt: „Sünde: das schöne Leben und seine Feinde.“. Die sieben Todsünden Völlerei, Unkeuschheit, Habsucht, Trägheit, Zorn, Hoffart und Neid vertragen sich anscheinend schlecht mit unserem Lebensstil, in dem raffiniertes Essen, ein ausgefülltes Sexualleben, Schnäppchen im Internet und Shopping als Garanten eines erfüllten Lebens gelten. Garanten eines erfüllten Lebens!

Auch hier wird einiges durcheinander geworfen. Denn in der Versuchung werden wir angeleitet, dem Glauben zu schenken, was gerade nicht Leben ermöglicht. In der Versuchung werden wir angeleitet, Oben und Unten zu verkehren und Sicherheiten zu suchen, wo keine zu finden sind.

Deswegen, liebe Gemeinde, steht dieses Wort zu Beginn der Passionszeit, die wir auch als die Fastenzeit kennen. Das Fasten gilt als altes Hilfsmittel, sich wieder verstärkt dem Eigentlichen zuwenden zu können. Eine Zeit, die mit einem bewussten Verzicht gefüllt ist, um nachzudenken über mein eigenes Leben. Wo greift die Versuchung in mein Leben hinein? Wo bin ich vielleicht schon auf einer falschen Bahn gelandet? In seinen eigenen Worten macht Jakobus klar: das Böse ist keine Gegenmacht, die von außen auf uns eindringt. Das Böse ist etwas, das uns in dieser Welt zur Natur gehört: „in uns“, wenn man denn diese räumliche Vorstellung wagen mag. „In uns“ – die Bibel würde sagen: in unserem Herzen – geschieht diese Entscheidung täglich, stündlich, in jedem Augenblick. Zu was lassen wir uns hinreißen? Welchem Bedrängen geben wir nach? Wo sind wir geneigt dem Durcheinanderwerfer Recht zu geben und etwas in unserem Leben an die Spitze zu stellen, was eigentlich nach ganz unten gehören würde? Der Jakobusbrief nennt dieses Verlangen Begierde, von der wir gereizt und gelockt werden.

Fastenzeit meint auch das: bewusst von seinen Begierden Abstand zu nehmen versuchen. Ich drücke das so kompliziert aus, weil es eben auch in unserem Leben kein einfacher Vorgang ist. Es ist wie eine kleine Übung, die uns auf die große Übung, die große Bewährung in unserem Leben, hinweisen soll. Wer bei sich ahnt, dass z.B. der Alkohol in seinem Leben eine große Rolle spielt: wer ihn braucht, um fröhlich zu sein, um mutig zu sein, um entspannen zu können – der darf es diese Wochen versuchen, ohne ihn auszukommen: bewusst als kleine Übung. Wer bei sich ahnt, dass er die Süßigkeiten braucht zur Belohnung am Tage; wer bei sich ahnt, dass er den Fernseher braucht, um abschalten zu können vom Tag; führen Sie diese Beispiele selbstständig fort!; wer solches bei sich ahnt, ist als Christ eingeladen in der Fastenzeit bewusst darauf zu verzichten, sich zurück zu nehmen, um vermehrt Raum zu schaffen, sich auf sein Ziel im Leben zu konzentrieren.

Auch dazu gibt uns der Jakobusbrief einen Hinweis. „Alle gute Gabe und alle vollkommene Gabe kommt von oben herab, von dem Vater des Lichts.“ Dem Durcheinanderwerfer wird klar entgegen gestellt, wo Oben und Unten ist. Suchen Sie in dieser Fastenzeit bewusst wieder das Oben! Suchen Sie diesen Bezug zu Ihrem himmlischen Vater!

Wo aber lässt er sich finden? Er lässt sich finden in den Momenten, in denen wir den Himmel ein Stück weit offen sehen. Etwa in der Liebe zu denen, die uns am Herzen liegen. Das kann für den einen bedeuten, sich wieder bewusst mehr Zeit zu nehmen für seine Familie, auch wenn die Arbeit sich noch so sehr an die Spitze seines Lebens stellen mag. Das kann für den nächsten bedeuten, wieder bewusst die Beziehungen wahr zu nehmen, die in seinem Umfeld vorhanden sind. Wie ist mein Kontakt zu den Nachbarn – gibt es vielleicht Dinge, bei denen es wieder nötig wäre, dass sie offen angesprochen und geklärt werden?

Gott lässt sich finden im Gebet. Wir haben an den Bibelabenden und im Gemeindebrief ausführlich darüber geredet und geschrieben. Wie aber kann das geschehen? Das kann für den einen bedeuten, die Zeit, die er am Fernseher eingespart hat, zu nutzen, sich wieder an die Lektüre der Heiligen Schrift zu machen. Es kann für den nächsten bedeuten, sich wieder einmal bewusst Auszeiten zu nehmen, um im stillen Gebet vor Gott zu treten, ihm Zeit und Raum zu geben, damit er zu ihm sprechen kann. Ja, es kann bedeuten, wieder bewusst und konzentriert, sich auf den Sonntagsgang hierher zu machen, so wie es vielen von Ihnen tun, um – unabhängig vom Pfarrer und den Menschen, die einen hier sehen oder nicht sehen – sich einzulassen auf die Worte der Schrift, die wir gemeinsam hören, auf die Gebete, die wir gemeinsam sprechen, auf den Segen, den wir gemeinsam empfangen.

Der Jakobusbrief wurde einst geschrieben für eine Gruppe von Menschen, die sich wie in einer Gegenwelt vorkamen. Sie wurden verfolgt und verspottet von der Umwelt. Sie waren nicht reich, meist nicht sehr gebildet, sie hatten kaum Erfolge vorzuzeigen, die damals das gesellschaftliche Leben regelten. Das alles trifft für uns heute kaum mehr zu. Verfolgung wegen des Glaubens kennen wir hier kaum. Die meisten von uns haben mehr Geld zur Verfügung, als sie zum Überleben brauchen. Usw. Und dennoch ist das Bild der Gegenwelt nicht verkehrt. Auch unsere Umwelt – und wir in ihr – zeigt immer noch und oft genug die Züge des Durcheinanderwerfers. Als Christen, die daran festhalten, dass Gott seine Schöpfung einst in Ordnung bringen wird, widersprechen wir dieser Welt, in der wir doch leben müssen, oft genug. Die Fastenzeit lädt dazu ein, ja sie fordert dazu auf, in diesem Bemühen, an Gottes Weg festzuhalten, den er uns in Christus eröffnet hat. Das bedeutet auch oft genug, der Welt, wie wir sie erleben, zu widersprechen. Etwa darauf hinzuweisen, dass ein Leben noch nicht erfüllt ist, wenn man genügend Geld hat, gut essen kann und gesund ist. Etwa darauf hinzuweisen, dass dieses Leben nicht alles ist, worauf wir hoffen. Sondern, dass es in diesem Leben genügend Hinweise auf das eigentliche Leben bei Gott gibt. Dass es genügend Wege gibt, auf denen sich Gott finden lässt.

Ein letztes noch: der Welt, wie sie vom Durcheinanderwerfer geordnet wurde zu widersprechen heißt aber nicht, dass wir als graue Mäuse, griesgrämig und verhärmt durch die Gegend laufen müssten, quasi als ständige Ausrufezeichen, wie schlimm das Leben doch hier sei. Es ist das Gegenteil, liebe Gemeinde. Weil wir eine Hoffnung haben, die über diese Welt hinaus geht, können wir die Welt gestalten und die Schöpfung Gottes preisen und uns darin freuen. Auf die Spitze getrieben können Sie solche Freude finden bei denen, die im Leid dennoch Zufriedenheit ausstrahlen. Bei denen, die trotz weniger eigener Mittel immer noch anderen geben können. Bei denen, die trotz eigenen erlittenen Unrechts immer noch nach der Gerechtigkeit streben. Also keine Zyniker und Welthasser, sondern solche, die im Innersten mit Christus diese Welt bereits überwunden haben und in ihr gerade deswegen segensreich wirken können. „Selig ist der Mensch, der die Anfechtung erduldet – er wird die Krone des Lebens empfangen“ weiß unser Predigtwort zu berichten.

Ich wünsche uns allen, dass wir trotz Durcheinanderwerfer davon etwas ergreifen können in unserem Leben und bitte Gott darum, dass er uns als Lichter benutzen möge in dieser Welt, damit die Menschen es sehen und greifen können: dort gehen die „Erstlinge seiner Schöpfung“.

Und der Friede Gotte, der immer bleiben wird, trotz allem Durcheinander, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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