Aufnahme in die Erzählgemeinschaft

Liebe Gemeinde,

(1) Wenn ich meine Lebensgeschichte erzählen müßte

Wie würden Sie ihre Lebensgeschichte erzählen? Käme ein Roman in Frage, vielleicht ein Heimatroman? Oder läge Ihnen das Drama näher oder gar die Tragödie?

Was bräuchten wir, um unser Leben zu erzählen? Natürlich sind da zu erstmal die Fakten wie Geburtsdatum, Schuleintritt u.v.a.m.. Ein solch äußeres Gerüst ist schnell erstellt. Aber bloße Fakten allein genügen nicht. Orte kämen hinzu, die wechselnden Bühnen unseres Lebens vom Garten der Kindheit angefangen bis ins Ruhestandzimmer der Gegenwart.

(2) Wer spielt eine Rolle?

Ein ganz wichtiges Thema in unserer Lebenserzählung ist die Rollenbesetzung. Sind wir selbst überhaupt der Protagonist, der an erster Stelle Handelnde, in unserem Lebensroman? Wer spielt neben mir eine große, tragende Rolle? Niemand kann sein Leben erzählen, ohne all die anderen Menschen mit einzubeziehen, mit denen er als Weggefährten, Zufallsbekanntschaften, Gegnern oder Freunden zurecht hat kommen müssen. Oft sind es ja andere, die unseren Lebensfortgang zumindest mit bestimmen. Selbst dann, wenn wir ihnen niemals persönlich begegnet sind. Man denke an Kaiser, Führer, Politiker oder Menschen fern von uns auf Chefsesseln.

(3) Was ist das Grundmotiv?

Nach Vergabe der Rolle geht es einen Schritt weiter. Wer erzählen will braucht ein Grundmotiv, einen Grundgedanken. „Wie ich alles selbst erreicht habe“ wäre wohl ein Motiv für stolze Männer. „Lieben, Lügen, leiden“ – Wie ich immer wieder betrogen wurde, läge einer Frau vielleicht näher. Käme aber auch dies in Frage: „Gottes unsichtbare Fügungen in meinem Leben“?

(4) Nach welchem Konzept erzählen wir?

Ehe wir das erste Blatt füllen könnten, müssten wir uns nach Grundmotiv und Rollebesetzung dann noch Gedanken über das Konzept machen. Was sind Hauptszenen meines Lebens? Was kann ich summarisch zusammenfassen? Wo sind die Tür- und Angelpunkte? Womit wir uns der schwierigsten Frage nähern, der Frage nach dem „roten Faden“. Erzähle ich mein Leben als zusammenhängende Geschichte? Wie gehe ich mit Brüchen, dramatischen Veränderungen – und wie gehe ich mit dem Schicksal um, woran ich ja auch Anteil habe?

Ariadne, Tochter des Minos, gab ihrem Geliebten Theseus den berühmten „roten Faden“, um so in der Lage zu sein, das Labyrinth des Minotaurus wieder zu verlassen. Leben kann man ja auch ohne diesen „roten Faden“. Manchem reicht das nicht zusammen gesetzte Puzzle, das Labyrinth aus tausenden von Einzeltagen ohne Zusammenhang.

Und dann noch einmal diese Frage: Käme Gott vor in ihrer Lebensgeschichte oder würde zumindest im unsichtbaren und doch alles bestimmenden Hintergrund ein Engel stehen und seine Flügel ausbreiten. Sicherlich denkt mancher auch an Satans Kräfte, deren Sog er sich widersetzen musste.

(5) Drei Szenen

Unser Predigttext ist eine Erzählung dreier Szenen aus der Anfangsgeschichte des Christentums. Eine Annäherung über die literarische Gattung erscheint mir am sinnvollsten.

Am Anfang steht ein Traum, um nicht schon wieder den mächtigen Begriff „Vision“ zu strapazieren. Paulus träumt einen Ruf: „Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns.“ Sicherlich kämen solche inneren Bilder, Träume, Hoffnungen und Rufe auch in unserem Lebensroman vor. Diese nächtliche Erscheinung deutet die kleine Missionarstruppe (Paulus, Silas und Timotheus) als Ruf Gottes. Daraus will ich nun keine, der Antike schon geläufige Theorie über die Träume als Wegweisung Gottes ableiten. Bemerken möchte ich nur, dass auch für unser Leben wichtige Zusammenspiel von innerem Ruf und äußerem Lebensfortgang. „Hätte ich nur darauf gehört“, klagen die einen im Rückblick. „Gott sei Dank warnte da diese innere Stimme“, heißt es in anderen Lebensromanen.

Die zweite Szene unseres Bibeltextes fasst eine gut dreiwöchige Reise in wenigen Worten zusammen. Man kennt die damalige Reisedauer von Troas nach Philippi aus anderen Quellen. Gute Erzählungen halten sich nicht mit breiter Schilderung von Nebensächlichkeiten auf. Wir sind ans Ziel gelangt. Darauf liegt der Akzent: Gott hat uns dorthin geführt.

Jemand sagte einmal: Die Christenheit ist eigentlich eine große Erzählgemeinschaft. Damit ist nicht nur das Erzählen der Geschichten Jesu, also die Erzählung des Evangeliums gemeint. Diese Bemerkung zielt darauf, dass wir Gottes Wirken nicht unmittelbar und wie im Kino beobachten können. Ein nächstes Zitat mag uns in diesem Gedanken weiter führen:

„Der Erzähler einer Geschichte ist zuerst – und gewiß nicht nur zuletzt – auch Hörer dessen, was er erzählt.“

Erst indem ich erzähle, auch von dem erzähle, was mir träumt und welche Hoffnung in mir blühte, dringe ich in die tiefen Schichten meines Lebens vor. Das gelingt sicherlich nicht auf Anhieb. Gerade die schwierigen – und gleichermaßen die besonders schönen – Episoden unseres drängen uns immer wieder dazu, die Schichten, die Geschichte zu durchdringen um sie in ihrer Tiefe zu erfassen. Wir sonst wollten wir Gottes Tun und Wirken in unserem Leben überhaupt erkennen?

Am Ende – in der dritten Szene unseres Bibeltextes, der Anfangserzählung der europäischen Mission treffen wir auf Lydia. „Wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da.“ Dieses Wort könnten wir in unserem Zusammenhang deuten als Wunsch, in die Erzählgemeinschaft des Glaubens aufgenommen zu werden.

(6) Geschichtslose Zeiten

Als junger Pfarrer ist mir das schon aufgefallen. Wir leben in geschichtslosen Zeiten. Wir können nicht mehr vom Leben erzählen. Wenn Angehörige vom Leben des verstorbenen Opas berichteten, nahmen Krieg und Notzeit großen Raum ein. Die 60 anderen Jahre aber wusste man nicht zu erzählen. Und schon damals fiel mir auf, dass mit dem Verslust der Fähigkeit, Lebensgeschichte zu erzählen, Menschen zugleich aus der Erzählgemeinschaft des Glaubens herausfallen. Wer keine Geschichte hat, wer seine Lebensgeschichte und die von anderen nicht zu erfassen vermag, dem bleiben die Themen des Glaubens fremd.

„Mit hört keiner zu“. Diese Klage ertönt – nein nicht aus dem Mund älteren Menschen. Es sind vielfach Kinder und Jugendliche, denen das Ohr und die Aufmerksamkeit ihrer Eltern, Lehrer und überhaupt der Erwachsenen fehlen. Kinder spüren es mehr, als das sie es sagen könnten: Ohne Gesprächgegenüber, ohne die Chance zum Erzählen dessen, was in ihnen brodelt, verliert ihr Leben seine Geschichte und verkommt zur bloßen Oberflächlichkeit. Die stetig anwachsende Zahl von Kindern mit Sprachproblemen mag dazu ebenfalls ein Indiz sein, dass wir unseren Kindern zu wenig Raum geben, ihre Geschichte zu erzählen und darin zu finden. Sie müssen Lehrpläne abarbeiten, Stoffsammlungen, in denen sie nicht vorkommen und die sie sich deshalb oft nur mit größter Mühe merken können.

Wir Älteren müssten das doch gut nachvollziehen können. Es sind ja nicht wenige unter uns, die die Qualität eines Arztes nach seiner Fähigkeit bestimmen, zuhören zu können. Gleiches gilt für Pfarrer. Und wenn man so will, geschieht doch auch in den vollen Praxen der psychiatrischen Diensten nichts anderes, als das dort endlich erzählt wird unter der fachkundigen Anleitung, auf die Rollen, die Strukturen, die Konzepte der Lebenserzählung zu achten und die finsteren Lebensstunden, die Demütigung, den Schmerz und auch die Schuld nicht weiterhin zu verschweigen.

Das will ich uns bewusst machen, darauf zielt die heutige Predigt, dass wir dem Erzählen dessen, was in uns ist und uns bewegt und dem Hinhören gleichermaßen stärkere Aufmerksamkeit schenken. Wobei es wohl deutlich ist, dass mit dem Thema „Erzählen“ nicht die Wiedereinführung etwaiger Märchenstunden gemeint ist. Nein, es geht um das, worauf uns was vorhin genannte Zitat gebracht hat: Die Christenheit ist eine Erzählgemeinschaft. Sie ist eine Erzählgemeinschaft – und auch darauf macht uns unser Bibeltext aufmerksam – in der das Evangelium von Mund zu Ohr, von Mensch zu Mensch im unmittelbaren Kontakt miteinander weiter gegeben wird. Wir mögen noch so schöne Zeitschriften, Fernsehauftritte, Homepages und dgl. mehr haben. Das mag die Glaubensweitergabe unterstützen. Die – neudeutsch gesprochen – face-to face-Situation, den Moment, wo wir einander ins Gesicht schauen und vom Glauben reden und hören, kann dadurch niemals ersetzt werden. Ob wir das sogar in unseren Gottesdiensten verwirklichen könnten?

Im Gottesdienst frommer Gemeinschaften ist stets Raum für den Bericht persönlicher Erlebnisse. Das mag manchen unter uns eher befremden. Ich könnte mir jedoch Gottesdienstformen vorstellen, in denen das auch für uns möglich ist. Aber mehr kann ich heute auch nicht, als nur die Herausforderung zu beschreiben. Den richtigen Weg wüsste ich noch nicht.

(7) Lob der Frauen

Eines darf und will ich nicht vergessen: Das Lob der Frauen. Das gehört natürlich mit hinein in eine Predigt, in der jene Lydia, die Purpurhändlerin aus Thyatira, die erste Christin Europas, uns begegnet. Männern ist es ja eher lästig , um nicht zu sagen unheimlich, wie lange Frauen miteinander erzählen können, als wollten sie den Rekord von Scheherazade, die 1000 und eine Nacht erzählen konnte, doch noch überbieten. Ich behaupte einmal, Frauen haben da ein besseres Gespür für die herausragende Bedeutung von Erzählungen. Sie wissen intuitiv wohl besser, dass Erzählungen der Verarbeitung dienen, der Bilanzierung und Bewertung von Erfahrungen. Als Mithörer solcher Gespräche denke ich mir, Frauen haben ein besseres Gespür dafür, dass Geschichten miteinander gefunden, gebaut und konstruiert werden müssen. Erst dann erscheinen die übergreifenden Handlungszusammenhänge und –verkettungen. Erst dann werden Geschichten sinnvoll. Diese Gabe erschließt Frauen wohl tatsächlich auch eher den Bereich der Religion.

Und das ist ja die Pointe, worauf ich hinaus will, woran mich unsere drei einfachen Szenen aus der Apostelgeschichte gebracht haben. Glaube wird dort weitergegeben, wo sich unter dem Wort Gottes Menschen einander zuwenden und begegnen.

Wir könnten diesen Gedanken nun noch vertiefen, könnten uns z.B der Inneren Mission erinnern. Johann Hinrich Wichern, vor 200. Jahren 1808 geboren, begann seinen Weg zur Rückgewinnung der armen Menschen für den Glauben, indem er die Menschen in ihrer Lebensgeschichte, in ihrer Armut aufsuchte und sich darum mühte, sie in die Erzählgemeinschaft des Glaubens, in die Erzählgemeinschaft Jesu, in die Erzählgemeinschaft der Hoffnung und der Liebe aufzunehmen.

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