Mutlosigkeit? Nein! – Herüberkommen und helfen? Ja!

Liebe Mitchristen,

je älter man wird umso stärker stellen sich einem Lebensfragen. Als junger Mensch lebt man vor sich hin, ärgert sich über die Schule in die man täglich gehen muss. Man macht sich aber noch keine riesigen und konkreten Gedanken über die eigene Lebenszukunft, jedenfalls sehe ich das nicht bei der Masse der Jugendlichen.

Wie gesagt, wenn man älter wird ist das anders. Verantwortung kommt hinzu, nicht nur für sich selbst, sondern für die Kinder, vielleicht auch für die Menschen mit denen man im Beruf zu tun hat.

Und von Zeit zu Zeit fragt man sich ob man das, was man tut, gut macht. Hätte es nicht auch andere Lebensmöglichkeiten gegeben? Bin ich an dem Ort an den ich gestellt bin richtig? Habe ich überhaupt den richtigen Beruf ergriffen? Kann ich etwas ändern?

Bin ich eigentlich zu solchen Veränderungen bereit? Alltagstrott gegen Neues?

Nun, von einer ganz plötzlichen und wichtigen Veränderung wird von Paulus erzählt in der Apostelgeschichte.

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Liebe Mitchristen, da sind mir gleich mehrere Dinge wichtig in dieser Erzählung des Beginns der Mission in Europa.

Da ist die Entschlossenheit von Paulus und die seiner Begleiter nach Europa zu gehen. Da ist die Selbstverständlichkeit zu predigen und da ist Lydia diese Frau, die Paulus nötigt bei ihm einzukehren, weil sie noch viel mehr von Jesus Christus wissen möchte.

Beginnen wir vorne.

Paulus hat einen Traum. Er erfährt in diesem Traum, dass er nach Griechenland übersetzen soll um dort den christlichen Glauben auszubreiten.

Ich kann mir gut vorstellen wie es Paulus umgetrieben hat. Da werden Lebensentwürfe noch mal ganz neu durcheinandergewirbelt. Da eröffnet Gott ihm eine neue Chance, oder ist es ein neues Wagnis? Die Menschen in Griechenland kann er mit der christlichen Botschaft versorgen. Und Griechenland muss ja nicht das letzte sein, danach kommt Rom und dann der Westen, vielleicht Spanien. Überall im Mittelmeerraum wären dann christliche Gemeinden gepflanzt und Menschen mit der guten Botschaft Gottes in Berührung gekommen. Eine riesige Chance. Paulus überlegt nicht lange. Er nimmt diesen Traum nicht als Albtraum, er nimmt ihn als Verheißung. Gott hat etwas mit ihm vor.

Ich wünsche mir öfters ein solches Verhalten. Ich wünsche mir, dass ich und dass wir alle entdecken: Gott hat etwas mit uns vor. Ich wünsche uns die Courage, die dazu nötig ist, denn Mut brauchen wir dazu, und ich wünsche mir dass wir anpacken.

Ich denke an Menschen auch in unserem Ort, die einen anderen Menschen brauchen. Ich wünsche mir, dass wir hingehen. Ich denke an Menschen in unserem Ort, die arm sind und durchaus auch verzweifelt. Ich wünsche mir, dass wir ihnen helfen.

Ich wünschte mir aber auch anderes.

Es beginnt der Wahlkampf. Ich wünsche mir, dass alle Parteien miteinander für unseren Ort kämpfen, gemeinsam. Und ich wünsche mir, dass sie alle gemeinsam gegen Gruppierungen kämpfen die gerade jetzt wieder deutsch-nationalen Stumpfsinn verbreiten. Vielleicht ist das ein konkreter Ruf an uns alle. Die vielen Flyer, die in der letzten Woche an verschiedenen Orten in Röslau herumlagen oder auf der Straße festgefahren wurden zeigen mir, dass dies nötig wäre. Ich wünsche uns so viel Mut und Gottvertrauen wie Paulus, auch im Eintreten gegen den braunen Sumpf. Sozial geht eben nicht nur national, wie dort zu lesen stand. Röslau ist ein gutes Beispiel, dass sozial eben auch multikulturell geht.

Es ist leider fast schon wieder so weit. Manchmal denke ich mir, dass wir lieber nichts sagen und uns verstecken, aus Angst. Nur – Angst ist ein schlechter Berater.

Paulus hatte wohl keine Angst. Irgendwie merkt man ihm ab, dass er ganz erfüllt war von der Aufgabe nach Griechenland überzusetzen und dort das Evangelium zu verkündigen. Und offensichtlich spürt man ihm das dort im Gespräch auch ab. Es kommen zwar nur einige wenige Leute und hören ihm zu. Es ist nicht der große Missionserfolg, den er hat. Lydia eine Purpurhändlerin hört zu. Und sie ist ergriffen. Ergriffen von der Botschaft, die Paulus ausrichtet.

Ihr Leben wird sich ändern. Sie will Paulus, der so viel von Jesus zu erzählen hat, nicht mehr loslassen und sie nötigt ihn bei ihr zu wohnen. Sie saugt die frohe Botschaft auf.

Genau so muss es sein.

Ich weiß, dass es uns schwer fällt so begierig nach dem Wort Gottes zu sein. Es gibt so viel anderes, was scheinbar plausibler ist. Aber ich denke, dass dies nicht alleine eine Zeiterscheinung ist. Paulus hatte mit dem gleichen Problem zu kämpfen. Plausibel ist vieles. Einfache Wahrheiten werden da gerne angenommen. Sobald man etwas hinterfragen kann findet man ja auch Kritik daran. Bequem ist es erst gar keine Fragen zu stellen und einfach so weiterzumachen wie es die Tradition vorgibt. Oder das zu tun was modern ist.

Einschaltquoten bringen Sendungen im Fernsehen, die einfach gestrickt sind. Dschungelcamp, Big Brother, oder irgendwelche Talkshows zum Thema: „Was ich dir schon immer sagen wollte …“ Schwarz-Weiß nennen ich solche Dinge. Die Farbe fehlt, das Dazwischen fehlt. Das Leben fehlt, das viel komplizierter und spannender ist. Das Leben, das nicht auf einige wenige Dinge reduziert werden kann.

Ich denke Paulus hat dies erkannt. Seine Theologie spiegelt das wieder. Er selbst als Jude geboren, vertraut mit all den jüdischen Gesetzen und Bräuchen geht nach Griechenland, in eine andere Kultur, in eine andere Religiosität. Und er versteht, dass sich damit auch die Praxis des Glaubens und die Spiritualität ändern müssen. Und ich glaube, dass war ganz wichtig: Der Glaube an Jesus Christus, das Vertrauen darauf, dass er uns erlöst hat und Gott uns Menschen gnädig ist. All dies ist unverrückbar. Vieles andere ist zweitrangig. Hierüber kann man sprechen.

Offensichtlich hat die Purpurhändlerin Lydia viel Gesprächsbedarf. Es ist gut, dass Paulus sich die Zeit nimmt und mit ihr spricht.

Liebe Mitchristen:

„Komm herüber und hilf uns!“

Das ist ja so etwas wie ein Hoffnungsschrei, ein Hilferuf im besten Sinn.

Wir als Christen können helfen. Wir können einen Standpunkt beziehen.

Wir können klar machen: Ein schwarzer Montag, wie in der letzten Woche an der Börse, ist nicht der Weltuntergang. Die meisten von uns wird dies gar nicht berühren, weil wir nicht das Kapital haben dort zu spekulieren. Ein schwarzer Montag wäre ein Tag an dem Gott sagen würde, ich ziehe mich von der Welt zurück, weil die Menschen mich so sehr ärgern, dass ich es nicht mehr aushalte.

Ich weiß, dass es für uns persönlich schwarze Tage gibt. Aber eigentlich ist jeder Tag auch ein farbiger Tag, weil Gott sich von uns gar nicht abwenden will.

Was ich damit sagen will: Bringen wir die Dinge wieder ins Lot.

„Komm herüber und hilf uns!“ Für mich heißt dies auch, dass wir Christen mit unserer frohen Botschaft nicht hinter dem Berg halten. Lassen sie uns von unserer Hoffnung reden, nicht schwarz/weiß, nicht Himmel und Hölle, sondern so, dass die Menschen uns verstehen und sagen: „Ja, da ist etwas dran an den Christen.“ Lassen sie uns einstehen für unsere Mitmenschen, hingehen, wenn wir können und helfen.

Lasst uns eintreten für ein faires Miteinander. Lasst uns gemeinsam handeln gegen die, die Leben schädigen und einschränken. Und lasst uns mit denen eintreten für die, die Menschen helfen wollen.

Es wäre doch schön, wenn es uns dann eines Tages ginge wie dem Paulus, dass irgendeiner auf uns zukommt und uns nötigt bei ihm einzukehren, weil er oder sie mehr wissen möchten über ein Leben mit Gott.

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