Was sollen wir nun hierzu sagen

Liebe Gemeinde!

I.) „Was sollen wir nun hierzu sagen?“ – mit dieser Frage beginnt der Abschnitt aus dem Römerbrief, den wir eben gerade gehört haben. Leichte Kost ist das wahrlich nicht, was Paulus da schreibt. Und ganz ehrlich – als ich den Predigttext vor einigen Tagen gelesen habe, da ging mir die gleiche Frage durch den Kopf: Was sollen wir nun hierzu sagen – zu diesem Bild von Gott, das Paulus hier zeichnet.

Was sollen wir hierzu sagen, wenn Paulus schreibt, dass Gott sich ganz allein nach seinem Willen über manche Menschen erbarmt und zugleich andere verstockt. Ist Gott, so wie Paulus ihn hier beschreibt, dann nicht doch ungerecht und willkürlich?

Ach wie gerne würde ich doch, bevor ich beginne etwas zu dem Text zu sagen, mit Paulus selber darüber sprechen. Ich würde gerne noch besser verstehen, wie er das genau gemeint hat, was da im Römerbrief steht.

Und ich würde Paulus auch gerne von uns und unserer Zeit erzählen und versuchen, ihm verständlich zu machen, warum wir uns heutzutage mit manchen seiner Bilder und Gedanken so schwer tun.

Natürlich ist ein Gespräch mit Paulus ein Ding der Unmöglichkeit, das weiß ich auch. Und doch will ich es einmal versuchen. Ich will tun, was Paulus auch getan hat, wenn er mit den Gemeinden in der Ferne ins Gespräch kommen wollte. Deshalb habe ich einen Brief an Paulus geschrieben, übrigens auch in ihrem Namen.

Der Brief lautet so:

II.) Lieber Paulus!

So oft haben wir in unserer Gemeinde schon in deinen Briefen gelesen und in den Gottesdiensten Auslegungen deiner Worte gehört. Hab herzlichen Dank für die gute Botschaft die wir durch dich vernommen haben. Die Beschäftigung mit deinen Briefen hat uns stets in dem Vertrauen gestärkt, dass wir aus Gnade und durch das Geschenk des Glaubens von Gott angenommen und in seinen Bund aufgenommen sind. So dürfen wir nun im Zeichen der Verheißungen Gottes und mit dem Zuspruch der Vergebung leben.

Du, Paulus, warst der Erste, der das Evangelium zu den Heidenvölkern gebracht hat. Seitdem hat sich das Licht der guten Nachricht immer weiter ausgebreitet, auch bis zu uns hier weit im Norden und darüber hinaus bis zu allen Enden der Erde.

Sicher hast du nie daran gedacht, dass man deine Briefe an die Gemeinden in Korinth oder in Rom auch nach so langer Zeit noch immer lesen würde. Doch auch heute suchen und finden wir in den Worten, die du einst aufgeschrieben hast, die Mitte dessen, was wir glauben dürfen.

Viel haben wir von dir gelernt, ganz besonders über die Gnade Gottes, die sich in Christus gezeigt hat und die wir im Glauben an uns erfahren. Diese Gnade ist ein Geschenk, das wir uns durch unser Tun nicht verdienen können. Dieses Geschenk ermöglicht uns Umkehr und Neubeginn, trotz aller Schuld, die wir als Menschen immer wieder auf uns laden.

Und doch spüren wir ab und zu auch den großen Abstand zwischen deiner Zeit und unserer Zeit, zwischen deiner und unserer Sicht der Welt. Dann fällt es uns schwer, dich zu verstehen und dir zu folgen. Das ist auch der Grund, warum du heute diesen Brief aus unserer Gemeinde bekommst.

Wir haben nämlich miteinander einen Abschnitt aus dem 9. Kapitel deines Briefes an die Gemeinde in Rom gehört. Dieser Abschnitt bereitet so manchem von uns nicht wenig Kopfzerbrechen.

Gleich am Anfang dieses Abschnitts stellst du die Frage, ob Gott Handeln etwa ungerecht sei. Gerade zuvor hast du an die Geschichte von den Brüdern Esau und Jakob erinnert. Der eine, Jakob, ist von Gott gesegnet worden, der andere, Esau, hat Gottes Hass zu spüren bekommen. Unergründlich bleibt bei dieser und bei anderen biblischen Geschichten für uns, warum das so ist, dass Gott sich für den einen und gegen den anderen entscheidet. Diese Frage drängt sich immer wieder auf. In der Bibel fängt das schon mit der Geschichte von Kain und Abel an. Und auch der fromme Hiob hat an Gottes Gerechtigkeit gezweifelt, als er trotz seines gottesfürchtigen Lebens so viel Leid ertragen musste.

Ist Gott also ungerecht, wenn er den einen seinen Segen spüren lässt und den anderen nicht. Ist Gott etwa ungerecht, wenn er den einen vor dem anderen vorzieht?

Das sei ferne – so antwortest du in unserem Textabschnitt.

Doch allem Anschein nach geht es dir auch gar nicht so sehr um die Frage nach der Gerechtigkeit, so wie wir sie stellen. Viel wichtiger ist für dich die Frage nach der Freiheit Gottes. Gott bleibt frei in seiner Entscheidung, wie er sich wem gegenüber zeigt – diesen Gedanken willst du wohl stark machen. Denn Gott lässt sich nicht festgelegen auf ein bestimmtes Verhalten und er lässt sich schon gar nicht durch das, was wir tun, zur Gnade zwingen: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich, so spricht Gott zu Mose im Buch Exodus, daran erinnerst du uns. Niemand kann sich bei Gott also einen Anspruch erwerben. In diesem Sinne fasst du den Gedanken dann noch einmal zusammen: So liegt es also nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen. So weit, lieber Paulus können wir dir noch ganz gut folgen.

Aber dann setzt du, noch einen drauf. Zur Freiheit Gottes, so führst du den Vergleich weiter, gehört es nicht nur, dass Gott sich nach freiem Willen erbarmt, wessen er will, sondern zu seiner Freiheit gehört es auch, zu verstocken, wen er will.

So führt Gott die einen zum Heil und lässt die anderen ins Verderben laufen. Und kein Mensch hat die Möglichkeit, darauf Einfluss zu nehmen. Es steht uns noch nicht einmal zu, so schreibst du jedenfalls, Gottes Verhalten zu überhaupt zu hinterfragen. Schließlich sind wir nur die Geschöpfe und Gott ist der Schöpfer. Diesen Zusammenhang bringst du dann noch einmal in ein Bild. Gott formt sich die Menschen wie ein Töpfer, der aus dem gleichen Ton sowohl Tafelgeschirr zu ehrenvollem Gebrauch und als auch Abfallbehälter zu nicht ehrenvollem Gebrauch herstellen kann. Und was immer du aus einem Menschen auch machst, keiner darf sich über sein jeweiliges Los beschweren.

Vielleicht war es zu deiner Zeit, lieber Paulus, ja üblich so zu denken. Dass man das eigene Schicksal einfach passiv, ergeben und demütig aus Gottes Hand annehmen und so leben muss, wie Gott es einem bestimmt hat.

Die Menschen in unserer Zeit denken aber ganz anders über sich und über ihr Leben und deshalb stößt vielen von uns das Bild über das Verhältnis zwischen Gott und Mensch, das du hier zeichnest, auch so bitter auf. Den meisten Menschen unserer Zeit dürfte es nicht gefallen, so wie in deinem Beispiel mit leb- und willenlosen Dingen verglichen zu werden, mit getöpferten Gefäßen die von ihrem Schöpfer nach seinem Gutdünken so oder geformt und eingesetzt werden.

Wir sind doch Wesen aus Fleisch und Blut, mit einem Herzen, Gefühlen und einer eigenen Geschichte. Wir haben uns das Leben nicht selbst gegeben, ganz sicher nicht, aber wir wollen doch die Lebensmöglichkeiten, unsere Gaben und Talente, die Gott uns gegeben hat auch entfalten und entwickeln.

Für viele Menschen unserer Zeit ist, vielleicht anders als zu deinen Tagen, der Gedanke der Freiheit das höchste Ideal. Und mit dem Gedanken der Freiheit ist auch die Vorstellung verbunden, das wir unser Leben selbst gestalten, uns entwickeln und uns verändern können. Und das passt einfach nicht zu dem Gedanken, den du da beschreibst, dass wir durch unser Leben nur den von Gott schon längst beschlossenen Plan erfüllen, der uns dann unabänderlich zum Heil oder zum Verderben führt, so wie Gott es zu Anfang für uns bestimmt hat. Meinst du wirklich, dass wir Menschen nur wie Marionetten sind, von Gott an Fäden gehalten, die von ihm auf einem vorbestimmten Weg zum Heil oder zum verderben geführt werden? Oder haben wir Dich da missverstanden?

Übrigens scheint mir bei dem was du da schreibst, lieber Paulus, auch die Gefahr eines gefährlichen Missverständnisses zu bestehen. Wenn du sagst, dass Gott auch die Gefäße des Zorns geschaffen und zum Verderben bestimmt hat, so liegt doch der Trugschluss nicht mehr fern, dass all das Böse und all der Schrecken, die in unserer Welt geschehen, auch mit Gottes Willen in Verbindung stehen könnten. Und das kann doch leicht zu einer pseudoreligiösen und zynischen Deutung der Welt führen, die in unseren Tagen schon viel Unheil angerichtet hat.

Es geht doch einfach nicht an, das man bei Katastrophen, bei denen Menschen in Leid und Verzweiflung gestürzt werden, noch einen göttlichen Sinn hineindeutet, wie es ja leider manchmal geschieht.

Ähnlich absurd ist es, die Aids-Krankheit, von der inzwischen Millionen von Menschen betroffen sind, besonders in den armen Ländern der Erde, als Ausdruck von Gottes Zorn darzustellen. Das sei ferne – möchte ich da mit deinen Worten sagen und doch ist so etwas schon oft behauptet worden.

Diese furchtbare Krankheit und so manchen anderen Schrecken unserer Tage gab es ja zu deiner Zeit noch nicht.

Doch ich glaube, lieber Paulus, so richtig bestürzt wärest du, wenn du wüsstest, wie die Geschichte zwischen Christen und Juden weitergegangen ist, deren Anfang du selbst ja miterlebt hast. Seit die Christen in die Positionen der Macht gekommen sind, ist es dem jüdischen Volk immer wieder schlecht ergangen. So oft sind sie bedrängt und verfolgt worden, so vielen ist sogar das Leben genommen worden. Sechs Millionen Juden wurden auf Befehl aus unserem Land allein im letzten Weltkrieg umgebracht. Und es waren nur wenige, die man vor fast genau 63 Jahren noch lebend aus dem Konzentrationslager in Auschwitz befreien konnte.

Von alledem kannst du nichts wissen. Doch es ist wohl eine ganz besondere Tragik, dass gerade auch deine Worte über die Verstockung des jüdischen Volkes, wie du sie im Römerbrief aufgeschrieben hast, im Laufe der Zeit immer wieder missbraucht worden sind um einer rassistischen Ideologie noch einen vermeintlich christlichen Anstrich zu verleihen.

All das, lieber Paulus, sind die Gründe, warum es so manchen von uns schwer fällt, uns unvoreingenommen auf die Gedanken und Bilder einzulassen, wie du sie in diesem Abschnitt des Römerbriefes aufgeschrieben hast.

Aber vielleicht tun wir dir damit ja auch unrecht, wenn wir den Maßstab unserer Zeit und unserer Erfahrungen an deine Worte anlegen. Vielleicht sind wir dabei auch in Gefahr nicht mehr genau hinzuhören und zu überhören, worum es dir damals eigentlich ging. Wahrscheinlich wolltest an dieser Stelle des Römerbriefes gar keine allgemeingültige Deutung des Verhältnisses zwischen Menschen und Gott geben. Dazu weißt du an anderen Stellen ja auch ganz anderes zu sagen. Wenn du beschreibst, wie die Sünder durch Christus zu einem neuen Leben befreit werden und aus der Kraft des Glaubens fähig werden, das Gute zu tun, dann hört sich das keinesfalls so an, als wäre über unser Leben schon im Voraus alles gesagt und beschlossen. Es gibt für jeden Menschen die Möglichkeit der Umkehr und des Neuanfangs durch den Glauben und im Vertrauen auf Christus. Die Freude über diese Botschaft, die wir so oft von dir gehört haben, die wollen wir uns weiter bewahren und sie soll unser Selbstverständnis und unser Denken bestimmen.

Wenn du aber an dieser Stelle im 9. Kapitel, die wir vorhin gehört haben mit so starken Worten die Freiheit Gott hervorhebst, der sich aus freien Stücken erwählt wen er will, dann wirst du sicher auch einen guten Grund dafür gehabt haben. Vielleicht hast du dabei ja besonders an die Gemeinde in Rom gedacht, die du bald besuchen wolltest. Diese Gemeinde bestand ja aus Judenchristen und Heidenchristen. Und besonders für die Heidenchristen war es ganz wichtig zu wissen, dass auch sie von Gott in den Bund berufen sind. Wenn du ihnen schreibst, dass Gott sein Erbarmen schenkt, wem er es schenken will, so hast du damit sicher ihr Vertrauen darauf gestärkt, dass Gottes Verheißung nicht länger auf das jüdische Volk begrenzt bleibt, sondern nun auch ihnen offen steht.

Gott ist so frei über seine erste Erwählung hinaus sich nun sein Volk aus Juden und Heiden zu berufen, um sie schließlich miteinander zur Herrlichkeit zu führen. Das war, so vermute ich es jedenfalls, die gute Botschaft, die du damals den Christen in Rom sagen wolltest.

So viel Zeit ist seitdem vergangen, lieber Paulus. Die Welt hat sich in all den Jahren verändert und die Kirche sowieso. Ob du noch etwas anfangen könntest, mit der Art und Weise, wie wir heute leben und wie wir heute glauben? Wie schön, wäre es, eine Antwort von dir auf unseren Brief bekommen würden.

Doch deine Antwort müssen wir wohl wieder in den Briefen suchen, die du schon vor so langer Zeit an die Römer, an die Korinther und all die anderen geschrieben hast.

Doch wir sind froh, wenigstens diese Briefe von dir zu haben. Sie regen uns an, manchmal regen sie uns auch auf. Doch wir erleben immer wieder, dass deine Gedanken unserem Glauben auf die Sprünge helfen können. Ich denke, so werden wir auch weiter mit dir in Verbindung bleiben und auf der Spur Gottes, der uns durch Christus sein Erbarmen geschenkt hat.

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