Die Angst, der Blick, der Pelz

<i>Literarische Einführung – entweder schon im Begrüßungsteil oder zu Beginn der Predigt, welche darauf mehrfach Bezug nimmt.</i>

„Ich habe ein eigentümliches Tier, halb Kätzchen, halb Lamm. Es ist ein Erbstück aus meines Vaters Besitz, entwickelt hat es sich aber doch erst in meiner Zeit, früher war es viel mehr Lamm als Kätzchen, jetzt aber hat es von beiden wohl gleichviel. Von der Katze Kopf und Krallen, vom Lamm Größe und Gestalt, von beiden die Augen, die flackernd und mild sind, das Fellhaar, das weich ist und knapp anliegt, die Bewegungen, die sowohl Hüpfen als Schleichen sind, im Sonnenschein auf dem Fensterbrett macht es sich rund und schnurrt, auf der Wiese läuft es wie toll und ist kaum einzufangen, vor Katzen flieht es, Lämmer will es anfallen, in der Mondnacht ist die Dachtraufe sein liebster Weg, Miauen kann es nicht und vor Ratten hat es Abscheu, neben dem Hühnerstall kann es stundenlang auf der Lauer liegen, doch hat es noch niemals eine Mordgelegenheit ausgenutzt, ich nähre es mit süßer Milch, die bekommt ihm bestens, in langen Zügen saugt es sie über seine Raubtierzähne hinweg in sich ein. Natürlich ist es ein großes Schauspiel für Kinder. Sonntagvormittag ist Besuchsstunde, ich habe das Tierchen auf dem Schooß und die Kinder der ganzen Nachbarschaft stehn um mich herum. Da werden die sonderbarsten Fragen gestellt, die kein Mensch beantworten kann. …“ (aus: Franz Kafka, Eine Kreuzung, in: Franz Kafka, Die Erzählungen und andere ausgewählte Prosa, hrsg. von R. Hermes, Fischer TB Verlag, Frankfurt/Main 1996)

Liebe Gemeinde,

unser Text heute ist angetan, Gott zu hassen. Nun ist es natürlich die schwerste Sünde, Gott zu hassen – und doch haben wir darin ein ‚Vorbild’: Martin Luther hat als Mönch wider Willen gelernt, Gott zu hassen. Warum? Weil Gott ihn offenbar so gemacht hatte, dass er nur verdammt werden könne. Der angeblich erlösende Gott hatte den Weg zur Erlösung in Wirklichkeit versperrt. So erfuhr es Luther.

Und auf dieser Linie liegt auch unser heutiger Abschnitt aus dem Römerbrief. „Nun sagst du zu mir: Warum beschuldigt er uns dann noch? – Wer kann seinem Willen widerstehen? Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst?“ – Zwar heisst es auch: „Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“ Aber das ist wenig tröstlich, wenn ich nicht dazugehöre. Und damit ich dazugehöre – dafür kann ich ja, wie Paulus überdeutlich sagt, gerade überhaupt nichts tun.

„So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen.“ Punkt aus. Denn einen trifft’s, den anderen nicht. Glück oder Pech, das war’s. – Hiess sie nicht Ev-Angelium, gute Botschaft, die christliche Botschaft? Zeigte nicht Johannes der Täufer am Jordan mit langem Zeigefinger auf Jesus und rief: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“ Und nun trägt es uns nicht, dieses Lamm, sondern fährt fauchend seine Krallen aus wie das Misch-Vieh in unserer Anfangs-Geschichte.

Wir versuchen, diese Botschaft in drei Kapiteln zu verdauen: 1. Die Angst, 2. Der Blick, und 3. Der Pelz.

<b>1. Die Angst</b>

Wer, liebe Gemeinde, will mit einem solchen Gott zu tun haben? Aber wenn er denn wirklich existiert, dieser Gott, und wir mit ihm zu tun haben müssen, weil er uns letztlich geschaffen hat, und weil nur er uns letztlich erlösen könnte, dann bleibt uns nichts als die Angst. Die Angst, dass ich zu denen gehöre, die verstockt worden sind, und die Gott erwählt und geformt hat zu Gefäßen seines Zorns.

Darauf kommt uns nun sogleich die Theologie zuhilfe und will uns trösten. Christliche Theologie ist ja deshalb so hoch entwickelt, weil christlicher Glaube seinem Wesen nach denkender Glaube ist. Und so sagt uns nun die Theologie, dass diese Lehre von der Vorherbestimmung oder auch Prädestination, dass man die nicht so für sich betrachten dürfe, sondern dass das alles nur dafür da sei, damit wir begreifen: Gott ist frei. Und nur weil er frei ist, gnädig zu sein oder nicht, ist seine Gnade auch wirklich Gnade und etwas wert. Wenn Gott gnädig sein müsste, oder anders herum: Wenn wir einen Anspruch auf seine Gnade geltend machen könnten, dann wäre Gott ein Popanz, ein Pseudo-Gott auf Augenhöhe. Und ein Gott, der sich nur auf Augenhöhe mit uns bewegt, kann uns nicht erlösen. Gott kann uns nur retten, wenn er größer, stärker und freier ist als wir selbst – und nichts anderes sage diese Vorherbestimmungslehre bei Paulus. Es heisst nicht, dass Gott die Hälfte der Menschheit verstockt, sondern dass er theoretisch die Möglichkeit hat, so etwas zu tun. Und nur weil er auch anders kann, ist sein Erbarmen echt und rettet uns. – Das stimmt auch alles, liebe Gemeinde, und vielleicht fällt davon auch wirklich ein bisschen Trost ab. Aber ist es mehr als der Trost, dass auch jenes Mischwesen aus Lamm und Katze manchmal im Sonnenschein scheinbar seelenruhig auf dem Fensterbrett schnurrt?

Aber die Theologie gibt nicht auf: Macht euch doch klar, sagt sie uns: Diese Vorherbestimmungslehre, so ungemütlich sie klingt, sichert Euch doch allein die Gewissheit Eures Heils! Wenn Euer Heil von Eurem Wollen und Laufen abhinge – oje! Wie brüchig, wie unstet ist euer Wollen und Laufen. Wenn Ihr Euch damit in die Ewigkeit retten müsstet, da wärt Ihr völlig verloren. Retten kann Euch eben nur Gottes freies Erbarmen und damit Ihr Euch auf keinen Fall auf Euch selbst verlasst, sondern wirklich nur auf sein Erbarmen, muss sozusagen als Kehrseite der Medaille diese Vorherbestimmungslehre sein. – Ist das ein Trost? Mag sein. Aber wohl kaum mehr, als wenn es von jenem Katzen-Lamm heisst, es liegt stundenlang neben dem Hühnerstall auf der Lauer, doch hat es noch niemals eine Mordgelegenheit ausgenutzt.

Warum tröstet uns das alles so wenig in unserer Angst? Weil sich in unsere Angst der Hass mischt wie bei Luther. In Wahrheit, höre ich hier von Paulus, bin ich wehrlos Gottes Willkür ausgeliefert und ich hatte doch auf so ganz andere Worte hin angefangen, an ihn zu glauben. „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ „Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein.“ „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will Euch erquicken.“ Solche Worte hatten mich doch zum Glauben geladen und gerufen – und jetzt das. Auf einmal bin ich für Gott nicht mehr als ein dreckiger Klumpen Lehm, aus dem er ebensogut einen edlen Pokal wie einen gemeinen Nachttopf machen kann. Ich dachte, es ginge darum, mit Gott eine Beziehung anzuknüpfen, ihn selbst zu hören, ihm selbst zu antworten – und da auf einmal macht er mich total runter, zerschlägt mir alle Hoffnung, dass da einer ist, der es ernst mit mir meint, mit mir, weil ich eben ich bin.

Das kränkt mich, das mit dem Klumpen Lehm. Natürlich kann einer, der grösser und stärker ist, sagen: He du da, was willst du mit mir rechten, du Wicht?! Aber ich dachte doch eben, dass Gott es sich nicht so „raushängen“ lässt – bis jetzt.

Soll ich, kann ich mich abwenden und Gott links liegen lassen? Aber wenn ich das jetzt beleidigt täte, gäbe ich nur zu, dass ich nicht von niemandem, sondern eben von jemandem beleidigt wurde. Und dieser Jemand ist weiter da. Also bleibt die Angst.

<b>2. Der Blick</b>

Die Theologie hat noch mehr zu bieten. Sie nimmt uns mit in die Geschichte; in die Situation, in der Paulus das alles geschrieben hat. Und wenn wir da mal mitgehen, verändert das in der Tat den Blick auf die ganze Sache. Paulus hat sich ja nicht hingesetzt, den Römerbrief diktiert und zwischendurch im 9. Kapitel gedacht: ‚Jetzt bring ich euch noch die Theorie zur Vorherbestimmung; das ist sicher interessant für euch.’ Nein, er geht von einem ganz konkreten Sachverhalt aus. Nämlich davon, dass es neuerdings christliche Gemeinden aus ehemaligen Juden und ehemaligen Heiden gibt, dass aber der Grossteil seines eigenen jüdischen Volkes an diesen Christus nicht glaubt. Das ist für Paulus ein Problem, weil Gott doch sein Volk erwählt und mit ihm einen Bund des Heils geschlossen hatte. Aber jetzt hat Gott sich voll und letztgültig in seinem Sohn offenbart, den die meisten Juden nicht anerkennen. Und so kommt sein christlicher Glaube ins Denken und Erklären. Aber die Perspektive, der Blickwinkel ist entscheidend. Paulus schaut nicht von aussen, quasi neutral auf Gottes Vorherbestimmung und entwirft eine Theorie, sondern im Gegenteil: Er ist gewiss, dass nicht nur er, sondern eben die christliche Gemeinde und Kirche die Gemeinschaft der Erwählten ist. So schreibt er ja von „den Gefässen der Barmherzigkeit, die Gott zuvor bereitet hatte zur Herrlichkeit“, um dann fortzufahren: ‚Dazu genau hat er uns ja eben berufen, nicht nur aus den Juden, sondern auch aus den Heiden.’ – Also wir Gläubigen gehören zu der Töpferware, deren Gott sich erbarmt hat, und wir sind bestimmt für die Herrlichkeit. Und von da aus schweift jetzt ein zögerlicher, fast ängstlicher Blick auf die ehemaligen Glaubensgenossen, die Juden, und es wird erklärt, warum die nicht oder noch nicht dabei sind: Wohl, weil Gott sie verstockt hat.

Die Prädestinations- oder Vorherbestimmungslehre ist also nur dann richtig verstanden und angewandt, wenn ich mir gläubig und dankbar für meine Erwählung Gedanken mache über Nicht-Christen. Und darin, liebe Gemeinde, liegt eine Portion Evangelium, die wir keineswegs zu gering veranschlagen dürfen. Sozusagen ein Evangelium für die Nicht-Christen. Denn wenn es einzig darauf ankommt, wen Gott erwählt, dann dürfen wir den Nicht-Christen auch keinen Vorwurf machen, dass sie nicht glauben. Wenn die Christen etwa im Mittelalter das beherzigt hätten, dass es allein an Gott liegt, wessen er sich erbarmt und wessen nicht, dann wären nicht so viele Pogrome gegen Juden passiert. Und statt jüdische Ghettos im Zorn zu schleifen, wie es allzu oft vorkam, hätten die Christen hier in der Bibel gelesen, dass einzig von Gottes Zorn die Rede ist und nirgends davon, dass wir diesen Zorn zu vollstrecken hätten.

Die Lehre von der Vorherbestimmung – wenn sie recht in den Blick genommen wird – lehrt uns also, dass wir im Glauben allein auf Gott zu schauen haben, der uns erwählt hat. Wir haben nicht urteilend nach links oder rechts zu sehen und die Stufenleiter des höheren oder besseren Glaubens aufzurichten. Nein! Der Glaube vergleicht sich nicht mit anderen, weil er keine Leistung ist. Er verdankt sich Gott. Und der zeigt uns die Krallen, wenn wir sein Geschenk, den Glauben, zur selbstgemachten Leistung verkommen lassen.

<b>3. Der Pelz</b>

Von hier aus kommen wir ganz von selbst zum dritten und letzten Teil: Der Pelz. Hier geht es jetzt nicht um das Evan- gelium, die frohe Botschaft, für Nicht-Christen, sondern für uns selbst: Was bringt uns hinweg oder wie können wir uns aussöhnen mit diesem beleidigenden Text von den Lehmklumpen? Luther hat hier von dem abgewandten, dunklen Gott gesprochen und davon zu sprechen ist wichtig, weil Gott eben größer ist als unser Verstand, aber auch größer als unser Gefühl, größer als unser Gerechtigkeitssinn, wie unsere Evangeliumslesung aus Matthäus verdeutlichte. Und er ist auch größer als unsere menschlichen Bedürfnisse und Sehnsüchte. Gott ist kein Dienstleister. Und deshalb hat er, wie Luther wusste, eine dunkle Seite – oder im Bild der Lamm-Katze: Er hat eben Krallen und scharfe Zähne.

Und was empfiehlt Luther? Er sagt, wir sollten nun auch im eigenen Interesse den Blick wenden: Von der dunklen Seite zur hellen. Und die helle Seite, das ist mit einem anderen Wort: die offenbare Seite.

Und was ist da zu sehen im hellen Osterlicht? Der Gekreuzigte. An ihn und seine Einladung zur Versöhnung mit Gott sollen wir uns halten. Es bringt uns nichts, wenn wir uns blutig kratzen an Gottes geheimnisvollen Krallen. Auch für uns selbst hängt die Frage nach Heilsgewissheit oder Heilsverzweiflung vom Blick ab, von unserem Blick auf Gott. Und dafür beschäftigen wir uns nochmal mit der Lamm-Katze. Da heisst es so passend: „Sonntagvormittag ist Besuchsstunde“ – es ist wohlgemerkt gerade Sonntagvormittag! – „ich habe das Tierchen auf dem Schooß und die Kinder der ganzen Nachbarschaft stehn um mich herum. Da werden die sonderbarsten Fragen gestellt, die kein Mensch beantworten kann.“

Wenn wir, liebe Gemeinde, Gott so besuchen, wie diese Kinder dieses „Tierchen“, – auch wenn wir Gott Sonntagvormittag zum Gottesdienst so besuchen, dann werden wir nicht mehr finden als ein interessantes, staunenswertes Etwas. Und über so ein Etwas kann man dann sehr sonderbare Fragen stellen, die niemand beantworten kann. Das macht aber auch nichts, weil es einen eh nichts angeht. Das ist so, wie wenn man sich bei einem Party-Smalltalk über die buddhistischen Mönchsideale unterhält. Irgendwie interessant, letztlich aber doch langweilig, weil es uns nichts angeht.

So kann man sich auch hoch-logische Gedanken darüber machen, wie gerecht Gott eigentlich seine Gnade verteilt. Aber jemand, der meint, von aussen über Gottes Gnade urteilen zu können, der scheint auf diese Gnade nicht angewiesen zu sein. – Der Angeklagte hingegen, der vor seinem Scharfrichter zittert, philosophiert nicht mehr über Gerechtigkeit, sondern erfleht den erlösenden Gnadenspruch – und hört ihn oder hört ihn eben nicht. – Und indem ich von Gott als dem Scharfrichter spreche, bin ich schon wieder bei den Krallen und Zähnen der Lamm-Katze. Ob jemand vor diesem Tier gelangweilt oder verzweifelt-betroffen steht: Den Schafspelz und zugleich die Raubtierkrallen sieht nur, wer dieses Wesen aus gehöriger Entfernung betrachtet.

Aber dieser entfernte Ort, liebe Gemeinde, ist nicht unser Ort! Wer glaubt und getauft ist, betrachtet Gott nicht aus Distanz und muss auch nicht in Angst verfallen in dieser distanzierten Einsamkeit. Wer glaubt und getauft ist, der hat seinen Ort im Schafspelz Gottes. Da gehören wir hin. Und wir haben uns nicht mit Gottes Zähnen und Krallen zu beschäftigen, die er für die Ungläubigen aufblitzen lässt, sondern – um in der Tierwelt zu bleiben: Wie die kleinen Affenjungen sich am Fell der Mutter festklammern, so sollen, dürfen, können wir uns in Gottes Schafspelz klammern, wo wir seine weiche Wärme spüren, – wo wir ihm so nahe sind, dass uns der Blick auf die Krallen versagt ist. Ja mehr, wo uns die Krallen nichts mehr angehen. Da fällt alle Angst von uns ab, aller Erwählungszweifel und aller Erwählungsstolz. Gott lädt uns ein, ihm auf den Pelz zu rücken! Nicht auf die Theorie von der Erwählung haben wir zu reagieren, sondern auf diese Einladung und wenn wir sie annehmen und unsere Finger hineingleiten lassen in diesen warmen, dichten Pelz, dann ist alles, aber auch wirklich alles entschieden, was unsere Erwählung betrifft. So entschieden, dass wir nur noch geborgen Danke! sagen können. „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“ Wo aber bleibt der gekränkte Hass, die größte der Sünden? Auch er ist längst abgefallen, weil ich – im Pelz hängend – längst gemerkt habe, dass ich nicht als Lehmklumpen geladen war, sondern als der, der ich bin.

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