Verschwenderisch leben

Kennen sie „sieben Wochen ohne“?

Das ist die Fastenaktion der Evangelischen Kirche in Deutschland. Es fing vor 25 Jahren in Hamburg an. Eine Gruppe von Journalisten und Theologen beschloss nach einer fröhlichen Kneipenrunde in der bevorstehenden Passionszeit zu fasten. Das war damals ungewöhnlich. Fasten galt, wenn überhaupt, als typisch katholisch. Aber aus diesem Anfang ist eine richtige Bewegung geworden, an der sich viele Menschen und viele Gemeinden beteiligen. Fastengruppen treffen sich, tauschen ihre Erfahrungen aus und bestärken sich in ihrem Entschluss eines Verzichtes auf Zeit.

Wie stellen sie sich einen Fastenden vor?

Der Verzicht auf den morgendlichen Kaffee, das heimliche Stück Schokolade, den Griff zur Fernbedienung, das gebratene Stück Fleisch in der Pfanne oder im Topf oder das Glas Bier oder Wein am Abend, kann doch wohl keinen fröhlichen Menschen hervorbringen – denken zumindest viele. Verzicht macht griesgrämig. Das muss man einem doch ansehen, dass er gerade auf alle schönen Nebensachen verzichtet. Manchem mag das wirklich so gehen. Verzicht um des Verzichtes willen ist anstrengend und macht verkniffen..

„Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit, wenn ein Mensch seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet?“ Das wusste also schon der Prophet, dass da eine andere Geisteshaltung nötig ist. Auch die Wiederbegründer der Fastenaktion wollten mehr als nur Konsumverzicht, sie wollten dem nachgehen, wie das Fasten den Glauben, die Gottesbeziehung prägen oder verändern oder vertiefen kann, sie suchten einen spirituellen Mehrwert. Denn Fasten ist seit alters her eine religiöse Lebensäußerung.

In Trauer oder in Not, vor großen Herausforderungen oder in Zeiten einer anstehenden Entscheidung haben Menschen gefastet und gebetet und auf die Nähe und Erreichbarkeit Gottes gehofft. Sie wollten heil werden nicht nur am Leib, vor allem an Seele. Heute gerät dieser Aspekt vielfach in den Hintergrund. Fasten ist zu einem Bestandteil unserer Wellnesskultur geworden, zum Entgiften, Entschlacken, zum Abnehmen fasten Menschen. „Wie neugeboren durch (Heil)Fasten“ versprechen die Ratgeber.

Davon unterscheidet sich die Aktion „sieben Wochen ohne“, die die alte christliche Fastentradition in der Passionszeit aufnimmt, in der Menschen an der Leidens- und Auferstehungsgeschichte Jesu Anteil nehmen wollen. Nach 25 Jahren ist diese Aktion nun eine evangelische Bewegung geworden, jedes Jahr unter einem anderen Motto und zumindest im letzten Jahr haben in unserer Gemeinde die Christenlehrekinder versucht, sich an der Aktion zu beteiligen.

Und doch stellt der Prophet mit Predigttext dieses Sonntages all das erst einmal in Frage. All die alten Fastenbräuche und -gewohnheiten, all die vermeintlichen Fastensicherheiten der Vergangenheit – was soll das? Seinen eigenen Weg gehen und zugleich sich dabei die Nähe und den Beistand Gottes zu sichern – ist das Fasten ? Nach den eigenen Vorstellungen leben und diese durch religiöse Bräuche legitimieren – ist das Fasten?

Es gibt eine falsche Sicherheit und religiösen Selbstbetrug, als könnte ich Gott für meine Zwecke instrumentalisieren. „Wir fasten nicht – wir konsumieren, auch Gott“ so hat Manfred Josuttis diese Praxis auf den Punkt gebracht: wir konsumieren Gott, aber er darf uns nicht in Frage stellen oder sich in den Weg stellen. Er muss sich uns und unseren Wünschen zur Verfügung stellen, dafür schließlich bieten und leisten wir ja auch etwas: „Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst es nicht wissen“ So alt ist also dieser religiöse Selbstbetrug schon, dass der Prophet ihn entlarvt. Und im Mittelalter prangern die Reformatoren solches Fasten im gleichen Atemzug mit dem ganzen Ablasswesen an: Gott lässt sich nicht kaufen. Wer es versucht, wird scheitern, wird sich verrennen.

Äußere und innere Lebenshaltung müssen sich decken.

Ich kann nicht Gottes Nähe suchen und ihn mit meinem Leben verleugnen. Ich kann ihn nicht bitten: „hilf mir“ und zugleich zum Ausdruck bringen, dass er sich in mein Leben nicht einmischen darf und mir schon gar nicht Vorschriften machen kann, wie ich leben soll. Deswegen bedeutet Fasten auch den Versuch, auf Ungerechtigkeit zu verzichten, auf Druck, auf Übervorteilung. Deswegen bedeutet Fasten auch, meine eigenen Grenzen und meine eigene Hilflosigkeit einzugestehen.

Ich kann die Welt nicht allein verändern.

Ich kann nicht das Ernährungsproblem in einer globalen Welt lösen, ich kann nicht die Armut in Deutschland und in der ganzen Welt bekämpfen, ich kann nicht alle bekleiden oder beschäftigen. Ganz im Gegenteil: ich bin Teil dieses Systems unter dem Menschen leiden, ob ich es will oder nicht, und ich kann mich dem nur begrenzt entziehen. Ich bin nicht gerecht, oder altertümlich ausgedrückt: ich bin und bleibe ein sündiger Mensch.

Um diese Einsicht und dieses Eingeständnis ging es Menschen auch immer beim Fasten; Reue und Umkehr sind Weggefährten des Fastens, ein Eingeständnis vor Gott und die Bitte um sein Erbarmen. Wenn am kommenden Mittwoch – in diesem Jahr sehr früh- die Passionszeit beginnt, dann wird uns Gottes Erbarmen in der Leidens- und Auferstehungsgeschichte Jesu vor Augen gestellt. Gott holt uns ab aus den Tiefen unserer mitverschuldeten Ungerechtigkeit, er durchkreuzt die schuldbehafteten Verstrickungen, in denen wir leben, er befreit uns noch nicht in eine Welt ohne Schuld und Ungerechtigkeit, aber in ein Leben, in dem schon Taten der Gerechtigkeit möglich sind.

Ich kann nicht das Ernährungsproblem in dieser globalen Welt lösen, aber ich kann mir die Aktion Brot für die Welt zu eigen machen und dem einen Hungrigen, der an meiner Tür vorbeikommt und anklopft satt machen, ich kann mich engagieren bei der Tafel oder in der Kleiderkammer, ich muss nicht alles wegwerfen, was mir nicht mehr gefällt oder zeitgemäß zu sein scheint, sondern ich kann es verschenken an Menschen, denen es noch nützlich sein kann.

Und tief in uns ahnen wir, dass oft ohne großen Aufwand noch viel mehr möglich ist, als wir zu tun und zu geben bereit sind. Nur mit moralischen Appellen an unser schlechtes Gewissen und mit dem erhobenen Zeigefinger ist es nicht getan. So haben sich Menschen noch nicht verändert.

Die diesjährige Fastenaktion wählt einen anderen Weg. Sie empfiehlt: “Verschwendung – 7 Wochen ohne Geiz“

Der Fastenaufruf klingt in meinen Ohren wie eine Aktualisierung der Prophetenpredigt: Für viele Menschen ist es zur Gewohnheit geworden, in der Fastenzeit einige Wochen Dinge zu entbehren, die sie sonst selbstverständlich konsumieren:…. Wir wollen mehr – nämlich Ihre Zeit, Ihre Gastfreundschaft, Ihre Großzügigkeit, Ihre Hilfsbereitschaft. Die Menschen in unserer Welt brauchen dringend einen Frühling der Herzen. Die ständigen Fragen – was bringt es mir? was nützt es? –, die Erwartung, dass man für heute Investiertes schon morgen Erträge bekommen müsse, tötet jede spontane Geste. Eine geizige Welt schliddert in eine zweite, in eine soziale Klimakatastrophe – außen die Erderwärmung, innen die Eiszeit kalter Berechnung. Wenn alle aufhören, mit ihren Gaben zu geizen – seien sie materieller, seelischer oder geistiger Art –, dann taut das Eis in den Herzen.

Wir möchten deshalb die menschlichen Ressourcen wieder in den Mittelpunkt stellen. Denken Sie in den nächsten Wochen nicht darüber nach, zu welcher Entbehrung Sie sich als Nächstes überwinden, sondern fragen Sie sich, wem Sie der Nächste sein können. Verschwenden Sie Menschlichkeit – IHRE Menschlichkeit! So könnte es gehen: Taten der Gerechtigkeit, die Gott gefallen und der Welt ein anderes Gesicht geben, ohne das alles allein an mir hängt. Verschwendung, weil Gott sich verschwenderisch zeigt. Mit Brot und Wein feiern wir Gottes verschwenderisches Erbarmen.

drucken